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Rumänische Fussball-Hooligans gegen den Staat

Rumänische Hooligans sind etwas anders drauf als ihre deutschen Pendants.
25.1.12

Hooligans bei den jüngsten Demonstrationen in Bukarest

Fußball ist sehr wichtig für das rumänische Volk. Eine meiner ersten persönlichen Erinnerungen ist, wie ich meinen Bruder und seine x-beinigen Freunde dabei beobachtete, wie sie hinter der Wohnung, in der ich aufwuchs, wie die Wahnsinnigen Bälle durch die Gassen kickten. Ich hielt ihre ständigen Gespräche und Prognosen über das Spiel aus und das ist vielleicht der Grund, warum ich am Ende meiner Bachelorarbeit über diesen Sport schrieb.

Und dann gibt es da noch die Hooligans. Während ich neulich meine Abschlussarbeit zusammen bastelte, traf ich S., einen Fan von Dinamo Bukarest und aktives Mitglied der Cătălin Hâldan Hooligans. Er wuchs wie ich auf den Straßen Bukarest auf, aber brach jegliche Ausbildung ab und entschied sich stattdessen dazu, sein Glück als Mitglied der Dinamo Hooligan-Fraktion zu versuchen. Aber rumänische Fußball-Hooligans unterscheiden sich von englischen Fußball-Hooligans. Als ich mich mit ihm traf, benahm sich S. wie ein ideologischer Pazifist (allerdings nur, wenn er nicht gerade auf den Straßen unterwegs ist), der die Zen-Meister-mäßige Stille nur stören würde, um mit einem Lächeln im Gesicht der Musik von Korn zu lauschen. Ich kenne nicht viele Leute in Großbritannien, die dabei lächeln, wenn sie Korn hören (sorry, Korn Fans, ich habe keine Ahnung, mit welcher Tastenkombination man das 'R' andersrum schreiben kann), aber andererseits kenne ich auch nicht viele britische Hooligans, die auf die Straßen gehen, um die über

die schädlichen Gesundheitsreformen

verärgerten Studenten und linken Demonstranten beim Kampf gegen die Polizei zu helfen.

Als ich das Bild von ihm sah—auf dem er sehr wütend aussieht—das bei den jüngsten Demonstrationen in Bukarest gemacht wurde, beschloss ich, dass es an der Zeit war, ihn mir zu schnappen.

VICE: Hey S., wie geht's? Ich habe in der Zeitung ein Foto von dir gesehen. Warum bist so wütend geworden? Du bist doch sonst so ruhig.

S:

Wegen dem Unglück der Menschen um mich herum. Es ist nichts eindeutiger als das. Ich versuche Ruhe zu bewahren, aber es gibt viel zu viele Dinge, die das Leben mit sich bringt und die mich wütend machen.

Als du neulich zu den Demonstrationen gegangen bist, warst du als Demonstrant oder als Hooligan unterwegs?

Diese Leute, die vandaliert haben, waren normale Rumänen, die sich wie Hooligans benommen haben. Vandalismus ist nicht unbedingt das gleiche wie Rowdytum. Vandalismus kann jeden einzelnen Bürger betreffen, der irgendeine Beschwerde bekommen hat. Wir oder andere Fußballfans haben die Sitzbänke auf der Brătianu Street nicht zerstört, sondern rumänische Leute, die von einem Adrenalinstoß eingeholt wurden. Vielleicht können jetzt ein paar mehr Menschen nachempfinden, was in den Köpfen der Hooligans vorgeht.

War der Vandalismus wirklich nötig?

Man kann es als ein notwendiges Übel bezeichnen. Manchmal reicht es eben nicht, einfach nur eine Meinung zu haben. Jemand muss die Rolle eines Anstifters übernehmen. Das ist meiner Meinung nach keine negative Rolle.

Willst du damit sagen, dass die Gewalt dem Protest einen Sinn gibt?

Auf keinen Fall. Ich sage nur, dass Kummer und Unzufriedenheit dem Protest einen Sinn geben. Gewalt ist nur eine andere Form diese Gefühle auszudrücken, wenn keine andere friedliche Lösung möglich ist.

Dinamo-Fans drehen durch

Glaubst du, dass all diese Leute aus dem gleichen Grund demonstrieren?
Nein. Leider wissen die meisten Leute nicht mal, warum sie dort waren. Das ist ein ziemlich heikles Thema.

Kannst du darauf näher eingehen?
Ich kann nur sagen, warum ich dort war. Weil ich das Gefühl habe, dass die Leute, die ich gewählt habe, mich wie einen Dummkopf behandeln. Meine Wut war nichts Neues, die Gesundheitsreformen waren nur ein Vorwand.

In dieser Nacht haben alle Hooligans der drei Fußballmannschaften aus Bukarest auf der gleichen Seite demonstriert.
Stimmt. Ich schätze mal, das war ein Grund, warum es so schön war.

Wart ihr diejenigen, die das ganze ausgelöst haben?
Ich glaube, wir waren es, die Hooligans. Wir haben die Atmosphäre des Fußballstadiums auf die Straßen gebracht und haben es auf noch über die Spitze getrieben, auf die es bereits zuging. Die Medien haben das ganze allerdings so manipuliert, dass sie Polizisten am Ende als Helden und Opfer dastanden. Ich meine, der Premierminister blieb über Nacht im Krankenhaus und hielt einem verletzten Polizisten die Hand. Während er das tat, machten seine Bodyguards den Besuch von Verwandten der anderen Opfer unmöglich.

Was kam zuerst, das Tränengas oder die Molotowcocktails, die Polizei oder die Hooligans?
Das Tränengas. Aber die Molotowcocktails waren nur dafür gedacht, die Polizei einzuschüchtern. Sie waren sicher nicht dafür gedacht, irgendwelche Menschen zu verletzen. Die Polizei hatte uns mit einem Feuerwehrschlauch bis zum Union Sauere zurückgedrängt. Indem sie das taten, bewiesen sie, dass sie ein Werkzeug des Bösen der Reichen sind.

Denkst du, dass die Presse seit den Demonstrationen verständnisvoller gegenüber den Demonstranten geworden ist?
Na ja, sie sollten es, denn ich habe gesehen, wie ein Journalist von der Polizei verprügelt wurde und die Hooligans ihn beschützten. Man muss mit der Presse zusammenarbeiten, damit sich etwas ändert. Aber im Großen und Ganzen müssen sowohl die Medien als auch die Politiker Rumäniens gestürzt und komplett umstrukturiert werden.

Was kommt also als Nächstes?
Wir tun alles was wir können, um das Land zu verändern. Darauf kannst du dich verlassen.

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