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Diese Frau hat sich ein Loch in den Kopf gebohrt, um ihr Bewusstsein zu erweitern

Joseph Cox

Joseph Cox

Amanda Feilding erzählt im Interview, dass uns Trepanation entspannter macht, unser Bewusstsein erweitert und viele Leiden mildert. Sie sollte es wissen, sie hat den Eingriff bei sich selber durchgeführt.

Es gibt viele Möglichkeiten, einen geistig höheren Zustand zu erlangen. Die meisten haben etwas damit zu tun, irgendeine psychoaktive Substanz zu sich zu nehmen, in einen mit Wasser gefüllten Tank zu legen oder sich „Binaural Beats" anzuhören. Jedoch gibt es meiner Erkenntnis nach nur eine Methode, bei der es notwendig ist, sich ein Loch in den Kopf zu bohren.

Trepanation isteine Prozedur, bei der ein kleines Loch in den Schädel gebohrt wird, das später von alleine wieder verheilt. Das Ganze bewirkt dann angeblich einen andauernden, positiven Effekt auf deinen Gemütszustand und dein Wohlbefinden. Zwar gibt es wenige wissenschaftliche Untersuchungen, die beweisen, dass das tatsächlich positive Auswirkungen hat, aber diese Methode wird schon seit Jahrtausenden durchgeführt. Es muss doch also gute Gründe dafür geben, warum sich Menschen mit Metall ihren Schädel durchbohren lassen.

Amanda Feilding ist die Leiterin der britischen Beckley Foundation, einer Stiftung, die seit über einem Jahrzehnt das Bewusstsein des Menschen erforscht. Ihre Arbeit beinhaltet das gesamte Spektrum der Bewusstseinsveränderung—von Cannabis und LSD bis zu buddhistischer Meditation. Außerdem ist sie heute eine der führenden Personen in der Erforschung der Physiologie von Trepanation. 

In den frühen 70er Jahren führte Amanda diese Methode an sich selbst durch, nachdem sie vier Jahre lang versucht hatte, einen Arzt zu finden, der es für sie machen würde.

Ich habe Amanda bei ihr zu Hause in der Nähe von Oxford besucht, um mit ihr über Trepanation zu sprechen und darüber, wie sie diesen Eingriff bei sich selbst durchführte.


Amanda 2012

VICE: Also, Amanda, kannst du mir etwas über die Geschichte von Trepanation erzählen?
Amanda Feilding: Trepanation ist der älteste chirurgische Eingriff der Welt, es geht auf mindestens 10.000 vor Christus zurück und wurde seitdem von unabhängigen Zivilisationen auf fast jedem Kontinent unseres Planeten ausgeführt. Von Südamerika bis zum jungsteinzeitlichen Europa hat diese Methode eine reiche Geschichte durchlebt. Shiva, der Hindu-Gott für verändertes Bewusstsein, wurde zum Beispiel trepaniert. Es wurden früher auch tibetanische Mönchen trepaniert, und man findet es bis in die Moderne auch noch in Afrika.

Was meinst du mit „bis in die Moderne"?
Das 20. Jahrhundert. In den 60er Jahren kannte ich jemanden aus Nigeria, der mir erzählte, dass die „cooleren" Jungs aus dem Dorf mit dem Schamanen losgegangen sind, um sich trepanieren zu lassen.

Hat das Ganze einen ernstzunehmenden medizinischen Zweck?
Absolut. Diese Zivilisationen haben aber keine wissenschaftlichen Hypothesen über die Physiologie hinter der Trepanation aufgestellt und haben deshalb ihre eigene esoterische Erklärung gesucht. Manche nannten es das „Licht reinlassen" oder den „Teufel rauslassen". Es wurde erfolgreich bei chronischen Kopfschmerzen, Migränen und chronischer Epilepsie eingesetzt und war überraschenderweise eine beliebte Methode bis zum ersten Weltkrieg. Dann fingen Ärzte an, Lobotomie zu praktizieren—daraufhin wurde Trepanation plötzlich als primitive Methode herabgestuft. In der Enzyklopädie meines Vaters von 1912 steht, dass Trepanation bei Bewusstseinsstörungen durchgeführt wurde. Tatsächlich wird es noch heute regelmäßig bei Operationen, die das Eindringen ins Gehirn erfordern, verwendet. Jedoch wird das Loch danach wieder gefüllt.

Hatte es damals auch eine religiöse Bedeutung?
Für manche war der Eingriff eine rituelle Prozedur, in der Schamanen, Könige und Priester trepaniert wurden. Ich nehme an, dass das so war—besonders in südamerikanischen Gesellschaften—, weil sie die einzigen waren, die psychoaktive Drogen zu sich nahmen. Die Bewusstseinserweiterung, die bei der Trepanation entsteht, half ihnen, schneller wieder klar zu kommen, nachdem die Drogen ihre Wirkung verloren.

