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The Sick Day Issue

Wie ein trauernder Vater zum Pionier für Black Lives Matter wurde

Nachdem ein Polizist seinen Sohn erschoss, begab sich Nicholas Heyward Sr. auf einen Kreuzzug. Er zahlt sich vielleicht endlich aus.

von Erika Eichelberger
30 Oktober 2016, 5:00am


Nicholas Heyward Sr. steht im Treppenhaus der Brooklyner Sozialwohnsiedlung, in der ein Beamter des NYPD seinen 13-jährigen Sohn Nicholas Naquan Heyward Jr. tötete.

Nicholas Heyward Sr. steht auf dem Dach der Baltic Street 423, nur Schritte von der Stelle, an der 1994 ein Polizist seinen Sohn tötete. Damals kannte noch niemand die Namen Tamir Rice, Michael Brown, Akai Gurley oder Philando Castile. Er lässt den Blick über das Brooklyner Panorama schweifen: die Wolkenkratzer von Manhattan im Nordwesten, die New York Bay im Süden, die Kirch- und Wassertürme von Kings County im Osten. Dann führt er mich zu dem Treppenaufgang, in dem sein Sohn erschossen wurde.

Die Sonne scheint durch ein Glasblockfenster über dem Treppenabsatz des 14. Stocks. Wir befinden uns in einem der Gowanus Houses, einer Sozialbauanlage im Süden Brooklyns. Nicholas Naquan Heyward Jr. spielte hier am Abend des 27. September 1994 mit drei Freunden Räuber und Gendarm. Sie wollten nach unten, um ihre Mitspieler zu suchen. Sie nahmen ihre Spielzeugwaffen und machten sich bereit, nacheinander die Treppe hinunter zu schleichen.

"Als Nicholas um die Ecke kam", erzählt Heyward, "sah er den Beamten. Der rief [so etwas wie] ‚Hey!' ... und Nicholas sagte: ‚Wir spielen nur! Wir spielen nur!'" Dann gab es einen Knall.

Ein Beamter der Stadtverwaltungsbehörde New York Housing Authority schoss dem Jungen in den Bauch. Es handelte sich um einen 23-jährigen Schwarzen namens Brian George, der erst seit zwei Jahren bei der Polizei war. Nicholas wurde zur Not-OP ins Krankenhaus gebracht, doch es war zu spät. Er starb früh am nächsten Morgen.

"Ich hätte damals nicht für möglich gehalten, dass dieser Beamte nicht zur Verantwortung gezogen wird", sagt Heyward, den Blick nach innen gerichtet. Es gab keine Anzeige gegen den Schützen—wie in den meisten der 2.000 Fälle, in denen US-Polizisten in den 1990ern Menschen erschossen. Stattdessen stellte der Brooklyner Bezirksstaatsanwalt Charles Hynes den Vorfall als berechtigte Tötung dar—berechtigt, weil Nicholas eine Spielzeugwaffe gehabt hatte.

Diese Entscheidung war es, die Heyward dazu brachte, einen jahrzehntelangen Kampf anzutreten: Der Fall seines Sohnes musste neu aufgerollt werden. Die Organisationen, denen er damit auf den Weg half, und die Methoden, die er einsetzte, stellen eine Art Blaupause für die afroamerikanische Bewegung Black Lives Matter dar. In den Jahren seit ihrer Entstehung haben Angehörige anderer Opfer polizeilicher Erschießung immer wieder bei Heyward Rat gesucht. Doch trotz seines Eifers und all der Beweise für Fehlverhalten, die er gesammelt hat, sind seine Bemühungen bisher erfolglos geblieben.

Heute, 22 Jahre nach dem Tod seines Sohnes, wirkt die Gerechtigkeit jedoch zum Greifen nah. Im Februar erstarkten die Proteste gegen die sinnlose Zerstörung schwarzer Leben in den gesamten USA und der neue Bezirksstaatsanwalt Ken Thompson—der erste Schwarze, der das Amt in Brooklyn bekleidet—machte eine sehr ungewöhnliche Ankündigung. Er versprach, den Fall Nicholas Heyward Jr. neu aufzurollen, möglicherweise Officer George strafrechtlich zu verfolgen und zu prüfen, ob Hynes oder die Polizei sich offiziellen Fehlverhaltens schuldig gemacht hatten. Wenn George und die Stadt in dem Fall tatsächlich zur Verantwortung gezogen werden sollten, wäre das ein Meilenstein für eine Bewegung, die der staatlichen Gewalt gegen schwarze Amerikaner und Amerikanerinnen ein Ende setzen will. Staatsanwälte müssten ihr Vorgehen bei polizeilichen Tötungsfällen womöglich ändern. Heywards langer Kreuzzug hätte endlich ein Ende.


