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The Grievous Sins Issue

Nimm Schmiergeld mit, wenn du Gras nach Gambia schmuggelst

„The Smiling Coast of Africa“: Mit diesem Spruch holt der afrikanische Kleinstaat Gambia Touristen ins Land und macht damit fast die Hälfte seines BIP. Zudem gilt das Land als wichtiger Drogenumschlagplatz nach Europa.

von R. C. Schneider
22 April 2013, 6:17am

Illustration von Sarah Schmitt

„The Smiling Coast of Africa“: Mit diesem Spruch holt der afrikanische Kleinstaat Gambia Touristen ins Land und macht damit fast die Hälfte seines BIP. Zudem gilt das Land als wichtiger Drogenumschlagplatz nach Europa. Der exzentrische Präsident von „The Gambia“, Yahya Jammeh, „heilt“ nicht nur HIV und Unfruchtbarkeit live im Staatsfernsehen, sondern hat auch den Drogen den Kampf angesagt. Die Anti-Drogen-Behörde (DEA) untersteht ihm direkt und verhängt schon bei geringsten Mengen drakonische Strafen. R. C. Schneider war in Gambia und lächelte nicht mehr, als er mit fünf Samen bei der Einreise erwischt wurde.

„Muss ich da wohl vergessen haben. Sorry!“, erklärte ich unter Schock. In einem normalen afrikanischen Land sollte so ein Missgeschick mit einem dreistelligen Devisenbetrag gelöst sein, so wie es die Einheimischen bereits vormachen, die es mit mir erwischt hat. Falsch! Meine mantraartig in feinstem Englisch wiederholte Bitte nach einer „unkomplizierten“ Lösung vor Ort verhallte scheinbar ungehört im Verließ der Grenzstation, wo man mich zur Aufnahme meines „Geständnisses“ festhielt. Dem Chef der Drogeneinheit habe ich wiederholt US-Dollar und einige Zehntausend CFA-Franc (insgesamt 350 Euro) angeboten. Offenbar war das zu wenig und ich finde mich nach zwei Tagen Arrest an der Grenze in kakerlaken- und mückenverseuchter U-Haft in der Hauptstadt Banjul wieder. Statt Geld will er sich lieber ein Sternchen bei seinen Chefs verdienen. Auch Korruption ist riskanter als früher in Gambia, vor allem wenn Ausländer das später in der Zeitung schreiben. Seine Untergebenen dagegen sind genervt, weil sie so leer ausgehen. Grasbesitz, egal ob 0,01g oder 2 kg wird mit umgerechnet 6.250 Euro oder drei Jahren Haft oder beidem geahndet. Kann man nicht zahlen, fährt man ein. Das ist auch schon Backpackern passiert, macht mir die Dame der deutschen Botschaft klar. „Glücklich“ für mich ist auch, dass ich bereits gestanden habe. Streitet man es ab, sitzt man gut und gerne ein halbes Jahr in U-Haft. Über Nacht besorgt mein Reisefreund also die Kohle, damit wenigstens das Verfahren schnell geht, und ich komme mit den Jungs auf Zelle ins Gespräch. Mit Importkippen und Telefoncredits hatte ich mir schnell Freunde gemacht. Farul, aus dem Senegal, wurde mit einem Joint erwischt und wird mangels Geld die drei Jahre absitzen. Er war schon mal drin und erzählt, dass die U-Haft-Zelle quasi noch ein Hotelzimmer verglichen mit dem „richtigen“ Knast ist. Bisher hatte ich mich vor allem ungerecht behandelt gefühlt und war zornig. Jetzt aber erfahre ich den Unterschied zwischen mir als weißem Ausländer und den einheimischen Jungs: Für Farul kommt keine Botschaft, ihn erwartet kein verkürztes Verfahren, keine Privilegien und keine 6.000 Euro aus Deutschland: „You find Allah or you kill yourself!“, fasst Farul zusammen.
 

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Jahrgang 9 Ausgabe 4