FYI.

This story is over 5 years old.

Popkultur

Wir haben versucht, mit dem Schöpfer von Breaking Bad über Drogen zu reden

Wir wollten endlich in Erfahrung bringen, ob Vince Gilligan jemals Meth probiert oder gekocht hat.
8.8.13

ACHTUNG: Fast jegliche Handlung, über die in diesem Interview gesprochen wird, wurde bereits in jeder Ecke des Internets oder auf Bezahlsender wie zum Beispiel Sky ausgestrahlt und anschließend besprochen. Dennoch solltest du dir darüber im Klaren sein, dass dir in diesem Interview gewisse Details mittgeteilt werden, von denen du lieber nichts gewusst hättest, wenn du die die erste Hälfte der fünften Staffel von Breaking Bad noch nicht gesehen hast. Das sollte als Spoiler-Warnung durchgehen. Andererseits hast du auch Glück: Als dieses Interview geführt wurde, wusste noch nicht einmal Vince Gilligan selbst, wie Breaking Bad ausgehen wird. Ab nächster Woche könnt ihr es selbst herausfinden! Eine Übergabe von Autoschlüsseln in einem Diner und ein Maschinengewehr im Kofferraum eines Autos können nur eins bedeuten: ein großartiger Showdown, der seit fünf Staffeln vorbereitet wird, steht vor der Tür. Die Vorschau, mit der die finale Staffel von Breaking Bad begann, war etwas, das Vince Gilligan und seine Autoren schon im Auge hatten, als sie beschlossen, die Reise von Walter White zu erzählen. Wir haben das Vertrauen in Walts Menschlichkeit endgültig nach der Folge, in der er den liebenswerten Mike in der Hitze des Gefechts tötet, verloren. Es gibt nur sehr wenige von uns, die ihn nicht voller Blei sehen wollen, sei es das der DEA oder eines mexikanischen Kartells. Doch bevor es soweit ist, wenn überhaupt, muss noch einiges passieren und vor allem müssen noch mehr beliebte Charaktere sterben. All diese Aufregung verdanken wir Vince Gilligan, einem Mann, der das Fernsehen einfach zu vorhersehbar fand. Vince ist kein Meth-Junkie, kein Meth-Dealer, kein Polizist, ja noch nicht einmal ein Arschloch. Er hat sich als Produzent von Akte X einen Namen gemacht, die Drehbücher zu Verliebt in Sally und Hancock geschrieben—zwei sehr unterschiedliche Filme, die beide scheiße sind—und dann alle mit einer Arbeit schockiert, die im totalen Widerspruch zu seiner restlichen Karriere steht. Also ist er im Grunde Walter White. Ich hatte die Möglichkeit, kurz mit Gilligan zu telefonieren. Ich war jedoch von der Tatsache überrascht, dass seine PR-Frau die ganze Zeit in der Leitung war und genau in dem Moment einschritt, als ich ihn nach seiner seine Lieblingsdroge fragte. VICE: Also, es ist die letzte Staffel. Wie wurde die Show angenommen?
Vince Gilligan: Oh, es war wunderbar. So gut, dass Ich mich zwicken wollte um herauszufinden, ob ich träume. Ich klinge vielleicht unaufrichtig, wenn ich das sage, aber ich kann immer noch nicht wirklich glauben, dass die Serie wirklich im Fernsehen läuft. Es ist verrückt, dass sich das Menschen immer noch anschauen und auch nach fünf Jahren zu allem Überfluss genießen zu scheinen. Die Tatsache, dass die Leute es wirklich mögen, ist so wunderbar überraschend. Es haut mich um. Wie lange weißt du schon, wie Walters Geschichte zu Ende geht?
Du hättest uns letzte Nacht sehen sollen. Die Autoren und ich arbeiten gerade an den letzten acht Folgen. Wir haben sie noch nicht einmal geschrieben. Wir haben schon seit Monaten Ideen, sehr grobe Ideen von großen Dingen, die geschehen sollen. Aber das ist alles noch unvollendet. Wir sind glücklich, dass uns von Studio und Sender die Zeit gegeben wird, die wir benötigen. Das ist ein Segen. So können wir alles sehr gründlich machen. Das Beängstigende und Aufregende ist, dass wir momentan so wenig wissen. Wie viel hast du dir im Laufe der Zeit überlegt und was war Teil deiner ursprünglichen Idee, bei der aus dem Unschuldslamm ein zweiter Scarface wird?
