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Wie in Deutschland eine kurdische Gang versucht Salafisten die Stirn zu bieten

Wir waren zu Besuch im Club der kurdischen Gang G-Wara 723 aus Herford, die mittlerweile genauso auf dem Radar der Polizei ist wie ihre salafistischen Erzfeinde.
12.3.15

Die deutsche Kleinstadt Herford war bis letzten Sommer den Wenigsten ein Begriff, doch nachdem eine Gruppe Salafisten im August letzten Jahres einen jesidischen Imbissbesitzer angriff, ist die Stadt in den Fokus der Medien gerückt. Auch Polizei und der deutsche Staatsschutz haben ein Auge auf die Stadt geworfen. Neben der Gruppe radikaler Islamisten und Rückkehrer aus Syrien, die sich dem IS angeschlossen haben, gibt es eine kurdische Gang, die „G-Wara Brüderschaft". Wir durften sie exklusiv in ihrem Club-Café besuchen, um mit ihnen über Salafisten, den IS, die Polizei und ihre Brüderschaft zu sprechen.

Im zweiten Stock eines Altbaus am Rande von Herford liegt das Club-Café der G-Wara, in dem wir uns verabredet haben. Die Architektur des Gebäudes erinnert an die eines Hauses in der Bronx. Eine Klingel gibt es nicht, dafür eine Stahltür mit der Aufschrift „Laut klopfen".

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Nach schätzungsweise vierhundertmaligem Klopfen und einem Gefühl von Taubheit in den Fingern öffnet mir schließlich G-Wara Maher, eines der jüngeren Mitglieder: „Herzlich willkommen, Bruder! Folgt mir, die Jungs spielen gerade eine Partie Poker." Die Jungs, wie Maher sie nennt, diskutieren gerade an einem der drei Pokertische über die verlorene Hand. An den Wänden des Cafés hängen die kurdische, albanische, russische, deutsche und libanesische Flagge der Mitglieder. Das Café ist entspannt eingerichtet—mit Pokertischen, Bar und Spielautomaten hat es ein Hauch vom Café Al Bustan aus Bushidos Film Zeiten ändern dich.

„Lasst uns noch eine letzte Runde für heute spielen und dann nach Hause", sagt der G-Wara-Chef. Der Mittezwanziger ist neben seinem älteren Bruder Bino und dem Kollegen Sero einer derjenigen, die seit Beginn der Brüderschaft 2006 dabei sind. Genaue Angaben zu den Mitgliedern wollen sie keine machen, aber sie steige fast wöchentlich, versichert uns G-Wara Bino, der Älteste im Bunde. Bino und seine Biras (kurdisch für Bruder), wie sich alle nennen, erinnern mit ihren Kurzhaarschnitten, Tattoos und den Dreitagebärten an die wohl berüchtigtste Gang der Welt—die „Mara Salvatrucha" kurz MS-13. Die Gang, in der man 13 Sekunden lang mit Baseballschläger und Knüppel zusammengeschlagen wird, jemanden umbringen muss oder—wenn man eine Frau ist—sich einer Gruppenvergewaltigung aussetzen muss, um Mitglied zu werden. Bei den G-Wara ist es nicht ganz so wild. „Um Teil der Brüderschaft zu werden, muss man volljährig sein, dann ist uns Loyalität wichtig und er muss bereit sein, für uns bis zum Ende zu gehen—in guten wie in schlechten Tagen", erklärt G-Wara Sero, ein aus dem irakischen Teil Kurdistans stammender Jeside.

Die meisten der G-Wara sind Kurden, die anderen sind aus Solidarität ihren Jugendfreunden gegenüber Mitglied geworden. An keinem von ihnen ist das Schicksal der Kurden in der letzten Zeit spurlos vorbeigegangen. Sie waren auf unzähligen Demos, zum Beispiel in Celle und Hamburg, wo es zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien kam, als Kurden und Salafisten aneinandergerieten. Ein Polizeiaufgebot konnte bei beiden Ausschreitungen die Parteien schließlich voneinander trennen und das Ganze auflösen.

