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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Spoooooooooooooky Issue

Krisenabsteigen

Unser kleiner Guide Michelin zu den schönsten und schlimmsten Hotels in Krisengebieten.

von KARLOS ZURUTUZA
04 November 2011, 12:00am


Hotel Japan

Als freier Journalist, der sich auf den Mittleren Osten und Zentralasien spezialisiert hat, komme ich dauernd in diese typischen Ach-Du-Scheiße-ich-mach-mir-gleich-in-die-Hose-ich-hätte-sterben-können-Situationen. Obwohl ich meistens über außergewöhnliche und erschreckende Themen berichte, fragt man mich am allerhäufigsten: „Sag mal, wo schläfst du eigentlich, wenn du da drüben bist?“ Meistens antworte ich darauf ganz trocken: „Im Holiday Inn, wenn ich eins finde. Wenn nicht, dann verprass’ ich mein Geld im Hilton.“ Schaut mich die Person dann verdutzt an, weiß ich, dass ich es wahrscheinlich nicht mit einem kompletten Vollidioten zu tun habe, und sage: „War nur ein Scherz“, und dann erzähle ich von den ungewöhnlichsten Übernachtungen auf meinen Reisen durch die Krisenregionen dieser Erde.


HOTEL JAPAN
Quetta, Pakistan (6 Euro pro Nacht, inklusive Südseefisch)

Das Japan ist mein absolutes Lieblingshotel. Als ich eincheckte, informierte mich Mohammed, der Portier, dass ich ein „Zimmer mit Fischen“ bekommen könnte, wenn ich gleich für eine Woche buchen würde. Das gefiel mir, bis ich feststellen musste, dass Mohammed nun jeden Morgen um 7 Uhr in mein Zimmer kam, um die Tiere zu füttern. Wie nicht anders zu erwarten, gibt es nicht viele Ausländer in Quetta; es liegt nah an der afghanisch-pakistanischen Grenze, eine Gegend, zu der Journalisten keinen Zutritt haben und in der sich, Gerüchten zufolge, der einäugige Talibanführer Mullah Omar aufhält. Die Stadt ist außerdem ein giftiges Sammelbecken für Sunnis, marxistische Baluchs, shiitische Kämpfer und christliche Punjabis, die alle miteinander verfeindet sind. Tagsüber ist es dort recht friedlich, aber nachts wird man von Schießereien geweckt. Häufig hört man drei Schüsse hintereinander—eine Hinrichtung mit zwei Schüssen in den Kopf, einen in die Brust. Am nächsten Morgen beim Frühstück mit grünem Tee und Linsensuppe heißt es dann: „Letzte Nacht haben sie Muhammad blablabla umgebracht, den Anführer des Stammes der blablabla.“ Das ist dann für mich der Augenblick, um abzuhauen und den nächsten Muhammad zu interviewen, bevor auch der erschossen wird.



Hotel Sabeel,

HOTEL SABEEL
Bagdad, Irak (36 Euro pro Nacht, inklusive Frühstück und Wi-Fi)

Bagdad ist immer noch weit davon entfernt, eine sichere Region im Irak zu sein, aber die Wahrscheinlichkeit, hier entführt zu werden, hat in den letzten zwei Jahren abgenommen. Da ich also sicher sein konnte, dass ich hier nicht ums Leben kommen würde, verbrachte ich im letzten Februar ein paar Nächte im Hotel Sabeel. Bagdad mag zwar nicht mehr so gefährlich sein wie früher, aber seitdem eine Soldatin mit ihrem Finger auf die Geschlechtsteile von nackten Gefangenen zielte, denen man eine Plastiktüte über den Kopf gezogen hatte, hat man hier dennoch immer ein mulmiges Gefühl.

Genauso wie in Quetta wird man auch hier in der Nacht von Schüssen aufgeschreckt und weiß nicht, ob jemand umgebracht wurde oder die Polizei als improvisierter Kammerjäger streunende Hunde erschossen hat. Normalerweise ist Letzteres der Fall. Es wird lange dauern, bis hier eine Art Normalität eingekehrt ist; Journalisten zum Beispiel müssen immer noch regelmäßig das Hotel wechseln, um sich vor Entführungen zu schützen. Mein Rat an alle freien Journalisten: Haltet euch fern von Bagdad! Es ist sauteuer und Reportagen aus dem Irak verkaufen sich gerade sowieso nicht mehr.



