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Wie der netteste Wachmann meines Gefängnisses umgebracht worden ist

Sein Vorname war Timothy. Das hatte ich nicht gewusst, denn uns ist es nicht erlaubt, die Vornamen der Aufseher zu benutzen.

von Christopher Dye
05 Oktober 2016, 4:00am

Illustration: Dola Sun

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden.

Eine Sache gleich vorweg: Ich sitze seit 1996 im Gefängnis, wo ich mehrere lebenslängliche Haftstrafen verbüße. Für meine Taten übernehme ich auch die volle Verantwortung.

Seit 2010 bin ich in Isolationshaft, weil ich einen anderen Häftling getötet habe, der mich während meines Morgengebets mit einem Messer angegriffen hatte. Nach texanischem Recht kann ein Gefängnisinsasse nämlich selbst dann für den Mord an einem anderen Häftling belangt werden, wenn er in Notwehr gehandelt hat. Ich werde wohl irgendwann in meiner Einzelzelle sterben und daran bin ich selbst schuld.

Woran ich nicht schuld bin, ist der Tod von Officer Davison, einem der besten Wachmänner meines Gefängnisses.

Am Dienstag, den 14. Juli 2015, brachte mich Davison vom Aufenthaltsraum zurück in meine Zelle. Er hatte gerade erst seine beiden Töchter in Chicago besucht und war dementsprechend glücklich—er erzählte die ganze Zeit davon, wie schön der Besuch gewesen war. Das jährliche Ribfest hatten sie leider verpasst, weil er wieder zurück zur Arbeit musste.

Am darauffolgenden Tag wurde er ermordet.

Da das texanische Strafvollzugssystem chronisch unterbesetzt ist, müssen die Gefängnisaufseher "vorgeschriebene Überstunden" machen. Und da sich die Wachmänner, die schon länger dabei sind, in weniger stressige Positionen versetzen lassen können, werden die schlecht ausgestatteten (und oftmals nicht ausreichend ausgebildeten), neuen Aufseher manchmal sofort für die Isolationshaft eingeteilt—und so mit Häftlingen konfrontiert, die als "die Schlimmsten der Schlimmen" gelten.

Und genau so ist es auch Davison ergangen.

Er sagte mir immer, dass er diesen Beruf nur des Geldes wegen macht. Das trifft auf viele Gefängnisaufseher zu, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten kennengelernt habe. Die meisten machen diesen stressigen und undankbaren Job an diesem hässlichen Ort nur, um ihre Familien ernähren zu können. Und die meisten Gefangenen versuchen einfach nur, hier zu überleben, um die ihnen wichtigen Menschen überhaupt irgendwann wiederzusehen.

Und dennoch war Davison immer unglaublich freundlich. Er kümmerte sich um verschiedene Problemen der Häftlinge; ob Essen, Hygiene oder Materielles ging. Sein ständiges Lächeln beruhigte uns. Und seine Stimmung wurde durch sein persönliches Schicksal—seine Scheidung oder der Tod seiner Mutter—nie beeinträchtigt.

Ich erfuhr von dem Mord an Davison, nachdem ich laufen gewesen war. Ich duschte, ging zurück in meine Zelle und fing an, meine Post zu beantworten. Kurz danach folgte eine spezielle "Zählung" und eine "Einstellung aller Tätigkeiten". Ich setzte meine Kopfhörer auf und schaltete mein offiziell gekauftes Radio ein. Vielleicht war ja irgendetwas Wichtiges passiert.

Dann traf mich eine Nachricht wie ein Schlag ins Gesicht: "Wachmann eines Gefängnisses im Nordosten von Texas getötet". Anschließend wurde der Name "Timothy Davison" durchgegeben. Ich dachte mir nur, dass es sich um einen anderen Davison handeln musste.

Ich hatte nicht gewusst, dass sein Vorname Timothy war. Wir bekommen nämlich Ärger, wenn wir die Vornamen der Wachmänner benutzen. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Meiner Meinung nach heizen die fehlenden Vornamen die vorherrschende Wir-gegen-die-Mentalität weiter an.

Nein, das musste einfach jemand anderes sein, denn jeder mochte den Davison, den ich kannte. Dann hieß es allerdings: "Timothy Davison, geschiedener Vater von zwei Töchtern." Mir schnürte es die Kehle zu.

Anscheinend hatte Davison einen Häftling vom Aufenthaltsraum in die Zelle zurückbegleitet.

Dieser Häftling hatte irgendwie die Handschellen hinter seinem Rücken geöffnet, Davison anschließend zu Boden gerungen, sich die Eisenstange geschnappt, mit der normalerweise die Essensschlitze in den Türen geöffnet werden, und den Aufseher damit zu Tode geprügelt.

Davisons Töchter werden wohl nie erfahren, wie glücklich ihr Vater wegen seines letzten Besuchs in Chicago war.

Sie werden sehr wahrscheinlich auch nie erfahren, wie er uns offenbart hat, dass er "bis nach Sibirien" fahren würde, um seine jüngste Tochter umarmen zu können und sie "Ich hab dich lieb" sagen zu hören.

Und sie werden mit Sicherheit nie erfahren, dass ein Licht diesen düsteren und verdammten Ort erhellte, als er uns diese Geschichte erzählte.

Christopher Dye ist ein 53-jähriger Häftling des "Telford Unit"-Gefängnisses in New Boston, Texas, wo er eine lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf Bewährung absitzt, weil er hinter Gittern einen Mord begangen hat. Seine eigentliche Verurteilung erfolgte im Jahr 1996 aufgrund mehrerer schwerer Sexualdelikte.

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Titelbild: Dola Sun

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