FYI.

This story is over 5 years old.

News

Ein Kino zwischen den Fronten

Im Jahr 2008 schlug Marcus Vetters Dokumentation Das Herz von Jenin hohe Wellen. Sie dreht sich um den Palästinenser Ismael Khatib, dessen zwölfjähriger Sohn Ahmed in der Stadt Jenin von einem israelischen Soldaten erschossen wird.
20.1.11

Im Jahr 2008 schlug Marcus Vetters Dokumentation Das Herz von Jenin hohe Wellen. Sie dreht sich um den Palästinenser Ismael Khatib, dessen zwölfjähriger Sohn Ahmed in der Stadt Jenin von einem israelischen Soldaten erschossen wird. Mit der Zeit ihrer Zusammenarbeit wuchs in Ismael Khatib und Marcus Vetter die Idee, das alte Jeniner Kino im Westjordanland und damit das einzige Kino Palästinas wieder aufzubauen.

Ahmeds Spielzeuggewehr war für ein echtes gehalten worden, der Soldat schoß, der Junge starb. Sein Vater Ismael stand nun vor der Wahl, die Organe seines Sohnes zu spenden und vor allem: an wen. Schließlich entscheidet er sich zu spenden, egal an wen, ob Muslim, Jude oder Christ. Der Film begleitete ihn auf seiner Reise durch das Heilige Land, zu den Kindern, die Ahmeds Organe empfangen haben – zum Sohn von Beduinen, zu einer Drusenfamilie und der Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern in Jerusalem. Ismael kommt durch diese Kinder auch seinem Sohn wieder näher.

Anzeige

Ismael Khatib und Marcus Vetter blieben weiterhin in Kontakt und kamen schließlich auf die Idee ein Kino in Jenin zu eröffnen. Letzten August war es so weit, das Kino öffnete seine Pforten. Im Sommer soll der dazugehörige Dokumentarfilm Cinema Jenin im Rahmen eines dreitägigen Festivals von 30. Juni bis 2. Juli ebenda Premiere feiern. Wir unterhielten uns im Garten hinterm Kino mit dem Regisseur Marcus Vetter über Jenin als angeblich gefährliches Terroristennest, das überkommene Arthouse-Blockbuster-Konzept und die Furcht vor der so genannten Normalisierung in der West Bank.

VICE: Marcus, was hat euch dazu bewegt, im palästinensischen Autonomiegebiet ein Kino wieder aufzubauen?

Marcus Vetter: Wir dachten: Das ist ein Kino, das es wert ist wiederbelebt zu werden. Es ist absurd, dass es in Palästina mal hunderte von Kinos gab und heute gar keins mehr. Die sind alle 1987 mit der ersten Intifada geschlossen worden. Als ich den Film über Ismael gemacht habe, merkte ich zudem schnell, was ein Dokumentarfilm für eine Kraft haben kann - was längere Reportagen überhaupt für eine journalistische Kraft haben können im Gegensatz zu sehr kurzen Interviews im Stehen. Ich glaube: Egal, ob im Printjournalismus, im Dokumentarfilm oder im Hörfunk, die Qualität von langen Reportagen kämpft letztendlich gegen Vorurteile. Schnelle Nachrichten bauen oft Vorurteile auf. Uns hat jeder gewarnt nach Jenin zu kommen. Das ist eine Panikmache, die über den Journalismus kommt. Doch als wir hierher kamen, habe ich etwas völlig anderes gesehen als das, was ich erwartet hatte. Das war der Hauptgrund, warum wir dann gesagt haben, dass wir mit Ismael das Kino wieder aufbauen. Einzig und allein um zu zeigen: Hier braucht man keine Angst haben, hier kann man herkommen, ich bin da mit meiner Familie, also können auch andere kommen. Und genau das ist passiert. Mittlerweile sind hier hunderte von Journalisten, Europäern. Plötzlich wagen es die Leute hierher zu kommen, wir holen sie auch nicht von den Checkpoints ab, wie ich damals, als wir Das Herz von Jenin gemacht haben.

Anzeige

Aber seitdem hat sich auch wirklich was verändert.

