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Vice Blog

Willkommen im Frownland

15.7.10

In „Frownland" geht es um einen New Yorker namens Keith, der nie die Kraft hat ,das zu sagen was er wirklich denkt und seine Ofentür als Esstisch nimmt, um dort sein Popcorn zu verschlingen. Ich wusste gar nicht, dass ich den Film überhaupt sehen wollte, bis mich kleine Geschichten wie „Frownland vereinigte passionierte Raves mit beleidigenden Vorwürfen, während es bei Festivals meistens in Schreiausbrüchen zwischen Schirmherren endete" anlockten.

Um ehrlich zu sein passiert nicht viel, während die Besucher zuschauen, wie Keith durch sein trostloses Leben stolpert. Der Regisseur Ronald Bronstein beschrieb den Film als „eine überreife Tomate, die mit der Genauigkeit eines Spatens direkt auf die Leinwand getupft wird", und nachdem ich den Film selber gesehen habe, macht das sogar fast Sinn. Ich mag „Frownland" sehr und deshalb habe ich bei Bronstein angerufen um herauszufinden woher dieser Wahnsinn kommt.

Vice: Hi Ronnie, wie geht es dir?

Ronnie: Mir geht's eigentlich ganz gut, glaub ich. Doch, mir geht's gut.

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Was machst du gerade?

Oh, ich renne eigentlich nur auf und ab, um meinen Kopf zu befreien um mit dir richtig über dieses Projekt reden zu können. Es ist nicht besonders leicht für mich, weißt du? Ich versuch es so tief in mich hineinzuschieben wie möglich, weil egal wo der Film gerade anläuft, ist er für alle natürlich ein brandneuer Film, und deshalb probiere ich dann natürlich auch mit dem Enthusiasmus eines gerade fertig gewordenen Regisseurs zu reden. Und das ist was  ich gerade mache.  Also wie geht es dir?

Nervt es dich ein bisschen, immer noch über diesen Film zu reden. Hast du langsam genug?

Das ist eine gute Frage. In meinen Augen geht der Spannungsbogen eines Projekts schon gleich nach dem Start sofort runter und somit durchwandere ich von anfänglicher Arroganz bis hin zu elenden Selbstzweifeln jede erdenkliche, negative Gefühlswelt. Das heißt das ich am Ende eines Projektes, ein rückradsloser, kriechender Wurm geworden bin, der seiner eigenen Arbeit nicht traut. Wenn ich dann an dem Punkt über die Arbeit reden muss, ist es eigentlich unvereinbar mit dem was ich fühle. Ich habe kein Selbstvertrauen in meine Arbeit, für mich ist es nur ein Testament meines Versagens in vielen kleinen seltsamen Wegen, die hoffentlich in der eigentlichen Arbeit nicht offensichtlich sind.

Aber du musst doch ein gewisses Selbstvertrauen haben durch die ganzen positiven Kritiken?

Das stimmt aber es ein zweischneidiges Schwert. Ich habe gleichzeitig auch viele schlechte Kritiken bekommen. Gute Kritiken machen mich glücklich bis ich sie an meine Mutter weitergeleitet habe. Und Kritiken sind ja  nur das eine, denn wenn man über die Zuschauer spricht, dann waren da auch sehr feindlich gesinnte Reaktionen. Sie tun so als wäre es meine alleinige Absicht gewesen, sie niedergeschlagen zu machen, ohne auf eine tiefere moralische Ebene hinzuweisen, und natürlich war das nicht meine Absicht. Es macht mir überhaupt keinen Spaß jemanden zu schikanieren, nur weil er einen solchen Film nicht richtig verstehen kann. Ich wollte niemanden anpissen. Ich bin das komplette Gegenteil zu einem enfant terrible. Ich bin ein überempfindlicher 36 Jähriger.

