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Ich ❤ meine zwei Millionen Freunde in Ägypten

Rachel Pollock, unsere Nahost-Korrespondentin wider Willen, hat uns wieder ein paar Nachrichten aus Kairo geschickt. Hier ein neues Update über das tägliche Leben in und mit der Revolution.
2.2.11

Rachel Pollock, unsere Nahost-Korrespondentin wider Willen, hat uns wieder ein paar Nachrichten aus Kairo geschickt. Hier ein neues Update über das tägliche Leben in und mit der Revolution.

Unser Freund Ahmed hat heute Morgen angerufen. Er war in Heliopolis und ist durch die Straßen patrouilliert. Die Leute rasteten vor Mubaraks Palast regelrecht aus - Gerüchten zufolge soll er zurückgekommen sein. Ich hab Ahmed gesagt, er solle von dort abhauen aber er musste bei seiner Familie bleiben. Ich sagte, er solle seine Familie zu uns bringen und er sagte: „alle Ägypter sind meine Familie. Ich glaube nicht, dass sie alle in deine Wohnung passen.“

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Wir begannen Zigaretten zu rationieren. Das Essen wird knapp und es gibt kein Wasser um zu duschen. Wir haben unsere Möglichkeiten diskutiert und was passieren müsste, damit wir hier abreisen. Wir haben ernsthaft überlegt nach Gaza zu flüchten. Wir hörten von einer Versammlung für Ausländer und beschlossen hinzugehen. Wir denken, das schlimmste wäre jetzt, wenn jemand Tahrir bombardiert - aber wenn sich dort genug Ausländer aufhalten würde sie es vielleicht eher bleiben lassen. Das Problem ist aber, dass die meisten Ausländer schon abgereist sind oder Angst haben in Tahrir.

Später bin ich mit meinem Hund in Dokki spazieren gegangen. Alle riefen: „Revolution dog“. Sie hat direkt neben einen Polizeibeamten gepisst, das war super. Ein Typ frage uns ob wir Angst hätten. L sagte: „Wir fühlen uns sicher wenn ihr hier draußen die Straßen bewacht“. Der Mann erwiderte: „Ich bin froh, dass ihr so denkt. Genau das wollen wir erreichen“. Die guten Menschen hier sind verdammt nett, die bösen Menschen verdammt übel.

Wir verließen die Versammlung um zwei irische Freunde zu treffen und unseren ägyptischen Freund Muhammad. Die Gebetsgesänge der Demonstranten waren irrsinnig. Menschen marschierten mit tunesischen Flaggen durch die Straßen und sangen so was wie „Verschwinde endlich, Mubarak“ auf Arabisch. Und: „Bas! Bas!“ (Es reicht! Es reicht!).

Als wir die Kasr el Nil Brücke überquerten, entdeckten wir ein paar Touristen. Es war lustig sie zu beobachten, sie schienen verwirrt. Muhammad berichtete alles, was er gesehen hatte. Es unterschied sich vollkommen von unseren Erlebnissen und wir werden das nie verstehen. Dann überquerten wir die zweite Brücke Kasr el Aini- die mit den Löwen. Ich wünschte, ich würde Arabisch verstehen um die Transparente der Demonstranten lesen zu können. Als wir uns durch die Menschenmassen drängten, fühlte es sich mehr nach Kairo an als noch vor wenigen Tagen. Merc war mit uns unterwegs und er war sehr nervös. Wir standen direkt neben einigen Panzern und die Soldaten kontrollierten unsere Pässe. „Lasst uns jetzt hier verschwinden“, sagte Merc. „Keine Sorge, alles wird gut“, erwiderte ich. „Siehst du das?“ , fragte er. „Sind das Minenwerfer?“ Natürlich—ich verlor den Anschluss sobald er das gesagt hatte. Als ich wieder klar kam, hielten wir in einer Seitenstraße von El Bustan.

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Kurz nach unserer kleinen Pause verloren wir unsere Freunde in der Menschenmenge, während sie versuchten einen Typ zu fotografieren, auf dessen Transparent „Fuck America and Your Aid“ stand. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto machen dürfte und als ich mich umsah waren alle meine Freunde verschwunden. Ich lief 20 Minuten lang herum wie ein verlorenes Kind. Mein Pulli war etwas verrutscht und man sah ein Stück meiner Schulter. Ein warf mich einen verachtenden Blick zu.

