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DIE ÜBERLEBENS-KÜNSTLER-AUSGABE

Die verlorenen Jungs aus Kalifornien sterben für euer Obst

Die Obstindustrie Kaliforniens ist auf billige Arbeitskräfte angewiesen, um die USA und die Welt mit billiger Ware zu versorgen.

Lauren Markham

Ernesto, 16, arbeitet 65 Stunden pro Woche bei der Ernte. Hier sieht man ihn bei „Aufräumarbeiten“ auf einem Mandelfeld in Madera, Kalifornien. Fotos von Matt Black.

In einem Alter, in dem sich die meisten amerikanischen Jugendlichen mit der Entscheidung herumschlagen, wen sie zum Abschlussball auffordern sollen, quälte Ernesto Valenzuela die Frage, ob es schlimmer wäre, in der Wüste zu verdursten oder aber seine Kehle von Gangstern aufgeschlitzt zu bekommen.

Mit diesen Alternativen sah sich der 16-Jährige in seiner Heimatstadt Mapulaca, Honduras, konfrontiert, einem verschlafenen Nest, von dem man weiß, dass dort Gangster von MS-13 und Barrio 18 Jugendliche—manchmal noch im Kindergartenalter—für ihre Kartelle rekrutieren. Wenn die Jungs sich weigern, werden sie häufig getötet. Jetzt war Ernesto an der Reihe und er wollte nicht zu den 6.000 Menschen gehören, die jedes Jahr in Honduras umgebracht werden. Angesichts einer Bevölkerung von knapp acht Millionen Menschen bedeutet dies, dass fast jeder 1.000ste Honduraner einem Mord zum Opfer fällt, eine Tatsache, die Honduras—nach den Kriegsgebieten im Irak, in Somalia und Syrien—zum gefährlichsten Ort der Welt macht.1

Nach Monaten des Grübelns—in denen er versuchte, den tätowierten Gangmitgliedern, die ihn rekrutieren wollten, aus dem Weg zu gehen—kam Ernesto zu dem Entschluss, dass das mögliche Schicksal, das ihn daheim erwartete, weitaus gefährlicher war als alles, was ihm bei der Durchquerung einer weiten Wüste drohen könnte. Also machte er sich eines Morgens im Juni 2013, nachdem ihn seine Mutter tränenreich ermahnt hatte, auf sich aufzupassen, an einen Ort auf, den er bisher nur aus Filmen kannte, einen Ort, von dem er gehört hatte, dass ein Jugendlicher wie er, der es nur bis zur fünften Klasse geschafft hatte, als Feldarbeiter 60 US-Dollar pro Tag verdienen konnte: Amerika.

Um die Reise antreten zu können, lieh sich Ernesto Geld von älteren Cousins, die bereits einige Jahr vorher nach Kalifornien ausgewandert waren. Sie liehen ihm 7.000 US-Dollar (etwa 5.000 Euro), den Betrag, den er brauchen würde, um die Bustickets für den Trip von Honduras nach Guatemala und hoch durch Mexiko zu bezahlen, wo er dann einen Kojoten—einen Menschenschmuggler—anheuern musste, der ihn heimlich über die Grenze nach Texas bringen würde. Für Ernesto war allein die Tatsache, dass seine Cousins ihm so viel Bargeld leihen konnten, Beweis genug für die Reichtümer, die ihn bei seiner Ankunft an seinem endgültigen Bestimmungsort erwarten würden.

Zuerst hatte Ernesto kein Problem mit seiner einsamen Reise in einer endlosen Folge von Bussen. Es machte ihm nichts aus, zwischen den Etappen manchmal auf der Straße oder, wenn er Glück hatte, in einer billigen Absteige an der Grenze zu übernachten. Die mahnenden Berichte seiner Mitreisenden über Drogengewalt und die unzähligen Migranten, die ihr Leben im Kreuzfeuer der Kartelle gelassen hatten, prallten an ihm ab. Am fünften Tag seiner Reise wurde er jedoch nervös. Er war mit 14 weiteren Mitreisenden in der mexikanischen Grenzstadt Reynosa angekommen. Nur ein dunkler Wasserstrom—der Rio Grande—trennte Ernesto von McAllen, Texas, und einem neuen Leben. Doch zunächst einmal musste die Gruppe verhindern, beim Überqueren des Flusses zu ertrinken. Angeführt von ihrem Schmuggler setzte Ernestos Gruppe in einem undichten Kahn über. Sie gelangten auf die andere Seite, ohne zu kentern, doch kurz nachdem sie, eine Spur nasser Fußabdrücke hinter sich lassend, an Land gesetzt hatten und gerade im Begriff waren, in den wartenden Pick-up eines Kojoten zu steigen, wurden sie von Beamten der US-Grenzkontrolle entdeckt. Die Gruppe zerstreute sich und Ernesto rannte in ein Gebüsch. Es gelang ihm, den Grenzposten zu entkommen, doch hatte er sich dabei vollkommen verlaufen. Drei Tage lang wanderten er und vier andere—drei Erwachsene und ein weiterer elternloser Junge, alle aus El Salvador—ohne Wasser oder Nahrung durch die Wüste, innerlich ausdörrend. Verirrt und in der 30-Grad-Hitze dem Sterben nah erschienen ihm die Gangster in Mapulaca längst nicht mehr so furchteinflößend wie vorher.

Sie waren durch das gewaltige Niemandsland in South Texas geirrt und standen kurz vor dem Zusammenbruch, als die Gruppe schließlich auf einer mittelgroßen Viehranch angelangte. Am Rande des Gebäudes fanden sie ein Versteck mit Wasserflaschen, gerade, als haben man diese extra für hoffnungslose Migranten wie sie dort gelassen. Sie tranken so viel Wasser, wie sie nur konnten, ließen die Flaschen zurück und marschierten auf einer Straße Richtung Norden weiter.

Auf dieser Strecke wurde die heruntergekommene Truppe erneut von der Grenzkontrolle entdeckt. Dieses Mal waren sie zu erschöpft, um wegzulaufen. Ernesto wurde festgenommen und in ein Auffanglager etwa 50 Meilen entfernt in Harlingen, Texas, gebracht, eine Art Hochsicherheits-Obdachlosenheim für „unbegleitete ausländische Kinder“ (Kinder ohne Papiere, die in den USA ohne ihre Eltern bzw. ohne Ausweisdokumente aufgegriffen werden) voller abgeschlossener Türen und Wachen. Er wurde zu 200 weiteren Jungs mit ähnlichen Geschichten wie der seinen in einen der Schlafsäle gesteckt.

