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In Deutschland herrscht eine Zweiklassengesellschaft unter Obdachlosen

Am Rande der Gesellschaft ist ein neues Phänomen zu beobachten: gute Betreuung für Wohnungslose mit deutschem Pass und schlechte bis keine Betreuung für ausländische Obdachlose.
12.4.13

In Berlin wurden am 16. März ein 36 und ein 42 Jahre alter Obdachloser in einem leerstehenden Plattenbau tot aufgefunden. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. sind in diesem nicht enden wollenden Winter bisher mindestens fünf wohnungslose Menschen erfroren, zudem kommen sechs weitere Todesfälle, die ebenfalls auf Erfrieren hindeuten. Mindestens 250.000 wohnungslose Menschen leben auf deutschen Straßen. Dabei geht es den Obdachlosen aus den EU-Nachbarländern noch schlimmer. Die werden nämlich in den Sozialeinrichtungen abgewiesen.

„Die Bewohner empfinden das hier schon ein bisschen als ihr Haus. Wenn ich jetzt auf die Idee käme, die immer wieder ankommenden Roma hier rein zu lassen, dann bekomme ich furchtbaren Ärger“, erzählt mir Karin Ambacher, einer der sechs Mitarbeiterinnen von der Notunterkunft des deutschen roten Kreuzes (DRK) in Neu-Ulm.

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Aber eigentlich stehen Kommunen in der Pflicht, Notunterkünfte für Obdachlose anzubieten. Ich sitze bei Frau Ambacher im Büro. Sie sitzt ganz vorne auf der Kante ihres Schreibtischstuhls und hat eine bewundernswert gerade Körperhaltung. Während unseres Gesprächs lacht sie immer wieder laut und herzlich auf. Ihre Brille sitzt ihr vorne auf der Nase. Für mich hat sie etwas mütterliches an sich. Sie arbeitet nun schon seit 21 Jahren im DRK, in dem es einen Gemeinschaftsraum, Gruppenschlafräume, ein Frauenzimmer und ein Genesungszimmer für Kranke mit insgesamt 32 Betten gibt.

Frau Ambacher sagt mir, dass in den letzten Jahren vor allem Bulgaren und Rumänen oft einen Schlafplatz erbitten. Natürlich dürften sie duschen und bekommen eine Schnitte, aber übernachten lassen kann Frau Ambacher diese Menschen hier nicht. Die anderen Bewohnern fühlen sich bedroht, sagt sie mir. „Das ist ganz normale Soziologie, dass denkt man nicht als Bildungsbürger. Aber es ist ja so, dass wenn ich unterprivilegiert und relativ chancenlos bin und dann kommt da eine Gruppe, die gesellschaftlich noch weiter unten ist, dann habe ich die Neigung mich über die zu erhöhen,” erklärt Frau Ambacher, die sich hier selber in einer Mehrfachrolle zwischen Sozialarbeiterin, Hausherrin und Ober-Hexe sieht. „Diese Spirale fängt ganz oben bei den Superreichen an.“

Ich frage Frau Ambacher, wie diese Schwierigkeiten aussehen, worauf die zierliche Frau in ihrem hellblauen Pullover und dem hellblauen Schal tief Luft holt und sagt: „Ach hier ist schon einiges passiert. Ausschreitungen, wie  zum Beispiel Schlägereien zwischen den Bewohnern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Roma sich schwer tun, die Strukturen und die Hierarchien in diesem Haus zu akzeptieren.“

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Ich erfahre, dass Schlägereien, Diebstahl, und Drogenkonsum keine Seltenheit sind. „Die Einrichtung ist ein Sammelbecken für alle möglichen Leute, die in keine Hilfe mehr rein passen. Es ist ein Sammelsurium von persönlichen Problemen”, sagt Frau Ambacher.

Durch die Medien hatte ich im Vorfeld schon erfahren, dass Bulgaren und Rumänen des Öfteren von sozialen Einrichtungen abgewiesen werden, doch mit dieser Offenheit, die mir Frau Ambacher entgegenbringt, hatte ich nicht gerechnet. Ich frage sie, eine sichtlich sozial engagierte Person, wie sie damit umgeht, diese Menschen wieder auf die Straße zu schicken. „Die haben hier keinen Anspruch auf Sozialleistungen“, sagt sie mit einer kaum hörbaren und belegten Stimme und fügt hinzu, „es tut mir leid.“

Frau Ambacher erzählt mir, dass sie in den letzten 21 Jahren schon so einiges mitgemacht hat. Sie sagt selber, dass sie im Vergleich zum Beginn ihrer Karriere abgestumpft sei, das müsse man auch, sonst könne man diesen Beruf nicht machen: „Du darfst dich nicht von deinem Mitleid leiten lassen. Ich sehe das Ganze emotionslos, mich schockt nichts mehr“, sagt sie. „Ich kann niemanden retten, das muss derjenige selber machen.“

Scheinbar nicht einfach geht es ihr über die Lippen, wenn sie sagt: „Wenn sie nach Deutschland kommen, ist das ihre Sache, sie dürfen kommen, im Rahmen der Freizügigkeit, aber sie müssen kucken, dass sie sich irgendwie über Wasser halten."

Ich bin ein wenig geschockt über diese harschen Äußerungen. Ich erfahre, dass die Schwierigkeiten der Leute immer komplexer werden. Der Drogenkonsum hat massiv zugenommen und hat schwere Auswirkungen auf die Notunterkünfte. „Beim Alkohol drücken wir schon manchmal ein Auge zu. Wir schaffen es aber nicht die illegalen Drogen unter Kontrolle zu bringen. Bei Drogen ist dann ja auch die Beschaffungskriminalität noch ein wichtiger Faktor. Ich möchte wetten, dass fast jedes Mädchen hier schon mal die Beine breit gemacht hat, um sich zu prostituieren und auch bei den Männern ist Prostitution ein Thema“.

