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Gedenken an das Massaker in Srebrenica

19 Jahre später ist das Massaker an bosnischen Muslimen im Balkan immer noch eine offene Wunde.

von Giles Clarke
18 Juli 2014, 12:18pm

Muslimische Frauen, deren Verwandte während dem Massaker getötet wurden, vor der Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte in Srebrenica, Bosnien. Alle Fotos: Giles Clarke

Mitte Juli 1995: Über 8000 „Bosniaken“ (bosnische Muslime) wurden damals systematisch von bosnisch-serbischen Soldaten umgebracht. Das Ganze wird manchmal auch als der einzige europäische Genozid seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Es war der traurige Höhepunkt einer gegen Muslime gerichteten, ethnischen Säuberung, die schon drei Jahre andauerte. 

Ab dem 11. Juli machte eine vom serbischen General Ratko Mladić (Befehlshaber der Vojska Republike Srpske) geführte Streitmacht und eine als „Skorpione“ bekannte, tödliche Eliteeinheit das Leben der muslimischen Bevölkerung in und um Srebrenica buchstäblich zur Hölle.

Die Srebrenica-Gedenkstätte, offiziell bekannt als Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte und Friedhof für die Opfer des Genozids von 1995.

Alles begann in den späten 80ern mit dem Fall von Titos kommunistischer Regierung. Zu diesem Zeitpunkt wohnten in der multiethnischen Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina Bosniaken (44 Prozent), orthodoxe Serben (31 Prozent) und katholische Kroaten (17 Prozent). 

Als der Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens begann und am 15. Oktober 1991 die nationale Souveränität ausgerufen wurde, hielt man im darauffolgenden Februar ein Referendum zur Unabhängigkeit ab. Die Mehrheit stimmte dafür, aber das Ergebnis wurde von den politischen Vertretern der bosnischen Serben abgelehnt (sie hatten auch die Abstimmung boykottiert). Trotzdem wurde die Republik Bosnien und Herzegowina am 6. April 1992 formell von der Europäischen Gemeinschaft anerkannt und einen Tag später auch von den USA.

Sofort nach der Unabhängigkeitserklärung griffen bosnisch-serbische Militäreinheiten die Republik Bosnien-Herzegowina an, um das serbische Territorium zu vereinen und zu sichern. Unterstützt wurden sie dabei von der serbischen Regierung um Slobodan Milosevic und der Jugoslawischen Volksarmee. Was folgen sollte, war ein brutaler Kampf um die regionale Kontrolle—in diesem Zug fanden auch die ethnischen Säuberungen von der nicht-serbischen Bevölkerung in von Serben überwachten Gebieten statt. Es befanden sich vor allem die Bosniaker im Fadenkreuz, die im östlichen Bosnien, nahe der Grenze zu Serbien, wohnten. Dort liegt auch Srebrenica.

Ein Ziegenfarmer steht in einem Feld neben der Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte und dem Friedhof für die Opfer des Genozids von 1995.

Das Bosnian Institute of the United Kingdom zählte zwischen 1992 und 1995 ungefähr 296 Dörfer in der Gegend um Srebrenica, die einfach von der Landkarte verschwanden—davon waren allerdings nicht alle muslimisch (es wurden auch serbische Dörfer von bosnischen Armeetruppen als Antwort auf die Invasion zerstört; die Bosnier haben selbst auch einige Gräueltaten begangen, was das Feuer des ethnischen Konflikts auch die folgenden Jahren noch nicht ausgehen ließ). Gut 70.000 Menschen wurden dort aus ihren Häusern vertrieben und dabei viele Tausende Muslime getötet. Dieses Chaos wurde vom der Rest der Welt weitläufig ignoriert. Diese Tatenlosigkeit macht der UN jetzt zu schaffen, die damals zwar die erste UN-„Schutzzone“ in der Gegend eingerichtet hat, das Massaker in den Wochen nach dem 11. Juli 1995 aber trotzdem nicht verhindern konnte. 

Als General Mladić nach Srebrenica kam, ließ er alle muslimischen Männer, die er finden konnte, zusammentreiben und töten. Schon bald flüchteten die 25.000 Einwohner in die von Niederländern geführte „Schutzzone“. Sie wurden aber nach wenigen Tagen ausgehändigt und die Verhandlungen zwischen den Niederländern und Serben stellten nur die Unversehrtheit von Frauen und Kindern sicher. Der niederländische Kommandant der „Dutchbat“-UNPROFOR (Schutztruppe der Vereinten Nationen), Oberstleutnant Thomas Karremans, war zum Großteil machtlos und seine Aufrufe zu Luftangriffen auf die serbischen Truppen wurden in diesen entscheidenden ersten Stunden ignoriert.

Niederländisches Graffiti auf den Wänden des ehemaligen Blauhelm-Hauptquartiers.

Es wurde schon viel über die UN-Truppen diskutiert und wie sie das alles zulassen konnten, aber die fehlende Hilfe für wehrlose Zivilisten ist eigentlich denen zuzuschreiben, die die nur unzureichend ausgestatteten Blauhelme überhaupt in Bosnien stationiert haben. Die Führungsriege der UN zögerte und ließ so das Massaker passieren.