In Anbetracht der zunehmenden Kriminalität und infolge der Wirtschaftskrise in Mittelamerika geht das US-amerikanische Ministerium für Innere Sicherheit davon aus, dass in diesem Jahr etwa 60.000 unbegleitete Minderjährige bei dem Versuch gefasst werden, illegal in die USA einzureisen, so ein Bericht der katholischen Bischofskonferenz in den USA, der Menschenrechtsverletzungen nachgeht. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2013 und mehr als viermal so viele, wie in dem Jahr davor. Die Anzahl der Erwachsenen, die in den letzten neun Jahren illegal von Mexiko in die USA eingereist sind, hat hingegen konstant abgenommen und ist von 1,1 Millionen im Jahr 2005 auf 367.000 im Jahr 2013 gesunken.2 Offensichtlich haben sich Erwachsene von den erhöhten Risiken und den verstärkten Sicherheitsmaßnahmen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko abschrecken lassen, Kinder jedoch nicht. Laut Jennifer Podkul von der Women’s Refugee Commission, einer NGO, die sich um vertriebene Frauen und Kinder kümmert, ist vor allem die hohe Gewaltrate im gesamten verarmten Mittelamerika schuld an der Zunahme der Jugendmigration. Dies hat zur Folge, dass das Durchschnittsalter illegaler Arbeitsmigranten in Amerika jedes Jahr sinkt. Was soll mit ihnen geschehen, ohne Eltern, Geld und Obdach? Und welche Folgen hat die Entwicklung für die US-amerikanische Wirtschaft?


1 Aufgrund der prekären rechtlichen Situation wurden die Namen einiger Personen in diesem Artikel auf ihre Bitte hin geändert.

2 Alle Datumsangaben beziehen sich auf das jeweilige US-amerikanische Steuerjahr (1. Oktober bis 30. September).

Amilcar und Junior vor ihrem Haus in Mendota

Im September, drei Monate nach Ernestos Festnahme, traf ich ihn in der staubigen kalifornischen Stadt Mendota. „Ich darf eigentlich nicht arbeiten“, sagte er. Wir befanden uns auf einer geschäftigen Tauschbörse, wo den Arbeitern, die in dieser 11.000-Einwohner-Stadt mit einem Latino-Anteil von 97 Prozent leben, Handschuhe, Stiefel und Bandanas verkauft werden. Ernesto, der mandelförmige Augen und den leichten Schatten eines jugendlichen Schnauzbartes hat, gab jedoch zu, dass er, obwohl illegal, Melonen gepflückt habe, um irgendwie zu überleben. Er schickte seiner Mutter daheim bereits Geld und schuldete den Kojoten noch 3.500 US-Dollar (da er geschnappt wurde, konnte er seine Schuld herunterhandeln). „Der Richter hat mir gesagt, dass ich nicht arbeiten darf“, meinte er. „Aber ich muss arbeiten.“

Nachdem er mehr als zwei Monate in Texas inhaftiert war, wurde Ernesto endlich freigelassen, um auf seine offizielle Abschiebeverhandlung zu warten, die auf März oder April 2014 anberaumt wurde. Die Jugendauffanglager entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko erreichten langsam ihre Kapazitätsgrenzen, sodass man sich damit beeilte, ihn (wie in diesen Institutionen üblich) nach einer Weile in die Obhut eines vertrauenswürdigen Erwachsenen zu übergeben. Während er auf seine Verhandlung wartete, wäre er frei, solange er sich an zwei Bedingungen hielte: Erstens würde er in die Obhut eines in Kalifornien ansässigen älteren Onkels namens Orlando übergeben und zweitens müsste er in der Zwischenzeit die Schule besuchen. Sollte er diese Bedingungen erfüllen und einen Richter bei seiner Abschiebeverhandlung hinreichend überzeugen, dass er Honduras verlassen habe, weil ihm dort Gewalt drohe, könnte er unter Umständen einen speziellen Einwanderungsstatus für Jugendliche und schließlich eine Aufenthaltsgenehmigung erlangen.

Dies wäre ein gewaltiger Erfolg, denn auf diese Weise könnte er legal in Amerika bleiben und arbeiten und hätte letztendlich Chancen auf die Staatsbürgerschaft.

Auf dem Weg dorthin warteten jedoch gewaltige Probleme auf ihn, nicht zuletzt die Tatsache, dass der sechste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der das Recht auf einen Anwalt garantiert, nur für Kriminalfälle gilt, während Einwanderungsverfahren zum Zivilrecht gehören. Ernesto, der gerade mal 16 Jahre alt ist und außer „hello“ und „thank you“ kaum Englisch kann, würde sich wahrscheinlich vor einem amerikanischen Richter selbst vertreten müssen. Und sollte es ihm an der nötigen Überzeugungskraft fehlen, würde Ernesto unverzüglich wieder nach Honduras abgeschoben.

Seine bisherige Lebenssituation erfüllte keine der Bedingungen, die an seine Freilassung geknüpft worden waren. Der Onkel, der sich um ihn kümmern sollte, war kurz nach seinem Eintreffen in Mendota verschwunden, sodass Ernesto mit vier seiner Cousins zusammenlebte, die illegal in die USA gelangt waren. Sie lebten in einem Haus in der Nähe und verdankten ihr Überleben ihrem Scharfsinn, harter Arbeit und wenig mehr. Auch zur Schule ging Ernesto nicht. Deshalb war er zur Tauschbörse gekommen, wo eine Gruppe mit dem Namen Fresno County Migrant Education Program zwischen einem Taco-Transporter und einer Bude für Arbeitsstiefel einen staubigen Stand errichtet hatte, an dem sich Jugendliche für Englischkurse anmelden konnten.

„Wir können nur Leuten helfen, die auf dem Feld arbeiten“, ließ eine überschwängliche Frau namens Rosa Hernandez Ernesto wissen, als er an den Tisch herantrat. Das Migrant Education Program wird vom US-Bildungsministerium finanziert, das Kinder migrierter Landarbeiter unterstützen möchte—oder, wie in Ernestos Fall, die jugendlichen Landarbeiter selbst. Würde Ernesto, wie vom Richter angeordnet, nicht auf dem Feld arbeiten, hätte er keinen Anspruch auf die temporären Gesundheitsleistungen, Englischkurse und die zahnärztliche Versorgung durch das Programm. So widersprüchlich und ­verworren sieht die Wirklichkeit junger illegaler Migranten in den USA aus.

