Wie es war, als Skinhead in Großbritannien aufzuwachsen

Wie es war, als Skinhead in Großbritannien aufzuwachsen

"Plötzlich sind irgendwelche Leute gekommen und zerstörten diese Sache, die Schwarze und Weiße eigentlich einte, indem sie die beschissenen Nazis mit ins Spiel brachten."
30.9.16

"Ich hätte nie vor Menschen sprechen können, wenn ich kein Skinhead gewesen wäre", sagt Gavin Watson und zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette. Wir sitzen in einem Biergarten in der Nähe von London. Statt Stiefeln und Hosenträgern trägt er Trenchcoat und Schiebermütze. Gavin ist freundlich, bisweilen einnehmend und ein begeisterter Dark Souls-Spieler.

Du kennst Gavin vielleicht für sein Buch Skins & Punks: Lost Archives 1978 – 1985. Gavin hat außerdem im Musik- und Modegeschäft gearbeitet und zwei weitere Fotobände veröffentlicht. Er selbst besitzt kein einziges seiner Bücher, da er ein extrem "nicht paternelles" Verhältnis zu seiner Arbeit pflegt. Er verschenkt sie einfach.

Jetzt erscheint bald sein vierter Bildband: We Were Here 79-89 eine Fotosammlung aus seiner Skinheadjugend. Deswegen sitzen wir auch hier im Biergarten und unterhalten uns über die Arbeit, das Leben und damals.

VICE: Warum verschenkst du deine Bücher immer?
Gavin Watson: Die sind doch bei anderen besser aufgehoben als bei mir, oder nicht? Ich kenne die Fotos schließlich und ein Kunstwerk ist unvollständig, wenn es sonst niemand sehen kann. Ich muss über die Bilder sprechen, aber es ist die Aufgabe des Betrachters, sich Gedanken darüber zu machen. Ich habe meine Arbeit getan. Ich habe die Fotos gemacht, Leute mögen sie und sie sind öffentlich zugänglich. Ich beschreibe selten, was darin passiert – was mir manche auch übelnehmen.

Du musst vielleicht ein paar Grundlagen wissen – das Bild ist 1982 in High Wycombe entstanden –, aber wenn du so was wie "Das ist Neville, Sohn eines irischen Pfarrers. Die Skinheads hatten ihren Ursprung in bla bla bla …" erwartest, dann nein. Das ist nicht mein Job.

Außerdem hast du damals eigentlich nur deine Kumpels fotografiert, oder?
Ja, bis ich 28 war, waren das bloß Bilder von meinen Freunden. 60 davon fand ich vielleicht gut. Ich lebte mein Leben in London und versuchte, etwas aus mir zu machen – als Schauspieler oder Fotograf. Diese Skinhead-Geschichte war einfach etwas aus meiner Vergangenheit, das in irgendeiner Schachtel vor sich hinschlummerte. 1994 explodierte es dann wieder. Davor gab es nur diese "Jugendkultur"-Box bei [der Bildagentur] Camera Press. Ich ging raus, fotografierte meine Kumpels, machte ein paar Abzüge und packte sie in diese Box. So kam ich an etwas Geld, aber groß Gedanken habe ich mir darüber nicht gemacht. Die wurden dann irgendwo in Zimbabwe oder in rechten Publikationen über durchgeknallte Skinheads abgedruckt. Das habe ich gehasst.

Apropos rechte Publikationen: Das ist doch immer ein Problem der Skinhead-Bewegung gewesen, oder?
Die rechten Skinheads sind genauso Teil dieser Subkultur wie die schwarzen Rudeboys aus Jamaika. Sie alle machen diese Bewegung aus. Die Wurzeln kann man jedoch nicht einfach verleugnen. Und die sind eine Mischung aus schwarz und weiß. Diese Tatsache macht den rechten Skinheads bestimmt schwer zu schaffen.

Die Amerikaner haben einfach damit angefangen, alles zu definieren und irgendwie einzuordnen. Dabei gibt es in der Skinhead-Bewegung keine Schubladen – man steht einfach für sich selbst. Und dann sind plötzlich irgendwelche Leute angekommen und zerstörten diese Sache, die Schwarze und Weiße eigentlich einte, indem sie die beschissenen Nazis mit ins Spiel brachten.

Und plötzlich hieß es dann auch überall in den Medien, dass alle Skinheads Nazis seien. So etwas hat das ganze Ding für mich jedoch nur noch stärker gemacht. Dann wurde ich 23, begann mit den Raves und dachte mir: "Ich muss mich niemandem beweisen."

Wie bist du von der Skinhead-Szene zu den Raves gekommen?
Die Abenteuerlust und mein Alter haben da eine wichtige Rolle gespielt. Heute sind die ganzen Arschlöcher mit 23 anders drauf – sie halten sich immer noch für Teenager, die halt bloß studieren. Außerdem waren Raves damals viel weniger definiert als das Skinhead-Dasein. Es gab nicht so viele Schubladen und Aspekte, auf die sich die Mainstream-Medien stürzen konnten. Die Raves waren wie eine Flutwelle, die eine Menge Vorurteile und negative Einstellungen wegspülte. Ich weiß noch, wie ich mir damals dachte: "Mann, wenn es in der Welt so weitergeht, dann werden wir noch viel Spaß haben." Zehn Jahre später sieht es leider wieder anders aus.

Inwiefern waren diese ganzen Subkulturen für dich wichtig?
Sie waren einfach für mich da, als ich erwachsen wurde. Irgendwelche Vorbilder oder Leitfiguren gab es nicht. Beim Anblick der eigenen Eltern hat man nicht gesagt: "Ich will so sein wie ihr."

Damals waren die ganzen jungen Kreativen entweder künstlerisch unterwegs oder hingen fertig zu Hause rum. Viele wurden später dann Skins, Punks oder Hippies, weil die jungen Menschen der Subkulturen dachten: "Das hier geht gar nicht klar. Verpisst euch, ihr versteht es eh nicht!" Wut kann richtig viel Energie und Leidenschaft freisetzen. Hätte ich diese Energie nicht in Form meiner Kunst kanalisiert, wäre ich heute wohl tot.

Damals waren junge Männer noch richtig skrupel- und ziellos. Also klammerten sie sich an so Dinge wie Stolz. Leider lassen sich 16-Jährige, die vor Testosteron und Wut fast platzen, auch leicht manipulieren. Letztendlich kämpft man dann irgendwann gegen genau die Person, die man eigentlich ist. Wenn man mal schaut, wie die Medien über solche Dinge berichten, dann könnte fast auch fast meinen, dass wir noch in den 50er Jahren feststecken.

Die Leute brauchen irgendwelche Dämonen, um an der Macht zu bleiben. Ich wurde damals ja auch dämonisiert. Aber meine Fotos sprechen doch eine andere Sprache als das Bild, dass die Mainstream-Medien von Skinheads zeichnen, oder? Ich habe dafür kein Geld bekommen und deswegen sind sie auch authentisch. Auf diesen Fotos sind wir glücklich und lachen. Wir waren einfach jung.

Vielen Dank für das Gespräch, Gavin.

Gavin sammelt gerade Geld, um 'We Were Here 79-89' veröffentlichen zu können. Du kannst seinen Kickstarter hier unterstützen.

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