An dem Abend, als er erschossen wurde, spielte Nicholas mit Freunden auf dem Dach der Baltic Street 423, einem Gebäude im Wohnkomplex Gowanus Houses, wo er mit seiner Familie lebte.

Nachdem Nicholas erschossen wurde, hörte Heyward plötzlich überall Geschichten von Polizisten, die unbewaffnete schwarze Menschen töten. "Vielleicht habe ich vorher einfach nicht aufgepasst", sagt er, "aber nach Nicholas' Tod hörte ich von so vielen. Ich dachte: ‚Wow, was geht hier vor sich?'"

1994 intensivierte die US-Regierung die Polizeiarbeit im gesamten Land. Präsident Bill Clinton hatte gerade ein wichtiges Gesetz unterzeichnet, das Polizeirevieren 100.000 neue Beamte zuteilte. Der War on Drugs nahm Fahrt auf. Die Unterschiede in den Strafmaßen waren rassistisch motiviert: Drogen wie Crack, die häufiger von Minderheiten konsumiert wurden, waren etwa 100-mal kriminalisierter als Substanzen, die Weiße oft konsumierten. Das leistete dem Vorurteil von der schwarzen Kriminalität Vorschub. In New York begannen Polizeichef Bill Bratton und Bürgermeister Rudolph Giuliani mit der Umsetzung der "Broken Windows"-Strategie: Geringfügige Vergehen sollten verfolgt werden, weil dies angeblich schwerere Verbrechen verhindere. Festnahmen für Kleindelikte nahmen extrem zu, was hauptsächlich Schwarze und Latinos traf.

In Nicholas' Todesjahr stieg die Zahl der Zivilisten, die von Beamten des New York Police Department (NYPD) erschossen wurden, um 35 Prozent. Die Polizeigewalt nahm solche Ausmaße an, dass Amnesty International die Behörde untersuchte und "ernste Probleme mit Polizeigewalt und Übergriffen" feststellte. Das hatte Nicholas bereits ein Jahr vor seinem Tod zu spüren bekommen. Im Oktober 1993, mit zwölf, wurde er unberechtigt festgenommen, als er mit den Eltern, dem kleinen Bruder und dem Familienhund aus ihrem Wohnhaus kam. Der Beamte, der Nicholas auf dem Revier verhörte, sagte, er würde ihm "eine Knarre in den Arsch stecken und abdrücken" und Nicholas würde "tot sein, bevor er 15 ist"—das geht aus der Beschwerde hervor, welche die Familie bei der unabhängigen städtischen Aufsichtsbehörde Civilian Complaint Review Board einreichte.

Die ganze Zeit über schützte das US-Gesetz Beamte wie diese—basierend auf ihrer Angst. 1985 entschied der Oberste Gerichtshof, der Einsatz tödlicher Polizeigewalt müsse immer "objektiv angemessen" sein. Ob etwas "objektiv angemessen" ist, hängt zum Teil davon ab, ob ein Verdächtiger eine Bedrohung für den Beamten oder andere darstellt. Wie der Bürgerrechtsanwalt Chase Madar schreibt: "In der gerichtlichen Praxis lässt sich ‚objektive Angemessenheit' kaum noch von den subjektiven Bauchentscheidungen panischer Polizeibeamter unterscheiden."

Heywards Verbündete sagen, der Staatsanwalt habe sich sehr bemüht zu zeigen, dass in Nicholas' Fall das Kriterium gerechtfertigter Angst vorlag. Und wie immer hatte er Erfolg: In Hynes' 25-jähriger Laufbahn wurde keinem einzigen Beamten für die Erschießung eines Zivilisten der Prozess gemacht.