Es hat sich verändert. 2007, als wir gedreht haben, sind Leute erschossen worden, ich bin selber zwischen Schusswechseln geraten. Aber es gibt zwei Möglichkeiten vorzugehen. Einerseits kann man etwas Beschreiben. Eine Beschreibung ist auch immer subjektiv, und es stimmt, als wir das gemacht haben, war das natürlich noch völlig anders und brutaler. Trotzdem ging es mir auch damals darum: Wer herkommt und Interesse hat an den Leuten, ist ungefährdet. Da bin ich mir ganz sicher. Das einzige Problem war, dass es hier eine Front gibt, und dass es da zu Schusswechseln kommen kann. Als ich hier reinging, musste ich unterschreiben, dass ich auf eigene Gefahr hier reingehe, dass ich hier massakriert werden und einen qualvollen Tod sterben kann. Das muss ich heute immer noch unterschreiben.

Wobei das Auswärtige Amt jetzt auch ausdrücklich erwähnt, man könne nach Jenin fahren.

Es hat sich geändert, und das hat sich auch mit dem Kino geändert. Das Stadtbild hat sich verändert und so. Es ist eine sehr komplexe Gesellschaft, in der es sehr viele verschiedene Meinungen gibt. Das ist ja eigentlich das, was eine Stadt zu einer Stadt macht, in der man keine Angst haben braucht. Wenn du merkst, dass alle gleich sind, hat man natürlich Angst und gleich ein Bild im Kopf. Vor allem zur Normalisierung sind die Standpunkte verschieden: Darf es quasi „Friede, Freude, Eierkuchen“- Projekte geben, bevor die Besatzung überhaupt beendet ist? Und darf man überhaupt mit Israelis zusammenarbeiten? Das ist sehr umstritten. Jeder hier verwendet israelische Produkte, und trotzdem gibt es manche hier, die können das nicht ertragen. Andere sagen: „Ist doch überhaupt kein Problem, lass uns doch irgendwann mal anfangen.“ Sonst beißt sich die Katze bis zum Sankt-Nimmerleinstag in den Schwanz. Und das ist auch eigentlich die Message gewesen, die auch Ismael gegeben hat, ob er sie nun mit Absicht gegeben hat oder nicht. Das war das, was sehr viel Energie freigesetzt hat. Auf dieser Tatsache wollten wir aufbauen, werden aber auch immer wieder eines Besseren belehrt, können da auch nicht ganz so aufbauen, wie wir wollen.

Warum?

Weil es unterschiedliche Meinungen gibt, und man muss die unterschiedlichen Meinungen auch akzeptieren. Auch die Gesellschaft muss sich selber finden - wo sie letztendlich dahinter stehen. Und es wird immer Leute geben, die nicht dahinter stehen. Es gab hier einen Helden, und das war Ismael. Es gibt nicht nur ein Israel. Es gibt ganz tolle Leute, die alle so sind wie Ismael. Vielleicht nicht so still, vielleicht nicht so bescheiden, vielleicht ein bisschen lustiger. In unserem Film, den wir über Jenin machen, geht es vor allem darum, das darzustellen. Denn ich glaube, genau das baut Vorurteile ab. Klischeebilder bauen Vorurteile auf. Und wenn man sich die Nachrichten anguckt, dann sind das eigentlich nur Klischeebilder. Genau genommen haben wir in Das Herz von Jenin auch mit der Beerdigung eines Märtyrers angefangen. Wir haben es nur mal ein bisschen anders erzählt. Normalerweise lässt man Bilder raus, wo einem Kinder zuwinken, denn es „passt nicht ganz so rein“, lieber würde man den einen nehmen, der gerade maskiert ist. Einfach um im Klischee zu bleiben. Sonst denkt sich der Zuschauer: Was ist denn hier los? Wir haben mit einer Musik gearbeitet, die auch nicht zum Klischee gepasst hat. Ich glaube, es geht einfach darum, Angst zu nehmen anstatt Angst zu schüren. Und ich bin gespannt, wenn ich mal nach Afghanistan gehe, was es eigentlich da für Schrecken gibt. Ich glaube gar nichts mehr. Aber es kann auch sein, dass es da genau so ist, wie ich es mir vorstelle. Hier in Jenin ist es nicht so, in Sizilien ist es hundertmal gefährlicher. Nach Russland würde ich als Journalist nicht gehen. Da ist ein Menschenleben nichts wert. Und hier ist es viel wert. Wie oft habe ich schon gehört, dass Jenin die drittgefährlichste Stadt der Welt ist? Wir haben die Grenzen von NGOs kennen gelernt, wir haben die Grenzen kennen gelernt von Finanzierungen, wir haben die Grenzen kennen gelernt von EU-Anträgen. Ich weiß mittlerweile auswendig, was man in so einen Antrag reinschreiben muss, um ein Projekt finanziert zu bekommen. Da haben wir gesagt: „Machen wir nicht“, weil damit produzierst du nur Hilfe der Korruption: Wenn ich heute mit Fakhri, unserem Projektmanager, zusammensitze und sage: „Guck mal, hier ist die Liste, da müssen wir alles reinschreiben, dann kriegen wir das Geld…“ Was ist denn das für ein Bild? Aber so läuft’s! Ich gehe hier in irgendeine palästinensische NGO, der Mann weiß nicht mal, was „Sonne“ auf Englisch heißt, aber wenn ich frage, was er macht, dann sagt er, er arbeitet für die „Mental Health“ von Kindern. Das ist ein echtes Problem. So kannst du einem Land nicht auf Augenhöhe helfen.

