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So reagieren "Asylkritiker", wenn ein Flüchtling sich vor die Straßenbahn schmeißt

"Einfach drüberfahren, den vermisst eh keiner."

von Verena Bogner & Markus Lust
18 Oktober 2016, 8:15am

Screenshots via Facebook

Die Berichterstattung über Suizid und Suizidversuche ist immer eine schwierige Angelegenheit. Einerseits, weil man sich als Medium immer die Frage stellen muss, ob man über den Einzelfall überhaupt berichten soll—andererseits, weil dann noch die Frage hinzukommt, wie man das menschenwürdig tun kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass nach solchen Berichten die Zahl der Suizide in der Regel steigt, ist die Entscheidung nicht einfach.

Im deutschen Pressekodex heißt es deshalb: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung." Auch Österreich hat so einen Ehrenkodex und auch der empfiehlt fast noch nachdrücklicher "im Allgemeinen große Zurückhaltung".

Gleichzeitig gibt es in unserem Nachbarland mit der Kronen Zeitung, Österreich und Heute auch drei besonders rücksichtslose Boulevardzeitungen, die sich immer wieder gegenseitig an Geschmacklosigkeit überbieten. Alle drei berichteten am Wochenende über einen Syrer, der sich im 10. Wiener Bezirk vor eine Straßenbahn geworfen hat—mutmaßlich, um sich das Leben zu nehmen. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Wien die Ermittlungen aufgenommen, wie DiePresse.com am Montag berichtet.

Illustriert sind die Artikel mit Videos, Bildern und relativ genauen Beschreibungen des Hergangs. Der 21-jährige Flüchtling aus Syrien befindet sich laut Medienberichten aktuell in psychiatrischer Behandlung; eine Psychose wird vermutet.

Am Samstagnachmittag teilte ein österreichischer Politiker den Krone-Artikel zum Thema mit dem Kommentar: "Fassungslos!" Bei dem Polkitiker handelte es sich um Heinz-Christian Strache, den Obmann der FPÖ. Die FPÖ ist so etwas die AfD Österreichs (nur dass es sie schon länger gibt), und Strache ist im Grunde wie Frauke Petry—nur männlich, und noch um einiges schmieriger. Wie jeder gute Rechtspopulist funktioniert Strache exzellent auf Facebook, wo er fast eine halbe Million Fans sein Eigen nennt. Auf seinen Post über den Suizid-Versuch haben seither über 4.500 Personen reagiert—gut 500 davon mit "Haha"-Emoji. Über 1.000 User haben den Beitrag kommentiert.

Ein Großteil dieser Kommentare ist derartig hasserfüllt, dass man beim Lesen entweder an der Menschlichkeit oder der Ernsthaftigkeit der Aussagen zweifeln muss. Empathie sucht man hier jedenfalls vergeblich.

Viele der User, die unter Straches Posting kommentieren, wünschten, es wäre am gestrigen Samstag nicht "nur" bei einem Suizidversuch geblieben. Wiederum andere vermuten, dass der 21-Jährige "simuliert", um in Österreich bleiben zu können.

Unabhängig vom tatsächlichen Motiv des Mannes und der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens (auch darüber wird viel diskutiert), ist eine Sache gewiss: Hier belustigen sich Menschen an einem versuchten Suizid und wünschen zum Teil einem Menschen den Tod, nur weil dieser ein Flüchtling ist.

Auch unter dem Artikel auf krone.at sammeln sich zahlreiche Kommentare (insgesamt 312), die sich an Zynismus, Schadenfreude und politischem Kalkül kaum überbieten lassen—und das, obwohl die Krone selbst darauf hinweist, dass der Kommentarbereich moderiert und jeder Kommentar vorab überprüft wird. Wenn das, was sich hier immer noch online findet, bereits als OK eingestuft wurde, will man sich gar nicht vorstellen, welche Meldungen die Selektion der Kommentarwächter nicht bestanden haben. Auf krone.at wurde die Kommentarfunktion mittlerweile übrigens deaktiviert; alle bestehenden 312 sind nach wie vor live.

Für die Administratoren der Facebook-Seite "HC Strache" scheint es bisher noch weniger Grund zu geben, gegen die Hass-Postings vorzugehen. Woran man sich auf der Strache-Fanpage hingegen sehr wohl gestört haben soll, ist ein Kommentar von Caritas-Geschäftsführer Klaus Schwertner, wie der Kurier berichtet.

Laut einem Tweet der Wiener Polizei befindet sich der 21-jährige Flüchtling aktuell in ärztlicher Behandlung. Auf die zahlreichen Hinweise auf die extremen Hass-Kommentare zum Fall heißt es, dass der Verfassungsschutz bereits Bescheid wisse.

Der Fall der laut Polizei "verwirrten Person" zeigt neben der fehlenden Sensibilität gegenüber psychischen Problemen generell vor allem eines: Die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache ist zu einem gefährlichen Selbstläufer geworden. Die Fanpage ist mittlerweile ein Ort, an dem Hass zumindest geduldet wird—während kritische Äußerungen laut Medienberichten kommentarlos entfernt werden.

Was dieser Hass aus den Menschen macht, ist beängstigend. Aber Hass ist dabei nicht nur die "natürliche" Reaktion auf eine vielleicht irrationale Angst der Bevölkerung; sie ist auch die Konsequenz eines Lernprozesses. Wer weiß, dass sein Hass-Posting in der Community bejubelt wird, lässt sich auch leichter hinreißen. Das bedeutet nicht gleich, dass jeder einzelne diese Netztrolle sofort mit Heugabeln auf den Dorfplatz zieht—aber es zeigt, dass das Klima auf dem Weg dorthin durch Duldung entsteht. Wenn Strache das tatsächlich so wenig will, wie er in seinen nachträglichen Distanzierungsversuchen zu seinen Kommentatoren immer wieder behauptet, muss er hier strenger und rigoroser vorgehen. Alles andere ist digitale Augenauswischerei mit der brennenden Fackel in den Fingern.

Verena auf Twitter: @verenabgnr, Markus auf Twitter: @wurstzombie