Warum hast du dich trepaniert?
In den 60ern habe ich mich viel mit Religionsuntersuchungen und Mystik beschäftigt, wobei ich von einem holländischen Wissenschaftler hörte, der sich selbst trepaniert und eine Theorie über die darauf folgenden physiologischen Veränderungen entwickelt hatte. Ich kannte den Mann nicht und konnte deshalb selber nicht feststellen, inwiefern es ihn tatsächlich verändert hat. Obwohl ich an Trepanation interessiert war, kam mir nie in den Sinn, es selbst zu versuchen.

Aber ich hatte einen Freund, der es probiert hat und bei dem ich eine leichte Veränderung bemerkte—ein Mildern und ein Abklingen des neurotischen Verhaltens, das wir alle haben und kennen. Ich kannte ihn äußerst gut und habe wirklich einen Unterschied bemerkt. Später ließ es ein anderer Freund machen, der an chronischen Kopfschmerzen litt, wegen denen er jede Woche ein oder zwei Tage nicht zur Arbeit gehen konnte. Er hat nun seit 30 Jahren keine Kopfschmerzen mehr. Ich fing an, einen Arzt zu suchen, der es bei mir machen könnte, aber leider erfolglos. Nach vier Jahren erfolgloser Suche entschied ich, es selber an mir durchzuführen.


Ein trepanierter Totenkopf, der in Peru gefunden wurde. (Foto von via)

Welche Vorbereitungen hast du getroffen?
Ich war natürlich sehr vorsichtig und habe mich sehr genau vorbereitet. Ich benutzte einen elektrischen Bohrer mit flachem Boden und einem Fußpedal und testete den Bohrkopf zuerst an meiner Hand. Das Ganze habe ich sehr detailliert geplant, doch mehr als alles andere musste ich mich psychologisch darauf vorbereiten. Das ist schließlich etwas, das du wirklich nicht tun möchtest.

Jap, sich ein Loch in den Kopf zu bohren, widerspricht irgendwie allen menschlichen Instinkten.
Dann bekam ich die Idee, einen Film darüber zu machen. Das ermöglichte mir, mich von der Situation zu distanzieren.

Also hattest du die physische Narkose und dann noch die mentale „Narkose", es als Kunstwerk zu betrachten.
Ja, das hat gut geklappt. Nachdem ich die Operation durchgeführt hatte, wickelte ich einen Schal um meinen Kopf, aß ein Steak, um das Eisen, das mir auf Grund des Blutverlusts fehlte, zu ersetzen, und ging auf eine Party. Es wirft dich überhaupt nicht zurück—setzt dich nicht außer Gefecht. Es ist nur eine 30-minütige Operation. Allerdings trete ich in keiner Weise für Selbst-Trepanation ein; es sollte immer ein Arzt dabei sein. 

Wie hast du dich danach gefühlt?
Zu dieser Zeit beschrieb ich es immer als das Gefühl der hereinbrechenden Flut: Es war ein Gefühl des langsamen und sanften Aufstiegs auf eine Ebene, die sich gut anfühlte. Eine klare Veränderung, die ich bemerkte, war die Art meiner Träume: Sie wurden viel ruhiger—das war sehr auffällig. Könnte das alles als Placebo-Effekt beschrieben werden? Natürlich kann das sehr gut sein, und das ist mir auch bewusst. Aber ich muss sagen, dass mir genug Unterschiede an meinem Wesen auffielen, um interessiert an dem Thema zu bleiben, und ich sah eben auch die Effekte unter meinen Bekannten, die ebenfalls trepaniert worden waren. Ich konnte bei jedem Einzelnen eine fundamentale Veränderung feststellen.

Also, was ist die wichtigste Vorraussetzung für eine Trepanation?
Wenn ein Kind geboren wird, ist der obere Teil des Schädels sehr weich und flexibel. Zuerst schließt sich die Fontanelle, dann der Schädel selbst, was das volle Pulsieren des Herzschlags hemmt—es wird quasi verhindert, dass du dessen volle Wirkung im Gehirn spürst. Dieser Verlust des „Pulsdrucks" verändert das Verhältnis zweier Flüssigkeiten im Gehirn: dem Blut und der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Das Blut ist die Flüssigkeit, die das Gehirn mit dem versorgt, was es braucht, wie Glukose und Sauerstoff. Die Rückenmarks-Flüssigkeit entfernt einige der giftigen Moleküle. 