Es ist schwierig, das genau zu sagen, weil wir einerseits nie vom Kurs des Originalentwurfs, wo es darum geht, dass der Protagonist zum Antagonist wird, abgekommen sind. Andererseits hat dieser grobe Entwurf uns viel Handlungsspielraum gelassen. Was die Feinheiten angeht, werden diese von Woche zu Woche entschieden. Es ist ein kniffliger Prozess, da wir versuchen, acht Folgen weiter zu denken. Wir wollen nicht allzu künstlich sein, was unsere Geschichte angeht, und nicht sagen: „Walt muss dies tun und dann das und dann etwas anderes.“ Das beste Drehbuch ist eines, das die Charaktere bestimmen lässt, wohin sie gehen wollen. Diese beiden Philosophien scheinen sich zu widersprechen.
Wir tun unser Bestes, alles auf einmal zu bekommen. Wir versuchen, Walt, Jesse und den Rest der Charaktere so authentisch wie möglich erscheinen zu lassen. Wir tun aber auch unser Bestes, unsere Grundideen umzusetzen. Denkt ihr euch zuerst die Funktion eines Charakters oder seine Persönlichkeit aus?
Beides. Ich hasse es, das zuzugeben, weil ich es liebe, authentisch zu sein, aber man hat einen logistischen Zweck im Sinn. Zum Beispiel braucht man möglicherweise einen „bösen Jungen“ für die Staffel. Ein gutes Beispiel für einen Charakter, der zunächst nur der Handlung dienen sollte und der sich dann zu einem wesentlichen und integralen Bestandteil der Serie weiterentwickelt hat, ist Hank. Ich wollte, dass Hank alles ist, was Walt nicht ist. Ich wollte, dass Hank ein Gewinner ist, und in der ersten Folge ist Walt eine Art Verlierer. Hank sollte ein überlebensgroßer, kühner und selbstsicherer DEA-Agent sein. Die Quintessenz sollte sein, dass Walt darüber nachdachte, Meth in kleinen Mengen zu kochen, um sich an Hank zu rächen. Wie hat sich deine Vorstellung von Hank geändert?
Wir haben Dean Norris für diese Rolle gecastet. Norris ist ein sehr interessanter und vielschichtiger Typ. Er ist komplex und sehr intelligent und kann als Schauspieler viele Nuancen darstellen. Es wurde schnell klar, dass Hanks Charakter viel mehr Potenzial hat, als es auf den ersten Blick schien. Als wir Dean kennenlernten, begannen die Autoren, mehr Eigenschaften in den Charakter zu schreiben. Da Mike nun weg vom Fenster ist und das Kartell auch aus dem Spiel zu sein scheint: Läuft es auf einen Showdown zwischen der DEA und Walt oder Walt und Hank hinaus?
Ich will nicht zu viel verraten. Es ist logisch zu schlussfolgern, dass es ein großer, letzter, dramatischer Spannungsbogen sein könnte, dass Hank Walt enttarnt. Wir warten alle schon seit einer ganzen Weile darauf, ob das nun passiert oder nicht. Wie meinst du das?
Es ist wie mit Titanic. Jeder wusste, das Boot würde am Ende sinken, aber du kanntest nicht die Charaktere, denen du begegnen würdest, und du wusstest nicht, wer leben oder sterben würde. Obwohl das Ende von Titanic vorherbestimmt war, hattest du auf menschlicher Ebene keine Ahnung, was als nächstes passiert … Es ist jedoch seltsam für mich, diese Analogie zu verwenden, weil ich Titanic nie gesehen habe. In der vorletzten Folge war es ein bisschen überraschend, dass Mike Walt gebeten hat, ihm seine Tasche zu bringen. Besonders nach allem, was sie zusammen durchgemacht haben. Walt hat mehrmals gezeigt, dass man ihm nicht trauen kann. Mike hat auch seine Jungs ausgezahlt, anstatt sie zu töten, und er hat ein Faible für Jesse. Ist das alles ein Zeichen dafür, dass Mike langsam in die Jahre kommt, er schwächelt oder weich wird?
