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The Grievous Sins Issue

Beschäftigungstherapie in Kibera

Kibera ist ein Medienstar unter den Slums dieser Welt und wurde berühmt dank der Behauptung, es handele sich um den größten Slum Ostafrikas. Ich beschloss, Kibera genauer unter die Lupe zu nehmen und zog dorthin, wo keiner wohnen wollte und musste...

von Tina Glantz
26 April 2013, 6:27am

Fotos von Nichole Sobecki



Einige der besseren Häuser in Kibera

Kibera ist ein Medienstar unter den Slums dieser Welt und wurde eine zeitlang verfolgt wie ein Promi von Papparazzis. Neben der BBC und al-Dschasira gaben sich schon Berühmtheiten wie Hillary Clinton und Gordon Brown die Ehre, selbst Barack Obama entzückte die Slumbewohner mit seinem ehrenvollen Besuch. Der Medienrummel begann mit der Behauptung, es handele sich um den größten Slum Ostafrikas. Ähnlich einer Werbekampagne sprachen verschiedene „Experten“ von ein bis zwei Millionen Einwohnern. Es ist nicht klar, wer diese falschen Zahlen in Umlauf brachte. Die Regierung hielt lange daran fest, renommierte Organisationen wie UN-Habitat und Amnesty International tun es immer noch. Der kenianische Statistiker Collins Opiyo kam im Zuge einer landesweiten Volkszählung 2009 hingegen zu dem Ergebnis, dass die tatsächliche Zahl bei rund 170.000 Einwohnern liegen muss.

Eigentlich war es mein Plan, als Studentin der Sozialen Arbeit mein Praxissemester in Kenia zu machen, um ein paar Auslandserfahrungen zu sammeln. Ich interessierte mich dafür, von einer international vernetzten Gemeinschaft von TheateraktivistInnen zu lernen. Doch in der Drei-Millionen-Hauptstadt Nairobi angekommen, war die Realität komplett anders, als alles, was ich mir in meiner heilen Welt in Berlin auch nur hätte vorstellen können.

Ein Mitarbeiter der Organisation, für die ich tätig sein sollte und bei dem ich gleichzeitig wohnte, stellte mich sofort nach meiner Ankunft in Nairobi zwei Gruppen von Jugendlichen vor, die in Kibera leben. Ich war umringt von energiegeladenen jungen Leuten, mit denen ich die nächsten Monate Theater spielen, Performances einüben, Hula-Hoops bauen und Spoken Word praktizieren würde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass diese Art des Zeitvertreibs ein Ablenkungsmanöver darstellte. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich sollte mir die Zeit im Slum vertreiben. Der einzige wirkliche Grund meiner Anwesenheit war die absurd hohe Miete, die ich für das Zimmer zahlen musste, quasi eine inoffizielle Förderung einer Einzelperson aus der gehobenen Mittelschicht, die nicht mal in Kibera selbst lebte.


In unserem Treffpunkt beim Aufwärmen fürs Hula-Hoop

Der Verdacht liegt nahe, dass die medienwirksame Inzsenierung Kiberas einer Menge Projekten und Nichtregierungsorganisationen—ein Großteil von westlichen Industrienationen finanziert—geholfen hat, im Slum Fuß zu fassen. Offizielle Angaben sind schwer zu finden, genau wie die NGOs vor Ort. Warum, fragte ich mich, wirkt Kibera, das angeblich so viel internationale Aufmerksamkeit und Fürsorge erhielt, wie eine Art Biosphärenreservat, in dem Armut konserviert und ausgestellt wird?

Kibera koexistiert als Teil einer Millionenmetropole, die ihrem globalen Image gerecht werden will. Mein Eindruck von „Chocolate City“, wie die Einwohner ihren Slum nennen, war der einer Stadt der integrierten Outlaws, der Dreh- und Angelpunkt einer organisierten Armutsindustrie, an der Vertreter aus westlichen Industrienationen und privilegierte Einheimische gleichermaßen beteiligt sind.

Es sind vor allem Einzelpersonen, die wirklich von den Geldern profitieren, erzählen mir viele der Einwohner. Die jüngeren von ihnen schilderten mir, wie sie als Mitglieder von kleineren Kirchengemeinden zu Repräsentationszwecken vereinnahmt wurden, damit Pastoren sich im Namen von Glaube und Gemeinnützigkeit an internationalen Spendengeldern bereichern konnten—junge, gläubige Kiberianer als Vorzeigeobjekte der Armut für den internationalen Besuch weitgereister Glaubensbrüder und Schwestern aus dem Westen, und schließlich bibeltreue Pastoren, die sich nach Abreise der Besucher ein neues Auto oder wahlweise ein neues Haus kaufen, außerhalb Kiberas selbstverständlich. Beweise dafür gibt es natürlich meistens keine.