Trepanation stellt den vollen Pulsdruck des Herzschlags wieder her. Daraufhin weiten sich die Kapillare und ergießen einen gewissen Anteil an Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Wenn der Gehirnkreislauf nämlich träger wird [wenn nicht genug Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit ins Gehirn gepumpt wird], können stagnierende Blutansammlungen entstehen, was dazu beitragen kann, dass sich Krankheiten wie Demenz und Alzheimer entwickeln.

OK. Nachdem du die Beckley Foundation gegründet hattest, hast du angefangen, die Effekte und möglichen Vorteile von Trepanation zu erforschen. Was hast du untersucht?
Die Untersuchungen, die ich mit dem russischen Wissenschaftler Professor Moskalenko durchführte, bestanden aus der Beobachtung von Patienten, die für andere Operationen trepaniert worden waren. Es führte tatsächlich zu einer erhöhten Blutversorgung im Gehirn. Bei den Patienten, die sich das Loch danach wieder füllen ließen, verringerte sich das dann wieder. Es ist also offensichtlich, dass das Loch den Gehirnkreislauf erhöht und dass dessen Schließung diesen wieder abschwächt. Aber weitere Untersuchungen mit gesunden Patienten sind erforderlich.

Andere Untersuchungen wurden an Menschen, die an verschiedenen Stufen von Alzheimer litten, durchgeführt. Sie zeigte, dass die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit dieser Menschen viel weniger mobil war als die eines gesunden Gehirnkreislaufs. Das Problem war nicht fehlendes Blut im Gehirn, sondern dass die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit nicht mehr genügend giftige Moleküle herauswaschen konnte.

Ob Trepanation als präventive Maßnahme bei der Bekämpfung dieser Krankheiten fungieren kann und was für andere Effekte es hat, ist die Art von Forschung, die ich in Zukunft liebend gerne ausführen würde. Es scheint nämlich, als wäre dies der Grund, weshalb Trepanation in der Vergangenheit verwendet wurde, auch wenn die Menschen damals das nicht so verstanden haben. 

Die Forschung über Trepanation haben wir nur an knapp 15 Patienten durchgeführt und das reicht noch lange nicht für wissenschaftliche Behauptungen irgendeiner Art aus. Wir brauchen mehr Forschung mit mehr Menschen.

Würdest du diese Forschung auch betreiben, wenn du nicht trepaniert worden wärest?
Ja, ich glaube schon. Jedoch vermute ich, dass meine persönliche Erfahrung, trepaniert zu werden, mich motiviert hat, das näher erforschen zu wollen. 

Wie gehst du bei dieser Forschung vor?
Es ist schwer: Obwohl Trepanieren nicht illegal ist, ist es auch nicht wirklich legal. Es ist eine paradoxe Situation. Man bekommt nicht die Erlaubnis, es zu erforschen, weil es nicht genug Beweise gibt, dass es wirkt. Gleichzeitig kann man aber ohne Forschung keine Beweise erhalten. Ich finde es merkwürdig, dass Menschen Geschlechtsveränderungen durchführen können, aber nicht Trepanation—eine viel einfachere Operation. Wir sollten die Forschung an dieser simplen Operation, die unser Bewusstsein erhöhen könnte, ausweiten.


Amandas Werbeplakat, 1979 bis 1983

Glauben du, dass Trepanation in Zukunft legal sein wird?
Da bin ich mir sicher. Vor allem in Ländern, die sich mehr mit dem Thema Bewusstsein beschäftigen, wie Brasilien oder Indien.

Hast du nicht auch versucht, Trepanation im NHS [das Gesundheitssystem von Großbritannien] unterzubringen?
Ich habe mich zum Thema „Trepanation for the National Health" für das Parlament in Chelsea zur Wahl gestellt. Es war nicht meine Absicht, gewählt zu werden; es war eher ein Kunstprojekt. Mein Ziel war es, den Wissenschaftlern zu zeigen, dass Trepanation ein interessantes Gebiet ist und weiter erforscht werden sollte. 

In den letzten 40 Jahren habe ich mich an den Kampf gegen die Vorurteile rund um Trepanation gewöhnt. Ich habe nie wirklich verstanden, weshalb es so ein Tabuthema ist. Ich finde, wir sollten so viel wie möglich über veränderte Bewusstseinszustände lernen, und herausfinden, wie wir sie uns zunutze machen können. Bei vielen Völkern, denen verschiedene Bewusstseinszustände viel vertrauter sind, werden schamanische Methoden viel eher anerkannt—sei es durch Fasten, Tanzen oder das Einnehmen von psychoaktiven Substanzen. Sie erkennen, dass dies einen wichtigen Teil der Gesellschaft betrifft und dass es bei wichtigen Entscheidungen weiterhelfen kann. 

Danke Amanda.
 

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Floating Tanks - Am Abgrund der Entspannung

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