Ernesto wippte nervös vor und zurück, während Rosa seine Informationen auf einem Klemmbrett notierte. Er befürchtete, das Einwanderungsgericht könne erfahren, dass er gearbeitet hatte und nicht zur Schule gegangen war—oder dass er nicht wirklich bei seinem Onkel lebte, der ihn völlig im Stich gelassen hatte (was gegen die Vereinbarung verstieß, die dieser mit dem Staat getroffen hatte).

Als wir den Stand verlassen hatten und an einer Bude mit refrescos plauderten, erzählte Ernesto mir, wie er sich darauf freue, Englisch zu lernen, da er die Schule in Honduras bereits mit zwölf verlassen hatte, um seine Familie zu unterstützen. Dies sei seine Chance „weiterzukommen“, meinte er. Zudem könne es ihm helfen, seinen Fall erfolgreich zu verteidigen.

Ernestos Route von Mapulaca, Honduras, nach Mendota, Kalifornien

Später besuchte ich Ernestos Zuhause in Mendota, wo er mit seinen vier jungen Cousins lebte. Es war an eine Art Peter-Pan-Fort für desillusionierte jugendliche Migranten. Keiner der jungen Männer, mit denen Ernesto zusammenlebte, besaß Papiere und alle waren über die Grenze gekommen, um weit vor ihrem 18. Geburtstag auf den kalifornischen Feldern zu arbeiten.

Das Haus in Zentrumsnähe war eine kleine, niedliche Ranch, hingepflanzt zwischen einem größeren Haus auf der einen und einem leeren, staubigen Grundstück auf der anderen Seite. Der schmiedeeiserne Zaun in Schwarz und Weiß hing leicht schief im Scharnier und auf der Betonveranda waren fünf Paar stabile, dreckverkrustete Arbeitsstiefel ordentlich neben der Tür aufgereiht.

Bei meinem Eintreffen führte Ernesto mich zu einem rampo­nierten Sofa. Wir setzten uns und er erzählte mir von seiner Arbeit. Seine kräftigen Schultermuskeln täuschten über sein wahres Alter hinweg. Hinter ihm an der Wohnzimmerwand hingen ein paar Bilderrahmen in verschiedenen Größen mit einer Darstellung der Jungfrau Maria und farbenfrohen Familienporträts, von denen mehrere die gleiche ältere Frau zu zeigen schienen. Ich fragte nach ihr, davon ausgehend, dass es sich um ein Mitglied der Familie handelte.

„Oh, das sind nicht unsere“, meinte Ernesto. Die Fotos gehörten der Hauseigentümerin, einer Mexikanerin, die in der Nähe lebte und ihnen das Haus vermietet. Das sei ihre Familie, sagte er, und die Jungs hätten sie nur zur Dekoration behalten. Irgendwie schienen sie eine tröstende Wirkung auf ihn zu haben, in jedem Fall ist eine fremde Familie wahrscheinlich angenehmer als eine leere Wand.

Nach seiner Entlassung aus dem Auffanglager in Texas hatten Ernesto und seine Cousins in der Melonenernte gearbeitet, doch mit dem Ende des Sommers und dem Nahen des Winters waren sie zum Beschneiden von Mandelbäumen gewechselt. Dafür gab es einen Mindestlohn, keinen Stücklohn, was hieß, dass er 8 US-Dollar pro Stunde verdiente und nicht pro Scheffel bezahlt wurde (wie bei Weintrauben oder Erdbeeren).

Ernesto arbeitete nach seinen Angaben 65 Stunden pro Woche und verdiente 1.400 US-Dollar im Monat. Er zahlte 100 US-Dollar plus Nebenkosten Miete. Auch nach Bezahlen der Rate für seine Schulden beim Kojoten, der Begleichung der Rechnungen für Telefon und Strom, dem Kauf von Lebensmitteln und der größtmöglichen Unterstützung für die Familie—sowie dem Beiseitelegen von Geld für die Wintermonate, in denen es weniger Arbeit gab—war das, was er unterm Strich verdiente, für einen 16-Jährigen gar nicht so schlecht.

Lokale Erzeuger—wie Stamoules und Westside Produce, die ihr Obst und Gemüse an nahezu alle Lebensmittelketten in den USA liefern—sind auf die Arbeit billiger Migranten angewiesen, um ihre enormen Profite zu erzielen. 2012 haben die kalifornischen Farmbarone allein mit Melonen 311,2 Millionen US-Dollar brutto verdient. Die Mandelindustrie, für die Ernesto (wenn auch illegal) arbeitete, nahm im gleichen Jahr 4,35 Milliarden US-Dollar ein. Etwa 75 Prozent der zum Befüllen der Supermarktregale mit Dosenmandeln erforderlichen manuellen Arbeit wird von Migranten übernommen, so Philip Martin, Professor für Landwirtschaft und Ressourcenökonomie der UC Davis. Das ist natürlich auch der Grund, warum Politiker jeglicher Couleur, von Nancy Pelosi bis zu George W. Bush, eine lasche Gesetzgebung zur Migrantenarbeit stets stillschweigend unterstützt haben, selbst wenn sie bei ihren Reden gelegentlich migrationsfeindliche Parolen losließen. Kalifornien ist, wie viele andere westliche Staaten auch, auf diese Arbeitskräfte angewiesen.

Nach einem Bericht von Human Rights Watch aus dem Jahr 2012 arbeiten mindestens 50 Prozent der US-Farmarbeiter illegal in den USA; in Kalifornien gehen Schätzungen eher von 60 Prozent aus. Kinder und Teenager ohne Papiere gehören immer häufiger zu dieser Masse an Arbeitskräften. Derzeit arbeiten laut Ernesto Vela vom Monterey County Office of Migrant Education über 3.500 Minderjährige ohne Begleitung in Monterey County. Im gesamten Bundesstaat liegt diese Zahl vermutlich weit über 10.000.