Ich fühlte mich wie ein Eindringling in einem Milieu, welches anmutete, als wäre es geradewegs den 20-Uhr-Nachrichten über extreme Armutsverhältnisse im Süden entsprungen: Eine Wellblechhütte reihte sich an die nächste, zwischendurch brennende Müllkippen, Ziegen und im Schmutz spielende Kinder. Alles was ich hatte, war mein Hula-Hoop, den ich wie eine Waffe vor mir hertrug.


Collins Orido, Sprecher der Gruppe AGAPE, vor der selbst-verwalteten Schule seiner Jugendgruppe

Die Menschen lächelten mich an und hießen mich willkommen in „ihrer Welt“. Nur, dass ihre Welt schon längst nicht mehr ihre Welt war, sondern eine Kulisse in einem Betroffenheits-Freizeitpark für Abenteuerlustige und Neugierige aus dem Westen, wie mir langsam klar wurde.

Kibera ist seit Langem ein obligatorischer Halt für Hollywood-Filmcrews, mit dem Ziel ein wenig Armuts-Authentizität in ihre Produktionen zu holen. Der Film Soul Boy handelt von einem Jungen, der die Seele seines Vaters retten muss, die mithilfe von schwarzer Magie gestohlen wurde. Es sei ein Film „über das Leben, die Mythologien, Märchen und Geheimnisse der Leute hier“, wie Tom Tykwer, Produzent und Filmemacher, in Interviews erklärt. Die Realität sieht weniger märchenhaft aus. Soul Boys Vater ist schlicht an Aids gestorben.

Als ich Soul Boy, der mein Nachbar ist, und im wahren Leben Samson Odhiambo heißt, frage, wie sich sein Leben seit dem Film verändert hat, zuckt er mit den Schultern: ,,Sie wollten mich und das Leben hier nicht wirklich verstehen, sie haben mich benutzt und ich habe das nicht verstanden, denn ich war noch ein Kind, als ich durch einen Zufall die Hauptrolle in diesem Film bekam. Manchmal wünschte ich, ich hätte nie mitgespielt, es hat mein Leben nicht einfacher gemacht.“

Der Anspruch der Entdecker ist es, hinter die Kulissen zu blicken, sie wollen das echte, das WIRKLICHE Afrika, nicht das Filmschnulzen-Afrika. Das wissen auch die Afrikaner und so laden sie fröhlich ein „in den freundlichsten Slum der Welt“, der angeblich „unseen by most tourists“ ist, wie die Reiseagentur African Spice Safaris auf ihrer Website behauptet.


Ein selbst gemachtes Alphabet (ein Großteil der Einnahmen durch Tanzshows und Musikauftritte fließt in Material für die Schule)

Auf der Suche nach Authentizität marschiert tagtäglich eine Armee von Touristen nach Chocolate City, um einen Blick auf die vermeintlich raue Wirklichkeit dieser Lebenswelt zu erhaschen. Begleitet werden sie von Tourguides. Geführte Touren durch Slums werden durch externe Agenturen dominiert, die lokale Bevölkerung ist dabei Staffage, im Idealfall sind sie Statisten.

Ich beschloss, Kibera genauer unter die Lupe zu nehmen und zog dorthin, wo keiner wohnen wollte. Mein Forschungsobjekt hier im Slum sind nicht etwa die Einheimischen, sondern der Forschungsreisende der Neuzeit, der sich sehr oft als Hippie verkleidet und zu meinem Leidwesen genauso aussieht wie ich. Gerne sagt er Dinge wie: „I am a Gypsy, you know?“ Das bedeutet übersetzt: Ich bin ein gelangweiltes, privilegiertes Mittelstandskind aus Europa mit der Möglichkeit, jeden Tag dorthinzugehen, wo ich will, und das zu entdecken, was für andere Alltag, für mich aber das Abenteuer Armut ist. Ich habe mich inzwischen an die Technik des Auslächelns gewöhnt, die ich von den Menschen hier gelernt habe, etwa wenn mir wieder eine Die weiße Massai-Leserin über den Weg läuft und mir erklärt, Afrika hätte sie quasi gerufen, sie spüre diesen tiefen Bezug in ihrem Herzen, daher auch der Wunsch nach einem süßen „Schokobaby“.