„Revolution haram?“, fragte er. Ich fand meine Freunde irgendwann. „Mach so was nie wieder!“, sagten sie.

Ich fing an mich mit einem anderen Typ in der Straße zu unterhalten - er zog seine Hose runter und zeigte mir seine Schussverletzungen. Menschen hielten uns an und wir sollten Fotos von ihren Transparenten machen, die meisten waren auf Arabisch. Viele Leute denen wir begegneten sagten: „Willkommen in Ägypten“. Ein Typ sagte: „Willkommen zur Revolution“. Die Mutter eines Freundes rief an und fragte, ob er bei den Protesten sei, während Helikopter über unseren Köpfen kreisten.

Wir erfuhren, dass das Meeting für Ausländer nicht stattfand und trafen uns mit vier irischen Freunden, die damit beschäftigt waren sich in einem Pub in Talaat Harb zu besaufen. Wir wollten etwas Tee - aber keiner der Läden war geöffnet. Wir sahen einen Mann in den Straßen Müll sammeln und fingen an ihm zu helfen. Menschen machten Fotos von uns, den merkwürdig aussehenden Fremden, die auf dem Bordstein rumsitzen. Es waren bei weitem mehr Menschen zu sehen als in Tahrir zu Beginn der Proteste. Die Menschen tanzten und es war wie eine riesige Party. Bei dieser großen Feier war es schwer sich vorzustellen, irgendjemand könnte herkommen und sie gewaltsam beenden. Die Leute haben gesagt es wären zwei Millionen Menschen in Tahrir versammelt.

Jemand fragte mich: „Wo kommst du her?“

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„Amerika“.

In ärgerlichem Ton: „Blablabla, Obama. Keine Fotos! Wir unterstützen seine Außenpolitik nicht.“ Wir beruhigten ihn mit freundlichen Blicken.

In der Ecke wo wir unterwegs waren gehörten viele Menschen zur muslimischen Bruderschaft. Sie trugen rote und weiße Schals. Schließlich schafften wir es mit ein paar Ägyptern, die meine Freunde letzte Nacht bei den Protesten kennen gelernt hatten, zu einem wirklich guten Café. Es waren ein Schauspieler und ein High School Schüler, die auch nicht so genau wussten, was man nach dem Protest noch machen könnte. Sie spielten Xbos und rauchten Shisha. L traf eine hübsche Ägypterin. Sie war etwa 25 und sehr kontaktfreudig. Er beeindruckte sie mit seinen Sprachkenntnissen.

Die Typen, die wir getroffen hatten sagten, das Militär hätte alle Demonstranten angewiesen in Tahrir zu bleiben. Ein Marsch ist schwer zu kontrollieren und hat gewisse Schwachstellen. Mit all diesen Menschen hier zusammen zu sein, das ist trotzdem schon der absolute Wahnsinn. Er sagte auch, niemand hätte sich träumen lassen dass es so gewaltig sein würde. Die Menschen begannen im Chor arabische Lieder zu singen- ich hatte keine Ahnung worum es darin ging.

Einer unserer neuen Freunde fragte mich: „Was macht ihr in Ägypten?“ Ich sagte: „Mish arif" („ich weiß nicht“). Überall um uns herum High Fives. Der Schüler meinte: „Rachel, ich habe einen guten Rat für dich: wenn du an dich glaubst wirst den richtigen Weg finden“.

Wir blieben noch eine Weile im Café und ich landete neben dem wahrscheinlich intelligentesten Typen, den ich jemals getroffen hab. Es gab verschiedene Berichte darüber, wie viele Menschen bei diesem Marsch erschienen wären und er sagte, es seien zwei Millionen. Ich glaubte ihm. Er war 19 und trug einen Hut. Er sagte, er hätte sich schon sieben Mal verliebt und wäre immerhin zweimal gefeuert worden. Er hatte eine beeindruckende Einstellung zum Leben und sagte: „Ich sehe meine Zukunft nicht in Ägypten. Die Ausbildung ist schlecht, es gibt nur miese Jobs und die Mädchen haben keinen Sex.“

Wir beschlossen dann, zu gehen, und mein neuer bester Freund kam mit zu uns nachhause um was zu kochen und meinen Hund kennenzulernen.