Landesweit tötet die Polizei laut der staatlichen Datenbank National Violent Death Reporting System mindestens 700 Personen jährlich. Investigationen der Washington Post zeigen, dass im letzten Jahrzehnt jährlich im Durchschnitt fünf Beamte nach Erschießungen eines Verbrechens angeklagt wurden, und dass nur elf der insgesamt 65 Angeklagten auch verurteilt wurden. Es lässt sich schwer beurteilen, ob die Polizeigewalt seit Nicholas' Tod 1994 schlimmer geworden oder gleich geblieben ist. Die US-Regierung hat keine genauen Aufzeichnungen solcher Fälle und private Bemühungen, die Tode zu zählen, reichen einfach nicht aus. Das landesweite Stolen Lives Project zählte von 1990 bis 1999 mehr als 2.000 Tötungsfälle durch Gesetzeshüter auf allen Ebenen der Stafverfolgung, inklusive Justizvollzug. Letztes Jahr tötete die US-Polizei fast 1.000 Menschen, 90 davon unbewaffnet, so die Post. Von den Unbewaffneten waren 40 Prozent schwarze Männer, obwohl diese nur sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen.


An dem Abend, als er erschossen wurde, spielte Nicholas mit Freunden auf dem Dach der Baltic Street 423, einem Gebäude im Wohnkomplex Gowanus Houses, wo er mit seiner Familie lebte.

Als Heyward und seine Frau, Angela Grant Heyward, im Morgengrauen aus dem Krankenhaus zurückkehrten, schlief ihr sechsjähriger Sohn Quentin noch. Als er wach wurde und merkte, dass sein Bruder fehlte, bastelte er ihm eine Karte. Er zeichnete Spider-Man und Superman vorne drauf und schrieb hinein: "Werd bald gesund, Nicholas. Komm bald nach Hause. Ich vermisse dich. Ich hab dich lieb." Als seine Mutter ihm sagte, dass Nicholas für immer fort war, brach seine Welt zusammen. "Die Art, wie er geweint hat, werde ich nie vergessen", sagt sie.

Grant Heyward durfte ihren Sohn nicht sehen, bis er bereits anästhesiert auf einem Krankenbett lag. Heyward Sr. sah Nicholas gar nicht vor der Operation. Sie warteten die ganze Nacht und glaubten, ihr Sohn werde zu ihnen zurückkehren—schwer verletzt, aber lebend. Gegen 3 Uhr sagten die Ärzte dem Paar, die Kugel hätte zu großen Schaden verursacht. Nicholas war nicht zu retten.

Man fragte die Eltern, ob sie eine Autopsie wünschten. Sie bejahten und gingen nach Hause, ins leere Kinderzimmer.

Heute ist das Zimmer so etwas wie ein Schrein für Nicholas und fungiert zugleich als Heywards Büro. Bei unserem ersten Treffen zeigt er es mir. Gerichtsdokumente, Polizeiberichte, Zeitungsausschnitte und Fotoalben stapeln sich auf dem Boden. Protestschilder säumen die Wand: Justice for Nicholas Heyward Jr., Jail Killer Cops, Justice for Tamir—das letzte ist für Tamir Rice, einen Zwölfjährigen aus Cleveland, der im Park mit einer Spielzeugwaffe spielte und von einem Polizisten erschossen wurde. Nicholas' Gesicht lächelt von den Wänden, als Baby, mit elf, mit zwölf. Sein Spielzeuggewehr steht in der Nähe der Tür.

Heyward öffnet ein Album mit Bildern von seinem Sohn. Sanft blättert er durch Nicholas' ersten Tag auf Erden, durch Geburtstagspartys und Wochenenden mit Cousins, bis hin zu Zeitungsausschnitten über die tödlichen Schüsse und Fotos von der Beerdigung. Was im Treppenhaus passierte, hat sich in das Gesicht des 59-Jährigen gegraben—in die eingefallenen Wangen, den schweren Blick, den angespannten Mundwinkel.


An dem Abend, als er erschossen wurde, spielte Nicholas mit Freunden auf dem Dach der Baltic Street 423, einem Gebäude im Wohnkomplex Gowanus Houses, wo er mit seiner Familie lebte.

Jene Sekunden prägen sein gesamtes Leben. Als Hynes eine strafrechtliche Verfolgung des Schützen George ausschloss, reichte Heyward Zivilklage gegen die Stadt ein. Er nahm sich vier Anwälte nacheinander, bis man sich auf eine Abfindung einigte. Er und Grant Heyward gründeten eine Stiftung im Namen ihres Sohns, die Beratung und Unterstützung für Kinder anbietet. Er startete eine Petition, um den Park im Wohnkomplex Gowanus Houses nach seinem Sohn benennen zu lassen. Er sagt, er habe Hynes' Büro mehrfach angeschrieben und persönlich aufgesucht, um den Staatsanwalt mit neuen Beweismitteln zur Wiederaufnahme des Verfahrens zu bewegen.