In den USA ist es gesetzlich verboten, Personen unter 14 Jahren zu beschäftigen, und Personen unter 16 dürfen nur abends, am Wochenende und in den Schulferien arbeiten, es sei denn, sie verfügen über eine Sondergenehmigung ihres Schulbezirks, der ihnen die erforderliche Schulbildung bescheinigt oder die explizite Erlaubnis zu arbeiten, anstatt die Schule zu besuchen. Ernesto jedoch erzählt mir, dass er bisher keinerlei Altersnachweis oder Arbeitsgenehmigung vorlegen musste—keiner der Vorarbeiter der Arbeitsvermittlungen, die ihn einstellten, habe je versucht, festzustellen, ob er überhaupt rechtmäßig arbeiten dürfe. Er hatte sich auch keinen gefälschten Sozialversicherungsausweis gekauft, wie ihn sich die meisten Kids bei einem illegalen Netzwerk in der Nachbarstadt Huron besorgen, weil er Angst hatte, dass der illegale Erwerb eines solchen Ausweises ihm bei seinem Gerichtsverfahren Probleme bereiten könnte. Stattdessen hat er sich von „jemandem, der gerade nicht arbeitet und ihn nicht braucht“ einen Ausweis gegen Geld geliehen.

Ich fragte Ernesto, ob seine Arbeit schwer sei. Nicht wirklich, meinte er. Auf den Feldern in Honduras, wo er mit zwölf Jahren zu arbeiten begann, hatte er täglich nur 100 Lempiras, etwa 3,60 Euro, verdient. Die Arbeit dort war genauso schwer, wenn nicht noch schwerer, und nicht annähernd so konstant. Diese Art Leben war nicht gut für ihn, meinte er. Und wegen der unsicheren Entlohnung habe er auch seiner Familie nie helfen können.

„Deshalb also bist du gegangen?“, fragte ich.

„Man möchte doch mehr aus seinem Leben machen“, meinte er ein wenig abstrakt und verallgemeinernd, wodurch seine Erfahrung weniger einzigartig und weniger schlimm klang. „Man möchte doch immer etwas mehr.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu Ernestos Haus. Drei Jungs trugen Lebensmitteleinkäufe herein. Ernestos Cousin Amilcar, den ich kurz an der Tauschbörse getroffen hatte, sah aus wie ein normaler schlaksiger Neuntklässler, nur mit einem größeren Bizeps und einem härteren Blick. Er war 16 und stammte aus der gleichen Region in Honduras wie Ernesto—sie waren zusammen zur Grundschule gegangen und hatten diese etwa zur gleichen Zeit verlassen, um auf den Feldern zu arbeiten. Amilcar war erst seit drei Monaten in den USA und hatte die Grenze problemlos passieren können. Er trug zwei 30er-Packs Pepsi, während die anderen die Einkaufstaschen mit den sonstigen Besorgungen für die Woche hereinschleppten: Ich zählte mindestens fünf Kartons mit Eiern und drei große Stapel Tortillas sowie mehrere Liter Saft und einzeln verpackte Tiefkühlhähnchen. Sie mussten drei Mal gehen, um das ganze Essen hereinzutragen. Mit Beginn der Arbeit morgen, so erklärten sie, sei bis zum nächsten Sonntag keine Zeit mehr zum Einkaufen.

Sie lebten hier zu fünft, auf drei kleine Schlafzimmer verteilt. Da waren Ernesto und Amilcar, beide 16 Jahre alt, Juan Pablo, 22, Juan Pablos jüngerer Bruder José, 19, und Junior, klein, muskulös und mit dick zurückgegelten Haaren, ebenfalls 19. Juan Pablo und Junior lebten schon seit über drei Jahren in der Gegend von Mendota und hatten ihre Kojote-Schulden erfolgreich abbezahlt, was sie de facto zu den Patriarchen machte. In der Gruppe herrschte eine starke familiäre Bindung; sie erzählten mir, dass sie alle gegenseitig auf sich aufpassen würden, wobei die älteren Jungs den Jüngeren bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stünden. „Du weißt schon“, meinte Ernesto, „sie sagen uns, was gut und was schlecht ist und was wir tun sollen.“

Ich fragte sie, ob es schwer sei, so weit weg von ihren Familien zu sein.

„Natürlich fehlen sie mir“, meinte Ernesto.

Amilcar, der von beiden der ruhigere und härtere Typ war, zuckte nur mit den Schultern—keine große Sache.

„Aber es tut gut, ab und zu mit ihnen zu telefonieren“, fuhr Ernesto fort. „Dann fühlt man sich besser.“

„Sie sind auf dem Weg, gute Arbeiter zu werden“, sagte Junior von den beiden Jungs. „Sie lernen dazu.“

In Mendota leben 11.000 Menschen, nahezu alle von ihnen aus Mexiko, Honduras, Guatemala oder El Salvador. Die meisten arbeiten auf den umliegenden Feldern in den Countys Fresno und Monterey

Ein paar Wochen später begleitete ich Amilcar und Ernesto zu ihrer ersten Englischstunde in Mendota. Sie ahnen, dass Englischkenntnisse ihnen Türen in die Zukunft öffnen könnten, und nachdem ich bei ihnen daheim gewesen war, hatte Amilcar mich angerufen und gebeten, ihnen bei der Suche nach einem Englischkurs in der Stadt behilflich zu sein. Nachdem ich sie daran erinnert hatte, dass ich Journalistin und keine Sozialarbeiterin sei, erklärte ich mich einverstanden, ihnen zu helfen. Ich erklärte, wo die Kurse stattfanden: nicht weit von seinem Zuhause und dem Ort, wo er, wie ich wusste, jede Woche zur Tauschbörse ging. „Ich weiß nicht, wo das ist“, sagte er mir am Telefon. Ein seltsamer Satz von einem Kind, das es, wie Ernesto, ganz allein vom ländlichen Honduras durch Mexiko über die Grenze in die USA geschafft hatte—aber zu ängstlich war, um zum Englischunterricht zehn Blocks von seinem Haus entfernt zu gelangen.

Als ich zu ihrem Haus fuhr, um sie abzuholen, waren sie gerade erst von der Arbeit zurück. Ernesto war in der Dusche und machte sich fertig. Aber Amilcar, der begieriger gewesen war als alle anderen, schien zu zögern.

„Ich glaube nicht, dass ich heute Abend mitkommen kann.“

„Warum nicht?“

„Ich muss noch mein Mittagessen für morgen kochen“, erklärte er.

