Uwe Böll schwadroniert über seinen Auschwitz-Film

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Sep. 9 2010, 5:31pm

Uwe Bolls Auschwitz ist fast fertig. Der deutsche Regisseur, der weithin für seine Videospiel-Adaptionen verunglimpft wird, sah  wiedereinmal dem Zorn des Internets ins Gesicht, als er einen Teaser ins Netz stellte, in dem er als SS-Wächter verkleidet vor einer Gaskammer steht.

Der allgemeine Konsens sagt, dass der Film geschmacklos und ausbeutend sein wird. Die Kritiker mögen Uwe Boll nicht. Ich habe noch keinen seiner Filme gesehen, wollte aber wissen, was er mit Auschwitz anstellt, also habe ich ihn gestern Abend auf Facebook angehauen, ihn angerufen und wir haben uns eine halbe Stunde lang unterhalten. Eigentlich sollte ich sagen, er hat sich unterhalten. Er war wütend.

Vice: Hi Uwe, hier ist Alex.
Uwe: Hi.

Ich habe mir gestern den Trailer angesehen, der sich ziemlich schnell verbreitet hat.
Es pisst mich an, dass jeder andere, der so einen Film machen würde, gleich im Rennen um den Oscar wäre. Ich tue es und werde von jedem verprügelt. Besonders von den Leuten, die meine letzten sechs, sieben Filme komplett ignoriert haben. Rampage und Stoic und Tunnel Rats sind richtig realistische, politische, auf Fakten beruhende Filme. Genauso wie mein neuer Max Schmeling-Film. Doch wenn die Leute über mich schreiben, konzentrieren sie sich immer noch auf House Of The Dead und Alone In The Dark und sie ignorieren die 15 Filme danach vollständig. Das würden sie nie mit einem anderen Filmemacher tun. Man kann einen Typen nicht wegen zwei Filmen beurteilen, die vor sechs, sieben Jahren gedreht wurden. Ron Howard hat gesagt, dass mein Film Darfur ein Meisterwerk sei. Amnesty International meinte, dass es der beste Film über Afrika ist. Ich verstehe das nicht mehr. Wenn die Leute Augen in ihrem Kopf und diese Filme gesehen hätten, könnten sie nicht sagen "Uwe Boll ist ein trashiger Filmemacher, der schlechteste Filmemacher auf Erden," oder sowas, das ist komplett absurd. Rampage und Darfur wurden auf 30 Filmfestivals gezeigt und in hundert Länder verkauft. SO EINE SCHEISSE! Wieso halten die Leute mich für einen Idioten, ich habe einen Doktortitel in Literaturwissenschaft! Ich habe Wirtschaft studiert! Ich bin nicht Robert Rodriguez oder Quentin Tarantino in einem Scheiß-Coffeeshop. Die öffentliche Meinung über mich ist komplett auf der falschen Schiene. Entschuldige, dass du jetzt all meinen Frust abbekommst, weil du der einzige Typ bist, mit dem ich so eine Unterhaltung führen kann.

Schon okay.
Alles, was ich tue, wird vollständig ignoriert. 50 Prozent aller Leute glauben nicht mal, dass der Holocaust stattgefunden hat, und ich mache einen Film darüber und werde dafür kritisiert. Bei 22 Filmen war die Hälfte meiner Crew jüdisch! Mein bester Freund Jonathan Shaw, bei dem ich in Vancouver lebe, ist jüdisch. Das ist total absurd! Sie stellen mich in eine Ecke und sagen es wäre eine Beleidigung des Judentums, das ist totaler Schwachsinn! Ganz im Gegenteil! Ich könnte auch die Aufmerksamkeit für meinen Film feiern, doch in Wirklichkeit pisst es mich an. Die Leute bekommen  einfach nicht mit, was ich tue, die schauen die Filme einfach nicht an und sind sich nicht bewusst über meine Ansichten. Ich bin kein subventionierter Filmemacher. Ich habe einen Film namens Heart Of America über Gewalt an Schulen gemacht, er hat kein Geld eingespielt und Ron Howard hat wieder gesagt, es sei ein großartiger Film, den jeder sehen sollte. Der nächste Film war House of The Dead von 2003, der schlechteste Film, den ich je gemacht habe. doch der hat mehr als 30 Millionen Dollar eingespielt und sieben Millionen gekostet. Ist es also eine große Überraschung, dass ich danach mehr Filme gemacht habe, die auf Videospielen basierten? Nein! Es ist absurd, dass mein schlechtester Film den meisten Profit abgeworfen hat. Da hat das Boll-Bashing angefangen, und ich wurde als der schlechteste Filmemacher meiner Generation bekannt. Aber dann habe ich angefangen, wieder meine eigenen Filme zu schreiben, Postal, Seed, Tunnel Rats, und das sind alles gute Filme! Doch die Boll-Hasser schlagen auf jeden meiner Filme ein und gewöhnliche Journalisten schließen ihre Augen und treten in ihre Fußstapfen. Ich bin ein Filmenthusiast, ich weiß, was ein guter Film ist, und meine Filme wie Rampage und Stoic und Darfur sind keine guten Filme, sie sind großartige Filme! Darfur ist besser als The Hurt Locker! Die Leute, die ihn auf Filmfestivals gesehen haben, haben geheult!

