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Dann macht doch, ihr schwulen Säcke

… sagte der Polizist zu den demonstrierenden britischen Studenten
17.1.11

Von den Einsatztruppen der Polizei auf dem Parliament Square eingekesselt, vermischten sich demonstrierende Studenten mit Anarchisten und Gaunern, wobei ein Haufen Sachen angezündet, zerdroschen oder bepisst wurden.

Am 10. Dezember 2010 wurden Fotograf Henry Langston und ich von einem Einsatzkommando der Londoner Polizei verprügelt. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt inmitten eines Protestzugs, der von der BBC als „die gewalttätigste britische öffentliche Demonstration seit 1987“ bezeichnet wurde. Der Grund für die Proteste war die dramatische Erhöhung der britischen Studiengebühren. Die Bullen kesselten uns sechs Stunden lang auf dem Londoner Parliament Square ein, wodurch 25.000 Medienstudentinnen mit Namen wie Edwina Farquington-Rothschild mit 1.500 europäischen Anarchisten, minderjährigen Prolls und stinkenden Hippies in ein und denselben randalierenden Topf geworfen wurden. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren, Sachen in Brand zu stecken, Fenster einzuschlagen und zu versuchen, das Handy von Henry (nicht aber seine 1.100 Dollar teure Kamera) zu klauen, warfen die Randalierer mit Billardkugeln, Farbdosen und Metallgittern nach der Polizei und ihren Pferden. Vorher entnahmen sie den Dosen allerdings noch etwas Farbe, um Schilder mit frisch erfundenen Studentenslogans wie „Tory Scum/ Suck Your Mum“ zu beschriften. (Wir sollten noch hinzufügen, dass die Demonstrationen erfolglos waren und alle Studenten jetzt doppelt so viel dafür berappen müssen, Soziologie zu studieren, wie zuvor.) Kurz, nachdem es Henry gelungen war, drei Versuche ihn auszurauben zu überstehen, zog ihm ein Bulle mit seinem Schlagstock eins über, bevor sein Kollege ihm in die Eier trat. „Sie mochten es nicht, dass ich Bilder von ihnen machte“, sagte Henry. „Sie dürfen einen eigentlich nur auf die Arme oder Beine schlagen, also war ich überrascht, als der Gummiknüppel auf meiner Stirn landete. Ich ging zu Boden, und während ein paar andere Demonstranten über mich trampelten, verpassten mir ein paar andere Bullen ein paar zielgerichtete Tritte in die Eier.“ Im Laufe des Nachmittags wurde die Situation immer gewalttätiger und die berittene Polizei wurde vorgeschickt, um die Leute davon abzuhalten, den Parliament Square in Flammen zu setzen und die Fenster des Obersten Gerichts zu zertrümmern. Irgendwann hörte der Künstler Matthew Stone, der dort war, um seine Unterstützung für die Studenten zu demonstrieren und Fotos zu machen, wie ein wütender berittener Polizist brüllte: „Dann macht doch, ihr schwulen Säcke!“, bevor er mit seinem Pferd mitten in die Menge preschte. Das Pferd kriegte dann von einem Hippie einen ordentlichen Schlag ins Gesicht. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit, trafen wir zufällig einen unserer britischen Lieblingskorrespondenten, den Kriminalreporter und Autor Graham Johnson. Wie Henry hatte auch er einen blutigen Schädel, aber als wir ihn fragten, was er von dem Gemetzel um uns herum hielt—brennende Telefonzellen, überall verteilte Exkremente, Straßenraub, schreiende Teenagermädchen, usw.—sah er uns nur kurz an und sagte: „Ihr denkt, das ist schlimm? Wartet mal ab, wie es nächstes Jahr wird.“ Bevor wir ihn fragen konnten, was er damit meint, kamen 25 maskierte asiatische Kids mit einem Ghettoblaster, aus dem lauter Rap dröhnte, in unsere Richtung gerannt, was die Polizei veranlasste, noch einmal anzugreifen. Wir wurden auseinandergerissen, und das Letzte, was wir von Graham sahen, war, wie er sich den Zeigefinger an die blutige Schläfe und den kleinen Finger an die spuckeverschmierten Lippen hielt—eine Geste, die soviel heißen sollte wie: „Ich rufe euch morgen deswegen an!“ Und das tat er dann auch.

Die Demonstranten schleuderten einen riesigen Zaun auf die Bullen.

