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Reisen

Urlaub in der Ukraine Teil 5

Nach Wochen bemerken Stefanie und ihr Freund A., dass es in der Ukraine ja eine Zeitverschiebung gibt.
19.10.12

Auf ihrem Roadtrip durch die Ukraine haben Stefanie und ihr Freund A. ja schon so einiges erlebt. Kleinigkeiten, wie wo scheißen, sind da mittlerweile zur Nebensache geworden. Einige urige Dörfer haben die beiden schon gesehenviele nette und hilfbsereite Leute haben sie getroffen und vor allem haben sie ihre Liebe für die Ukraine entdeckt.  Nach ihrem letzten Stop hat es Stefanie und ihren Freund A. nach Rakhiv verschlagen, wo sie bei Pavel, dem fleischgewordenen sowjetischen Altherrenstereotyp, untergekommen sind. Nach einer durchzechten Nacht geht's dann weiter.

                                                                                                Nach erfolglosen Stoppversuchen bleibt ein Bus stehen, er fährt nach Kolomyja, das am Weg nach Czernowitz liegt. Wir halten uns dort ein paar Stunden auf und besichtigen die Stadt. In der Fußgängerzone findet eine politische Veranstaltung statt, eine ziemlich linksalternativ wirkende junge Band spielt, überall stehen Leute mit Schildern in den Händen herum, aber leider kapieren wir nicht, worum es geht und schauen uns das ganze ratlos eine Weile an.

Wir spazieren durch den Markt, A. fragt eine Frau, wo die Synagoge sei, die er sich anschauen will. Sie ist freundlich, betont aber, dass sie sich weigert Russisch zu sprechen. Generell reagieren die natioanlistischen Westukrainer ziemlich anti auf Russisch, während im Osten viele Russisch als Muttersprache sprechen, aber auch ukrainische Künstler und Intellektuelle legen sehr viel wert auf die Eigenständigkeit der ukrainischen Sprache. Ansonsten spricht man im ganzen Land auch Surschyk, eine umgangssprachliche Mischform, die man aber zu bekämpfen versucht. Sie zeigt uns den Weg, bald nehmen wir den Bus nach Czernowitz. Wir essen noch Borschtsch in einem Stehcafe an der Station und als der Bus danach weg ist, realisieren wir zum ersten Mal, dass es eine Zeitverschiebung in der Ukraine gibt.

Wir erreichen Czernowitz als es schon zu dämmern beginnt und nach einem langen Marsch ins Zentrum versuchen wir eine billige Unterkunft zu finden, aber die Hotels aus unserm Reiseführer sind ausgebucht oder wir finden sie nicht. Am Weg durch die gepflegte Stadt begegnen uns ein Haufen hippe Studenten in Ausgehstimmung, belebte Restaurants und ein Auto mit der Aufschrift „Arbeit mach frei“. Wir sind fix und fertig und schleppen uns eine Stunde weiter zum nächstgelegenen günstigen Hotel, mieten uns im „Hotel Kaizer“, das der österreichischen Monarchie gewidmet ist, ein Doppelzimmer. Minibar, Kabelfernsehen, eine perfekt ausgestattete Dusche, ein Klo, auf dem ich es zu scheißen wage, das Paradies.

Da wir völlig ausgehungert sind, marschieren wir noch mal entkräftet den einstündigen Weg, der über einen Berg führt zurück, kämpfen mit dem Erschöpfungstod, essen was, holen uns Bier und exotische Knabbereien und beschließen einfach im für uns luxuriösem Hotelzimmer zu chillen, zwingen uns zurück, trinken erschlagen im Bett liegend Bier und schauen russische Musikvideos bis wir einschlafen.

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Am nächsten Tag spazieren wir durch Czernowitz, A. ist ganz betört, er liebt diese Stadt, die Ende des 19. Jahrhunderts die östlichste deutschsprachige Universität beherbergt hat und die zu dieser Zeit viele Intellektuelle, Maler, Musiker und Literaten hervorgebracht hat, eine offene, leiwande Stadtkultur, die durch den 2. Weltkrieg, die Vernichtung der Juden und die Vertreibung anderer Volksgruppen ausgelöscht wurde. A. zitiert pathetisch: “Czernowitz, am halben Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien.“ HILFE!

Ich kann dem Zauber des Vergangenen nicht so viel abgewinnen, mich berühren eigentlich nur gegenwärtige Atmosphären, ein ehemaliges Literaten-Cafe, das jetzt einen Souvenirshop beherbergt ist für mich nicht besonders aufgeladen, auch wenn ich mir vorstelle, das Paul Celan dort möglicherweise einen Schaas gelassen hat, aber ich finde A.s Schwelgen und Schwärmen ganz lieb, betrachte gelangweilt die Häuserfassaden, die an biedere österreichische Kleinstädte erinnern und die Innenhöfe, auf die er mich „Schau, wie hübsch! WIE HÜBSCH!“ hysterisch vor Glück hinweist. Die ehemalige Synagoge ist jetzt ein 3D Kino, wir gehen an ungefähr fünf verschiedenen Hochzeitsgesellschaften, mit adrett aufgetakelten Frauen, die Straßentauben für ein Foto aufscheuchen vorbei und wieder durchqueren wir einen Markt, auf dem ständig etwas passiert, eine Flut an Gestik und Mimik und brutalen Gesichtern neben Bergen ausgetrockneter Fischkadaver, Sauschädeln und Frischgemüse. Ich könnte dort tagelang herumstehen, Ukrainer angaffen und glücklich sein.