Stimmt.
Jeder einzelne Film über den Holocaust konzentriert sich auf eine Person, Überlebensgeschichten, Helden und sowas. Und ich wollte den Holocaust so zeigen, wie er war. In Auschwitz waren mehr als 50 Prozent der Leute, die hingeschickt wurden, innerhalb von zwei Stunden tot. 4.000 Babys wurde vor den Gaskammern in den Kopf geschossen. Für mich war es an der Zeit—wo nicht nur der irakische Präsident, sondern viele Leute an Völkermorden beteiligt sind—diesen Film zu machen. Und ein Großteil des Films ist dokumentarisch - Ich habe viele Interviews mit Schulkindern über den Holocaust gemacht, und das ist der Anfang des Films. Damit fängt er an, und dann geht es mit einem normalen Tag in Auschwitz weiter, wo man das sieht, was ich im Teaser gezeigt habe, man sieht die Tötungen. Wir sehen die Selektion, wie der Zug reinkommt und so weiter. Dann gehe ich zurück zu den Interviews. In deutschen Schulen habe ich Leute interviewt, die verdammt nochmal nicht mal wussten, was Auschwitz war! Auf deutschen Schulen! Da kann man sich ausmalen, dass er in anderen Ländern bereits vergessen ist. Und das ist auch Teil meines Films. Der Trailer ist schockierend, aber ich wollte die Absicht des Films zeigen. Und ich habe nur deswegen den Wachmann gespielt, weil wir in Kroatien, wo wir gedreht haben, keine deutschen Schauspieler für die kleineren Rollen finden konnten, also bot ich mich an. Und die Sequenz ist nicht deshalb im Teaser gelandet, weil ich mich selbst darstellen wollte, sondern weil sie ein Schlag in die Magengrube ist.

Stanley Kubrick gab seinen Holocaust-Film auf, weil er meinte, dass man einen realistischen Film über den Holocaust nicht ansehen könne. Meine Meinung. und ich glaube, mein Film wird für die meisten Leute nahezu unerträglich sein. Aber ich persönlich denke, dass es nötig ist das Zeug zu zeigen. Ein Auschwitz-Film wie dieser, würde nie eine Finanzierung erhalten, ich habe ihn gemacht, weil ich Bloodrayne: The Third Reich in Kroatien gedreht und ein paar Hunderttausend auf die lange Bank gelegt habe, um das zu machen. Wir hatten schon die Einstellungen, das Konzentrationslager, den Bahnhof. Es gab die Möglichkeit, etwas zu machen, was niemals jemand finanzieren würde, wobei es aber wichtig ist, das zu tun. Die Leute zur Frage anregen, wie Menschen so etwas tun können, geplante, organisierte, stille Tötungen. Der wirklich unheimliche Teil des Films ist, wenn gezeigt wird, dass  alles wie ein normaler Arbeitstag im Büro abgelaufen ist. Nur in 15 oder 20 Minuten des Films geht es um die Tötungen und es ist super-schockierend, doch so war die Wirklichkeit. Die Organisation nimmt 60 Minuten ein, wer die Leute vom Zug nimmt, was der Selektionsprozess ist und das geschieht alles in Ruhe, weil es keinen Ausweg gibt. Es war wie in einer Schlachterei, es ist dieselbe Prozedur. Es gab keine revolutionären Kämpfe, keine großen Abschiede, es passierte einfach. Man kommt rein und wird zu Asche. Der Hauptgrund für den Film war zu zeigen, zu welchen Abartigkeiten Menschen fähig sind. Ich habe eine britische Dokumentation mit Interviews mit SS-Leuten gesehen, die in Konzentrationslagern gearbeitet haben, Leute über 90, und sie bedauerten nichts, sie fielen durchs Netz und mussten nicht ins Gefängnis, und als die BBC fragte, warum sie Juden umbrachten, hatten sie keine Ahnung. Sie wussten nicht, warum Juden schlecht sein sollten, sie dachten einfach, das sei eine Tatsache. Sie haben die Befehle nicht hinterfragt.

