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Bundestagswahl 2013

Die Beschissenheit der Wahlplakate

Diese lahmen Kampagnen werden niemanden aus der Sommerdepression und dem Sommerloch holen können.
6.8.13

Die CDU hat vier Plakate vorgelegt, die zufriedene Menschen zeigen. Acht Jahre Merkel muss man ja auch in den Gesichtern sehen. Es sind Familien, Paare, junge und alte Menschen, und eine Eigenschaft vereint sie alle: weiße Haut, ein unzweideutiges Symbol für christlich-demokratische Grundwerte. Aber was soll ein Motiv à la: blondes Mädchen, Autowerkstatt, iPad, TFT-Monitor? Ganz klar: Mithilfe von China-Importelektronik kurbeln deutsche Mädel den Autoexport an. Aber was diese Bilder mit konkreten Maßnahmen für die Zukunft unseres Landes zu tun haben sollen, bleibt doch schleierhaft. Zur Veranschaulichung möchte ich mit euch ein kleines Bilderrätsel spielen. Ich habe einen Screenshot aus dem Otto-Küchenkatalog und einen Screenshot vom CDU-Familienplakat gemacht. Ratet mal, was was ist.

War nicht schwer, denn Erdbeeren sind symbolisch längst von der SPD besetzt, seit sich die Reutlinger Kandidatin Rebecca Hummel mit ihrer roten Marmelade als YouTube-Hit versucht hat. Es ist natürlich das Bild mit Papa, Tochter und goldgelbem Pfannkuchen. Ich glaube an den Kalauer-Humor der CDU und bin davon überzeugt, dass sie damit ankündigt, die Gelben bei eventuellen Koalitionsverhandlungen ordentlich in die Pfanne zu hauen. Und hinten steht Mama mit dem Finger an einem Gerät, das ehrlich gesagt wie ein Turntable aussieht. DJing ist ja in der Union seit Guttenberg nicht mehr nur etwas für Druffies. Aber jetzt schon in der Küche? Die SPD hat vier Plakate vorgelegt, die unzufriedene Menschen zeigen. Natürlich mit etwas mehr Diversity. Eine Familie mit hypersubtil angedeutetem Migrationshintergrund und ein paar Umzugskisten. Eine Putzkolonne, ein älteres Paar, kann man sich ja alles denken. Aber der Druck, der auf diesen Agenturleuten lasten muss, ein Motiv voller Political Correctness zu machen, ist nur auf folgendem Plakat in seinem prallsten Ausmaß sichtbar: Eine junge weiße Mutter mit dunkelhäutigem Kind im Buggy. Der Gedanke, den man erstmal unterdrücken muss, bevor man das Bild weiter anschauen kann, ist: arme alleinerziehende Mama, die sich einen Schwarzen angelacht hat und jetzt schauen kann, wo sie bleibt. Lächeln durfte die Protagonistin bei diesem Shooting nicht, die Jeans musste so schlecht sitzen, damit der Frust über die schwarz-gelbe Betreuungswüste in all seinen Kalorien zutage tritt. Bei der Kita im Hintergrund durfte natürlich auch nicht klar sein, ob DDR- oder BRD-Architektur. Wenn ihr euch mit Paranoia und Obsessionen in der Kunst beschäftigen wollt, schaut euch keine Filme von David Lynch an, sondern dieses Plakat. Superliberal und völlig hemmungslos in der Motivvielfalt ist dagegen die FDP. Die Plakate versuchen es mit Herzlichkeit, etwa ein 20 Kilo schlanker gephotoshoppter Rainer Brüderle oder ein Philipp Rösler mit einem verpickelten Teenie namens Felix-René Haß.

Jedes Plakat funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Ein Protagonist berichtet von einer Leistung der FDP. Und als Pointe kommt dann der Spruch: „Gut gemacht, FDP!“. Das Beste dabei ist: Ihr könnt bei der FDP euer eigenes Wahlplakat gestalten. Mit diesem Formular ist es wirklich kinderleicht. Ihr dürft alles hochladen und alles dazuschreiben. Natürlich wird die FDP eure kranken Ideen nicht hochladen. Aber immerhin könnt ihr euer Foto in einer Minute in ein Plakat basteln und es für eure Facebook-Freunde posten. Was in der Welt könnte euch sexuell attraktiver machen? Ich finde das eine fabelhafte Idee von der FDP. Aber die bisherigen Plakate überzeugen mich noch nicht. Deshalb habe ich versucht, die wahren Leistungen der FDP darzustellen:

Während die FDP also die kreative Leistung an die Bürger delegiert, haben Grüne und Piraten dann doch ganz ordentliche Agenturen beauftragt. Diversity galore, ausdrucksstarke, bunte Bilder. Ein Shitstorm ist da nicht in Sicht, im Gegensatz zum Grünen-Plakat mit dem Arsch einer dunkelhäutigen Frau und dem Slogan „Der einzige Grund, Schwarz zu wählen“ 2009, als das Wort Shitstorm noch keiner kannte.

Ziemlich sparsam und trashig geht die Linke an die Sache ran: Reißerische Sprüche ohne Bilder, die ziemlich viel versprechen. Wie zum Beispiel „Teilen macht Spaß“: Bei den Piraten heißt das etwas subtiler: „Teilen ist das neue Haben“. Die vielen Slogans in Kombination mit echten Parteimitgliedern, deren Namen wir allerdings nicht erfahren, haben sich ja schon in mehreren Wahlkämpfen bewährt. Ob sich diese intelligenten Sprüche auch in guter Politik niederschlagen, ist allerdings fraglich.Vor allem wenn man bedenkt, dass sie im Berliner Senat vorgeschlagen haben, einen weiteren Flughafen zu bauen, oder eine Anfrage gestellt haben, ob Berlin für eine Zombie-Apokalypse gerüstet sei. Gegen einen Umstand aus dem realen Leben ist die Partei der Netzaktivisten absolut machtlos: Plakate lassen sich ziemlich einfach hacken, indem man sie überklebt. So macht es nämlich die Initiative „Wahlboykott“ der „Sozialistischen Linken“:

Auf den Slogan „Märkte brauchen Regeln“ kann man schließlich einfach mit dem Slogan „Ausbeutung abwählen? Das klappt nie! Boykott den Wahlen der Bourgeoisie!“ reagieren. Anders geht da die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) vor: Mit ihren Helden Marx und Lenin betreibt sie eiskaltes Brandbuilding:

„Kapitalismuskritik – das Original“—die Rhetorik kennt man ja von Fastfoodketten und Kinoplakaten. Eng tuscheln Karl und Vladimir Il’ič miteinander, als wüssten sie nicht genau, was sie auf diesem Wahlkampfplakat 2013 zu suchen haben. Mehr als eine marxistisch-leninistische Bro-Comedy wird der Wahlkampf der MLPD wohl nicht aus ihnen machen. Und keine Chance gegen die seligen Soap-Szenen der CDU haben.

Mehr politischer Schwachsinn:

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