Anzeige

Kann man das so sehen wie eine Blase, die die NGOs da produzieren?

Irre, ja, irre. Uns haben Leute erzählt, sie mussten aus Nicht-Waisenkindern Waisenkinder machen, um Geld zu kriegen. Ich sag: Irgendwo hört es mal auf. Auch, wenn ich in einer NGO arbeite. Irgendwo gibt es Grenzen. Da gehe ich lieber den harten Weg und verzichte auf das Geld. Ansonsten hat man zwar das Geld, aber Korruption im eigenen Team. Die glauben doch an sich selber nicht mehr. So bekommt man nie ein Team zusammengeschweißt, das an was Wirkliches glaubt.

Was ist der Ausweg, dass man sich nicht verkauft?

Da gibt es zum Beispiel Martin Kobler vom Auswärtigen Amt, das ist einer, der einem glaubt und dem man vertraut. Er hat das Auswärtige Amt um sich herum geschart, weil er gesagt hat: OK, ich habe den Film gesehen, ich habe die Leute kennen gelernt, ich finde es toll, was die machen. Und darüber hinaus haben wir viele Firmen angeschrieben, die auch daran glauben und Roger Waters von Pink Floyd ins Boot gekriegt. Das sind Leute, die Geld in dieses Projekt gesteckt haben ohne nachher eine Hundert-Seiten-Abrechnung zu verlangen. Weil sie mit ihren eigenen Augen geguckt haben, was hier passiert. Natürlich will jeder wissen, ob sein Geld auch richtig investiert ist. Aber mit dieser Kontrolle kannst du es nicht schaffen, egal wie lang diese Fragebögen sind. Man muss es als ein Herzensprojekt begreifen, aber es ist natürlich nicht einfach. Deswegen sind wir auch mit letzter Kraft durch die Eröffnung des Kinos durchgerutscht, haben bei uns selber 120 000 Euro Schulden hinterlassen. Können jetzt keine Filme kaufen, können keine Filme zeigen.

Anzeige

Zeigt ihr dann gar keine…

Doch, wir zeigen schon welche, aber europäische und wir treten auf der Stelle.

Was war denn der Plan für das Programm, was wolltet ihr zeigen?

Wir wollen mit dem Arthouse- und dem Blockbuster-Konzept brechen, was wir in der Welt und in Europa haben. Heart of Jenin haben insgesamt 20 000 Leute gesehen, was für einen Dokumentarfilm im Kino sehr viel ist. Am gleichen Wochenende kam Star Trek und hat 1,5 Millionen Zuschauer ins Kino geholt, da hatten wir gerade mal 2000. Und wir waren in der Tagesschau, überall, wir hatten eine wahnsinnige Presse. Normalerweise sind bei Dokumentarfilmen 3 000 Zuschauer im Kino. Das ist das, was wir „Arthouse“ nennen, da kann man eigentlich gleich eine Null hinten hinmachen. Die Zuschauer denken, das ist eine Dokumentation, so langweilig, wie sie im Fernsehen vielleicht läuft, wissen nicht, dass ein Dokumentarfilm oder ein Nicht-Blockbuster sehr spannend sein kann. Eigentlich glaube ich an die Zuschauer, aber sie finden den Weg ins Kino nicht. Doch die Verleiher, die Fernsehmacher, alle glauben nicht an die Zuschauer, weil sie denken: „Die Zuschauer, die sind genauso, wie sie sind.“ Und es könnte auch sein, dass es durch diese Trennung zwischen Arthouse und Blockbuster so passiert ist. Jetzt haben wir hier ein großes Kino, und es gibt nur eines. Wir wollen die Chance nutzen und es vereinen. Arthouse-Filme zeigen ohne sie Arthouse zu nennen und Blockbuster, arabische, europäische, palästinensische Kinderfilme, auch mal was zu bringen, wo man redaktionell eigentlich nicht dahinter steht. Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück. Und vielleicht auch mal eine Überraschung erleben.

