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Das ist der Typ, der mit dir spricht, wenn du im Fahrstuhl stecken bleibst

„Haben Sie keine Angst, im Fahrstuhl sind Sie sicher." Stimmt das?

von Pierre-Eliott Buet
10 September 2015, 2:18pm

Letzte Woche bin ich nach ein paar Drinks mit meinen Kumpels nach Hause getorkelt. Wie du wahrscheinlich selber ganz gut weißt, wird das Treppensteigen durch eine ordentliche Schlagseite nicht gerade einfacher, also entschloss ich mich dazu, bequem den Aufzug zu nehmen. Was für eine Scheißidee: Nach ein paar Sekunden ruckelte es und ich steckte fest.

Nein, besonders dramatisch war es jetzt nicht: Es gab weder freiliegende, wild Funken sprühende Kabel noch ein lautes Kreischen, unter dem meine Kabine unaufhaltsam dem Boden entgegenrauschte—der Aufzug wurde eigentlich nur immer langsamer und kam dann irgendwo zwischen dem dritten und vierten Stock zum Stehen. Trotzdem reichte allein die Tatsache, festzustecken aus, um mich in Panik zu versetzen. Ich schaffte es erfolgreich, die Tür des Aufzugs aufzuschieben, aber bei der dahinter liegenden Tür, die in den dritten Stock führte, hatte ich weniger Glück. Also tat ich, was ich bis dahin vermieden hatte, und drückte den Notruf-Knopf.

Es passierte nichts.

Na gut, eine weitere, letzte Möglichkeit hatte ich noch und so rief ich die Notrufnummer neben dem Knopf an. Ein Typ, wir nennen ihn jetzt einfach mal François, nahm ab und versprach mir, dass in der nächsten halben Stunde jemand kommen würde, um mich zu retten. Während ich so auf den Techniker wartete, fragte ich mich, was für Anrufe François wohl bekommen mag. Am nächsten Tag entschied ich mich dazu, ihn anzurufen und zu fragen, wie es ist, beruflich ständig mit gestressten und panischen Menschen zu reden.

VICE: Was genau beinhaltet dein Job?
François: Im Grunde rufen mich Menschen an, wenn sie in Aufzügen festhängen. Darunter sind viele Personen, die Panik bekommen und denken, dass sie sterben werden. Mein Job ist es, ihnen zu sagen, dass sie nicht sterben werden, und sie wieder zu beruhigen. Ich muss mir aber eine Menge Beschimpfungen und Drohungen anhören. Die meisten Menschen bleiben jedoch zum Glück relativ ruhig.

Was war das Schlimmste, das du erlebt hast?
Ein Typ ist so durchgedreht, dass er gedroht hat, den Techniker umzuhauen, wenn er kommt. Laut Gesetz sind wir verpflichtet, die Menschen innerhalb von einer Stunde aus dem Lift zu befreien. Aber selbst wenn du den Leuten sagst, dass wir in 15 Minuten da sind, beschweren sie sich. Die drohen dann, dich anzuzeigen und alles Mögliche.

Was passiert, wenn jemand klaustrophobisch ist?
Das passiert selten. Wie mein Kollege immer sagt: „Menschen, die wirklich klaustrophobisch sind, nehmen gar nicht erst den Fahrstuhl." Ich versuche aber auch so immer, die Leute zu beruhigen. Es gibt ein paar Sachen, die ich immer sage: „Es ist ausreichend Sauerstoff vorhanden", „Der Fahrstuhl kann nicht abstürzen", „Sie haben nichts zu befürchten", „Alles ist gut, der Techniker ist auf dem Weg." Die Leute können so oft, wie sie wollen, auf den Knopf drücken, wir antworten immer. Das ist unser Job.

Als ich im Fahrstuhl feststeckte, habe ich gemerkt, dass man die Innentür öffnen kann, aber nicht die zum Stockwerk. Woran liegt das?
Das sollte man nicht tun. Stell dir nur mal vor, du kletterst aus dem Fahrstuhl und plötzlich ist der Strom wieder da—das wäre eine ganz schöne Sauerei. Die Person würde in zwei Teile geteilt werden. In Japan ist das mal passiert. Wenn man das bedenkt, ist eine Stunde eingesperrt zu sein doch um einiges besser. Die Techniker oder die Feuerweher werden dich auf jeden Fall rausholen. Wenn wir keinen Techniker haben, der innerhalb einer Stunde vor Ort sein kann, rufen wir die Feuerwehr.

Wie viele Anrufe bekommst du pro Tag?
Die meisten Anrufe sind von Technikern, die das System überprüfen, Fehlmeldungen oder Fehlfunktionen des Alarmsystems. Das alles zusammen macht etwa 80 Prozent aus. Die übrigen 20 Prozent kommen von Menschen, die wirklich irgendwo feststecken. Im Durchschnitt hat es jeder von uns pro Tag mit etwa zehn ernstgemeinten Anrufen zu tun. Meine Firma hat 30 Angestellte, was also heißt, dass täglich [in ganz Frankreich] etwa 300 Leute in Aufzügen stecken bleiben—bei insgesamt 100.000 Aufzügen, die wir betreuen.

Die schlimmste Zeit des Jahres ist auf jeden Fall Silvester—die Menschen besaufen sich und enden im ganzen Land in steckengebliebenen Fahrstühlen. In dieser Nacht verstärken wir unsere Belegschaft.

Als wir am Telefon gesprochen haben, wusste ich zwar, dass du versuchst, mich zu beruhigen, aber eigentlich hast du mir nur mehr Angst gemacht.
„Haben Sie keine Angst, im Fahrstuhl sind Sie sicher."

Genau.
Einmal sagte ich das zu einem Mann und er antwortete: „Vor 15 Jahren ist meine Frau in einem Fahrstuhl gestorben. Die Kabine ist abgestürzt." Ich fühlte mich so dumm. Heutzutage kann das nicht passieren, aber früher war das schon möglich. Es gibt heutzutage auch ein Gesetz, nach dem alle Fahrstühle regelmäßig überprüft werden müssen. Jetzt bleiben auch die Bremsen stecken, was bedeutet, dass der Fahrstuhl sich in keine Richtung bewegen kann, solange der Mechanismus nicht auch von der Maschine wieder eingeschaltet worden ist. Fahrstühle können nicht mehr abstürzen, wie man das aus Filmen kennt.

Das beruhigt mich jetzt ungemein. Danke, François.