Heyward bat sogar die Bundesregierung, den Fall auf Bürgerrechtsverletzung zu prüfen. Das Justizministerium lehnte eigene Ermittlungen ab; stattdessen überprüfte es Hynes' Bericht und befand seine Arbeit für ausreichend. Heyward bat darum, vor dem Stadtrat aussagen zu dürfen. Er schrieb Stadträten und Kongressabgeordneten und bat sie, Hynes zur Wiederaufnahme zu bewegen. Er bemühte sich um ein Treffen mit Giuliani und Bratton und später mit Bürgermeister Bill de Blasio; von ihnen habe er keine Antwort erhalten, sagt er.

Er sprach bei öffentlichen Anhörungen in New York City, er war in den Talkshows Ricki Lake und Geraldo, "in Schulen, Kirchen, wo auch immer sie mich haben wollen", sagte er 1998 der New York Daily News. Er gibt regelmäßig Kurse im Cop-Watching und hält jedes Jahr an Nicholas Geburtstag im August einen Gedenktag. Heyward kennt die Details jedes NYPD-Tötungsfalls seit dem Tod seines Sohns auswendig und zählt sie wie die Gebete eines Rosenkranzes auf, sobald ihm jemand Gehör schenkt. Er nimmt die Spielzeugwaffe mit auf Proteste gegen Polizeigewalt und erzählt wieder und wieder, wie sein Sohn starb.

In Nicholas' Todesjahr stieg die Zahl der Zivilisten, die von Beamten des New York Police Department (NYPD) erschossen wurden, um 35 Prozent. Die Polizeigewalt nahm solche Ausmaße an, dass Amnesty International die Behörde untersuchte und "ernste Probleme mit Polizeigewalt und Übergriffen" feststellte.

Heywards eiserner Fokus über so viele Jahre hinweg hat die Beziehung zu seiner Familie strapaziert. Grant Heyward verfiel nach Nicholas' Tod einer Sucht und machte jahrelang immer wieder Entzug. Nach einem erbitterten Streit um das Abfindungsgeld aus der Zivilklage trennten sich die beiden und ließen sich schließlich scheiden. Ihr Sohn Quentin blieb emotional auf sich gestellt.

2013 hatte Heyward in seinem Kampf um Gerechtigkeit fast jeden möglichen Weg beschritten, als er erfuhr, dass Ken Thompson sich um das Amt des Bezirksstaatsanwalts von Brooklyn bewarb. Thompson hatte zu Anfang seiner Anwaltskarriere dabei geholfen, das Justizministerium zur Wiederaufnahme des Falles Emmett Till zu bewegen; der 14-Jährige war 1955 gelyncht worden. Da er sich um die Stimmen schwarzer Wähler bemühte, die mit Tragödien wie dieser täglich in Berührung kamen, besuchte Thompson den jährlichen Gedenktag für Nicholas. Er sagte Heyward, er würde Nicholas' Fall neu untersuchen, wenn er gewählt würde—ein seltenes Angebot von einem Strafverfolger.

Heyward hatte bereits den Glauben an die Wahlpolitik verloren, doch als er Thompson und dessen Hintergrund kennenlernte, beschloss er, Kampagne für ihn zu machen. Er nutzte sein Netzwerk aus zwei Jahrzehnten Aktivismus und im November 2013 besiegte Thompson Hynes mit Leichtigkeit.


Nicholas' Kinderzimmer ist zu Heyward Sr. Büro geworden; gleichzeitig dient es als Gedenkstätte für andere Opfer der Polizeigewalt. Neben Fotos von Nicholas hängen auch Protestplakate an den Wänden, die Gerechtigkeit fordern.

Vor 22 Jahren gab es keine Handykameras, die den Schrecken hätten festhalten können, wenn ein Polizist ein Kind erschoss. Es gab keine sozialen Medien, die alles mit der Welt teilten. Es gab keine große, US-weite Bewegung, die auf die Straßen gehen und Verantwortlichkeit verlangen konnte. Eine Zeit lang fühlte Heyward sich völlig allein, als würde er ins Leere predigen. "Weiße Leute und Leute überhaupt wollten nicht glauben, dass Polizisten lauter Unschuldige ermorden", sagt er. "Es war zum Verrücktwerden."