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In Herford begann der Konflikt, als ein Cousin der Beiden Plakate für eine Anti-IS-Demo in seinem Laden aushing. Eine Gruppe radikaler Islamisten stürmte daraufhin seinen Laden und forderte den jungen Jesiden auf, die Plakate wegzuschmeißen, sonst „erginge es ihm so wie seinem Volk im Irak". Als er das verweigerte, kamen sie wenig später mit mehr Leuten zurück und griffen den Imbissbesitzer mit Messern an. Dieser konnte die Gruppe mit Hilfe seines Mitarbeiters vertreiben, zog sich aber eine Schnittwunde am Finger zu. „An dem Tag erhielt ich einen Anruf, dass einige Salafisten meinen Cousin in seinem Laden angreifen, ich habe dann per Whatsapp und Facebook den anderen Jungs Bescheid gesagt und wir waren die Ersten vor Ort.

Ein paar Stunden später waren 300 bis 400 Bekannte und Verwandte da, den ganzen Abend über haben wir mit der G-Wara Brüderschaft den Laden und die Wohnung meines Cousins bewacht, von diesem Tag an haben wir uns als Brüderschaft geschworen, dass wir noch mehr zusammenhalten, damit so was nie wieder in dieser Stadt passiert" erklärt der G-Wara-Chef die Geschehnisse vom August 2014. Der IS ist in Herford präsenter, als man vielleicht denkt. Neben IS-Sympathisanten sollen auch Rückkehrer in der Stadt sein. Einer von ihnen, der 26-jährige deutsche Konvertit Sebastian B., soll von März 2013 bis August 2014 mit einem Weggefährten in Syrien gekämpft haben auch am Überfall auf den Ladenbesitzer beteiligt gewesen sein. „Wir kennen viele von denen, waren im selben Boxverein, man hat sich damals gegrüßt, aber von einem auf den anderen Tag haben die sich verändert … Eins will ich sagen: Wir dulden hier keine Menschen, die das Blut meines Volkes an den Händen haben, wir werden uns vor nichts und niemandem verstecken und egal, wo in Deutschland jemand von unseren Landsleuten Probleme mit diesen Menschen hat, wir sind bereit, sie zu schützen", lautet Binos Kampfansage.

Auch Polizei und Staatsschutz haben die Präsenz der G-Wara mittlerweile wahrgenommen. Häufig gibt es Besuch, erst vor ein paar Tagen wurden sie mit fünf Streifenwagen im Rahmen einer vermeintlich allgemeinen Verkehrskontrolle angehalten. Die Polizei konnte Baseballschläger und Messer beschlagnahmen. Diese dienen nur zum Schutz, behaupten die G-Wara. Seit den Angriffen auf den Cousin sind auch sie vorsichtiger geworden. „Wir sind denen ein Dorn im Auge, seitdem wir im Sommer aktiver geworden sind. Aber so leicht werden die uns nicht los. Wir haben keinem Unrecht getan, wir fliegen nicht in fremde Länder und töten Kinder und Frauen, die sollen lieber dafür sorgen, dass die radikalen Moscheen in der Stadt geschlossen werden, da bekommen die doch alle ihre Gehirnwäsche", meint Bino.

Die Situation in Herford ist zurzeit ruhig, man gehe sich aus dem Weg, sagt er, es herrsche aber immer noch eine Spannung zwischen den G-Wara und der Gruppe radikaler Islamisten. Vor allem könnte aber die Situation neu aufflammen, wenn in Irak oder Syrien der IS bekämpft wird oder weitere Massaker an Kurden beziehungsweise Jesiden geschehen. Die G-Wara seien jedenfalls auf alles vorbereitet, versichern sie. Demnächst steht die nächste Demo auf dem Terminkalender: Am 21. März will die Brüderschaft mit dem Zug nach Bonn fahren. Dort findet das kurdische Neujahrsfest statt, zu dem Zehntausende erwartet werden. Die T-Shirts sind bestellt und die Vorbereitungen laufen. Um 23 Uhr ist die Pokerrunde zu Ende, die beiden Gewinner waren an dem Abend der G-Wara-Chef und Sero, sie bekommen von den Verlierern ein Essen nach Wahl. Ich habe verloren und musste ein paar Euro für die Dönerteller hinblättern.