In einer Pfanne brutzelten vier knochige Hühnerbrüste vor sich hin. Er goss noch Öl aus einem großen gelben Behälter nach, stach in die Fleischstücke und drehte die Hitze höher. „Ich komme gerade erst von der Arbeit zurück“, sagte er. „Ich müsste mich noch duschen.“

Ernesto kam aus dem Flur herein. Er duftete nach Eau de Cologne, hatte die Haare zu einer Igelfrisur gebürstet und trug ein kariertes Hemd mit Kragen. „Ich wollte dieses Notizheft und diesen Stift mitnehmen“, sagte er strahlend. „Was meinst du?“

Amilcar fuhr nervös mit dem Kochen fort. Er hatte sich immer noch nicht entschieden, ob er zu dem abendlichen Englischkurs gehen sollte. Und wer sollte ihm verübeln, dass er zögerte, einen dreistündigen Unterricht zu besuchen, nachdem er gerade zwölf Stunden lang in der Sonne Mandelbäume beschnitten hatte? Seine älteren Cousins, die am Küchentisch saßen, drängten ihn zu gehen.

„Es ist wichtig, dass sie was lernen“, meinte Junior—wie immer mit gegelter Igelfrisur—und kippte eine ganze Tasse Orangensaft herunter.

„OK“, raffte sich Amilcar schließlich auf, „ich komme mit“, und verließ die Küche, um kurz unter die Dusche zu gehen.

Während ich wartete, fragte ich Junior, ob er Interesse an dem Englischkurs hätte. „Ach, das ist etwas für die Jungen“, meint er, „nicht für mich. Sie brauchen das—aber ich bin ja schon älter.“ Er war gerade mal 19. Ich fragte ihn, wie lange er in Honduras die Schule besucht hatte. Er habe den größten Teil des dritten Schuljahres absolviert, meinte er, und könne nur wenig Spanisch lesen und schreiben. Er hatte den Gedanken aufgegeben, etwas anderes zu lernen als Feldarbeit, hegte aber Hoffnungen für seine jüngeren Cousins.

Als wir an der Schule ankamen, spielte eine Gruppe von Grund- und Mittelschülern—eine Mischung aus Einwanderern und gebürtigen Kaliforniern—Basketball in der Turnhalle. Amilcar und Ernesto zupften nervös ihre Hemden zurecht, griffen ihre Notizblöcke und gingen zur Bibliothek, in der der Englischkurs stattfinden sollte. Aber der Raum war dunkel und verschlossen. Amilcar und Ernesto waren sichtlich enttäuscht, allerdings auch ein bisschen erleichtert.

Es war ihnen klar, wie wichtig Bildung für ihre spätere Zukunft war, aber es lief ohne Schule gerade ziemlich gut für sie. Aber wollten sie denn für immer Landarbeiter bleiben?

„Oh nein“, sagte Ernesto.

Amilcar schüttelte den Kopf.

Ich verstand, dass ein bestimmender Teil ihrer Jugend mit dem Gefühl enormer Möglichkeiten zu tun hatte: Sie gingen nicht davon aus, immer auf den Feldern hängen zu bleiben, obwohl die Statistiken dagegen sprachen. Laut Human Rights Watch sind ein Drittel der jugendlichen Landarbeiter in den USA Schulabbrecher, eine Tatsache, die ihnen „außer einem Leben als Landarbeiter und der damit einhergehenden Armut wenig Optionen lässt“. Und Ernesto hat in Honduras schon in der sechsten Klasse abgebrochen—er hatte es nicht mal auf die weiterführende Schule geschafft.

„Irgendwann mal in einem Restaurant arbeiten“, antwortete mir Ernesto vom Rücksitz meines Wagens, als wir auf dem Nachhauseweg waren und ich ihn fragte, was er mit seinem Leben gern einmal anfangen würde. Er schaute mit verträumtem Blick aus dem Autofenster auf den bedrückenden Abend in Mendota. „Das wäre wirklich toll.“

Nach einem langem Arbeitstag sieht Amilcar eines der Bilder, die noch im Wohnzimmer hängen

Trotz all ihrer Fülle hat die Landschaft im kalifornischen Central Valley etwas Krankes. Nur wenige Meilen von Ernestos Haus in Mendota entfernt, auf dem Highway 99, ist die Luft von einem dicken Braungrau, verschmutzt von den Trucks, die die landwirtschaftlichen Produkte transportieren, die anschließend verpackt und versandt werden, um dann im ganzen Land die Regale der Supermärkte zu füllen. Die Luftverschmutzung dämpft die Lichtstrahlen, die auf die Felder scheinen, verwischt die Linie des Horizonts und die Umrisslinien der Ähren. Auch die Felder in Städten wie Mendota, Huron und Raisin City haben diese giftige Ausstrahlung. So produktiv sie auch sind und so viele Blüten und Früchte sie auch tragen mögen, die Pflanzen in ihren unzähligen Reihen wirken matt und schlaff. Es ist eine mitgenommene Landschaft, ausgehöhlt, ausgenommen und verbraucht bis auf das Letzte, das sie zu geben hat.

Sechs Monate, nachdem Ernesto und ich uns das erste Mal getroffen hatte, machte ich mich an einem Wintermorgen früh in diese jetzt ausgetrocknete und braune Landschaft auf, um ihn bei seiner schweren Arbeit zu sehen. Ich wollte die Bedingungen mit eigenen Augen sehen, besonders angesichts der Tatsache, dass die Arbeit auf diesen Feldern zwar illegal, aber für den Lebensstil des Durchschnittsamerikaners unentbehrlich ist.

Ich war neugierig zu sehen, wie es ihm erging und wie die Unternehmen—ihre Vorarbeiter, ihre Mitarbeiter—es rechtfertigten, Kinder wie Ernesto zu beschäftigen, die sich als zum Arbeiten berechtigte Erwachsene ausgaben. Aber natürlich, und das ist bezeichnend für die vielen Widersprüche, die das Thema in sich birgt, war das Letzte, was ich wollte, dass Ernesto gefeuert würde. Also klügelten er und ich einen Plan aus: Sobald er auf den Feldern eintraf, würde er mich wissen lassen, wo er arbeitete (ihm wurde jeden Tag ein anderer Ort zugewiesen) und ich würde auftauchen und seiner Kolonne allgemeine Fragen zur Ernte stellen. Ich würde mich zwar als Journalistin zu erkennen geben, aber nicht als Bekannte von Ernesto.