Nun, er wurde am Ende der letzten Staffel stark verletzt. Er hatte wahrscheinlich wegen der physischen Folgen in den letzten acht Folgen eine schwierige Zeit. Er machte wieder einen Pakt mit dem Teufel. Er geriet in einen Deal mit Walter White und tat etwas, was er nicht wirklich für seine Jungs tun wollte. Er liebt seine Jungs und er würde alles für sie tun. Diese letzten acht Folgen zeigen uns, dass Mike, hart wie er ist—und er ist manchmal verdammt hart—einen Kodex hat, den er nicht für jedermann bricht. Er ist nicht so rücksichtslos oder gierig wie Walt. Aber ich glaube nicht, dass es am Ende besonders nachlässig war, immerhin hat Walt ihn ja angerufen und gewarnt. Ich glaube, er verstand, dass Walt in dem Moment keine Angst um ihn hatte, sondern einfach nur ähnliche Bedürfnisse, so dass sie Verbündete waren. Er hatte am Ende viel, das ihm auf dem Herzen lag, aber ich glaube, dass er im Endeffekt einen einfachen Fehler gemacht hat: Er hat dem Typen den Rücken gekehrt. Von Angesicht zu Angesicht hätte Mike es jederzeit mit Walt aufnehmen können, sein einziger Fehler war, ihm den Rücken zuzukehren. Walt stieg für seine Familie in den Drogenhandel ein, aber dann hat er sie verloren. Ist das der Grund dafür, dass er in das ganz große Geschäft einsteigt? Weil er nichts mehr hat?
Das ist eine gute Frage. Die Master-Frage ist immer: „Was treibt Walter White an?“ Er ist ein Mann, der durch seine eigenen Handlungen die Liebe seiner Familie verloren hat. Ich werde nicht für seinen Sohn sprechen, aber er hat sich in der Tat mit dem Fortschreiten der Serie von seinem Sohn entfremdet. Dabei kenn sein Sohn sicher nicht all die schrecklichen Geheimnisse, die Walt hegt. Er hat auch die Liebe seines Lebens verloren. Er hat alles gefährdet, wovon er vorgegeben hat, sich darum zu kümmern. Genau. Also, warum macht er das?
Jeder, der die Show sieht, hat eine gleichermaßen gültige Meinung dazu, warum Walt tut, was er tut. Wenn ich sage, was meine Meinung ist, kann es hinterhältig klingen, aber es ist nur die Meinung einer Person. Meine Meinung ist, dass Walt all diese Dinge sein ganzes Leben lang in sich trug. 50 Jahre bevor die Geschichte begann, hatte er diese Dunkelheit in sich. Seitdem er die schreckliche und doch befreiende Nachricht in der ersten Folge erhalten hat, dass er an Krebs stirbt, ist sie langsam an die Oberfläche gekommen. Plötzlich fallen all die Zwänge der Zivilisation einer nach dem anderen von ihm ab. Jetzt steht es ihm frei, derjenige zu sein, der er all die Jahre wirklich war. Es steht im frei, all die schrecklichen Dinge zu tun, die er in seinem Herzen hatte und vor denen er bisher zu viel Angst hatte. Ich glaube, er liebt das Gefühl von Macht. Geld ist nur ein Maßstab für ihn. Es ist klar, dass er nie so viel davon ausgeben wird. Geld misst seine Macht als Drogenboss. Obwohl er eine Menge schrecklicher Scheiße überleben und eine Menge schrecklicher Dinge tun muss, auf die er wahrscheinlich nicht stolz ist, ist er schon stolz auf die Tatsache, dass er innerhalb einer bestimmten Welt ein respektierter und starker Mann ist. Das ist etwas, das er noch nie in seinem Leben gefühlt hat. Am Ende dieser Szene in Folge sechs, wenn er sagt: „Das ist alles, was ich noch habe“, ist nur er allein an seinem Schicksal schuld. Er sieht ein, dass es keine Möglichkeit für ihn gibt, jetzt aufzuhören, vor allem jetzt, wo er alles wegen des Weges, den er gewählt hat, verloren hat. Den DEA-Agenten wird ein gewisses Maß an Inkompetenz zugeschrieben—zum Beispiel, dass Hank nicht so richtig erkennt, was mit Walter los ist, obwohl Hank doch jemand ist, der in jedem Aspekt seines Lebens wachsam ist. Und der Rest der Abteilung hat Gus Fring nicht verdächtigt. Glaubst du, dass das bezeichnend für die reale DEA ist?