In ihrem Bestreben, die eigene profane Alltagswelt zu verlassen, merken zivilisationsmüde, kapitalismuskritische Weltretter nicht, dass es um die Befriedigung ihrer eigenen sozialen, kulturellen und psychischen Bedürfnisse geht. Die Slumbewohner werden dabei zum Material der eigenen Wunschvorstellungen. Oft handeln sie sogar nach Anweisungen von oben, wie ich erleben konnte. Die Jugendlichen, mit denen ich angeblich arbeitete, arbeiteten in Wirklichkeit mit mir und sollten möglichst MEINEN Interessen und Vorstellungen entsprechen. So wurden die Bilder meiner Vorstellungswelt absurderweise zur eigens für mich konstruierten Realität. Ich ahnte langsam, dass mein sogenannter Mentor das Profil der angeblichen Organisation dazu nutzte, Hippie-Mädchen mit Hula-Hoops aus Europa anzulocken und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Den Jugendlichen wurden Anweisungen erteilt, wie sie die neugierigen Fremden aus Europa zu entertainen hätten.

„Warum wehrt ihr euch nicht dagegen?“, fragte ich sie, „warum spielt ihr dieses Spielchen mit?“

„Sobald die Leute wissen, dass du aus Kibera bist, halten sie Abstand von dir. Sie glauben, dass wir alle kriminell sind und Aids haben“, erklärte mir Faith, eine der Jugendlichen.


Samson Odhiambo alias Soul Boy in den Straßen von Kibera. Nach Erscheinen des Filmes traute er sich kaum, das Haus zu verlassen, heute beachtet ihn niemand mehr.

Über HIV/Aids wissen alle hingegen viel zu erzählen. Gerade in diesem Moment findet ein Seminar zur Thematik statt. Da viele allerdings schon zum 30. Mal an dem Seminar teilnehmen, müssten sie inzwischen Experten sein in Sachen sexuell übertragbare Krankheiten.

Warum nehmen sie dann trotzdem Teil, und warum werden keine neuen Seminare angeboten? Don lächelt mich verschmitzt an: „Wir brauchen die Aufwandsentschädigung und die brauchen unsere Unterschriften—so einfach ist das! Wir würden gerne selber bestimmen, was wir brauchen, aber weil das nicht möglich ist, regeln wir das eben anders.“

Alle Teilnehmenden bekommen eine Aufwands­entschädigung von 300 Kenianischen Schilling. Das Geld soll als Anreiz dazu die­nen, am Seminar teilzunehmen, was auch ganz gut funktioniert. Für umgerechnet etwa 2,70 Euro nehmen die Jugendlichen alle paar Wochen an ein und demselben Seminar teil. Sie verändern ihr Äußeres und denken sich neue Namen aus, mit denen das nächste Mal unterschrieben wird.


Don Ochieng, Leonada und Ashley Kilishia beim Tanztraining

Die Unterschriften dienen als Nachweis für die erfolgreiche Durchführung von Maßnahmen zur Bekämpfung von HIV/Aids. Die NGOs vor Ort sichern sich so weitere Bildungsaufträge, die durch externe Geldgeber aus Europa und Amerika gestellt werden. Die wiederum lehnen sich entspannt zurück und glauben weiterhin an den Nutzen ihrer Bildungsaufträge.

Gerne wird auch Foto- und Filmmaterial genutzt, um Sinnhaftigkeit und Erfolg von Bildungskampagnen, Peacekonzerten und Talentshows der Außenwelt zu präsentieren. Bilder sprechen bekanntlich Bände und wie sonst sind die lachenden und zufrieden dreinblickenden Gesichter der Ghettokinder zu interpretieren?

„Du findest meine ganze Familie und die meisten von uns im Internet“, erzählt mir Collins, der die Seminare für seine Freunde organisiert. „Wir sind in zahlreichen Youtube-Videos und auf Fotos porträtiert, aber wir haben keine Macht, darüber zu entscheiden, was mit unseren Stimmen und Gesichtern passiert.“

Hinter den Kulissen, im Inneren des Wellblechs, abgeschottet von der Außenwelt und fernab von Fotoapparaten treffen sich die Jugendlichen jeden Tag, um Zeit miteinander zu verbringen. Trotz allem glauben sie an Solidarität und daran, ihre Probleme eigenständig anzugehen. Gerade haben sie ihre eigene Schule aufgebaut und unterrichten Kinder aus der Nachbarschaft, ehrenamtlich und ohne jeden äußeren Einfluss, einfach mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen. Sie inszenieren ihre eigenen Theaterstücke mit eigenen Themen. Sie schreiben ihre eigenen Texte, erzählen ihre eigenen Geschichten. Etwas, das ich dabei immer wieder hörte war: „Wenn die Leute wirklich helfen wollen, dann sollen sie uns erst einmal zuhören und echte Graswurzelbewegungen unterstützen. Wir können und wollen für uns selbst bestimmen, was wir brauchen!“
 

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Jahrgang 9 Ausgabe 4