Das Gästehaus des Präsidenten der Provinz Helmand

DAS GÄSTEHAUS DES PRÄSIDENTEN DER PROVINZ HELMAND
Lashkar Gar, Afghanistan (36 Euro pro Nacht, Halbpension)

Das Beste ist, das man hier Tür an Tür mit dem Präsidenten der beschissensten Provinz des Landes schläft. Das ist praktisch, wenn man ein Interview mit ihm machen will. Der Nachteil ist, dass nur wenige Meter vom Hotel entfernt ein Hauptangriffsziel der Taliban liegt. Glücklicherweise befinden sich die Gästezimmer im Keller Richtung Innenhof, was die Wahrscheinlichkeit minimiert, dass man hier bei einem Bombenangriff ums Leben kommt. Zurzeit ist weniger Militär auf den Straßen Afghanistans. Die Kanadier sind als letzte NATO-Truppe aus der Region abgezogen und haben der afghanischen Armee die Kontrolle über Lashkar Gar, die Hauptstadt der Provinz Helmand, übergeben. Seit die NATO das Land verlässt, kehren die Taliban zurück und die Bauern pflanzen wieder riesengroße Mohnfelder an. Mit anderen Worten: Die Besuchszeit ist vorbei. Afghanistan, ich werde dich vermissen. Und ich fahre auf jeden Fall noch mal hin, bevor die Fundis zurückkommen und das Land für ein weiteres Jahrzehnt vom Rest der Welt abschneiden.



Hotel Mustafa

HOTEL MUSTAFA
Kabul, Afghanistan (15 Euro pro Nacht)

Bis die Presse endgültig aus Afghanistan rausgeschmissen wird, werde ich in diesem legendären Hotel unterkommen. Es geht etwas Vertrautes und Beruhigendes von den vergitterten Fenstern und verriegelten Türen aus. Sogar der Lonely Planet empfiehlt es, jedenfalls behauptet das ein Schild im Foyer. Das Mustafa liegt im Zentrum, nur einen Steinwurf entfernt von der Chicken Street, wo man stundenlang nach typisch afghanischen Souvenirs stöbern kann. Es gibt Burkas, Teppiche mit RPG-Motiven, Kalaschnikows und russische Digitaluhren aus den 80ern.



Gaddafis ehemalige VIP-Residenz

DIE EHEMALIGE VIP-RESIDENZ GADDAFIS

OK, hier gab es weder Wasser noch Strom, und ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht wegen des Raketenfeuers, aber wer hätte sich die Chance entgehen lassen, in einem echten Feldbett zu übernachten? Von allen Aufständischen der Welt sind die libyschen Rebellen ausländischen Journalisten gegenüber am gastfreundlichsten. Das liegt vielleicht daran, dass sie Gaddafis Propaganda widerlegen wollen, die behauptet, sie seien allesamt Al-Kaida-Mitglieder und/oder drogenabhängig. Allerdings muss ich zugeben, dass es etwas bizarr war, der einzige Gast in einem Haus zu sein, das ursprünglich für 500 Gaddafi-Anhänger gebaut worden ist. Jedesmal, wenn ich auf die Toilette ging, kam ich mir vor wie Sean Connery in Outland, der darauf wartet, das jeden Moment die Bösen um die Ecke kommen. Nach zwei Nächten interplanetarischer Einsamkeit wechselte ich ins Nalut Media Center. Zum Schlafen kuschelte ich mich in die Trümmer, die in den letzten Wochen von Grad- und Katjuscha-Raketen hinterlassen wurden. Außerdem gab’s einen freien Satelliten-Internetzugang! Nicht schlecht!



Eclectica Hotel

ECLECTICA HOTEL
Vanq, Republik Bergkarabach (für Ausländer umsonst)

Es gibt Schlimmeres, als für wenig Geld und mit geringem Risiko in ein Krisengebiet nach Osteuropa zu fahren, wo der Konflikt seit Langem festgefahren ist. Als Dankeschön bekommt man den Stempel eines Landes in seinen Reisepass, das offiziell gar nicht existiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 sind Dutzende von neuen Staaten auf dem eurasischen Kontinent entstanden. Einige sind halboffiziell (zum Beispiel Abchasien, das von Russland, Nicaragua, Venezuela und den kleinen pazifischen Inseln Vanuata und Naura anerkannt wird), andere hingegen, wie Bergkarabach, werden von allen ignoriert.

Neben der unerklärten Souveränität hat Bergkarabach das Hotel Eclectica. Sein Besitzer kommt von hier, hat aber sein Geld im Ausland gemacht. Als er in die Stadt Vanq zurückkehrte, sponserte er eine der landesweit größten Massenhochzeitsfeiern. Wer heiratete, bekam 1450 Euro, und er traute an einem Tag 675 Paare nach alter armenischer Tradition. Für das erste Kind gibt es eine weitere Prämie von 1450 Euro, für das zweite 2270, für das dritte 3620, 7240 für das vierte, und so weiter. Es gibt allerdings einen Haken: Wer sich scheiden lässt, muss das Geld zurückzahlen. Die Gegend hier scheint jedenfalls ganz nett zu sein. Als ich 2005 dort war, bekam ich zum Abendessen kostenlos Sushi und die erste Nacht war auch umsonst. Das ist mal ein Hotel!
 

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