Doch ein paar Jahre nach dem Tod seines Sohns wurde er zu einem der ersten Mitglieder der October 22nd Coalition, die seit 1996 tödliche Polizeigewalt in den USA dokumentiert, und von Parents Against Police Brutality, einem Zusammenschluss Angehöriger von etwa zwölf Opfern. Iris Baez und Margarita Rosario, Gründerinnen beider Organisationen, hatten beide Söhne, die vom NYPD getötet wurden. Heyward half beim Aufbau dieser frühen Gruppen, den Vorläufern der Netzwerke, die Black Lives Matter nun im ganzen Land wachsen lässt. Von Anfang an diente Heyward New Yorker Familien, die Kinder an die Polizei verloren hatten, als Mentor.

Heyward entwickelte enge Beziehungen zu Angehörigen von Opfern, darunter die Mutter von Eric Garner, dessen Erstickungstod auf einem Handy gefilmt wurde; die Verwandten von Ramarley Graham, der in seinem eigenen Badezimmer in der Bronx erschossen wurde; die Tante von Akai Gurley, der 2014 unter ähnlichen Umständen wie Nicholas im Treppenhaus einer Sozialwohnung erschossen wurde; und der Sohn von Kenneth Chamberlain, einem Veteranen, der erschossen wurde, nachdem sein Hausnotruf versehentlich auslöste. Er hilft diesen Familien, Briefe an Politiker zu schreiben, geht mit ihnen auf Demonstrationen, und hilft ihnen, mit der Trauer umzugehen. Akai Gurleys Tante Hertencia Petersen sagt, sie sei Heyward ein paar Tage nach der Tötung ihres Neffen auf einer Demo begegnet. Die beiden hätten sich sofort einander verbunden gefühlt. "Für mich ist er wie ein großer Bruder", sagt sie, "und er nennt mich ‚Sis'. Wir arbeiten zusammen und unterstützen einander, wo wir können." Heyward riet ihr, im Fall ihres Neffen Berufung einzulegen: Der Beamte wurde des Totschlags schuldig gesprochen, erhielt aber nur gemeinnützige Arbeit statt einer Haftstrafe. Im Gegenzug hilft Petersen Heyward, indem sie ihn daran erinnert, auf sich und seinen Bluthochdruck achtzugeben. "Ich sage ihm: ‚Manchmal musst du einfach langsam machen und dich ausruhen.'"

Heyward gibt auch Workshops über Polizeigewalt. Ihm ist klar, dass Polizeigewalt gegen eine schwarze Person etwas mit allen schwarzen Menschen anstellt. Wie Khalil Gibran Muhammad, Professor für Geschichte, Rasse [sic] und öffentliche Ordnung an der Kennedy School der Harvard University, erklärt, hat Polizeigewalt heute dieselben Auswirkungen auf die schwarze Bevölkerung wie früher das Lynchen. "In Bezug auf die Traumatisierung schadete jeder Lynchmord Abertausenden Menschen in der Umgebung, weil er sie daran erinnerte, wie wenig sie in der sozialen Ordnung galten", sagt er. "Das ist die Lektion, die noch immer Generationen von jungen schwarzen Menschen in diesem Land gelehrt wird."

Die Gruppe Black Lives Matters NYC arbeitet seit zwei Jahren mit Heyward zusammen. Kei Williams, einer der leitenden Organisatoren, bezeichnet ihn als Schlüsselfigur der Bewegung. "Er ist bei jeder einzelnen Demo, jedem Treffen", sagt mir Williams Anfang August. Heyward protestiert und marschiert, meist in Varianten derselben Uniform: ein T-Shirt mit einem Slogan gegen Polizeigewalt oder dem Bild eines schwarzen Revolutionärs, ein Black-Lives-Matter-Armband, vielleicht ein Button mit dem Gesicht seines Sohns, eine Cap mit flachem Schirm und seine Malcolm-X-Brille.

Williams sagt, Heyward bringe ein Gefühl für Geschichte, ein Verständnis des Systems und eingehendes Wissen über Lokalpolitik mit, das den anderen Organisatoren fehle. Josmar Trujillo, Mitgründer der Gruppe New Yorkers Against Bratton und Teil des Teams, das für die Wiederaufnahme des Falls Heyward kämpft, stimmt zu. "Er kennt das System mit all seinen Tücken", sagt er. "Ich kenne fast niemanden, der besser Bescheid weiß."

