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Auf Pilzen in einem Katzencafé

Ich hasse Katzen. Erst Magic Mushrooms haben mir gezeigt, dass sie sanftmütige Gottheiten mit weichem Fell sind.
17.9.14
Bild von einem jungen Mann und seiner Katze
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Alle Fotos: Stephanie Mercier Voyer.

Meine Beziehung zu Katzen ist schwierig. Ab und an sehen sie zwar davon ab, ihr Geschäft in Plastikwannen zu erledigen oder in dunklen Ecken zu lauern und mich gleichgültig oder misstrauisch anzustarren—aber das war es dann auch schon. Bis jetzt hielten wir uns an die ungeschriebene Regel, die besagt, dass wir uns einfach ignorieren. Als ich dann für VICE Montreals erstes Katzencafé besuchen sollte, kam meine gestörte Beziehung zu Katzen allerdings wieder zum Vorschein.

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Das Café des Chats ist das erste Café dieser Art in Kanada. Ein Katzencafé ist im Grunde nichts anderes als ein Café, in dem ein Rudel Katzen lebt. Die Idee schien mir etwas weit hergeholt und der Gedanke daran, meinen Espresso in einem Raum zu trinken, in dem es von diesen ignoraten und misstrauischen Kreaturen nur so wimmelte, klang für mich nach einem echten Albtraum.

Andererseits konnte das eine großartige Gelegenheit sein, um mich meiner Angst zu stellen und an meiner Beziehung zu Katzen zu arbeiten. Vielleicht wäre es ja keine schlechte Idee, ein paar Katzen in die Cafés in der Nachbarschaft einziehen zu lassen. Da ich mich in meinem nüchternen Zustand aber vermutlich weder amüsieren noch etwas lernen würde, beschloss ich, ein paar Pilze einzuwerfen, bevor ich die Türschwelle des Katzencafés überschritt.

Wenige Tage vor meinem Besuch sprach ich mit Nadine, der Besitzerin des Cafés. Wir verabredeten, dass ich am Freitag um 9:30 Uhr, eine halbe Stunde bevor das Café öffnet, vorbeikommen würde. Vorher traf ich mich mit unserer Fotografin Stephanie, um Pilztee zu trinken und gründlich nachzudenken, solange ich noch dazu fähig war. Um 8:45 Uhr saß ich auf ihrem Sofa und trank kleine Schlucke Tee, während sich die Sonne in ihrem Bücherregal spiegelte. Ich sah zu, wie kleine, grüne Pilzbröckchen im Tee strudelten, und dachte daran, dass der Ausgang dieses Morgens in seinen trüben Tiefen ruhte.

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Nachdem ich die Tasse ausgetrunken hatte, fuhren wir mit dem Fahrrad rüber ins Plateau-Viertel von Montreal und hielten vor dem Café an, um ein Foto von mir und meinem nervösen Lachen zu machen.

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Ich war zwar noch klar im Kopf, merkte aber am Kribbeln in meinen Fingern, dass ich bereits auf dem Weg nach Mushroom-Town war. Stephanie nestelte an ihrer Kamera herum und mir wurde klar, dass sie während unseres Besuch die einzige sein würde, die wusste, dass ich drauf war. Das durfte ich nicht vergessen—für den Fall, dass die Dinge außer Kontrolle gerieten.

Youssef, der Miteigentümer des Cafés, sah uns draußen stehen und kam nach draußen, um uns zu begrüßen. „Willkommen”, sagte er. „Kommt rein.”

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Auf dem Weg zur Eingangstür kreuzte mein Blick den eines weißen Katzenbabys, das unheilverheißend aus dem Fenster starrte. Ich fragte mich, ob es genau wusste, was ich gerade genommen hatte.

Im Wartebereich des Cafés hingen gerahmte Schwarzweißfotos von Katzen an der Wand. Wir schauten sie uns mit hinter dem Rücken verkreuzten Armen an, als befänden wir uns in einer Kunstgalerie.

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Nadine kam uns entgegen und ließ uns hinein. Sie trug ein Poloshirt mit Katzenaufdruck und lächelte herzlich. So ganz leer sah das Café aus wie eine Katzenprivatschule, mit Fontäne, glänzenden Näpfen, einem Kratzbaum und folgender Inschrift an der Wand: „Le chat est roi” („Die Katze ist König”). Ich ließ das alles auf mich wirken, fing aber bereits an, Funken in meinen Augenwinkeln zu sehen, die wie Glühwürmchen auftauchten und sich wieder in Luft auflösten.

