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Generation Y

Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein

Sich mit dem Durchschnitt zufriedenzugeben, war früher. Die Liebe, das Studium – heute muss alles immer größer, besser, weiter sein.

von Hanna Herbst
07 Mai 2015, 7:40am

Foto: VICE Media

Ich denke immer, wäre ich in den 60ern groß geworden, ich wäre wahrscheinlich Hausfrau geworden, hätte drei Kinder zur Welt gebracht und mich, egal wie unglücklich die Ehe, niemals scheiden lassen – und wäre voll und ganz zufrieden gewesen. Ich glaube nicht, dass die mangelnde Aussicht auf Alternativen wirklich glücklich macht, aber man lernt die Umstände zu akzeptieren und vielleicht auch zu schätzen. Die Generationen vor uns hätten sehr viel gegeben, die Möglichkeiten zu haben, die wir heute haben.

Ich bin keine Kämpferin, wie es meine Mutter ist, die kein Abi machen durfte, sich Mitte 30 scheiden ließ, gleichzeitig alleine zwei Kinder großgezogen, gearbeitet, das Abi nachgemacht und ihr Studium in Mindeststudienzeit abgeschlossen hat. Und obwohl ich nicht diese Kämpferin bin, brauche ich bei allem immer mehr, immer besser, neuer, toller, spannender. Das ist der neue Durchschnitt. Irgendwo hat man immer eine bis zehn Baustellen im Leben, die meistens selbstgewählt sind. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich über die Unmöglichkeit des Zufriedenseins diskutiert habe. Und dieses Problem habe nicht nur ich. In meinem Umfeld fällt oft der Satz "es passt schon", aber wirklich passen tut es für die wenigsten.

Ich kann keinen einzigen rationalen Grund nennen, weswegen ich bisher mit jedem Ex-Freund Schluss gemacht habe oder jeder Affäre gesagt habe, dass das nicht funktionieren wird. Ich habe keinen einzigen rationalen Grund, weshalb ich aus meinen vergangenen Wohnungen gezogen bin, oder weshalb ich zweimal mein Studienfach gewechselt habe. Das alles habe ich alleine deswegen getan, weil ich nicht zu 100 Prozent zufrieden war und ich mich damit nicht abfinden wollte. Irgendwann führt das so weit, dass man gar nichts mehr eingeht, weil man nur noch an das Ablaufdatum denkt. Dass man gar keine Beziehung möchte, weil man weiß, dass sie doch sowieso enden wird und dass man in gar keine perfekte Wohnung ziehen möchte, weil man im Hinterkopf hat, dass man vielleicht irgendwann doch in eine andere Stadt zieht.

Wofür mit einer halbguten Beziehung, einem mittelmäßigen Job, einer langweiligen Wohnung oder Arbeit aufhalten? Weil diese Momente zum Leben dazugehören.

Natürlich war niemand je längerfristig zu 100 Prozent zufrieden, aber mir scheint, dass die Generationen vor uns die Fähigkeit hatten, das zu akzeptieren. Bestimmt zu einem großen Teil deswegen, weil ihnen einfach die Möglichkeiten gefehlt haben, alles anders zu machen, alles neu – wenn man möchte, am anderen Ende der Welt und ab morgen. Als ich mit meinem Ex-Freund Schluss gemacht habe, hat sein Vater gesagt, wir hätten um die Beziehung kämpfen sollen. Ich habe damals nicht eingesehen, weshalb man um etwas kämpfen sollte, wenn man schon nach ein paar Jahren nicht mehr zufrieden ist. Irgendwann wird schon jemand kommen, mit dem man nicht nur zufrieden, sondern auch nach Jahren noch richtig glücklich ist.

Den Luxus dieser irrationalen Hoffnung auf Perfektion gebe ich noch nicht ganz auf, obwohl ich eigentlich genau weiß, dass es diesen einen Menschen, das perfekte Studium oder die eine Wohnung nicht gibt. Natürlich kann all das für eine Zeit perfekt wirken – aber die Tatsache, dass man vermutlich nicht für immer glücklich damit sein kann, hält einen davon ab, es wenigstens für die Zeit, in der es wirklich gut ist, wertzuschätzen. Es ist gut, dass wir nach mehr streben, dass wir uns nicht gleich mit etwas zufrieden geben, nur weil es der Weg des geringsten Risikos ist. Aber wir werden mit dieser Einstellung nie ankommen. Und wenn wir dann in manchen Situationen den einfacheren Weg gehen, sind wir natürlich noch viel unglücklicher, weil wir wissen, wir könnten es auch richtig – hätten wir die Energie, die Zeit und die Lust, genau dem nachzugehen, was wir wollen und es so lange zu verfolgen, bis wir es endlich haben.

Einer meiner besten Freunde hat beim Feiern gar nicht mehr das Bedürfnis, Menschen kennenzulernen. Stattdessen sucht er später auf dem Heimweg auf Tinder & Co nach Bekanntschaften, weil es einfacher ist. Dass das selten welche sind, die länger als einen Abend andauern, weiß er auch. Dabei ist auch er jemand, der kaum etwas lieber hätte als eine Beziehung. Aber was das angeht, geht er den Weg, der am unaufwändigsten erscheint.


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Wenn wir irgendwann ankommen möchten, dann müssen wir lernen, dass Seelenverwandte, perfekte Wohnungen, Studien und eine generelle Zufriedenheit nur dann existieren, wenn wir beim Streben nach mehr nicht gleichzeitig das Derzeitige abwerten. Dinge können auch dann für diesen einen Moment perfekt sein, wenn man weiß, dass sie es in zwei Jahren vielleicht nicht mehr sein werden.

Wir können sogar für eine gewisse Zeit stehenbleiben, ohne uns schlecht fühlen zu müssen. Wir müssen nicht Dinge studieren, die uns nicht interessieren, man durch sie aber größere Chancen auf einen Job hat. Wir können Kunstgeschichte, Politikwissenschaft, Malerei und Anglistik studieren, wenn es das ist, was uns erfüllt. Wir müssen gar nicht studieren, wenn wir es nicht wollen. Weil wir in dem herausragend und vielleicht auch endlich zufrieden sein werden, was uns Spaß macht und guttut. Es muss nicht perfekt sein, damit man zufrieden sein kann. Aber wir schaffen es nie, guten Gewissens stehen zu bleiben, ohne im Hinterkopf zu haben, dass wir eigentlich gerade weiter, höher, schneller könnten. Wofür mit einer halbguten Beziehung, einem mittelmäßigen Job, einer langweiligen Wohnung oder Arbeit aufhalten? Weil diese Momente zum Leben dazugehören. Es gibt Momente, in denen geht es nicht weiter, stattdessen lernt man, die Gegenwart zu schätzen, auch wenn sie nicht ideal ist.

Theoretisch. Praktisch werden wir auch morgen nicht richtig schlafen können, weil uns 100 Dinge im Kopf herumgeistern, die wir besser oder anders machen hätten sollen. Praktisch wird auch der nächste Freund, die nächste Wohnung oder das nächste Studium nicht passen. Und bis dahin halten wir uns an dem einen Gedanken fest, der uns dann doch schlafen und nicht verzweifeln lässt. Dass es vielleicht doch endlich irgendwann perfekt passt – oder wir wenigstens die Imperfektion lieben lernen.

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