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Lektionen aus einer katholischen Schule

Und wie ich es mit einigen merkwürdigen Kinderzeichnungen verarbeitet habe.
17.12.11

In meiner Grundschulklasse fragten die Kinder Sachen wie: „Wie kann es sein, dass Jesus Gott ist, wenn doch Gott Gott ist?“ oder „Wie kann Gott der Vater von Jesus sein, wenn Joseph auch der Vater von Jesus ist?“ Die Lehrer lächelten dann und sagten, dass wir uns darüber keine Gedanken machen sollten. Wenn sie ehrlich gewesen wären, hätten sie zugegeben, dass man hier mit logischen Erklärungen nicht weiterkommt.

Der Katholizismus war für mich eher ein befremdlicher dogmatischer Glaubenskatalog als  eine spirituelle Erfahrung. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich verzweifelt versuchte das Konzept „Glauben“ zu begreifen. Kinder haben ja erst einmal nichts anderes als den Glauben und sie glauben fast alles. Erst wenn du älter wirst, fängst du an darüber nachzudenken, ob das, was du weißt, nicht kompletter Bullshit ist. Diese innere Zerrissenheit zeigt sich in aller Schärfe, wenn man sich noch einmal Zeichnungen aus der eigenen Kindheit anschaut. Genau das habe ich gemacht, damit ihr nicht durch das psychologische Jammertal müsst, es selbst zu tun. LEKTION #1 – SCHEISS AUF DIE SCHULE (6 Jahre)
Beim Lesen des kleinen Büchleins „Die Göttlichen Geheimnisse“  lernte ich märchenhafte Gestalten kennen, die zum Beispiel Jesus und Maria hießen. Maria ist gestorben, aber nicht wirklich, denn sie lebte bis in alle Ewigkeit. Nach diesem unverständlichen Kram wurde sie zu „unserer Königin“ gekrönt. Wie ihr meint. Und da ist noch etwas: Ich weiß nicht warum, aber der Heilige Geist hatte beschlossen, sich in eine Ente zu verwandeln.

LEKTION #2 – SCHEISS AUF PAPA (6 Jahre)

Ein wahres Kunstwerk ist diese Zeichnung, die auf Römer 8:15 anspielt, falls euch das irgendetwas sagt. Offensichtlich gibt es eine hitzige Debatte darüber, ob Abba tatsächlich das aramäische Wort für Vater gewesen ist oder aber ob der Autor des Buches, Apostel Paulus, ein früher Fan der groovigsten schwedischen Popgiganten war, die die Welt je gesehen hat. Wie dem auch sei, meine Zeichnungen machen absolut Sinn: Gott, Vater, Papa, Abba. Ich dachte offenbar, das seien Synonyme, denn meine Darstellung „Gottes“ sieht exakt aus wie mein Vater (aufgepasst, er trägt nur Socken und weiße Boxershorts). Irgendetwas ist komisch daran, dass man tote, nackte, erwachsene Männer mit Bart verehrt, die aber auch ein kleines bisschen… heiß sind…

LEKTION  #3 – ALLE SIND ARSCHLÖCHER (10 Jahre)

In dem Jahr drehte sich mein Oster-Unterricht hauptsächlich um die Kreuzigung Jesu. Wahrscheinlich dachte der Pfarrer, oder wer auch immer sich den Lehrplan für die Diozöse ausgedacht hatte, dass wir nun alt genug seien, um alles über Tod und Sünde zu erfahren. Uns wurde folgendes erzählt 1) Wir lügen immer, weil 2) Es unmöglich ist, immer die Wahrheit zu sagen, so wie Gott es tut, daraus folgt 3) Wir sind alle Sünder und 4) Jesus hat sich für unsere Sünden geopfert und dafür sollten wir ihm dankbar sein. Rückblickend betrachtet klingt das nach einem beschissenen Deal. Aber ich glaube bis heute daran, dass alle Menschen auf diesem Planeten Scheißhaufen mit Gesichtern sind.

LEKTION #4 AIDS KRIEGEN (8 Jahre)

Sexualkunde gehörte zum Religionsunterricht und das bedeutete, dass entweder eine verklemmte Nonne, an die ich mich kaum noch erinnere, oder ein Perversling mit Kutte, der seine Finger gern in die Hintern von kleinen Jungen gesteckt hätte, uns hauptsächlich von Bienen und Vögeln erzählte. Wie dem auch sei, wir mussten ein Buch mit dem Titel „Das blühende Leben“ lesen, auf dessen Cover glücklich verheiratete Paare abgebildet waren, die aussahen, als hätten sie noch nie in ihrem ganzen Leben ihre feuchten Genitalien aneinander gerieben. Ich erinnere mich an ein Kapitel, in dem erklärt wurde, warum Gott Kondome und die Pille verboten hat: Das Töten von Spermien sei identisch mit dem Töten von Kindern—quasi eine vorzeitige Abtreibung. Und Abtreibung ist gleichbedeutend mit Völkermord, also ist jeder, der verhütet, ein Mörder.

LEKTION #5 SICH UMBRINGEN (8 Jahre)

Jeden Tag wurden wir daran erinnert, dass der Herrgott regiert und die Sünde lockt. Induktiv hätte man aus der Tatsache, dass wir alle Sünder sind und alles was wir tun, eine Manifestation des Bösen ist, schließen können, dass das Leben nach dem Tod einfach umwerfend sein muss. Man konnte eigentlich nur auf den Tod hoffen und zusehen, dass man das Leben hinter sich bringt. Deshalb habe ich Jeanne d'Arc gemalt—eine coole Lady, die einen Scheißdreck auf den Tod gegeben hat, aber ziemlich viel auf G-O-T-T.