Schon befürchtend, dass der Plan nicht funktionieren würde, beobachtete ich an dem noch dunklen, null Grad kalten Morgen aus meinem Auto, wie ein weißer Transporter anhielt und hupte. Ernesto rannte nach draußen, das Lunchpaket im Schlepptau, wie ein Schüler, der dabei ist, seinen Bus zu verpassen. Ich folgte dem Fahrzeug, verlor es aber nach ein paar Kehrtwenden aus den Augen. Um 6 Uhr morgens fuhren in den Straßen von Mendota Dutzende weißer Transporter herum. Ich machte mich jedoch nach Madera auf, der Stadt, in der Ernesto an diesem Tag in den Mandelbäumen arbeiten würde, und wartete auf die SMS, die er mir schicken wollte, falls wir getrennt würden. Eine Stunde später meldete sich mein Telefon: „12. Straße, da wo an der Nordseite einige Orangen sind.“

Ich befand mich ziemlich weit abseits und stellte schnell fest, dass Madera Stadt und County zugleich ist. Allein die Stadt, die über etwa 16 Quadratmeilen an Ackerflächen verfügt, hat eine Avenue 12, eine Road 12 und eine 12. Straße. Die 12. Straße, die nur ein paar Blocks in dem kleinen Zentrum von Madera verläuft, konnte ich schnell ausschließen. „Road oder Avenue?“ simste ich. „Road“, lautete seine Antwort. Also fuhr ich die etwa zehn Meilen bis an den Anfang der Road 12 von Madera County und hielt Ausschau nach Anzeichen von Orangenbäumen, während mein silberner Volkswagen mühsam über die mit Schlaglöchern übersäten Straßen rumpelte, dick mit Reif überzogene Straßen voller Staub, die in Gräben hinein- und wieder hinausführten, um dann in einer Sackgasse zu enden (auch wenn mein iPhone darauf bestand, dass der Weg richtig sei), Straßen mit endlosen Baumreihen, jedoch ohne Orangen, während mein Auto mir mit jeder holprigen Meile mickriger und meine Suche immer vergeblicher erschien.

Nachdem ich wirklich jeden Zentimeter der Road 12 vergeblich abgefahren hatte ohne irgendwas zu finden, machte ich mich irgendwann in Richtung Avenue 12 auf, einem breiten, schier endlosen Ost-West-Streifen, auf dem Laster an weiten braunen Feldern entlangratterten: kahle, staubige Ackerfurchen, laubfreie Silhouetten von Bäumen ohne Früchte. Anders als im Sommer, wenn die Felder und Straßen voller Transporter und Busse mit Arbeitern sind, war hier weit und breit keine Arbeiterkolonne in Sicht.

Gerade, als ich aufgeben und umdrehen wollte, sah ich jedoch einen Streifen Orange entlang der Straße vor mir—einen Fleck mit Mandarinenbäumen, das Zeichen, nach dem ich gesucht hatte.

Als ich langsam an dem dichten Wald aus Mandarinenbäumen entlangfuhr, in der Hoffnung, Ernestos Mandelfeld auf der anderen Seite zu finden, dachte ich an einen 17-jährigen Jungen, von dem ich in einem Bericht von Human Rights Watch gelesen hatte. Er war an seinem ersten Arbeitstag in einem Orangenhain in Florida von einem Lkw überfahren und getötet worden. Doch ganz ohne Menschen und ihre Torheit waren diese Wäldchen herrlich (abgesehen von dem Teppich aus verfaulenden Früchten unter den Bäumen) und ihre bunten Farben eine willkommene Abwechslung nach der gelbbraunen Winterlandschaft, durch die ich gefahren war.

Und jenseits der Mandarinenbäume kam ich dann schließlich, wie erhofft und wie von Ernesto angekündigt, zu einem Mandelfeld, auf dem eine auf die Reihen verteilte Gruppe Männer damit beschäftigt war, mit Stöcken in den höchstgelegenen Zweigen zu rütteln. Auch wenn ich ihre Gesichter von der Straße aus nicht sehen konnte, wusste ich, dass sich Ernesto unter ihnen befand.

Ich hielt also am Straßenrand und wartete. Ein Arbeiter des Migrant Education Program hatte mir zuvor bei einem Interview die Zusammenhänge zwischen Besitz und Cashflow auf den Baumfeldern erläutert. Normalerweise gibt es einen Rancher, dem das Land gehört und der es an ein separates Unternehmen—in diesem Fall Cottonwood Creek Farms, wie mir das Madera County Department of Agriculture mitteilte—verpachtet, dem wiederum die Bäume und damit die Mandelernte gehört. Eine andere Firma, der Lohnunternehmer, heuert die Leute an. In Anbetracht dieser vielschichtigen Besitzverhältnisse—von Land, über Pflanzen, bis hin zu Menschen—ist nachvollziehbar, dass die Agrarindustrie sich ahnungslos geben kann, wenn es um arbeitsrechtliche Verstöße wie die Einstellung von Arbeitern und Jugendlichen ohne Papiere geht, ganz abgesehen von der moralischen Fragwürdigkeit, so wenig für ein Produkt zu zahlen, das so viel Profit einbringt. In fast jeder Arbeiterkolonne im gesamten Valley gibt es, den Mitarbeitern von Migrant Education zufolge, Arbeiter ohne Papiere und auf fast jedem der rund 15 Felder, die ich im Verlauf meiner fünfmonatigen Recherchen gesehen habe, bin ich auf minderjährige Arbeiter gestoßen. Die Vielheit der verschiedenen Firmen fungiert quasi als Puffer zur Verteilung der Verantwortung für diese rechtlichen und moralischen Verstöße.

Ob bewusst oder nicht, die Agrarunternehmen profitieren von der Schutzlosigkeit und der Angst illegaler Arbeiter. Arbeiter ohne Papiere, insbesondere Kinder, kann es ihren Job kosten, wenn sie Verstöße wie Wassermangel, fehlenden Schatten oder fehlende sanitäre Anlagen, Missbrauch durch Vorarbeiter, Lohndiebstahl oder eine zu geringe Bezahlung den Behörden melden—alles Dinge, die laut California Rural Legal Assistance, die viele dieser Fälle vor Gericht verhandelt, im Central Valley zuhauf vorkommen.