"Er hat [diese Bewegung] mit aufgebaut", sagt Baez, die Heyward 1995 bei einer Demo für ihren Sohn begegnete. "Wäre er nicht so ein Fels in der Brandung, würde die Bewegung stecken bleiben. Er ist ein wahrer Krieger."

Was Heyward der Bewegung gegeben hat, das gibt sie auch zurück. Der Fall seines Sohns bekommt heute mehr Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit, als es früher der Fall war. Black Lives Matter hat die amerikanische Öffentlichkeit aufgeklärt, und nun "sind die Leute eher gewillt zu glauben, dass die Polizei einfach lügt", sagt Roger Wareham, ein bekannter Bürgerrechtsanwalt, der regelmäßig mit Beweisen für Menschenrechtsverletzungen gegen People of Color vor die Vereinten Nationen tritt und Heyward in diesem Fall berät.

Wenn in Nicholas Heywards Fall ein Urteil fiele oder Fehlverhalten festgestellt würde, müssten örtliche Staatsanwaltsbüros ihr Vorgehen ändern. Marc Fliedner, der ehemalige Chef des Bürgerrechtsbüros der Staatsanwaltschaft Brooklyn, leitete die Ermittlungen in Nicholas' Fall, bis er Anfang Juni zurücktrat. Ihm zufolge könnten die Ermittlungen grobe Mängel in der behördlichen Vorgehensweise bei solchen Fällen aufdecken. Er fügt hinzu, diese Lektionen könnten "ein tonangebender Präzedenzfall" für Gerichtsbezirke in den ganzen USA werden.

Ebenso wichtig ist der Aspekt, den Williams von Black Lives Matter NYC erwähnt. Er sagt, eine Verurteilung "würde es den Familien ermöglichen, damit abzuschließen und sich emotional zu erholen", und würde den Aktivisten signalisieren, "dass man uns anhört".


Angela Grant Heyward sagt, ihre Trauer habe sie "zerrissen". "Als ich Nicholas verloren habe, hat mein Herz richtig geschmerzt", sagt Grant Heyward. "So sehr, dass ich mir die Brust gehalten habe."

Black Lives Matter mag Nicholas' Fall vorangetrieben haben, doch es sieht aus, als seien es Beweise für eine mögliche Mordvertuschung gewesen, die Thompson auf den Plan riefen. Laut Kharey Wood, einem von Nicholas' Spielkameraden, die an jenem Tag auf dem Dach waren, öffnete sich die Tür zum 14. Stock, als Nicholas im Treppenhaus um die Ecke bog. Wood habe gehört, wie die Person so etwas wie "Hey!" rief. Dann habe Nicholas seine Waffe fallen lassen und geantwortet: "Wir spielen nur!" Daraufhin gab es laut Wood einen ohrenbetäubenden Knall und einen roten Lichtblitz.

Bezirksstaatsanwalt Hynes stellte die Erschießung als berechtigte Tötung dar, und drei Monate nach Nicholas' Tod erläuterte er bei einer Pressekonferenz, warum er Officer George nicht strafrechtlich verfolgen werde. Er sagte, die 45 Zentimeter lange Spielzeugwaffe, die Nicholas bei sich hatte, sei "von einer echten Waffe fast unmöglich zu unterscheiden" gewesen. Er stand dabei hinter einer Reihe von 16 realistisch aussehenden Spielzeugwaffen in Schwarz und Silber, manche mit roter Spitze, manche ohne—anstatt die braun-schwarze Nachbildung mit der grellorangenen Laufspitze zu zeigen, mit der Nicholas laut seinen Freunden spielte. Er sagte, George sei zuvor von zwei Anrufen in Kenntnis gesetzt worden, laut denen in der Wohnsiedlung bewaffnete Männer unterwegs seien. Auch sei das Treppenhaus nur schwach beleuchtet gewesen und George habe bei Nicholas' Anblick Angst um sein Leben gehabt. So implizierte Hynes, George habe völlig verhältnismäßig reagiert.

Es sei "hinreichend klar", sagte Hynes damals, "dass die Umstände, die zum tragischen Tod dieses 13-Jährigen führten, nicht Police Officer Brian George zuzuschreiben sind, sondern ein Ergebnis der weiten Verbreitung von Spielzeugwaffen sind."

