Was das Leben einer Kosmetikerin zur Hölle macht

Ein Bürgermeister, der ihr seinen winzigen Penis präsentiert, eine Puffmutti bei der wöchentlichen Anti-Cellulite-Behandlung, und Kolleginnen, die Cremes verkaufen, die nichts bringen.

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16 August 2016, 8:03am

Foto: terry_jane | Flickr | CC BY-ND 2.0

Deutsche kauften 2015 Schönheitspflegemittel für 13,4 Milliarden Euro, so Schätzungen. Tendenz: steigend. Wie geht es zu in den Läden, die mit Pfirsich-Beauty-Trends Geschäft machen? Chantal, 25, heißt eigentlich anders. Sie möchte nicht von ihrem früheren Arbeitgeber angezeigt werden. Deshalb erzählte sie unserer Autorin anonym, was sie in fünf Jahren als Kosmetikerin an Irrsinn erlebt hat.

Es spielt keine Rolle, an welchem Ort in Deutschland ich genau gearbeitet habe. All die Geschichten, die ich erzähle, könnten in jedem Kosmetikstudio passieren. Leider. Das hat zwei Gründe. Erstens: Kunden denken, sie könnten einer Kosmetikerin alles zeigen und sagen. Zweitens: Chefs wollen möglichst viel verkaufen, in meinem Studio sollte der Gewinn durch Produkte bei über 60 Prozent liegen.

Kolleginnen, die jedes echte Gefühl verabscheuen

Jahrelang habe ich jeden Morgen versucht, mit einem Lächeln in den Laden zu gehen. Schon das war in dieser abgestumpften, glatt gecremten Welt zu viel Gefühlsregung. "Du regst mich auf mit deiner guten Laune", sagte eine Kollegin. Die andere mahnte: "Dein Grinsen passt nicht zu unserem Wellness-Auftrag." Die beiden gehörten zu der Sorte Mensch, die nicht einmal den Müll rausbringt, wenn ihr Make-up nicht perfekt sitzt.

Diese Frauen hielten die perfekte Hülle aufrecht und verkauften Cremes für Hunderte Euro mit einem strahlenden Lächeln, obwohl sie wussten, dass die absolut nichts bringen. Nach außen ein Dreamteam, das zusammenpasste wie ihr Lippenstift zu ihren Ohrringen. Aber hintenrum spannten sie sich für das Trinkgeld gegenseitig die reichsten Kunden aus. Ich war da raus, denn sie erkannten die besonders Wohlhabenden an deren Klamottenmarken. Ich hatte von diesen Labels noch nie auch nur gehört.

Schweißarbeit an nackten Körpern

Um zunächst das größte Missverständnis auszuräumen: Eine Kosmetikerin macht weit mehr, als nur Lidschatten aufzutragen. Ihr glaubt nicht, was ich schon an nackten Körpern unter meinen Händen hatte. Das ist Schweißarbeit. Nehmen wir zum Beispiel die Puffmutti, die jede Woche kam. Meistens erzählte sie mir, dass sie gerade noch bei Burger King war. Dann machte sie bei uns Body Wrapping gegen Cellulite. Das heißt: Erst strich ich sie mit Zimtcreme ein. Dann wickelte ich sie von den Brüsten bis zu den Knöcheln in Plastikfolie ein, die ich mit viel Kraft um ihren Körper zog. Das hat nichts mehr mit Augenbrauenzupfen zu tun, das ist brachial. Am Ende stülpte ich Tüten drüber. In diesen Schichten kann sich ein Mensch kaum mehr bewegen. Oft überkam mich die Lust, sie kurz anzustupsen, wenn ich sie zur Liege bugsierte. Sie wäre einfach umgefallen. Es ist unglaublich, was Frauen dafür machen, "schöner" zu sein.


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Manchmal beschwerte sie sich, falsch gewrapt worden zu sein. Ein Problem, denn dann steht für ein Paar Tage eine Fettwurst aus der glattgebügelten Haut hervor. Sie schrie durch den ganzen Laden und beschwerte sich beim Chef. Trotzdem empfand ich sie als eine der lustigsten und angenehmsten Kunden. Ihr ahnt, was noch kommt.

Stöhnende Männer: Du massierst ihre Hand und plötzlich greifen sie zu

Männer zwischen 40 und 60 neigen dazu, bei Ganzkörpermassagen unangenehm laut zu stöhnen. Du massierst ihre Hand und plötzlich greifen sie zu. Das ist nur widerlich. Wenn jemand stank oder dreckig war, lagen immer Handschuhe bereit, die wir uns überstriffen, wenn die Kunden auf dem Rücken lagen. Einmal kam einer, der besonders übel stank und wollte, dass ich ihn bade. Ich habe ihm das Bad eingelassen und gesagt, er soll sich selbst baden—ich mache das bestimmt nicht für ihn. Während der Massage zeigte er zwischen seine Beine und sagte: "Weiter hier, weiter hier." Als ob das nicht schon unangenehm genug gewesen wäre, schob er die ganze Zeit das Handtuch vom Sack. Wir haben ihm Hausverbot gegeben. Ein paar Wochen später stand er wieder da. Mit einem Massagegutschein, auf dem stand: "Zum Geburtstag. Für den allerbesten Ehemann und Vater dieser Welt."