Anzeige

Was habt ihr seit der Eröffnung Anfang August an Filmen gezeigt? Und wie wurde das aufgenommen?

Am Anfang war es total klasse, wir hatten einen ägyptischen Film, der zweimal komplett ausverkauft war. Wir haben beim Opening sehr viele Filme über Palästina gezeigt, weil wir dachten, auch für die Europäer ist es wichtig, diesen Konflikt wirklich aus unterschiedlichen Richtungen kennenzulernen. Dann war Ramadan, da haben wir Serien gezeigt, auch Fußball. Nach Ramadan sind dann die Zahlen total runtergegangen, weil wir keine Filme mehr hatten. Da ist das Geld ausgegangen.

Zeigt ihr im Moment gar nichts?

Wir haben noch ein paar Asse im Ärmel. Der Film Cinema Jenin wird hier seine Weltpremiere haben. Da kommen vierzig Orchestermusiker der Dresdner Symphoniker, die spielen zusammen mit palästinensischen Musikern live die Filmmusik zum Film ein. Dann werden wir beim Jerusalemer Filmfestival kommen und in Haifa spielen. Wenn uns die Normalisation-Debatte keinen Strich durch die Rechnung macht.

Was meinst du gleich wieder genau mit Normalisation?

Normalisation bedeutet: Kein Projekt mit Israelis, bevor die Besatzungsarmee das Land verlassen hat. Kämpfen dafür, dass Israel die Occupation aufgibt, dann können wir von einem normalen Staat reden, dann können wir auch ein Projekt machen. Wie gesagt, es gibt verschiedene Meinungen, meine ist genau das Gegenteil. Cinema Jenin, was machen wir? Wir sagen einerseits „Israel, Leute! Es stimmt nicht, was ihr sagt. Eure Journalisten sagen nicht die Wahrheit. Es ist kein Terroristennest. Es ist eine sehr diverse und offene Gesellschaft. Jeder kann kommen, niemand wird gelyncht, wenn er hierher kommt, solange er das nicht in Uniform tut. Die Leute kämpfen, wenn eine Armee kommt.“ Die erste Sache ist Israel zu zeigen, dass sie gebrainwashed sind. Aber nicht indem ich quasi hier noch Öl ins Feuer schütte, und das machen viele. Ich glaube, was dieses Land braucht, sind normale Leute, die nicht schon mit einer fertigen Agenda herkommen. Ich finde, es gibt andere Wege. Ich habe die Leute gefragt: Lasst es uns einfach versuchen, zwei Jahre, gebt uns einfach die Chance. Ihr habt jetzt dreißig Jahre euren Kampf geführt, wir finden euren Kampf nicht schlecht… Ich mach immer wieder die Debatte auf: Ist das Terrorismus, ist das Widerstandskampf? Auf jeder Podiumsdiskussion muss man erst mal sagen: Israel hatte genauso Terroristen, als sie keinen Staat hatten. Die Hagana haben mehrere Bombenattentate verübt. Das war exakt dasselbe. Ein Land, das keinen Staat hat, wird immer Terroristen haben, weil sie für ihren Staat kämpfen - und andere werden anders kämpfen. Ich will einfach mal klar machen, dass das eine normale Situation ist. Aber denken wir an die erste und zweite intifada: Wenn man keine Waffen hat, und die anderen haben viel mehr Waffen, wie soll man diesen Kampf jemals gewinnen? Und er wird immer auf allen ausgetragen, die schwach sind. Und ganz speziell auf dem Rücken von Kindern. Ich glaube, es muss von beiden Seiten aus kommen. Wenn du jemanden überzeugen willst, dann kannst du das nur tun, indem du ihm nicht gleich ein rotes Tuch vor die Nase setzt. Dann hört doch jeder weg, das kennen wir doch von zu Hause. Da gehen die Ohren auf Durchzug und du kriegst gar nichts bewegt. Das versuchen wir, aber wir sind schon sehr gestutzt worden.