Die „Dutchbat“-Truppen übergaben schließlich auch noch die letzten 3000 Leute, darunter viele Männer im kampffähigen Alter und eine Handvoll Jungen. Alle wurden hingerichtet. Die Mehrheit der Kinder wurde aber verschont und nach Tuzla geschickt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich serbische Soldaten in unmittelbarer Nähe zu den machtlosen niederländischen Soldaten einige junge, muslimische Frauen aussuchten und diese dann in der Gruppe vergewaltigten. Angeblich konnte man ihre Schreie auch auf dem UN-Stützpunkt hören. Die Blauhelme waren 1993 angerückt und sind zwei Jahre später nach ihrem Totalversagen wieder abgezogen. (Am 16. Juli 2014 hat ein Zivilgericht von Den Haag die Niederlande für über 300 Tote verantwortlich gemacht.)     

Viele von denen, die in die gut 95 Kilometer entfernten muslimischen Schutzzonen transportiert wurden, waren Frauen und Kinder. Sie wurden von Serben in Bussen gefahren, das Benzin zahlte die UN. Die mehr als 10.000 Männer, die zurückgelassen wurden, hatten nicht nicht so viel Glück. Viele wurden in den darauffolgenden Tagen und Wochen zusammengetrieben und erschossen.

Eine der vielen Fabriken am Stadtrand von Srebrenica, wo muslimischen Männer zusammengetrieben und festgehalten wurden, bevor die serbischen Truppen sie für die Hinrichtung in die umliegenden Hügel fuhr.

Die Männer wurden angewiesen, ihr eigenes, dürftiges Grab zu schaufeln. Nach der Exekution wurden die Leichen in diese Gräber geschmissen, wobei die Umgebung so stark mit Minen versehen wurde, dass die Identifizierung immer noch extrem gefährlich ist und sich der Albtraum auch 19 Jahre später noch fortsetzt.

Ein Jahr nach dem Massaker sagte Jean-René Ruez—der Chefermittler des Haager Kriegsverbrechertribunals—bei der Aufarbeitung Folgendes: „Wir reden hier über ein Verbrechen gegen die Menschheit, und ein Verbrechen gegen die Menschheit ist ein Verbrechen gegen uns alle.“

Trotzdem schauten die UN und die Regierungen der Welt bei diesen Gräueltaten nur zu, genau so wie es das Jahr zuvor in Ruanda der Fall war.

In der Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte und dem Friedhof für die Opfer des Genozids von 1995 sind 8372 Namen in Stein gemeißelt.

Bis zum Juli 2012 wurden 6838 Opfer des Völkermordes mit Hilfe von DNA-Analysen der Körperteile aus den Massengräbern identifiziert und bis zum Juli 2013 wurden 6066 Opfer in der Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte begraben. Der serbische Präsident Tomislav Nikolić hat sich offiziell für das Massaker entschuldigt, auch wenn er nicht so weit ging und es einen Genozid nannte. 

Am 4. Oktober 2005 sagte die ‚Special Bosnian Serb Government Working Group‘, dass 25.083 Leute an der gesamten Srebrenica-Operation beteiligt waren, darunter 19.473 Mitglieder verschiedener bosnisch-serbischer Streitkräfte. Die Anzahl derer, die direkt an dem Massaker beteiligt waren, ist aber niedriger—vielleicht 1000 Leute. 17.074 der an der Militäraktion beteiligten Menschen wurden mit Namen identifiziert. Auch gibt es Berichte darüber, dass ungefähr 892 dieser mutmaßlichen Täter immer noch für die Regierung der Republika Srpska (der serbische Staat, der nach Bosnien und Herzegowina gelegt wurde) arbeiten. Ihre Namen bleiben ein Amtsgeheimnis. 

Ratko Mladić sitzt endlich im Gefängnis in Den Haag, nachdem er 16 Jahre lang auf der Flucht war. Die Welt wartet allerdings immer noch auf ein Urteil im Prozess. 

Eine ehemalige Autobatterie-Fabrik, wo die niederländischen Blauhelme stationiert waren. Die Inschrift bedeutet „Kamerad Tito, wir schwören dir unsere Treue“.

Emir Suljagic, ein ehemaliger Übersetzer der UN und muslimischer Einwohner von Srebrenica, erzählt mir von seiner Flucht während der Zeit des Massakers. Später wurde er zum Bildungsminister in Sarajevo ernannt. Er setzt sich weiterhin für eine ordentliche Behandlung der muslimischen Bevölkerung Bosniens ein.

Außerhalb der ehemaligen Autobatterie-Fabrik. Auf den Hängen im Hintergrund ist die Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte zu sehen.

Statuen von Müttern, Frauen und Kindern vor dem ehemaligen Hauptquartier der niederländischen Blauhelm-Truppen in Srebrenica.

Das Hauptquartier der niederländischen Blauhelm-Truppen von innen. Ungefähr 25.000 muslimische Flüchtlinge suchten während dem Massaker in diesen Gebäuden und um diese Gebäude herum Schutz—sie mussten aber letztendlich gehen, weil die UN-Truppen Ende Juli 1995 abgezogen wurden. 

Das Graffiti sagt: „Ratko ist ein Held“. Ratko Mladić, der zum Zeitpunkt des Massakers der General der serbischen Truppen war, wird von einigen Leuten in der Gegend traurigerweise immer noch verehrt.

Im Zentrum von Srebrenica ist hinter einer Kriegsruine ein neues Minarett einer Moschee zu sehen.

Einsam steht ein Podium in einer der Fabrikhallen, die die Serben dazu nutzten, um die bosnischen Muslime zusammenzutreiben. Jedes Jahr kommen Tausende Verwandte zusammen, um denen Respekt zu zollen, die im Juli 1995 getötet wurden.