Vice: Hallo Graham, wie geht es deinem Kopf?
Graham Johnson: Ich habe zwei Verletzungen, eine vorn und eine hinten, von einem Stück Baugerüst und einem Betonbrocken, von denen ich während der Krawalle getroffen worden bin. Das Wichtige sind aber nicht meine Verletzungen, sondern die Gründe, die dazu geführt haben—die Aggression, die aus Wut entsteht, die fast immer auf Ungerechtigkeit zurückzuführen ist. Ich finde, dass den Studenten und Anarchisten definitiv Unrecht geschehen ist. Ich wurde von einem Polizeisanitäter wieder zusammengeflickt, der Stewart heißt. Ich hoffe sehr, dass sein Job nicht als nächstes dran ist, denn wir brauchen gut ausgebildete Beamte wie ihn dringend. Was hältst du von den Krawallen auf dem Parliament Square?
Das war der vierte Studentenprotest und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass die Polizei unter ernsthaftem physischen Druck stand. Ich konnte sehen, dass sie ihr Selbstvertrauen verloren hatten. Sie hatten den Gesichtsausdruck eines amerikanischen Marinesoldaten bei Khe San, der sieht, dass seine Stellung überrannt werden wird. Bei den G-20-Demos und der zweiten und dritten Welle der Studentenproteste fand ich, dass die Polizei zu brutal vorgegangen ist. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie nicht sehen konnten, was ihnen als nächstes bevorstand. Ich habe in den letzten 15 Jahren über zwei Kriege und zehn Massenproteste quer durch Europa berichtet, und ich sehe mir die Polizisten an, wie sie auf magere und sanftmütige Studenten einknüppeln, und ich denke mir: „Nun, heute lacht ihr vielleicht noch unter euren gepolsterten, staatlich gesponserten Schutzhelmen. Es ist schön und gut, Schulmädchen fertig zu machen, wenn man selbst von einer thermoplastischen Ganzkörperuniform und einem mit Karbonstahlplatten verstärkten Brustschild geschützt wird. Aber was passiert, wenn ihr irgendwann einem Mob aus 300 zornigen Straßenkindern in den von den Kürzungen verwüsteten Sozialwohnsiedlungen in Liverpool, Südostlondon und Bristol gegenübersteht? Das wird eine etwas andere Nummer. Wie meinst du das?
Ich war vor Kurzem mit einem Mann namens Stephen French in Liverpool, einem der Typen, der die Toxteth Riots in den 80ern mit losgetreten hat. Er und zwei andere junge Schwarze versuchten, die Polizei davon abzuhalten, mit einem ihrer Freunde handgreiflich zu werden, und die Dinge eskalierten dann zu einem der schlimmsten Krawalle des 20. Jahrhunderts. Das ist der Stephen French aus dem Artikel über die Gangs in Norris Green, den wir vor ein paar Jahren herausgebracht haben [„Kindermord in Merseyside“, V4N9]. Was hat er dir denn erzählt?
Nun, er arbeitet sehr viel mit Basisinitiativen und hat daher viel Kontakt mit jungen Gangmitgliedern in Stadtteilen wie Norris Green. Er hat mir erzählt, dass die Krawalle auf dem Parliament Square wie Kaspertheater aussehen werden, wenn die Kürzungen der Regierung wirklich anfangen, die britische Arbeiterklasse zu treffen und sie sich aufzulehnen beginnen. Wenn sie anfangen, die Sozialwohnungen zu privatisieren und die Sozialleistungen zu kürzen und die Gesundheitszentren zu schließen?
Ja, wir wissen, dass all das passieren wird. Und die jungen Leute in diesen Gegenden werden darüber ebenso empört sein wie die Studenten. Untern den Experten hier im Land, den Politikern und sogar ein paar der Polizisten, herrscht die Meinung, dass die Unterklasse dieses Landes sich auf eine Weise gegen den Staat auflehnen wird, wie man sie seit den Brixton und Toxteth Riots der 80er-Jahre nicht mehr gesehen hat. Ich war zu der Zeit ein Kind. Ich erinnere mich noch, dass ich wahnsinnige Angst hatte.
Aber das ist nicht das wirklich Wichtige. Das Problem ist, dass diese Kids echte kleine Gangster sind—sie sind bis an die Zähne mit automatischen Waffen, Pistolen und selbst gebauten Sprengkörpern bewaffnet, die in vielen heutigen städtischen Gegenden so ziemlich zur Grundausstattung der Gangs gehören. Das klingt vielleicht erschreckend, aber die Frage ist wirklich, was die Polizei tun wird, wenn sie mit etwas, das technisch gesehen einem bewaffneten Aufstand gleichkommt, konfrontiert sein wird. Sogar arbeitslose Bauarbeiter wissen heutzutage, wie sie an diese Dinge herankommen können—aus dem einfachen Grund, dass sie da draußen in großer Zahl im Umlauf sind. Die Gangkultur ist in diesen Stadtvierteln tief verwurzelt und die Arbeitslosen machen einen immer größeren Anteil deren Anwohnerschaft aus. Was heute anders ist, ist, dass die Leute sich nicht scheuen, ernsthafte Gewalt anzuwenden, besonders gegen ein System, das sie dafür verantwortlich machen, ihnen die Zukunft geraubt zu haben. Das klingt erschreckend. Hast du Beweise dafür?
Lest euch einfach die Zeitung durch. Ich beobachte die Polizei seit geraumer Zeit und lese die Berichte der Polizeibehörden und ich kann euch ein paar simple Fakten vorlesen, wenn ihr mir nicht glaubt. Trotz des unglaublichen Chaos schafften es diese Kids, Spaß zu haben und zum Scherz hinter geklauten Polizeischilden zu posieren.