Hattest du die Idee für den Film schon lange Zeit im Kopf?
Ja. Die hatte ich schon jahrelang. Doch ich hatte nie die Möglichkeit ihn zu machen, besonders als Deutscher. Und ich bin auch in Deutschland nicht beliebt. Aber um ehrlich zu sein, was macht Deutschland? Wenn man einen Sophie Scholl- oder Anne Frank-Film macht, bekommt man Subventionen und kommt zur Berlinale, weil jeder glücklich darüber ist, dass Deutsche im Wiederstand waren. Doch das ist Schwachsinn! Die Wahrheit ist, dass jeder mitgemacht hat. Nur 40 Prozent haben Hitler gewählt, aber dann haben 90 Prozent mitgemacht und nicht hinterfragt, warum die Juden deportiert werden. Und nach dem Krieg sagten sie, sie dachten, die Juden seien in Arbeitslager oder an die Front geschickt worden. Jeder hatte eine Entschuldigung. Und wenn man jetzt einen Film macht, bekommt man nur dann Unterstützung, wenn man Deutschland in einem positiven Licht zeigt. Der echte Hass, den ich erhalten werde, kommt aus Deutschland, weil ich im Film keine zweifelnden Deutschen zeige, die denken, sie sollten das nicht tun. man sieht es, wie es war. Ich wollte einen ganz normalen Tag in Auschwitz zeigen, was vollkommen unemotional war, im Wesentlichen wie bei einem Metzger, der kein schlechtes Gefühl dabei hat ,Kühe und Schweine zu töten. Das macht es erschreckend, aber das ist die Absicht des Films, zu zeigen, wozu Menschen fähig sind.

Doch zwangsläufig werden manche deinen Film als Folterporno und ausbeuterisch bezeichnen.
Aber das ist nicht wahr. Wenn man den fertigen Film sieht, wird man sehen, dass man nur in 20 Prozent davon mit Gewalt konfrontiert wird. 80 Prozent sind die tägliche Routine im Lager, sowie die Dokumentation und die Interviews. Er wird also Hostel-Fans nicht befriedigen.

Naja, da ist der Trailer dann wohl irreführt, weil er nur diesen Teil beleuchtet.
Ja, du hast recht, er ist ein bisschen irreführend, doch es war wichtig für mich mit dem Trailer einen Punkt zu setzen. Das ist die Strategie des Films, es gibt keine Helden, keine Geschichte um eine Person, er ist wirklich wie eine Dokumentation. Und er soll zeigen, was wirklich passiert ist. Es gab noch nie einen Film mit einer Kamera innerhalb einer Gaskammer. In Schindlers Liste für vielleicht zwei Sekunden. Doch so war es. Ich habe zum Beispiel eine sehr gute Szene mit einem Vater und seinem sechsjährigen Sohn. Und in dem Moment, als sie getrennt werden, gibt es kein Geschrei, keine große Musik, keinen Abschied, es passiert einfach innerhalb von einer Sekunde in der Menschenmenge während des Selektionsprozesses, und dann ist es vorbei, und der Sohn wird vergast und verbrannt. Ich denke, es ist das Gegenteil von Folterporno, es wird eine Menge Leute  zum Weinen bringen, weil es so unemotional ist. Ich bin traurig, dass die Leute meine Filme nicht ausprobieren, sie sind es wert, ich stecke mein Geld und mein Herz in sie und ich hoffe, dass ich die gleichen Möglichkeiten wie andere Filmemacher habe.

Welche Art von Reaktionen hast du aus Deutschland erhalten, als du angefangen hast über deine Filmpläne zu reden?
Ich habe nie darüber geredet. Niemand hatte eine Ahnung davon, bis ich den Teaser veröffentlichte. Und die Leute in Deutschland flippen aus. Der Vertrieb, der an der Veröffentlichung meines Max Schmeling-Boxfilms arbeitet, der im Oktober rauskommen wird, sagte, dass der Trailer zu Auschwitz eine Katastrophe für sie sei. Doch Auschwitz ist ein viel wichtigerer Film als Max Schmeling. Und er ist ein Stück besser. Und die Leute beschweren sich auf den Webseiten, dass ich das wegen des Geldes mache - wenn ich zu Geld kommen wollte, hätte ich mein Geld behalten und es nicht dafür ausgegeben. Es ist total absurd zu denken, dass ein Film wie dieser ein Kassenschlager sei. Er ist das Gegenteil, wir wissen alle, dass es sehr hart sein wird ihn in irgendwelche Kinos zu bringen.

Fürchtest du erschütterte Holocaust-Überlebende und ihre Familien?
Nein. Weil wir mit Holocaust-Überlebenden geredet haben, und wir haben mit den Leuten von Yad Vashem [israelische Holocaust-Gedenkstätte] gesprochen, um Filmmaterial für den Dokumentationsteil zu bekommen. Sie wissen, dass es wichtig ist sicher zu gehen, dass niemand das Geschehene vergisst. Sogar wenn er verstörend und schockierend ist, ist es also besser, wenn der Film exisitiert, als wenn er nicht existiert. Deswegen hoffe ich, dass sie auf uns zugehen und den Film unterstützen, wenn er fertig ist.

Wann ist er fertig?
Ich denke im November, und ich werde versuchen ihn auf die Berlinale zu bringen. Aber ich denke nicht, dass sie ihn nehmen werden.

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