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Was die Rechten vom NSU-Prozess halten

In München geht heute der NSU-Prozess los, und während sich alle auf die Platzvergabe, die Proteste, die Skandale und auf Beate stürzen, fragt man sich, was sagen eigentlich die Faschos dazu?
7.5.13

Was für ein Chaos und Skandal bei der Platzvergabe für den NSU-Prozess. Süddeutsche Zeitung rein, Türkische Medien raus, neu verlost, türkische Medien rein, SZ raus, Brigitte rein, freie Journalisten raus … Ziemlich lustig oder traurig—je nach Interpretation. In all dem Trubel darum, dass es die FAZ jetzt doch noch in den Anhörungssaal geschafft hat, haben wir ganz vergessen, mal die Rechten zu fragen, was sie eigentlich von der ganzen Geschichte halten.

Von denen hab ich nämlich noch recht wenig über den Prozess gehört, was aber wohl sicher auch daran liegt, dass ich eher selten auf Politically Incorrect oder auf der NPD-Website rumhänge. Ich hab mir deswegen die komplette Breitseite der rechten Berichterstattung über den NSU-Prozess ein wenig genauer angeschaut und festgestellt, dass die ganzen Nazis gar keine Liebeserklärungen an Beate Zschäpe gedichtet und Hassoden über die türkischen Medien aufgenommen haben, so wie ich mir das vorgestellt hatte.

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Im Wesentlichen fällt die ganze Berichterstattung sehr viel unspektakulärer aus, als man von einer Horde gelangweilter, brauner Blogger erwarten würde. So wird die proamerikanische Webseite Politically Incorrect zwar nicht müde, andere Medien darauf hinzuweisen, dass noch kein Urteil über die NSU oder Zschäpe gefallen ist, und man deswegen auch nicht weiß, dass Zschäpe der Kopf der NSU sei, aber richtig verteidigt werden die drei Angeklagten bei Politically Incorrect von niemandem:

Es geht nicht um die Verteidigung von Neonazis. Es geht um den linksextremen Sumpf, in dem sich diese Republik befindet. Denn der ausländische “Standard” ist nicht allein, er schreibt doch nur ab, was die Qualitätspresse hierzulande absondert.

Ähnlich versucht der Blog blauenarzisse stattdessen einfach den Prozess an sich zu relativieren und wirft mit mysteriösen Titanic-Referenzen:

Mit welcher Inbrunst der NSU- Prozess zu einem Ereignis aufgeblasen wird, als gelte es, Deutschland vor der endgültigen Übernahme durch die Nationalsozialisten zu bewahren. Das ist ungefähr so, als wäre in unmittelbarer Nähe der Titanic eine Jolle ebenfalls gegen den Eisberg gefahren – und die Weltpresse berichtet hyperventilierend vom Untergang der Jolle, während die Titanic unbeachtet, still und leise absäuft.

Ich nehme mal an, dass soll irgendeinen Bezug auf den Werteverfall in Deutschland oder die Gefahr durch Linksextremisten haben, aber ich hab leider nicht ganz gecheckt, wer jetzt die Jolle, wer die Titanic und wer der Eisberg ist—na ja die wichtige Frage ist ja auch eigentlich: wird in dieser Version Kate Winslet durch Beate Zschäpe ersetzt?

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Aber zurück zur rechten Berichterstattung. Anstatt also die NSU-Angeklagten zu verteidigen, haben sich die Zeitungen anscheinend zwei andere Feindbilder gesetzt, gegen die gewettert wird: Erstens, die innländische Medien. Allen voran natürlich die, laut der Plattform Deutsche Stimme „linksextreme Tageszeitung“ taz:

Die links-extreme Tageszeitung “taz” kündigte ebenfalls eine Verfassungsbeschwerde an; mit dieser soll zumindest die Übertragung der Verhandlung für Journalisten in einen anderen Raum ermöglicht werden, so Chefredakteurin Ines Pohl.

Politically incorrect bezeichnet auch gerne generell die komplette Medienlandschaft als „linksversiffte Presse“.

Und zweitens, die türkischen Medien. Die sind nämlich alle unfähig, faul und/oder langsam und die eigentlichen Schuldigen an der Verschleppung des Prozessbeginns: Politically incorrect titelt mit „NSU-Prozeß: Türken immer frecher". Islamophobie ist ja allgemein eines der Steckenpferde der extremen Rechten, dementsprechend viel wird über die türkische Einmischung der Medien berichtet und die Kreuzabhängung im Gerichtssaal als krasser Angriff auf den deutschen Glauben angesehen: „Kreuz im NSU-Gerichtssaal abgehängt." titelt man also bei Politically incorrect:

Das Kreuz ist verschwunden! Das OLG München ließ den NSU-Gerichtssaal für 1,2 Millionen Euro umbauen. Seither fehlt dort drin das Kreuz, das vorher noch da hing! Wurde es nur “vergessen”, wie die Gerichtssprecherin vermutet? Nun, das wäre kein Problem. Ein Nagel ist schnell in die Wand geschlagen, und schon kann man es wieder aufhängen! Oder wurde es in vorauseilendem Gehorsam abgehängt, um die mohammedanischen Türken nicht zu irritieren? Könnte ja wieder eine Verfassungsklage vor dem (türkischen) Verfassungsgericht in Karlsruhe drohen! Und wie stünde Bayern mit einem altmodischen Kreuz vor der Welt da?

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Das „Magazin für deutsche Interessen“ Zuerst! hat deswegen anscheinend sogar Angst vor einem möglichen Konflikt mit Ankara denn „viel fehlte nicht, und die Türkei hätte uns glattweg den Krieg erklärt.“

Das sind also die beiden größten Probleme der rechten Medienwelt: die taz und die Türken. Anstatt also groß über Inhalte des Prozesses zu schreiben, stellt die Junge Freiheit, die unappetitliche, rechtskonservative Wochenzeitung, in diesem Sinne fest:

„Die Münchner Gesetzeshüter sind in den Zangengriff von türkischen Nationalisten und deutschen Feuilletonisten geraten. Was für ein schauderhaftes Bündnis! Kaum abzuschätzen, wer von beiden schlimmer ist.“

Man bekommt den Eindruck, dass die Zeitungen überhaupt keine Berichterstattung über die Hintergründe des NSU-Prozesses liefern oder die Angeklagten gar verteidigen wollen, was klar ein aussichtsloser Kampf wäre. Stattdessen werden nun die Probleme bei der Platzvergabe benutzt, um die komplette mediale Begleitung des Prozess zu verunglimpfen und sie dadurch für ungültig zu erklären. Ich glaube keiner der gelesenen Artikel kommt ohne die Worte „Farce“, „Posse“ und „Satire“ aus.

Die Autoren der Seiten und Magazine wirken wie eine Horde quengelnde Kinder, die erstmal pro Forma die Berichterstattung über den Prozess scheiße finden. Vielleicht aber auch nur, weil sie selber gar nicht mitspielen dürfen, auf der Akkreditierungsliste steht nämlich keine der rechten Zeitungen darauf. Die rechte Berichterstattung zumindest, wird Verfassungsschützern wohl keine schlaflosen Nächte bereiten.