Frau Ambacher verrät mir, dass einige der Bewohner hier schon seit mehreren Jahren leben. Stolz ist sie darauf nicht. „Die Menschen hier haben einen Mangel, also nicht nur den Mangel an Geld, sondern den Mangel an Miteinander. Wenn man über Armut redet, redet man immer über Geld, Geld, Geld. Aber das ist es nicht. Ohne Geld kann man es noch einigermaßen aushalten, aber ohne alles andere, was die Menschlichkeit ausmacht, ist es viel schwieriger.“

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Als ich das Gebäude des DRK verlasse, muss ich mich erst mal sammeln. Was ich hier erlebt habe, ist eine Lebenswirklichkeit, die die meisten so nicht kennen. Trotzdem bleibt es für mich schwer zu verstehen, dass eine Noteinrichtung einige Menschen kategorisch ablehnt. Ich kann die Begründungen, warum sie nicht aufgenommen werden können, logisch zwar nachvollziehen, moralisch jedoch nicht.

Bis auf die Landesstatistik in Nordrhein-Westfalen, gibt es keine offiziellen Wohnungslosenstatistiken. Deswegen ist es auch schwer auszumachen, wie hoch der Ausländeranteil unter ihnen ist.  „Werden hilfesuchende Menschen in Notunterkünften abgewiesen, ist das eine rechtswidrige Praxis“, erklärt mir Dr. Jordan, Fachreferent der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. in einem Telefonat. „Es ist schon richtig, dass sie dort nicht langfristig unterkommen können, aber man muss dann schauen, wo gehören die eigentlich hin im Hilfesystem. Das erfordert natürlich Geld.“ Tja und das müsste vom Staat bereit gestellt werden, aber leider besitzen weder deutsche noch ausländische Obdachlose einflussreiche Lobbyvertreter, entgegne ich Dr. Jordan. „Die Folgekosten einer europäischen Integration muss man eben genau so bezahlen, wie alles andere“, meint er dazu. Viele Einrichtungen, besonders in Großstädten, werden überrannt. Die stehen vor einem großen Dilemma.“

Nach all den Informationen die ich nun gesammelt hatte, wollte ich dann doch mal wissen, wie deutsche Obdachlose zu dem Thema stehen. An einem Samstagmittag begebe ich mich also in die Einkaufsstraße von Ulm, dort treffe ich auf Maria, die auch sofort Lust hat mit mir zu quatschen, also setze ich mich zu ihr auf den kalten Boden. Maria lebt nun schon seit fünf Jahren auf der Straße und verkauft in der Einkaufsstraße gehäkelte Topflappen. Der weiße Ansatz unter ihren rot gefärbten Harren ist deutlich zu sehen. Sie hat bloß einen dicken blauen Pullover an und darüber eine dunkle Weste.

Ihr Blick ist müde und sie wirkt kraftlos. Sie hat eine Weile im DRK gelebt, wurde jedoch rausgeworfen weil sie Läuse gehabt haben soll, was sie aber vehement bestreitet.

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Ich frage sie auch, ob sie sich durch ausländische Obdachlose bedroht fühlt. „Nein“, sagt sie, wobei sie unentwegt weiter an einem roten Topflappen häkelt. „Es gibt zunehmend mehr Roma, Leute die wirklich nichts haben. Wenn sie Glück haben, besitzen die noch einen Schlafsack. Ich sehe die aber nicht als Konkurrenten an, die mir meinen Platz streitig machen. Denen geht es doch eigentlich fast noch beschissener als mir.“

Sie erzählt mir, dass sie einfach nur weg von der Straße will. „Ich will nicht mehr und ich kann auch nicht mehr. Ich will mir einfach mal wieder Klamotten kaufen, mal wieder eine Hose. Ich will einfach mal wieder Mensch sein,“ sagt sie. Sie hat sogar eine günstige Wohnung in Aussicht, die sie sich leisten könnte, dafür braucht sie aber am besten heute noch 50€ für die Kaution. Maria ist ziemlich verzweifelt. „Im DRK war es schon angenehmer, als hier auf der Straße, aber ich habe dort diese Gefühlskälte mitbekommen, die Atmosphäre dort.“ Gestern häkelte sie von 11 bis 17 Uhr an demselben Platz und hat bloß 3,50 Euro verdient, erzählt sie mir.

Maria berichtet mir dann noch eine ganze Weile von ihrem Leben auf der Straße. Wie es ist, manchmal  drei Tage nicht zu schlafen und nichts zu essen zu haben, an welchen Plätzen sie problemlos schlafen kann und dass sie manchmal gezwungen ist, sich Lebensmittel zu klauen. Meine eigenen Probleme wirken einfach nur noch nichtig.

Kurze Zeit später bleibt ein Passant vor uns stehen, fragt lachend ob wir beide Schwestern wären und wirft Maria einen 20 Euro Schein entgegen. Marias Freude ist unbeschreiblich. „Ab diesem Tag bist du mein persönlicher Glücksbringer“, meint sie und nennt mich „Schwester“.

Irgendwann verabschiede ich mich von Maria. Ich denke über ihre Worte nach „Es kommt nicht darauf an, was du den Menschen gibst, sondern, dass es von Herzen kommt. Das ist doch scheißegal, ob nachts auf der Bank neben mir ein Deutscher, ein Türke oder ein Roma schläft. Mensch bleibt Mensch und schnarchen tun sie eh alle gleich.“