Nadine führte mich herum und erzählte mir von den Katzen. Ich hatte Schwierigkeiten damit, ernst zu bleiben. Ich war kurz davor, in Gelächter auszubrechen. Was war das denn hier für eine lächerliche Katzenoase? Wo kamen diese herzallerliebsten, pelzigen kleinen Klößchen alle her? Nadine benahm sich wie die Königin der Katzen; sie nahm sie willkürlich hoch als wären sie Obstkörbe. Es war beeindruckend. Mein Mund wurde trocken, also bat ich um ein Glas Wasser. Es fühlte sich wie eine kalte Umarmung an, die sich in meinem Körper ausbreitete.

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In diesem Augenblick fingen die Dinge an, sich zu verlagern. Der Raum wurde langsamer—wie ein Motor, der herunterschaltete, oder ein Kinosaal, der langsam abgedunkelt wurde, sobald der Film anfing. Die Wände fingen an zu glänzen und Nadines Stimme hatte plötzlich diesen seltsamen, wellenartigen Klang. Ich versuchte, mich zusammenzureißen und gleichzeitig den Blickkontakt aufrecht zu erhalten und geistig anwesend zu wirken. Ich fühlte, wie ich langsam das Kaninchenloch hinunterglitt. Meine Haut fühlte sich seltsam an, irgendwie wie ein elastischer Froschanzug. Nadines Augenbrauen hüpften wie zwei aufgeregte Raupen auf und ab, während sie weitersprach.

„Ich muss mal ins Bad!”, sagte ich so beherrscht es ging.

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Ich machte die Badezimmertür hinter mir zu und atmete tief durch. Am Waschbecken klatschte ich mir Wasser ins Gesicht. Wie cool ist denn bitte schön Wasser? Nee, komm jetzt, konzentrier dich, sagte ich zu mir selbst. Die bist hier rein gekommen, um dich zusammen zu reißen. Ich warf einen Blick in den Spiegel—was eindeutig ein Fehler war. Die Haut auf meinem Gesicht atmete ein und aus. Es sah aus, als hätte ich Kiemen, und ich fühlte mich wie ein Na’vi aus Avatar. Meine Augen hatten sich zu zwei schwarzen Untertassen geweitet.

Ich drehte mich um und schaute mir diese Waschbecken-/Toilettenbox an, in der ich mich befand. Das Tageslicht schien durch ein kleines Fenster und wirkte wie goldene Engelsfinger. Die Toilette lachte mich an wie ein Möbelstück aus Der tapfere kleine Toaster . Es war so schön hier und ich wollte gar nicht mehr rauskommen. Mein Verantwortungsbewusstsein siegte jedoch über meine kurzzeitige WC-Besessenheit und so stolperte ich aus der Tür heraus zurück ins Café.

Youssef wartete mit einem Kaffee und einem Snack an einem der Tische auf mich. Ich setzte mich so unauffällig es ging hin und stolperte über meine eigenen Worte: „Also, wie hat denn diese Idee, die du jetzt hast, überhaupt angefangen?”

Was ich sagte, ergab überhaupt keinen Sinn.

Er erzählte mir, dass Nadine und er eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt hatten und dass er vor der Eröffnung drei Monate lang mit den Katzen im Café geschlafen hatte, um sicher zu gehen, dass er sie nachts allein im Café lassen konnte. Ich war mit meinem Kaffee und meinem Gebäck beschäftigt und hatte Youssef noch gar nicht richtig angesehen. Nach einer Weile wurde mir klar, dass ich nicht ewig auf mein Gebäckstück starren konnte, also schaute ich auf und sah ihn an. Seine Augen drehten sich wie Discokugeln und seine Wangen schlabberten auf seinem Gesicht herum wie zwei Scheiben Aufschnitt. Er sah aus wie eine Figur aus einem Wallace und Gromit-Cartoon. Ich starrte ihn zugleich verstört und fasziniert an und versuchte, aus seinem Gesicht schlau zu werden, während er mir leidenschaftlich von seiner Geschäftsidee erzählte.

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Ich beschloss, meinen Kopf in demselben Winkel geneigt zu halten und meinen Blick gelegentlich auf die Backsteinwand hinter ihm zu richten. Als ich so vor mich hinstarrte, fiel mir auch, dass die Backsteine Reise nach Jerusalem spielten. Sie ordneten sich neu an, aber am Ende blieb immer einer übrig, der dann an anderer Stelle weiterspielen musste.

Youssef machte eine Pause, ein Zeichen dafür, dass er mich etwas gefragt hatte. „Wie schmeckt dir das Gebäck?”, schlabberten die beiden Scheiben Aufschnitt. „Wir importieren es aus Italien.”

Mir wurde klar, dass ich das Gebäck heruntergeschlungen hatte, während ich den Backsteinen zugesehen hatte. Ich erinnerte mich, dass es köstlich gewesen war und sich beim Herunterschlucken merkwürdig angefühlt hatte. Ich wollte ihn fragen, ob ihm klar war, dass seine Backsteine sich bewegten, aber dann entschied ich mich doch dafür zu sagen, dass das Gebäck gut geschmeckt hatte.

