Nicht alle Dresdner sind rechte Idioten

Sachsen ist nicht einig Pegida-Land—auch wenn Ostdeutsche aktuell als Neonazivolk abgestempelt werden. Trotzdem gibt es einen Vorwurf, den man uns Dresdnern machen kann.

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23 Oktober 2015, 12:18pm

Foto: imago/Christian Schroedter

In Dresden ist Pegida. Dresden ist scheiße, denken sich viele, die noch nie dort gewesen sind und ich nehme es ihnen nicht übel. Momentan können sie es nicht besser wissen. Zumindest dann nicht, wenn sie ihre Meinung ausschließlich mit tagesaktueller Politberichterstattung und durch geltende Klischees bilden. Schließlich bekommen sie von der Stadt vor allem die negativen Seiten mit: die (mittlerweile glücklicherweise wegblockierte) „Gedenkdemo" am 13.Februar von Tausenden Rechten aus ganz Deutschland, die NPD im Sächsischen Landtag von 2004 bis 2014, gewaltbereite Hooligans von Dynamo Dresden, Crystal-Meth-Epidemie. Und jetzt ein sich schon über ein Jahr wöchentlich wiederholender Elends-Aufmarsch von bis zu 20.000 uninformierten Populisten, die sich weder für uninformiert noch für Populisten halten. Dresden hat ein großes Problem mit rechtem Gedankengut. Außerdem sprechen die da alle noch so komisch, denkt man und stempelt ab.

Ich bin in Dresden zur Welt gekommen, spreche nicht „komisch" und zähle zu meinen besten Freunden Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden—was eigentlich selbstverständlich ist. Außerdem geht nicht einer aus meiner Familie und meinem Bekanntenkreis zu Pegida. Eher zu den Gegendemonstrationen (wenn denn mal welche stattfinden). Bei einem Spiel von Dynamo Dresden war ich zwar schon mal, das Stadion und die Gästefans habe ich an diesem Tag allerdings nicht zerlegt und Crystal Meth hat noch nicht einmal meine Nasenscheidewand zum Brennen gebracht. Tut mir leid für den Schock. Was für einige Internet-Schreihälse, die Sachsen respektive Dresden am liebsten von der Deutschlandkarte streichen würden, wie ein Märchen klingt, ist auch Teil der Realität.

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Die Mehrzahl der Dresdner zündelt nach Feierabend nämlich nicht vor Asylbewerberheimen rum oder verprügelt Polizisten. Sie sind in erster Linie völlig normal und: ziemlich gemächlich. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Wenn ich an meine Zeit in Radebeul, quasi der suburban Area von Dresden, ummantelt von Weinbergen und der Elbe, zurückdenke, war es dort vor allem friedlich. Ein Großteil der Menschen um mich herum war gebildet, eher links eingestellt und Vorurteile gegen andere Nationalitäten gab es nicht. Natürlich waren da ein paar rechte Idioten, die besoffen vor der Tanke oder in der Straßenbahn Sachen von sich gaben, bei denen sich die Nackenhaare sträubten. Die waren ungebildet und so von ihrer Ideologie und ihrem Frust zerfressen, dass man sie machen ließ, immer noch machen lässt. Vermutlich ist das der Fehler. Mir kamen sie damals vor wie bedauerliche, gescheiterte Einzelfälle. Doch diese Leute wurden unterschätzt. Von mir und von vielen Anderen.

Jetzt stehen sie nicht mehr besoffen vor der Tanke, sondern besoffen bei Pegida, jagen linke Gegendemonstranten durch die Innenstadt oder pöbeln vor Asylbewerbeheimen und zerstören den Ruf einer Stadt, von der ich vor allem die guten Seiten kennengelernt habe. Für mich war Dresden Kultur. Semperoper, Techno im Sektor Evolution, Konzerte im Alten Wettbüro, das Hechtfest oder schöne Abende im mit der Gentrifizierung kämpfenden Alternativviertel Dresden Neustadt. An all diesen Orten war die Stimmung positiv, weswegen auch ich positiv an das Dresden zurückdenke, das ich vor eineinhalb Jahren verlassen habe. Als „rechtskonservatives Kaff" habe ich die Stadt damals nicht wahrgenommen. Scheinbar habe ich mich getäuscht. Ich stelle mir immer mehr die Frage, ob meine Realität in einer Blase stattgefunden hat und Dresden wirklich die intolerante, hasserfüllte Stadt ist, von der so oft gesprochen wird. Wahrhaben möchte ich das nicht.