Leg los …
Ich habe mit Hilfe von ein paar Kontakten innerhalb der Polizei und innerhalb anarchistischer Organisationen recherchiert, dass die Londoner Polizei 13 gepanzerte Mannschaftswagen vom Typ Jankel Guardian gekauft hat, die je sechs Tonnen wiegen. Sie sind zudem mit einer Heckenschützenplattform ausgestattet. Einer Heckenschützenplattform?
Ja! Es gibt auch Hinweise darauf, dass sie Überwachungsdrohnen und schusssichere, quasimilitärische Land Rover erworben haben—von der Sorte, wie sie im Irak und in Nordirland verwendet werden. Quer durchs Land kaufen Polizeieinheiten Waffensysteme wie die, die in Afghanistan benutzt werden, darunter Heckler & Koch G36-Maschinengewehre mit einer Reichweite von 800 Metern und 750 Schuss pro Minute. Wenn die Polizei die bei der Demo gestern eingesetzt hätte, hätte es ein Blutbad gegeben.
Das ist noch nicht alles. In Leeds, Manchester, Birmingham und London sollen paramilitärische Trainingszentren entstehen, wo Polizisten vom SAS ausgebildet werden. Es sind auch bereits Polizisten in Zivilkleidung gesehen worden, die exakt dieselben Heckler-&-Koch-Maschinengewehre dabeihatten, wie sie die SAS benutzt. Was genau ist die SAS?
Der Special Air Service. Das ist die beste Elitetruppe Großbritanniens oder—wie manche behaupten—der Welt. Sie werden als letzte Rettung zu Hilfe geholt, wenn gar nichts anderes mehr geht und man jemanden braucht, der kommt und alle einfach abknallt. Dagegen sehen die US Special Forces wie Verkehrspolizisten aus. Geht es dabei nicht eigentlich um Attacken wie die von Mumbai, also Al-Qaida-Attentäter, die in unsere Shoppingcenter kommen, um Einkäufer niederzumetzeln.
Und du glaubst wirklich, dass al-Qaida ausgerechnet in Birmingham, Leeds oder Liverpool Shoppingcenter angreifen wird? Bist du dir überhaupt sicher, ob al-Qaida wirklich existiert? Drohnen und Militärfahrzeuge sind Werkzeuge der Unterdrückung. Land Rover geriet in den 70ern in Kritik, weil sie Fahrzeuge an das Apartheidregime in Südafrika lieferten. Wo liegt da der Unterschied zu ­he­ute? Ist es nicht realistischer, dass die Polizei versucht, sich dafür zu wappnen, mit einer zunehmend unzufriedenen britischen Bevölkerung fertig zu werden, indem sie sich eine militärische Ausstattung zulegt? Mit wem hast du noch über dieses Thema gesprochen?
Mit Professor Stephen Graham, der an der Newcastle University Experte für Städte und die Gesellschaft ist. Er denkt, dass die im Kampf gegen die Aufständischen im Irak und Afghanistan verwendeten militärischen Strategien bereits heute in zunehmenden Maße Einfluss auf die Polizeiarbeit innerhalb Großbritanniens haben. Wie denn genau?
In den Zeitungen siehst du, dass bewaffnete Kommandos immer öfter in harmlosen Situationen eingesetzt werden, und das hat damit zu tun, dass die staatlichen Behörden die Städte zunehmend als feindliche Orte wahrnehmen, in denen jeder ein potenzielles Angriffsziel sein kann. Stephen hat mir außerdem erzählt, dass zivile Unruhen 2011 sehr viel häufiger sein und sich nicht nur auf die Ghettos beschränken werden. Das wird sich auf die ärmeren weißen Vorstädte ausweiten, weil diese Leute schon vor den Kürzungen an der Armutsgrenze gelebt haben. Es gibt Spannungen und einen echten Hass auf die Anti-Gang-Einheiten der Polizei, die denen der 80er sehr ähnlich sind. Der große Unterschied ist aber, dass die Leute heute bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn man die Polizei militarisiert, hat man außerdem das Problem, dass die Aktivisten sie als rechtmäßige Angriffsziele sehen werden—als den Feind. Das ist eine sehr schlechte Nachricht für die 50 Prozent der Polizisten, die einfach dem Wohl der Allgemeinheit dienen und das Gesetz schützen wollen—wie der Sanitäter Stewart, der mir den Arm verbunden hat, nachdem ich von einem Haufen verdammter Facebook-Milchgesichter und diesen idiotischen Sozialhilfeabzockern von der Whitechapel Anarchist Group angegriffen worden war. Während Henry von der Polizei angegriffen wurde, schickten wir Muir Vidler los, um inmitten des Gemetzels Fotos von hübschen Mädchen für unsere „Fashion Story“ zu machen. (Sorry Henry!) Dieser ganze Spaß folgt auf den nächsten paar Seiten. Ein ganz großes Dankeschön an all die extrem geduldigen Models, die wir sechs Stunden lang in diesem gruseligen Chaos festgehalten haben.

FOTOS VON HENRY LANGSTON, BESONDEREN DANK AN GRAHAM JOHNSON