Youssef musste wieder an die Arbeit. Wir reichten uns die Hände und ich fragte mich, ob er etwas bemerkt hatte oder mich einfach nur für den seltsamsten Journalisten hielt, den er je kennengelernt hatte. Ich mochte die beiden und fühlte mich auch ein bisschen schuldig. Sie meinten es gut, aber die mutierenden Gesichter waren doch ziemlich anstrengend gewesen und ich brauchte jetzt einfach einen Tempowechsel.

Der große Kratzbaum am Fenster, an dem lauter Katzen hingen, zog mich magisch an. Ich stellte mich in die Nähe und beobachtete die Katzen dabei, wie sie sich räkelten. Was für magische, majestätische Wesen sie waren. Was für Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Sie lagen auf verschiedenen Ebenen des Kratzbaums herum und streckten ihre prächtigen Pfoten aus, um es sich in einer anderen Position bequem zu machen. Sie tankten Energie, um kurze Zeit später wieder in ihrem Königreich herumstreifen zu können. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart viel entspannter, als in der von Menschen.

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Die Menschen waren sowieso nur Nebensache. „Die Katzen sind hier die Hauptdarsteller”, so hatte es Nadine ausgedrückt. Ich dachte so bei mir: Was machen denn diese großen haarlosen Affen mit den großen Zähnen hier? Trampeln in euerm Zuhause herum, öffnen Türen und machen Krach?

Ich teilte mir ein Glas Wasser mit einem der sonnengebadeten Kätzchen. Es erzählte mir vom tragischen Tod von Joan Rivers. Es kam mir vor, als ob dieses Kätzchen die Zerbrechlichkeit des Lebens besser verstand als alle Menschen, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte. Ich sah ihm tief in die Augen und mir wurde klar, dass es die Reinkarnation von Joan Rivers war. Diese große Dame des Entertainment lies mich ihr Fell streicheln, was sich zugleich seltsam und tröstlich anfühlte.

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Ich wollte diese magischen Wesen nicht hochhieven, aber Stephanie drängte darauf und fing an, Katzen auf mir aufzutürmen. Eine glitt herunter und über den Fußboden und kletterte danach wie ein Bettvorleger auf einen Stuhlrücken. Wie hatte ich nur so lange einen psychologischen Zermürbungskrieg gegen diese wundervollen Wesen führen können?

Ich setzte mich so nah wie möglich an den Kratzbaum, um mich als Teil der Gemeinschaft fühlen zu können. Die anderen Gäste wurden langsam auf mich aufmerksam. Zwar waren sie ähnlich energiegeladen wie die Katzen, warfen mir aber missbilligende Blicke zu. Mir fiel ein Mann mit einer beeindruckenden Ausstrahlung auf. Ich gab vor, ein Katzenbuch zu lesen, und unterhielt mich eine Weile mit ihm.

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Er trug offene Sandalen, trank Eiskaffee durch einen Strohhalm und las dabei ein Buch. Er erzählte mir, dass er schon seit Jahren als Schriftsteller arbeitete und mittlerweile 600 Dollar für Tierarzt-Rechnungen ausgegeben hatte, weil seine Katze wegen Verdauungsproblemen dauernd neben die Katzentoilette machte.

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Während er erzählte, stellte ich mir vor, er käme aus einer imaginären Dimension namens Gork, in der eingemachte Gurken die Währung waren. Niemand würde sich mit diesem Typen anlegen, weil er die erfolgreichste Gurkenfarm in Central Gork betrieb und außerdem zwei Cousins hatte, die dich in die Vergangenheit schicken und dazu bringen konnten, deinen eigenen Großvater zu erschießen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Stephanie und ich Nadines und Youssefs Gastfreundschaft bereits überstrapaziert, also entschieden wir uns dafür, wieder zu gehen. Ich hatte jeden Versuch, normal zu wirken, aufgegeben. Den Katzen war es ohnehin egal, ob ich psychedelische Drogen genommen hatte oder nicht. ich verabschiedete mich von den tanzenden Ziegelsteinen, dem Kratzbaum, der Fontäne und Nadine und Youssef. Ich trat wieder auf die Straße hinaus.

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Verglichen mit der wohltuenden, geradezu therapeutischen Atmosphäre im Katzencafé war die Straße ein irrer Wettlauf um die Zeit. Ich wollte den Menschen zurufen: „Macht langsam!” Ich weiß nicht, ob alle Katzen die Fähigkeit besitzen, die Welt mit Weisheit zu erfüllen. Aber die acht Katzen in dem magischen kleinen Café an der Rue St. Denis besitzen sie—besonders wenn man auf Magic Mushrooms hingeht.