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Diese WG hat einen geflüchteten Syrer bei sich aufgenommen

„Eigentlich hatten wir auch schon mit einer italienischen Erasmus-Studentin geskypt, die sehr gut in die WG gepasst hätte. Am Ende haben dann aber doch die Prinzipien gesiegt."

von Paul Donnerbauer
19 April 2016, 4:00am

Arleen, Mohamed und Daniela | Foto vom Autor

Daniela und Arleen sind Mitte 20. Beide machen gerade ihren Master in Übersetzung und Arleen arbeitet nebenbei als Eventmanagerin. Mit einer Tasse Tee empfängt sie mich herzlich in ihrer WG im 19. Wiener Gemeindebezirk.

Am Küchentisch sitzt auch noch Mohamed. Der 27-jährige Syrer kam vor 13 Monaten nach Österreich. Seit dem 1. Februar wohnt er gemeinsam mit Daniela, Arleen und einem weiteren Mitbewohner in der Wohnung am Döblinger Gürtel.

Gefunden haben sich die vier über die Plattform „Flüchtlinge Willkommen". Dabei handelt es sich um ein ursprünglich aus Deutschland stammendes Projekt, das im November 2014 auch in Österreich angelaufen ist. Das Prinzip ist einfach: Wer freien Wohnraum zur Verfügung hat und bereit ist, geflüchtete Menschen bei sich aufzunehmen, meldet sich an und die Organisation sucht dann einen passenden Mitbewohner oder eine passende Mitbewohnerin.

„Bis jetzt haben wir 275 Geflüchtete in ganz Österreich vermittelt", erzählt David, einer der Initiatoren des Projekts in Österreich, im Gespräch mit VICE. „Mehr als die Hälfte davon in Wien. Knapp 1.700 Menschen stehen aber noch auf unserer Warteliste. Deshalb versuchen wir gerade, das Projekt auch auf andere Städte wie Linz, Innsbruck und Graz auszuweiten."

Das Team von „Flüchtlinge Willkommen" | Foto: Aleksandra Pawloff

Ziel der Organisation ist es, eine langfristige Perspektive für das Thema Wohnraum für Refugees zu schaffen. „Wir wollen das nicht nur ein Jahr machen und dann wieder bleibenlassen, sondern ein dauerhaftes Projekt gestalten. Denn es geht dabei nicht nur ums Wohnen, sondern auch darum, Netzwerke zu schaffen, die für die Refugees dann auch bei der Ausbildung oder Arbeitssuche nützlich sein können", erklärt David.

Für Mohamed ist mit dem Platz in der WG schon jetzt ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen. „Als ich die WG kennengelernt habe, war das der tollste Tag in meinem Leben", erzählt er. „Auch wenn ich weiß, dass es die Möglichkeit nicht gibt, möchte ich für immer mit ihnen wohnen. Vielleicht baue ich einfach ein Zimmer dazu."

Denn das Zimmer haben die Studierenden nur befristet an Mohamed vermietet. Die drei Studierenden hatten für dieses Semester ein Zimmer frei, weil die vierte Mitbewohnerin gerade ein Praktikum im Ausland macht. „Eigentlich hatten wir auch schon mit einer italienischen Erasmus-Studentin geskypt, die sehr gut in die WG gepasst hätte. Am Ende haben dann aber doch die Prinzipien gesiegt", erzählt Daniela.

Für Daniela und Arleen war es auch eine politische Entscheidung, einen Geflüchteten aufzunehmen: „Es gibt ganz einfach wahnsinnig viele Leute, die eine Wohnung suchen. Und wenn man eine Wohnung oder ein Zimmer anbieten kann, finde ich es naheliegend, den Wohnraum jenen Menschen anzubieten, die es ein bisschen schwieriger haben, einen Platz zu finden", erklärt Arleen.

Pragmatisch gesehen sei es aber auch viel einfacher, einen Refugee aufzunehmen, als sich die ganze Mitbewohnersuche anzutun, sagen mir die beiden. Schließlich müsse man eigentlich nur ein Formular mit Eckdaten über Wohnung und Bewohner an Flüchtlinge Willkommen schicken. Lang habe es bei ihnen nicht gedauert, bis sich eine Mitarbeiterin der Organisation gemeldet und ein Treffen mit Mohamed organisiert hat.

Nach dem Treffen hatte die Wohngemeinschaft noch einen Tag Bedenkzeit. Auch Mohamed hatte 24 Stunden Zeit, sich zu überlegen, ob er mit den Dreien zusammenleben möchte. Für Mohamed war aber schnell klar, dass er einziehen wird. Er ist Mindestsicherungsbezieher und finanziert sich das Zimmer selbst. Zuvor hat er schon mit acht anderen Syrern auf 70 Quadratmetern gewohnt. „Das war nicht gut", sagt er. Auch mit einem Deutschen und einer Serbin hat er bereits zusammengewohnt. „Wir haben aber kaum miteinander geredet und die waren auch ein bisschen ausländerfeindlich", erzählt er.

„In Österreich ist man ein glücklicher Mann. Die Leute hier sind besonders. Besser als in anderen Ländern."

Mohamed hat in Österreich jedenfalls eine neue Heimat gefunden. Und mit Daniela und Arleen zwei gute Freundinnen. „An erster Stelle kommen sie. An zweiter Stelle kommen sie. Und an dritter Stelle kommen auch sie", sagt Mohamed lachend. Seiner Schwester in Dänemark und vielen Freunden in Deutschland ginge es nicht so gut wie ihm in Wien. „In Österreich ist man ein glücklicher Mann. Die Leute hier sind besonders. Besser als in anderen Ländern", freut er sich.

Geändert habe sich seit dem Einzug von Mohamed nicht viel, erzählen Arleen und Daniela. „Wir haben schon verschiedenste Konstellationen durchlebt. Natürlich ist es mit jeder Person anders. Es ist einfach ein neuer Mensch da und damit ergibt sich eine neue Situation", sagt Daniela, die als einzige seit Anfang an durchgehend in der WG wohnt. Nur ganz neues Essen haben sie kennengelernt, denn Mohamed kocht mindestens einmal pro Woche für sie alle. Mehr Zeit als mit anderen Mitbewohnern verbringen sie aber auch mit Mohamed nicht. „Wir essen ein paar Mal in der Woche gemeinsam zu Abend oder spielen gemeinsam was. Momentan hoffen wir, dass der Sommer bald kommt und wir auch mal gemeinsam in den Park Tischtennisspielen gehen können. Das taugt uns nämlich allen sehr", meint Arleen.

Ob es das Projekt Flüchtlinge Willkommen auch in Zukunft geben wird, hängt auch davon ab, ob die Organisation künftig mit öffentlichen Förderungen unterstützt wird. „Wir versuchen derzeit, in diese Richtung zu arbeiten. Schließlich übernehmen wir ja ganz klar staatliche Aufgaben. Gerade die Unterbringung von Asylwerberinnen und Asylwerbern ist ja eigentlich sehr klar als Ländersache geregelt", erklärt David, der wie fast alle Mitarbeiter ehrenamtlich für das Projekt arbeitet. Derzeit sei man aber vor allem auf der Suche nach weiteren Wohngemeinschaften, die Refugees aufnehmen. Denn die Warteliste ist lang.

Daniela und Arleen können diesen Schritt jedenfalls nur empfehlen. „Macht es! Was gibt es zu verlieren? Man kann nur liebe neue Menschen kennenlernen", sagen sie zum Abschied.

Paul auf Twitter: @gewitterland