Nein. Kennst du diese optische Täuschung, wo du entweder eine Vase oder zwei Gesichter siehst? Ich sehe eine Vase und du siehst die zwei Gesichter. Du kannst das interpretieren, wie du magst. So wie ich es sehe, ist die DEA, wie sie in der Show dargestellt wird, halbwegs intelligent und fleißig. Die Agenten machen ihren Job ziemlich gut. Es ist nur so, dass Gus Fring sehr klug ist, wie ein James-Bond-Bösewicht. Und Walter White hat diese perfekte Tarnung, er schafft es, direkt vor der Nase seines Schwagers unerkannt zu bleiben. In der Welt unserer Serie ist Hank der intelligenteste DEA-Agent, aber er ist seinem Schwager gegenüber blind. Wie kann das sein?
Schon seit ewigen Zeiten klassifizieren wir Andere, wenn wir ihnen zum ersten Mal begegnen. Hank hatte Walt vor vielen Jahren, wenn nicht vor einem Jahrzehnt oder mehr, getroffen. Das war lange bevor Walt beschloss, ein Drogenboss zu werden. Hanks Meinung über Walt ist in Stein gemeißelt. Hank sieht Walt als niedlichen, unbeholfenen Mann, der zu intelligent für seine Lebensumstände ist, und als eine Art gutmütiger, machtloser Ehemann, da er nun sogar von seiner Frau betrogen wird. Hank denkt, er macht eine Menge Fehler. Wenn es jemals passiert, wäre es schwer für ihn zu akzeptieren, wer Walt wirklich ist. Was die DEA angeht, haben wir uns große Mühe gegeben, das geniale Wesen von Gus zu zeigen. Wie bei dem Schach-Spiel, bei dem er viele Schritte im Voraus denkt. Das bringt mich immer wieder zu Der Pate. Gus Fring hat sehr viel Energie investiert, um seine kriminellen Aktivitäten zu vertuschen. Er war nie gierig, immer sehr vorsichtig, sehr umsichtig. Er spielte ein sehr langes und komplexes Spiel. Er freundete sich mit der DEA an und unterstützte sie mit Geld. Es hätte wohl für immer funktionieren können, wenn Walt nicht gewesen wäre und alles vermiest hätte. Glaubst du, dass es im wirklichen Leben so viele brillante Kriminelle gibt?
Ich glaube nicht. Ich habe vor zehn Jahren an einer kurzlebigen Cop-Show gearbeitet und wir hatten ein paar echte Polizisten als technische Berater. Ich erinnere mich an einen Detective von der Raubmordkommission des LAPD, ich fraget ihn: „Du hast all die Filme und TV-Serien mit diesem einen kriminellen Genie, das brillant und den Cops immer zehn Schritte voraus ist, gesehen. Bist du jemals einem kriminellen Genie im realen Leben begegnet?“ Er sagte: „Nein, die meisten Kriminellen sind Idioten! Und Gott sei Dank, denn wir sind so überlastet und es gibt so viele schlechte Leute da draußen. Wenn es ein kriminelles Superhirn gibt, wissen wir vielleicht immer noch nicht, dass es existiert. Wir schnappen es  vielleicht nie, weil die Arbeitsbelastung so stark ist und weil es so viele Verbrechen zu lösen gibt. Die meisten Verbrecher aber sind Vollidioten.“ Denkst du, dass der Krieg gegen Drogen vor diesem Hintergrund wirksam ist? Besonders an der Grenze zu Mexiko?
Ich bin eine Art Agnostiker, was dieses Thema angeht. Ich weiß nicht, ob es die beste Strategie ist. Ich weiß auch nicht, ob man bestimmte Drogen entkriminalisieren sollte. Man könnte meinen, ich sollte dazu eine gefestigtere Meinung haben, aber ich verbringe meine ganze Zeit damit, über diesen einen Charakter nachzudenken, und nicht die Politik im Allgemeinen. Ich weiß, es gibt viele Männer und Frauen, die versuchen, den Drogenhandel zu stoppen. Ich weiß, diese Kartelle in Mexiko, um nur ein Beispiel zu nennen, sind die Ursache von viel Schmerz, Leid und Tod. Ist es ist der richtige Weg, sie noch stärker zu verfolgen und alles kriminalisiert zu lassen oder sollten wir all das Zeug legalisieren? Schwer zu sagen. Hast du jemals Meth probiert?
Nein, definitiv nie. Ich vermute, ich würde eher auf Downer stehen als auf Upper. Was ist denn eher so deine Droge? [PR-Lady unterbricht uns] „Hey Abdullah, sorry, wir müssen aufhören, weil Vince mit allem spät dran ist.“ Shit.