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Popkultur

Deutschlands RauschGIFT-Problem—ich geh kaputt, kommste mit?

RauschGIFT—wir haben sechs Filme über den Drogenkonsum in Deutschland gemacht. Der erste läuft am 8. November auf ZDFkultur.

von Julius Theis
01 November 2013, 3:45pm

Am nächsten Freitag um 22:50 Uhr startet unsere neue Drogen-Dokumentationsreihe RauschGIFT, die dann wöchentlich auf ZDFkultur laufen wird. In 30 Minuten zeigen wir euch beide Seiten des Drogenkonsums: Du kannst dich fallen lassen, Unglaubliches erleben, aber auch mit deinen Adern voller Stoff zu Grunde gehen. Los geht es mit einer Episode über Heroin, die danach natürlich auch in der Mediathek abrufbar ist.

Wenn du mit illegalen Drogen zu tun hast, brichst du in den meisten Fällen Gesetze und der Konsum ist mit Sicherheit nicht das Beste, was du deinem Körper antun kannst, aber man macht es trotzdem. Wie du wahrscheinlich selbst gemerkt hast, bekommt nicht jeder, der sich illegale Drogen reinzieht, ernsthafte Probleme oder macht durchweg negative Erfahrungen. Aber sobald du nur noch vom Sofa aufstehst, um Gras zu holen, oder dich morgens mit Kaffee und G stärkst, solltest du dir Gedanken machen. Man muss sich sowohl über die Wirkung als auch die sozialen, physischen und psychischen Gefahren der Substanzen bewusst werden.

Die Illegalität der Stoffe sagt leider nichts über die möglichen Risiken aus, da die Gesetzeslage in Deutschland hauptsächlich durch kulturelle Prägung und auf Grund von politischen Zielen entstand, nicht etwa, weil die Drogen wissenschaftlich auf ihre Risiken überprüft worden sind. Bisher wurde diese Tatsache von voreingenommenen Medien und absurden Anti-Drogen-Kampagnen vollkommen außer Acht gelassen, sodass der Versuch, uns von Drogen fernzuhalten allein schon wegen der wirklichkeitsfremden Darstellung gescheitert ist.

Um tatsächlich zu zeigen, was für unterschiedliche Erfahrungen man mit einzelnen Drogen machen kann, haben wir für ZDFkultur ein Jahr lang an einer sechsteiligen Dokumentationsreihe gearbeitet, die ein realistisches Bild von den positiven und negativen Aspekten der Droge zeigt. Für RauschGIFT haben wir intensive Interviews mit insgesamt 30 Drogenkonsumenten, Cleanen und Dealern in ganz Deutschland geführt, in denen sie von ihren persönlichen Erfahrungen mit Heroin, Cannabis, Liquid Ecstasy, Alkohol, LSD und Crystal erzählen.

Denn am Ende des Tages sind sie die Experten, die einen vor Fehlern und Problemen warnen können und wissen, wann Schampus, GBL/GHB, Pappen und Co. nicht mehr nur einen Comedown oder Hangover verursachen, sondern anfangen, dein Leben zu bestimmen. Doch wo lernt man Personen kennen, die in die Illegalität getrieben sind und wegen ihrer Paranoia oder aus Scham lieber unentdeckt bleiben wollen? 

Im Internet gibt es viele Foren, in denen sich User mit scheinbar umfassendem Hintergrundwissen über die Medikamente zur Behandlung von Entzugssymptomen, Dosierungshilfen und interessanten Drogenkombinationen austauschen. Die Dialoge dort hören sich manchmal an wie bei der Podiumsdiskussion eines sehr zweifelhaften medizinischen Kongresses, bei dem sich jeder Teilnehmer den Doktortitel an einer Uni in Osteuropa gekauft hat.

Wenn man sich regelmäßig in den Foren aufhält, ist man öfters, ähnlich wie in einem Live-Ticker, dabei, wenn interessante Diskussionen über Substanzen wie Oxycontin, DMT oder DXM geführt werden. Nicht selten schreiben anonyme User neben Erlebnisberichten auch über die Vorbereitung auf einen Selbstentzug oder suchen verzweifelt nach Hilfe, weil sie sich scheuen, ihr Drogenproblem mit den Mitmenschen zu besprechen. Die Community berät, unterstützt oder therapiert bis zu einem gewissen Grad. 

Für die Dokumentation habe ich mich mit vielen Usern ausgetauscht und konnte oftmals die Mauer zwischen digitaler Identität und echtem Leben überwinden. Bei Telefonaten und Chats mit den Mitgliedern merkt man ansatzweise, dass sie sich von außenstehenden Personen meist falsch verstanden fühlen. Wenn man sie persönlich kennenlernt, versteht man, weshalb: Das Bild, das unweigerlich im Kopf entsteht, wenn man sich die Posts der Drogenkonsumenten durchliest, steht im Wiederspruch zum Mensch, der sich tatsächlich hinter dem Avatar befindet. 

Obwohl solche Foren dabei halfen, Kontakte zu knüpfen, sind das durchaus nicht die einzigen Orte, an denen sich vermehrt Drogenkonsumenten aufhalten. In den Spielos, Eckkneipen, Bahnhofsgegenden und Clubs, in denen ich meine Freizeit ohnehin schon gerne verbracht habe, hatte ich auf einmal ein genaues Ziel, einen fassbaren Grund, um mit dem Milieu in Kontakt zu treten.

Genau wie im Netz war man hier erleichtert, dass jemand zuhört und aufrichtiges Interesse zeigt. Konsumenten sehen sich vom Großteil der Gesellschaft ausgeschlossen, wollen nicht, dass sie wegen gelegentlichem Konsum von Unwissenden verurteilt werden, wünschen sich Akzeptanz wenn sie ein Drogenproblem haben und verstehen nicht, weshalb der Staat ein so zwiespältiges Verhältnis zu seiner Drogenpolitik hat.

In RauschGIFT sind wir Sprachrohr und vermitteln die Wünsche, Ängste, innersten Gefühle von Menschen, die viel Zeit damit verbringen, sich in kindesähnliche Zustände zu befördern, in denen alles spannend, neu und aufregend erscheint oder man sediert und zu einer Kugel zusammengerollt am Boden liegt. Ohne Sorgen. Frei.

Die erste Folge von RauschGIFT über Heroin läuft am 8. November um 22.50 Uhr auf ZDFkultur. Danach kommt jede Woche eine neue Folge.

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