Der Bürgermeister, der oft kam, war zwar ansonsten kein unangenehmer Kunde, hatte allerdings auch keine Lust, ein Handtuch über seinen Schwanz zu legen. Seltsamerweise, denn er hatte auch noch den klitzekleinsten Penis, den ich je gesehen habe. Eine Kosmetikerin wird als Vertrauensperson gesehen, als Dienstleisterin ohne eigene Befindlichkeiten, der einfach ALLES gezeigt und mitgeteilt werden darf. Ich möchte keine Schwänze sehen, auch nicht von Bürgermeistern, egal wie groß oder klein. Aber das Kosmetikstudio ist anscheinend ein Ort, an dem sich Menschen so sicher fühlen, dass ihnen nichts unangenehm ist.

Miss X kam jeden Tag, um Hand- und Fußnägel dem Rest des Outfits farblich anzupassen

Der Alltag, die Gespräche mit den Dauergästen—also mit Frauen stinkreicher Männer—waren so einfältig, dass ich sie kaum aushielt. Sie sagten: "Du musst unbedingt anfangen zu golfen!" NEIN, dachte ich. Ja, sagte ich. Wie immer, wenn sie mich fragten, ob ich etwas auch so sehe wie sie. Widerspruch kommt nicht so gut. In ihren Augen sollst du einfach die nette, liebe Kosmetikerin sein. Lange glaubte ich es nicht, aber irgendwann wurde mir klar, dass die neuen Trend-Make-up-Farben tatsächlich das Thema war, mit dem sie sich den ganzen Tag auseinandersetzten.

Für alle von ihnen stand Miss X. Sie ist über 80 Jahre alt und kam jeden Tag, um Hand- und Fußnägel dem Rest des Outfits farblich anzupassen. Von den Ohrringen über Handtasche, Tuch, und Hut war immer alles im selben Ton. Den Vogel schoss sie ab, als sie zu ihrem pinken Leo-Look die Nägel halb in Pink und halb in Leo-Look lackiert haben wollte.

Einmal bekamen wir einen Lippenstift mit der "Trendfarbe Grün" rein. Wir dachten, niemals würde jemand dieses überteuerte grüne Ding kaufen. Miss X bewies das Gegenteil und zahlte für den Lippenstift. Das lag bestimmt zum Großteil an ihr, aber auch an der gewitzten Verkaufstechnik der werten Kolleginnen.

Cremes und Behandlungen, die nichts bringen

Meine Kolleginnen verkauften Cremes, die nichts konnten, außer gut zu riechen und schöne Verpackungen zu haben, für Hunderte Euro—mit strahlendem Lächeln. Sie priesen die Produkte so sehr an, dass die Frau, die nur 50 Euro einstecken hatte, noch mal zur Bank lief, um die Zaubercreme jetzt gleich mitzunehmen.

Ja, es gibt medizinische Kosmetik, die echt was bringt und die habe ich auch gerne verkauft. Den Rest konnte ich nicht anpreisen. Es war schon schlimm genug, nach manch einer Behandlung sagen zu müssen: "Ja, klar sieht man den hautverjüngenden Effekt." Während man die Haut anschaut und sich einfach nur denkt: Oh Gott, man sieht gar nichts. Hoffentlich schaut die arme Frau, die gerade 350 Euro dafür ausgegeben hat, nicht in den Spiegel.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht: Warum habe ich diesen Beruf überhaupt so lange gemacht? Es gibt wunderbare Seiten an diesem Job. Es gibt Momente, in denen du Leute schöner machst, sie zum Strahlen bringst. Manchmal massierst du jemanden und er entspannt sich so sehr, dass er dir seine halbe Lebensgeschichte erzählt und anfängt zu weinen. Versteht mich nicht falsch, ich bin keine Esoterikerin, die auf Massagen schwört. Ich sage auch nicht, dass eine Kosmetikerin die bessere Therapeutin ist. Es ist mir einfach nur oft passiert, dass Menschen für einen Augenblick loslassen konnten. Das sind Momente, in denen ich wirklich das Gefühl hatte, etwas Gutes zu machen. Nur: Hinter mir stand dann meist ein Chef, der mich an den übervollen Terminplan für den Tag erinnerte und daran, dass ich überzogen habe. Und die Kolleginnen lästerten, dass ich mal wieder zu viele Gefühle gezeigt habe.

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