Also ist das Projekt am Anfang auf heftigen Widerstand gestoßen.

Wir sind von Kräften, die einfach stärker sind, und wo du dann am Ende… doch ein bisschen vorsichtiger werden musst, in die Schranken gewiesen worden.

Anzeige

Wie kann man die Leute davon überzeugen, dass es einen anderen Weg gibt zu kämpfen?

Wir befinden uns in einem starken Bildungsprozess. Man könnte jetzt einfach sagen: Guckt mal, ihr habt gekämpft. Aber jetzt soll es bald einen Staat geben mit einem Ministerpräsidenten, Salam Fayyad. Und der Ministerpräsident entwaffnet die Leute, und die, die vorher gekämpft haben, sagen zu, dass sie die Waffen hergeben. Niemand möchte die rauswerfen, ich möchte diese Leute sogar eigentlich im Kino haben. Aber irgendwann muss man die Leute auch integrieren, die vorher gekämpft haben. Das ist das, was Salam Fayyad bestimmt auch versucht zu machen. Das ist seine einzige Chance. Im Libanon haben wir eine Milizengruppe und eine Polizei und eine Armee und es funktioniert so nicht. Hier ist aber ein Zwischengebiet. Einerseits hatten hier die Al-Aqsa-Brigaden die Kontrolle, jetzt aber haben sie ihre Waffen abgegeben und ihre Macht an die Palestinian Authority abgegeben. Aber sie sind ja trotzdem noch da, und sie haben eine klare Meinung zu einer Sache.

Was hat das mit dem Kino zu tun?

Der Zusammenhang ist, dass es hier Leute gibt von den al-Aqsa-Brigaden und andere, die auf das Kino mit Einfluss nehmen wollen. Wie sieht es dann zum Beispiel mit der Zusammenarbeit mit Israel aus? Es gab ja bei der Eröffnung gerade in den Medien Kritik: Die Israelis wollten nicht kommen, konnten nicht kommen, durften nicht kommen. Wie ist überhaupt die Zusammenarbeit, gibt es Israelis, die hierher kommen? Ja, es gibt Israelis, die hierher kommen, aber der Witz ist, wir haben gar keinen Israeli gefunden, mit dem wir zusammenarbeiten können. Da geht es sehr viel um Marketing-Blablabla. Ich würde nicht mal nur mit den Linken, sondern ich würde auf allen Ebenen arbeiten.

Anzeige

Die Linken sind eh auf deiner Seite.

Ich weiß gar nicht, wie viele israelisch-palästinensische Kamera-Workshops es gibt. Was fehlt, sind ernstzunehmende Unternehmungen, die jenseits vom Papier existieren, das man dann überall rumschicken kann. Meines Erachtens darf man es den Israelis nicht leicht machen, denn so hätten die Leute ja dann Recht: „Die kommen ja sowieso nur, um sich mal ins Licht zu rücken.“ Und sagen: „Wir sind doch eh alle Freunde“, was eigentlich nicht stimmt. Eine Sache, die mir aufgefallen ist – und das ist meine, persönliche Beobachtung: Egal ob ein Israeli einen Freund hat, einen Beduinenfreund oder sonst irgendwas, ich hab noch nie eine echte Freundschaft gesehen. Alles, was ich gesehen hab, sind Pseudofreundschaften.

Vielleicht liegt das auch daran, dass dazu keine Basis gegeben ist. Die Basis für eine richtig tiefe Freundschaft ist ja, miteinander aufzuwachsen, gemeinsam im Kindergarten oder in der Schule zu sein, einfach etwas zu teilen. Das ist ja in Israel komplett getrennt.

Eben. Nur: Wenn man links ist, dann sagt man gern: „Ich hab so ein, zwei Freunde drüben.“ Weil das schick ist. Weil man sich damit ein bisschen abgrenzt. Also, für mich ist es nicht einfach mit Israel zu arbeiten, um das klar zu machen.

Ist es dann grundsätzlich leichter mit den Palästinensern zu arbeiten, sind die kooperationsbereiter?

Naja, also, hier gibt es wieder andere Probleme. Aber wenn ich am Ben-Gurion-Airport ankomme, dann fahre ich direkt nach Jenin. Ich halte es nicht länger als ein, zwei Tage in Israel aus.

Foto: Pierre Johne