Foto: imago | epd

Aber wo sind die ganzen kultivierten „Normalen" mit menschlichen Vorstellungen, die ich kenne, wenn es montags mal wieder knallt? Bei einer scheiß Weinverkostung? Ich weiß es nicht. Vermutlich sind viele resigniert von der andauernden Dummheit und fühlen sich nicht dazu in der Lage, dem braunen Mob von „Asylkritikern" etwas entgegenzusetzen. Ich habe das Gefühl, dass viele der Menschen aus meiner Realität sich damit abgefunden haben, dass es Rechte gibt. Sie verschanzen sich in ihrem Schneckenhaus, zünden mal eine Kerze an, bleiben aber sonst passiv. Sie wissen ja, dass der Großteil ihrer Umgebung nicht zu „Denen" gehört. Sich in dieser Sicherheit zu wiegen, ist Dresdens Problem. Denn die Öffentlichkeit weiß das nicht (mehr). In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert die Diabolisierung einer ganzen Stadt. Oft macht sich Spott, manchmal purer Hass breit. Leute halten Dresden, Sachsen, „den Osten" für ein braunes Moloch voller Dummheit.

„Die in Dresden hatten früher kein Westfernsehen, deswegen sind die Leute dort drüben auch alle so zurückgeblieben", raunt letztens ein junger Mann in der Schlange vor einem Berliner Club seinem Begleiter zu. „Deswegen hat man das auch Tal der Ahnungslosen genannt." Nicken. Themenwechsel. Ich stehe mit einem Freund, der aus der gleichen Region kommt, neben ihnen und wir ärgern uns, sagen aber lieber nichts. In diesem Fall hätte eine Diskussion mit zwei angetrunkenen Halbstarken vermutlich genauso wenig gebracht wie mit kritikunfähigen Pegida-Idioten. Doch auch die Aussagen der beiden Jungs sind stumpf. Auch das ist Unwissen, das sich in Klischees entlädt, wenn auch nicht in der Heftigkeit, in der es Montag für Montag bei Pegida passiert.

Pegida-Fans reagieren auf den Mord an einem Flüchtling in Dresden.

Die B.Z. titelt währenddessen vergangene Woche provokativ: „Dieses Dresden ist nicht mehr unser Deutschland". Unser Deutschland? Auch wenn der Artikel die reißerische Headline später entschärft, ist die Rhetorik bekannt. Unser, nicht euer. Ihr seid etwas Schlechteres, wir stehen über euch. Auch hier wird zu Unrecht pauschalisiert. Einige Leute können solche Phrasen leider nicht einordnen und machen sie zur Grundlage von Hass. Hass, der gegen Leute aus einer anderen Region des Landes gerichtet ist. Und dann kommt alles hoch: „Scheiß Ossis", „Und für die bezahlen wir Soli" oder „Man sollte die Mauer wieder aufbauen" sind gängige Aussagen. Zumindest im Internet.

Was für Auswirkungen das Bashing einer Stadt auch im „echten" Leben haben kann, bekam unlängst ein Freund zu spüren, der mit seiner Familie einen Tag in Münster verbrachte. Er stand mit seinen kleinen Geschwistern und seiner Mutter—einer Künstlerin, die so weit von rechtem Gedankengut entfernt ist wie Lutz Bachmann vom Friedensnobelpreis—vor ihrem Auto mit Dresdner Kennzeichen. Plötzlich, erzählt der Freund, sei ein wütender Jogger auf sie zu gerannt gekommen und begann rumzuschreien: „Scheiß Ossifotze". „Dann hat er meiner Mutter vor mir und meinen Brüdern ins Gesicht gespuckt und ist weitergelaufen."

Spätestens an diesem Punkt sollte man sich ernsthafte Gedanken machen. Diejenigen, die einerseits das Stumpfe Gepöbel von Pegida zurecht kritisieren, auf der anderen Seite aber alle Dresdner und Sachsen ernsthaft als dumme Assis abstempeln, mal mit ihrer Doppelmoral konfrontieren. Im Endeffekt sind sie damit keinen Deut besser als ihr Feindbild und: keinen Deut glaubwürdiger. Eine Mitschuld haben die Dresdner an ihrer Rolle dennoch. Würde die vernünftige Mehrheit sich lauter zu ihrer Position bekennen, dann hätten die laut grölenden „Asylkritiker" in der Innenstadt wenig entgegenzusetzen. Warum das nicht passiert? Ich weiß es nicht. Eigentlich wollte ich Dresden verteidigen, doch nach und nach gehen mir die Argumente aus.



Titelfoto: imago | Christian Schroedter

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