Doch Dokumente aus Heywards Zivilklage gegen die Stadt sowie Aussagen von Zeugen und mehreren NYPD-Detectives im Ruhestand deuten darauf hin, dass Officer George übermäßig furchtsam und womöglich schlecht ausgebildet war. Die Beweise geben sogar Anlass zu der Vermutung, dass er vielleicht nie eine Waffe in Nicholas' Händen sah.

George war in den Gowanus Houses als "RoboCop" bekannt, weil er sich so nervös verhielt und schon beim kleinsten Anlass seine Pistole auf die Bewohner richtete. Aus Dokumenten der Zivilklage geht hervor, dass vier Zeugen aussagten, George habe öfter die Waffe auf Bewohner gerichtet. Zwei Nachbarinnen, Ramona Hamilton und Ardith Cornelius, erzählen mir von Vorfällen in den Gowanus Houses, bei denen George ohne jeglichen Anlass nach seiner geholsterten Waffe griff. In einem dieser Fälle kam Hamilton gerade mit ihrem Mann vom Einkaufen. "Wir liefen hinter ihm, und als wir auf seiner Höhe waren, [fuhr er herum] und griff nach seiner Waffe", sagt Hamilton. "Mein Mann sagte: ‚Dieser Cop da bringt noch jemanden um.'"

"George war eine sehr ängstliche Person", fügt sie hinzu. "Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Das hier war nichts für ihn."


Ein Demonstrant bei einem Marsch am Martin Luther King Jr. Day 1997 trägt ein Schild, das Nicholas N. Heyward Jr. gedenkt. Foto mit freundlicher Genehmigung von Nicholas Heyward Sr.

Graham Weatherspoon, ein pensionierter Detective des NYPD, der Heyward berät, seit Thompson ermittelt, nennt es irrelevant, dass George über Waffen in anderen Gebäuden in Kenntnis gesetzt wurde. "Die einzig relevante Information ist, was dort passiert ist und warum", erklärt mir Marq Claxton, Direktor der Black Law Enforcement Alliance und ebenfalls pensionierter NYPD-Detective. "Als Polizeibeamter kannst du nicht hinter jeder Ecke Gefahr wittern, wenn du dich in so eine Situation begibst, sonst erschießt du jemanden." Weatherspoon und Clifton Hollingsworth, ein weiterer pensionierter Detective, sagen beide, George hätte Verstärkung anfordern müssen, wenn er sich aufgrund der Berichte aus der Zentrale fürchtete. Entgegen Hynes' Behauptung war das Treppenhaus außerdem hell erleuchtet, berichten mehrere Zeugen—darunter die Freunde Wood und Katrell Fowler sowie Rose Marie Rivera, die erste Nachbarin, die am Tatort eintraf.

Fowler, damals 14, spielte an jenem Abend mit Nicholas. Er sagt mir, die Waffe, die Nicholas hielt, habe nicht realistisch ausgesehen. "Seine Waffe hat sehr, sehr deutlich nach Spielzeug ausgesehen", sagt er. Gerald Preston, der ebenfalls mitspielte, stimmte zu. "Die orange Laufspitze hat es verraten, Punkt." Doch möglicherweise hat George die Waffe auch überhaupt nicht erblickt. In den prozessvorbereitenden Dokumenten der Zivilklage steht, Staatsanwalt Joseph Alexis werde aussagen, George habe ihm gegenüber behauptet, er habe zum Zeitpunkt des Vorfalls keine Waffe gesehen. Alexis war 1994 für Nicholas' Fall zuständig und stritt mir gegenüber durch eine andere Quelle ab, dass George ihm gegenüber behauptet habe, keine Waffe gesehen zu haben, oder dass Alexis vorhatte, dies vor Gericht anzuführen. Das Dokument besteht aus Informationen, die Heywards und Georges Anwälte getrennt voneinander zusammengetragen haben. Der Richter lehnte es schließlich als "unzureichend" ab, weil es sich nicht um "das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen" handele (wie bei diesen prozessvorbereitenden Dokumenten erforderlich). Einer von Heywards damaligen Anwälten ist inzwischen verstorben; der andere erinnert sich nicht an den Fall.

George war in den Gowanus Houses als "RoboCop" bekannt, weil er sich so nervös verhielt und schon beim kleinsten Anlass seine Pistole auf die Bewohner richtete. Aus Dokumenten der Zivilklage geht hervor, George habe öfter die Waffe auf Bewohner gerichtet.