Kleinen Rechtsorganisationen wie dem Migrant Education Program oder der California Rural Legal Assistance fehlt es wiederum an Möglichkeiten und Ressourcen, bestehende Arbeitsgesetze durchzusetzen, außer indem sie diese Fall für Fall vor Gericht durchfechten. Fälle wie diese landen jedoch nur selten vor Gericht und sind Megafirmen, die gewaltige Gewinne absahnen, lediglich ein kleiner Dorn im Auge. Einem Bericht von Human Rights Watch zufolge kamen zwischen 2005 und 2008 in den USA 43 Kinder bei der Arbeit auf dem Feld oder in Packbetrieben ums Leben—wobei die Anzahl junger Arbeiter, die sich als Erwachsene ausgeben, nicht berücksichtigt wurde und sich auch kaum beziffern lässt.

Als billige Arbeitskräfte ermöglichen die jungen Arbeiter zwar große Gewinne im Agrarbusiness, doch setzt der gewaltige Anstrom unbegleiteter Minderjähriger die US-Regierung unter großen Druck: Das für die Umsiedlung von Flüchtlingen zuständige Office of Refugee Resettlement ist verpflichtet, unbegleitete Minderjährige, die aufgegriffen werden, unterzubringen, für ihre Ernährung und Sicherheit zu sorgen und zu gewährleisten, dass sie in die Obhut verantwortlicher Erwachsener übergeben werden—was aber natürlich eine Menge Arbeit, Personaleinsatz und Geld erfordert. Deswegen lag auch vor dem Anstieg des Zustromes im Jahr 2012 das Budget für unbegleitete ausländische Kinder bei rund 150 Millionen US-Dollar; 2014 erhöhte die US-Regierung dann diesen Betrag auf fast 495 Millionen US-Dollar. Wenn man diese zusätzlichen Kosten in die Rechnung mit einbezieht, erweist sich die junge, billige Arbeitskraft, von der die Agrarunternehmen profitieren, als nicht annähernd so billig wie die Frischwaren, die in Supermärkten im ganzen Land griffbereit stehen.

Ein Bus in Huron wartet, um Arbeiter zu den nahe gelegenen Melonen- und Mandelfeldern zu bringen.

Ernesto hatte mir erzählt, dass seine Kolonne um zwölf Mittagspause machen würde, also ließ ich mein Auto mittags am Straßenrand zurück und machte mich vorsichtig auf den Weg über das Feld, mich hinter einer Baumreihe versteckend. Ich erreichte schließlich einen weißen Transporter. Arbeiter ruhten sich aus, einige im Halbschatten an den Wagen gelehnt, andere an den umliegenden Bäumen, schweigend an ihren Getränken nippend. Ich stellte mich vor und fragte, wo ich den Vorarbeiter finden könne. Als Erstes erkannte ich Junior unter den sich ausruhenden Männern—den 19-Jährigen, der mir erzählt hatte, er sei zu alt, um noch etwas anderes als Feldarbeit zu lernen—das Haar perfekt frisiert, das Kinn aufs Knie gestützt. Er war über­rascht, mich zu sehen, und blickte schnell in die andere Richtung.

Aus dem Augenwinkel sah ich dann Ernesto. Er trug eine zerschlissene Baseballkappe und ein sauberes weißes Henley-Shirt, lehnte entspannt an einem Mandelbaum, seine Arbeitsstiefel und die Umschläge seiner Jeans mit Staub bedeckt, um seine Füße ein Ring aus umgestülpten, leer gegessenen Mangohäuten.

Ich plauderte ein wenig mit dem Vorarbeiter, einem freundlichen Mann in den 50ern aus El Salvador, von dem Ernesto mir bereits erzählt hatte, dass er ein guter Boss sei, der sie nie misshandeln würde.

Während der Vorarbeiter und ich sprachen, drückte sich Ernesto noch ein wenig im Hintergrund herum, um dann aufzustehen, weiter in das Feld hineinzugehen und aus dem Blickfeld zu verschwinden. Ich habe den Vorarbeiter nicht auf Ernesto angesprochen oder gefragt, ob er wüsste, dass Ernesto minderjährig sei. Aber es muss ihm klar gewesen sein, dass dieses Mitglied seiner Crew noch ein Kind war, ebenso wie die Tatsache, dass sich Ernesto hier illegal aufhielt, denn schließlich war es Mittagszeit an einem Schultag. Ich habe nicht gefragt, zum Teil, weil ich Ernesto nicht in Schwierigkeiten bringen wollte, aber auch, weil es mir nicht angemessen erschien, mich an dieser Stelle im moralischen Dickicht dieser Frage zu verlieren. Schließlich wollte Ernesto diese Arbeit und brauchte sie, um zu überleben. Der Vorarbeiter, selbst ein beförderter Landarbeiter, und die Erwachsenen in seiner Kolonne hatten ihre eigenen Probleme—auch ihnen fehlten die Papiere, auch sie brauchten ihre Lohnzahlung, auch sie hatten Schulden und Familie hier und daheim. Also schauen auch sie weg, genauso wie der Rest der ganzen Branche. Es ist diese vorgeschützte Ahnungslosigkeit, auf der das System des Pflanzens, Pflückens und Packens—und letztendlich auch des Verzehrs—unserer Lebensmittel zu beruhen scheint.

Ich fragte den Vorarbeiter stattdessen, worin die Arbeit, die er und seine Leute machten, genau bestand. Auf dem Höhepunkt der Erntezeit, so erklärte er, würden Maschinen durch die weiten Baumreihen fahren und die Mandeln losschütteln. Aber die Maschinen würden nicht alles erwischen. Ernesto und seine Kollegen waren das Aufräumteam.

„Schauen Sie“, sagte er und zeigte auf den Boden. Er war übersät mit Mandelschalen, die wie bauchige, mit Moos überwachsene Eicheln aussahen. Er hob eine von ihnen auf und knackte sie, um mir darin zu meiner großen Überraschung eine perfekte, goldbraune Mandel zu zeigen.

„So viele Mandeln gehen also verloren!“, sagte ich.

