Mein #Twitterbeef mit einem schwulen CDUler

Stefan Kaufmann ist Bundestagsabgeordneter der CDU, schwul und mag es nicht, wenn man zu sehr auf der homophoben Position seiner Partei bezüglich des neuen Bildungsplans in Baden-Württemberg rumhackt.

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März 13 2014, 4:29pm


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2015 soll in Baden-Württemberg bekanntlich ein neuer Bildungsplan eingeführt werden. Unter Federführung der rot-grünen Landesregierung wurde Ende letzten Jahres ein Arbeitspapier veröffentlicht. Wohlgemerkt ein Arbeitspapier. Keine endgültige Version. Darin geht es um fünf Leitprinzipien, die Schülern vermittelt werden sollen. Gleichzeitig dann aber auch noch das hier: „Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, (...) aber auch Empathie für andere entwickeln zu können (...). Das macht es auch erforderlich (...) Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können.“ So weit so unspektakulär, right? Faktisch heißt das für dieses Papier, dass hinter jedem Leitprinzip in einigen Zeilen erörtert wird, welche Rolle sexuelle Vielfalt dabei haben kann oder könnte.

Jetzt wären wir ja nicht in Deutschland, wenn sich nicht auch jemand finden würde, der sich darüber aufregt. In diesem Fall ist das Gabriel Stängle, ein Realschullehrer, der auf openpetition.org eine Petition startete, um den Plan zu verhindern bzw. ihn stark zu überarbeiten, um eben zu verhindern, dass „unsere Kinder“ alle schwul oder lesbisch werden. Weil es ja bekanntlich so ist, dass jeder sofort homosexuell wird, sobald er rausfindet, dass Lebensentwürfe außerhalb der guten alten Heterosexualität existieren. Hinter ihm sammelte sich schnell eine Bewegung aus deutschen und baden-würtembergischen Wutbürgern, die Angst haben, dass die angeblich allmächtige Velvet Mafia ihre Kinder zu Proseccotrinkenden Modedesignern machen will.

Die CDU hat scheinbar seit längerem um eine Positionierung gerungen und die Stuttgarter Kreisverband hat sich nun darauf geeignet, das Arbeitspapier abzulehnen, bzw. eine Überarbeitung zu fordern.

Jetzt ist der CDU-Vorsitzende Stuttgarts, Stefan Kaufmann, allerdings in einer etwas komplizierten Situation. Er ist nämlich schwul. Man könnte natürlich sagen „Selbst Schuld, wenn man in die Partei eintritt, der Homophobie sozusagen ins Grundsatzprogramm geschrieben wurde.“ Zur Verteidigung muss man allerdings erwähnen, dass er sich tatsächlich auch für Toleranz und Behandlung von LGBT-Themen im Unterricht eingesetzt hat. Sein Stellvertreter, Carl-Christian Hausmann sieht das ganze aber wieder sehr anders. Er ist Mitglied der Vereinigungskirche (oder auch Mun-Bewegung) der Kritiker vorwerfen ein theokratischen Staatsmodell anzustreben und die dafür bekannt ist regelmäßig Massenhochzeiten durchzuführen. Hausmann ist auf Veranstaltungen der Bildungsplangegner aufgetreten und stand für sein Anliegen mit Vertretern der Neuen Rechten, wie Matthias von Gersdorf und religiösen Fundamentalisten wie Gabriele Kuby auf der Bühne.

Jetzt muss man dazu sagen, das ich grundsätzlich kein Interesse habe, mich mit Leuten zu unterhalten, die davon ausgehen, dass Homosexualität ansteckend ist oder die denken, dass die Selbstmordrate bei LGBTs so hoch ist, weil das in ihrer Natur liegt und nicht, weil sie diskriminiert werden. Been there, done that. Danke, nein.

Und Twitter ist im Normalfall auch nicht grade meine Baustelle. Klar, meine etwas über 100 Follower, die zu einem großen Teil aus Spamaccounts, Malerbekleidungsanbietern und Jalousien-Verkäufern bestehen (true story), warten mit Sicherheit täglich auf meine getwitterten Weisheitsperlen. Aber wie dem auch sei, trotzdem habe ich gestern einen Artikel aus der Stuttgarter Zeitung geretweetet, der ursprünglich von Jan Schnorrenberg (@spektrallinie) kam:

Woraufhin sich Kaufmann einschaltete:

Ab jetzt entwickelt sich das ganze schnell zu einem politischen Tennisspiel auf meiner Wall. Ich bin ein bisschen aufgeregt, weil tatsächlich ein Bundestagsabgeordneter sich erbarmt, mir, dem kleinen schwulen potentiellen Wähler zu antworten.

Jetzt ist Stefan Kaufmann aber ein bisschen beleidigt! Und er wendet die klassische Gegenfragenstrategie an, und wiederholt einfach Jans Frage. Smart.

Ich beeile mich extrem, um in dieser Konversation nicht zum fünften Rad am Wagen zu werden, und nur rumzustehen, während die großen Jungs sich unterhalten und haue deswegen den hier raus:

Dann wieder Jan mit der zugegebermaßen durchdachteren Argumentation:

Natürlich ist eine Diskussion mit einem Politiker keine Diskussion mit einem Politiker, wenn der Politiker keinen Seitenhieb auf den politischen Gegner austeilt, auch wenn dieser Seitenhieb überhaupt nicht mit dem eigentlichen Thema in Zusammenhang steht:  

 Uh, ich werde wieder beachtet. Aber mein Argument zählt nicht. Komplett egal, mit wem Hausmann abhängt. Parteidisziplin ist halt immer das Zauberwort:

Recht hat er, der Jan. Aber noch sind wir hier unter uns:

Ich kann das natürlich auch nicht auf mir sitzen lassen. Ich begreife langsam dieses Twitter und kontere auf Kaufmann:

Bisher war es ja sehr schön zu sehen, wie sich Kaufmann versucht hat aalglatt aus der Affäre zu ziehen. Rhetorische Fragen, Ausweichmanöver, Seitenhiebe. Und natürlich nicht die Hände schmutzig machen. Immer schön über der Gürtellinie bleiben und Kritik teflonhaft abperlen lassen. Nur leider funktioniert das auf Twitter nur bedingt. Den irgendwann kommen die hässlichen Dinge zum Vorschein, über die man nicht sprechen will. Die personifizierte „vergossene Milch“ sozusagen:

Da nach der „vergossenen Milch“ Schweigen im Walde Kaufmann herrschte, habe ich ihn noch einmal per Email um Stellungnahme gebeten. Hier könnt ihr das Interview lesen.

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