Bezirksstaatsanwalt Thompson muss noch entscheiden, ob die Beweise für eine Mordanklage gegen den inzwischen pensionierten George ausreichen. Für geringfügigere Anklagen wie fahrlässige Tötung oder Totschlag ist die Verjährungsfrist abgelaufen und Mord ist nur dann gegeben, wenn der Täter vorsätzlich handelt. Laut Wareham könnte es jedoch auf Vorsatz hinweisen, wenn George Nicholas gut sehen konnte und Zeit hatte, "Hey" zu rufen.

In der eidlichen Aussage, die George im Zuge der Zivilklage machte, erzählte er folgende Version: Nicholas sei die Treppe hinuntergesprungen, dann wieder hinaufgesprungen und habe dann die Waffe gehoben und auf ihn gerichtet. "Diese Zeit würde ausreichen, um zu beobachten und einzuschätzen", sagt Claxton.

Durch einen Verwandten lehnte George es ab, für diesen Artikel einen Kommentar abzugeben. Weder das NYPD noch die Polizeigewerkschaft New York City Patrolmen's Benevolent Association reagierten auf meine Anfrage.

Heyward hält das Spielzeuggewehr, mit dem Nicholas spielte, als er getötet wurde.

Wareham sagt, Hynes hätte mit den vorliegenden Beweisen George wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung verfolgen können. Gegen Hynes wird inzwischen wegen mutmaßlicher Veruntreuung öffentlicher Gelder ermittelt. "Er hätte vermutlich jede Anklage haben können, die er wollte", sagt Wareham. "Doch die Haltung des Staatsanwalts war: ‚Dieser Fall verschwindet wieder.' Dieselbe Haltung findet man auch heute bei allen möglichen Gesetzeshütern: Es ist doch nur ein schwarzes Kind."

Laut Hynes' Anwalt Sean Haran steht der ehemalige Bezirksstaatsanwalt "zu der guten und professionellen Arbeit, die sein Büro bei den Ermittlungen und der Überprüfung dieses Falls gemacht hat".

Bezirksstaatsanwalt Thompson erwägt also vielleicht, George strafrechtlich zu verfolgen, und könnte auch womöglich untersuchen lassen, ob Hynes oder das NYPD sich Fehlverhalten zuschulden kommen lassen haben. Heyward ist optimistisch: Thompson hat bereits Peter Liang, dem Beamten, der Akai Gurley erschoss, den Prozess gemacht, und etwa 20 Fehlurteile seiner Vorgänger aufgehoben. Es gibt allerdings auch Grund zur Skepsis: Thompson war es auch, der dem Richter damals empfahl, Liang keine Haftstrafe zu geben. Stattdessen musste er gemeinnützige Arbeit leisten und bekam eine Bewährungsstrafe, wodurch der Fall ein wenig wie ein Schauprozess wirkte. Eine Sprecherin der Bezirksstaatsanwaltschaft konnte den Fall nicht kommentieren, da dieser noch offen ist.

Vor einem Jahr hat Thompson sein Versprechen erneuert, den Fall wiederaufzunehmen. Das lange Warten darauf, dass die Regierung auch nur halbwegs vernünftig auf die Tötung seines Kindes reagiert, hat Heywards Leid vergrößert. Heute kämen ihm in unerwarteten Momenten die Tränen und der Schmerz sei manchmal noch stärker als früher, sagt er. Jedes Mal, wenn ein Polizist einen Schwarzen erschießt, "erlebt man den Schmerz des Verlustes wieder und wieder".

Doch Heyward gibt die Hoffnung niemals auf. Dieses Jahr hat er Thompson wieder zum Gedenktag für Nicholas eingeladen. Er wurde an einem Samstagnachmittag Ende August im Nicholas Naquan Heyward Jr. Park begangen.

Dieses Jahr waren es 35 Jahre seit seiner Geburt und 22 Jahre seit seinem Tod. Wie jedes Jahr gab es Musik und Reden, Kunst und Handwerk, Basketball und ein Tauschprogramm, bei dem Kinder für Spielzeugwaffen Bücher und andere Spielsachen bekommen. Thompson erschien nicht. Doch Heyward erzählte die Geschichte seines Sohns allen Anwesenden und sagte, er hoffe diesmal auf gründliche und transparente Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Gegen Abend verabschiedeten sich Freunde und Familie und der Platz wurde still. Bald hörte man im Park nichts mehr außer dem Lachen der spielenden Kinder.

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Jahrgang 12 Ausgabe 6