Zurzeit gibt es ziemlich viele Filme, die sich um einen dysfunktionalen, einsamen Mann dreht, wie "Cyrus" und vor allem "Greenberg"

Ach, das liebenswerte „Loser" Genre. Filme die sich selbst als idiosynkratisch ansehen, in dem sie sich auf Antiheros oder unheroische Menschen konzentrieren. Aber - und ich habe die zwei Filme nicht gesehen sondern generalisiere gerade - das Problem mit diesen liebenswürdigen Verlierern ist, dass der Hauptcharakter immer ein wenig leer und schmucklos dargestellt wird, um den Verlierer in uns allen anzusprechen. Und irgendwie finde ich die Idee abstoßend, so von einem Film kontrolliert zu werden. Ins Kino zu gehen um für zwei Stunden zu denken dass ich eigentlich viel toleranter bin zu Schwächeren, bis ich dann nach dem Film einen neurotischen Spasst im Klo treffe. Das war sicher nicht warum ich diesen Film gemacht habe. Damit ein Film die Zuschauer zu einem Ort von unverfälschtem Mitgefühl führen kann, musst du das Risiko auf dich nehmen die einzelne Person vollkommen zu verlieren, die Zuschaueridentifikation vollkommen aufzulösen, damit ein gewisser Prozess anfangen kann. Jemanden zu lieben, heißt gleichzeitig ihn zu hassen. Wenn man Liebe in seine Einzelteile aufteilen würde dann würde man auch Gefühle wie Wut, Ekel, Groll finden. Das sind ganz natürlich Beiprodukte die man bekommt, wenn man jemanden nahe kommt.

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Die zwei Filme, die ich vorher angesprochen hatte, und ich mag sie beide, gehen auch über ziemlich schräge Manns-Kinder mittleren Alters, die am Ende sind beide Filme schöne romantische Komödien. Bei dir hingegen geht es um die echte Realität, einen wirklichen Outsider, mit dem nicht viele Leute freiwillig abhängen würden. Obwohl ich ihn mochte.

Ich auch! Für mich schwenkt der Film dauernd zwischen wegzuckender Intoleranz und Herz brechender Sympathie. Aber ich weiß nicht, ob der Film jetzt ein humanistische Arbeit ist, oder ob es eine Anklage gegen meinen Menschenhass und Intoleranz ist.

Wie hat alles angefangen, wann war der Startschuss?

Ich habe mein junges Erwachsensein in Unsicherheit und Befangenheit verbracht. Da merkte ich, dass ich etwas über dieses Fehlen von Selbstbewusstsein machen wollte. Ich schummelte mich dann in einen copywriting Beruf um genug Geld zu haben um mein Projekt zu realisieren. Dann bin ich bei einem Familienbegräbnis in Dore Mann [Schauspieler] gelaufen und merkte, dass er eine bessere Verbindung wäre für die Emotionen die ich hervorbringen wollte, als ich.

War er ein Schauspieler?

Er ist kein Schauspieler. Er ist ein Genie. Er ist ein Darsteller und eine unglaublich erfinderische Person. Der Charakter ist ein Resultat seiner Neigungen. Als ich ihn getroffen hatte, lebte er noch mit seiner Mutter, scheinte wenig sozialen Kontakt zu pflegen und arbeitete im Supermarkt. Doch als ich ihn getroffen hatte war es so als hätte ich mit einer Axt ein riesiges Schloss von seinem Mund entfernt, und alles was er je sagen wollte kam plötzlich aus ihm herausgesprudelt. Es gab natürlich auch noch so viele Qualitäten in ihm die überhaupt nicht in den Film passten. Der Charakter war perfekt auf ihn angepasst, seinem psychischen Rhythmus, seinem Sprachmuster, aber es ist trotzdem nicht er. Leute denken immer, dass er genau diese Person sein, und das hat ihn am Anfang echt gestört. Aber jetzt ist er wirklich stolz auf den Film, obwohl ich mit ihm komplett entfremdet bin.

Warum?

Es ist sehr kompliziert. Die anstrengenste Beziehung die ich je mit jemandem hatte; ich weiß gar nicht wie dieses Gefühl in eine Klangform distilieren soll. Aber am Anfang wollte er nie zu Aufführungen, weil er Angst davor hatte, mit dem Film in Verbidndung gebracht zu werden.

Und was machst du jetzt gerade?

Ich werde einen neuen Film im Herbst drehen. Es ist was komplett anderes. In meinen Augen ist es witziger, da die Charaktäre alle so spasstisch und gummihaft und gesellig sind, doch trotzdem ist er jetzt schon voller Selbstekel, dass ich mich jede Nacht davor fürchte daran weiter zuarbeiten. Mir graut es davor weiter zuarbeiten, weil es ist voller hässlichem Zeig und hässlichen Menschen mit Problemen die nicht lösbar sind. Ugh. Naja mal schaun.