„So ist das nun mal“, sagte er schulterzuckend. „Bei jeder Ernte geht etwas verloren.“

Amilcar im Hof seines Hauses

Nach der Begegnung auf den Mandelfeldern habe ich Ernesto und Amilcar einige Monate lang nicht gesehen. Ich war mit meinem Tagesjob beschäftigt—ich unterrichte Migrantenkinder im kalifornischen Oakland, bei denen es sich immer häufiger auch um unbegleitete Minderjährige handelt. Die beiden dagegen arbeiteten weiter und fuhren mit dem Beschneiden von Mandelbäumen fort, während Ernesto auf seinen Gerichtstermin wartete.

Während der Feiertage im Dezember, der Kälteperioden und bei Regen gab es weniger Arbeit für sie. Die freien Tage wären ziemlich langweilig, meinte Amilcar. Für Ernesto waren sie extrem nervenaufreibend—er hatte Angst, abgeschoben zu werden, und in der Zwischenzeit bedeutete keine Arbeit kein Geld. Andere Jungs, die sie kannten, reisten in Kalifornien umher oder verließen den Bundesstaat ganz, um der Winterernte bis nach Washington, Texas oder Arizona zu folgen. Ernesto und Amilcar hatten jedoch Angst, mit der Ernte zu reisen, weil sie keine Papiere hatten. In Mendota kannten sie sich aus, hier hatten sie Arbeitsbeziehungen und fühlten sich sicher genug vor der Polizei- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement).

Zusätzlich zu dieser ganzen Ungewissheit kündigten die Meteorologen und der Staat Kalifornien auch noch eine Dürre an. Dies hatte zur Folge, dass einige Farmer ihre Felder gar nicht erst auf die Bepflanzung im Sommer vorbereiteten, da der Bundesstaat die Wasserpreise erhöhte und Klimaforscher ein Ausbleiben des Regens prognostizierten. Also hofften Ernesto und Amilcar, dass das Wetter sich doch noch irgendwie gnädig erweisen würde.

Anfang Januar ging Ernesto in den Vorgarten seines Hauses, um die Post zu holen. Er fand einen Brief der Einwanderungsbehörde in San Francisco im Briefkasten, die seinen Fall übernommen hatte:

    „Wir weisen Sie darauf hin, dass Juli 2015 eine Vorverhandlung Ihres Falls vor dem Einwanderungsgericht anberaumt wurde (…) Ein Nichterscheinen vor Gericht (…) kann dazu führen, dass (…) Sie vom Ministerium für Innere Sicherheit in Gewahrsam genommen werden.“

Er brauchte eine Weile, um den Inhalt des Schreibens zu verstehen, doch dann war er geschockt: Sein Gerichtstermin—der Tag, der über sein Schicksal entscheiden würde—war auf Juli 2015 verschoben worden. Das ICE-Gericht war überlastet. Anstatt im März oder April 2014 zu erfahren, ob er abgeschoben werden würde, musste er weitere anderthalb Jahre warten. Er würde erst mehr als zwei Jahre, nachdem er den Rio Grande in dem undichten Boot überquert und sein Leben riskiert hatte, vor Gericht stehen.

In gewisser Weise passte die Wendung gut zu seiner Geschichte. Wie so viele verlorene Kinder vor ihm würde auch Ernesto weiter in einem Schwebezustand leben, der Gnade und den Launen der Gerichte, der Gangster, der Märkte, der Ernte, des kalifornischen Regens und der Sonne fast hilflos ausgeliefert. Wahrscheinlich würde er den Rest seiner Jugendjahre unter dieser permanenten Ungewissheit leiden.

Als ich Ernesto ein letztes Mal in seinem Haus in Mendota besuchte, erzählte er mir mit einem ebenso beeindruckenden wie unergründlichen Optimismus, dass das Warten auf die Verhandlung auch seine guten Seiten hat. Er hat immerhin einen Teil seines Traumes erfüllt und würde immerhin endlich in den USA leben und arbeiten, nicht in Honduras, und das war für ihn erst einmal gut genug. „So habe ich Zeit, mir einen Anwalt zu suchen“, meinte er. Sein Onkel, der jetzt „irgendwo oben im Norden“ sei, habe ihm dabei seine Unterstützung versprochen—doch als ich nachhakte, war nicht klar, wie und wann und mit welchem Geld er das tun wollte. Genaueres hatte er von seinem Onkel auch noch nicht gehört.

Selbst mit einem anständigen Anwalt entsprechen Ernestos Chancen, tatsächlich Anspruch auf Asyl und damit auf ein Visum zu bekommen, etwa der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns. Ein Opfer von Bandengewalt zu sein, ist leider noch lange kein triftiger Grund, und er besaß keine konkreten Beweise, dass gerade er ein ausgesuchtes Ziel dieser Gewalt war.

Der Women’s Refugee Commission zufolge wird bei Anführung der Verfolgung durch kriminelle Banden nur in seltenen Fällen Asyl gewährt, denn in einem Fall wie dem von Ernesto lässt sich nur sehr schwer nachweisen, dass die Bandengewalt, die er erlebt hatte, persönlich begründet war oder aber über die allgemein in einer bestimmten Region herrschende Gewalt hinausging. Mit anderen (und ziemlich zynischen) Worten war es Ernesto vielleicht nicht schlimm genug ergangen, um seinen Fall zu gewinnen.

Ich fragte ihn, was er dem Richter am Tag seiner Verhandlung schließlich sagen würde.

„Nun, mein Anwalt wird mir dabei helfen“, meinte er. „Wenn ich einen finde.“

Und wenn er keinen findet?

„Ich denke, dann frage ich den Richter, ob ich vielleicht bleiben kann.“

Ich fragte ihn, wie es ihm angesichts der sehr realistischen Perspektive, abgeschoben und zu all seinen früheren Problemen zurückgeschickt zu werden, erginge.

„Wenn Sie mich nach Hause schicken, werde ich nicht in meine Heimatstadt zurückgehen. Da ist es zu gefährlich.“

Er sagte, die Gangmitglieder, die ihn damals als Erstes bedroht hätten, würden ihn auf jeden Fall wiedererkennen und solche Dinge auch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. „Ich werde also wohl einfach woanders hingehen.“

„Wohin?“ fragte ich.

„Nun … Das weiß man nie.“

Dieser Artikel entstand mit großzügiger Unterstützung der 11th Hour Food and Farming Journalism Fellowship der University of California, Berkeley.