Das westliche Klischee der geilen, gestylten Ukrainerin in High Heels, gebildet und doch nicht kaputt emanzipiert, die von den Mario Orsolic und Robert Nissls unserer Welt gejagt werden, gefolgt vom Mythos der dicken Babuschkas auf dem Markt in altmodischen Kleidern mit aufgedunsenen, groben Gesichtern. Zwei weit verbreitete ukrainische Weiblichkeitsmythen. Aber wo treffen sie einander, wann scheidet sich der Weg?

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Wir nehmen noch den Bus an den Stadtrand, nach Sadagora, das Ende des 19. Jahrhunderts ein chassidisches Stettl war, weil A. die ehemalige Prunksynagoge anschauen will, von der nur eine zugemüllte Ruine übrig ist, um deren Erhaltung sich wohl niemand schert.

An der Busstation zurück liegt ein toter Babyhund, dem Blut aus der Nase läuft und wir lernen Ilya kennen, einen Buchhalter. A. unterhält sich mit ihm während wir auf den Bus warten, erzählt auf Russisch, dass er Philosophiestudent ist und wir sind uns nicht ganz sicher, über mich behauptet er immer, ich wäre ein Lehrling in einem Maler- und Tapezierbetrieb. Ilya steckt er uns zwei Zuckerl zu (LIEB) und schreibt uns seine Adresse auf. Wir merken mit der Zeit, dass er eigentlich ziemlich nach Alkohol riecht, aber an die selbstverständliche Betrunkenheit völlig normal wirkender Menschen werden wir uns im Verlauf der Reise noch gewöhnen. In der Ukraine ist Alkohol die Todesursache Nummer 1 bei Männern, laut Statistik sind ca. ein Drittel der jungen Männer alkoholabhängig. Zurück in der Stadt trinken wir noch einen Automatenkaffee mit ihm, bekommen seine Telefonnummer, falls wir was brauchen, er öffnet seine Aktentasche und schenkt uns noch ein paar Knoblauchzehen und einen Klumpen SALO, den weißen sagenumwobenen ukrainischen Speck, von dem wir schon viel gehört haben, ein nationales Heiligtum, reinste Schweinefettn, die landesweit unbestritten als gesundheitsfördernd gilt.

Wir wollen weiter und fahren mit dem nächsten Bus nach Rumänien, um nach Moldawien und später Odessa zu gelangen.

Als ein Typ in Militärhosen und Springerstiefel während der Busfahrt sieht, dass wir englischsprachige Reiseführer lesen, fragt er uns forsch, wohin wir wollen und befiehlt dem Fahrer mitten im Nirgendwo stehen zu bleiben und uns, mit ihm auszusteigen. Ich stöhne genervt auf und rechne nervös damit zum ersten Mal irgendeinem korrupten Scheiß ausgeliefert zu sein. Er kontrolliert mit strengem Blick unsere Pässe, und weist uns darauf hin, dass sich die rumänische Grenze zwei Kilometer in die andere Richtung befände. Wir atmen erleichtert auf, zu unserer Überraschung wollte er uns anscheinend einfach nur helfen, wir wären in eine völlig falsche Richtung gefahren. Er verabschiedet sich mit einem freundlichen Handschlag und wir machen uns die Landstraße entlang auf den Weg nach Rumänien.

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Die Sonne beginnt gerade über den Feldern unterzugehen, wir passieren eine kilometerlange LKW-Schlange während über uns riesige kreischende Vogelschwärme ziehen. Die Leute beobachten uns, es macht einen seltsamen Eindruck, bei Nachtanbruch zu Fuß die Grenze zu passieren und wir warten mit einem mulmigen Gefühl darauf, unsere Pässe zurück zu bekommen. An Landesgrenzen fühlen wir uns immer automatisch wie Schwerverbrecher, unsicher, als würden wir etwas Verbotenes machen und auf das Wohlwollen irgendwelcher Autoritäten angewiesen sein, obwohl wir mit unseren Pässen und Reisemöglichkeiten in Wirklichkeit eh scheiß privilegiert sind und bald marschieren wir weiter Richtung EU.

Ein ukrainischer Soldat ruft uns noch nach „Have Fun in Europe.“, A. antwortet: „ Thank you. But Ukraine is Europe, too!“. Er lacht: „I dont think so!“

Es ist schon dunkel und wir benutzen die Taschenlampe, um am Straßenrand weiterzugehen bis wir eine LKW-Raststätte erreichen. Wir fragen die Kellnerinnen, ob wir unser Zelt am Grundstück aufschlagen dürfen, was kein Problem ist und so haben wir einen ziemlich angenehmen Schlafplatz. In dem Beisl essen wir Knoblauchsuppe und Mamaliga, rumänische Polenta, trinken ein paar Bier, schauen mit den LKW- Fahrern, den einsamen Männern der Straße, einen Boxkampf der Klitschkobrüder und fühlen uns wie Cowboys im Saloon. Später kommt noch der Chef des Lokals auf uns zu und meint, wir könnten gerne gratis in einem Zimmer schlafen, im Zelt wär es doch zu kalt für uns. Wir versichern, dass es kein Problem sei, da es sicher eine angenehme Nacht wird, sind aber wieder mal sehr gerührt von der Gastfreundschaft und überlegen, ob wir das ganze mal in Österreich probieren sollten, ob wir in Melk, Villach oder Bruck an der Mur vielleicht auch von Betrunkenen und Raststättenbesitzern verwöhnt werden würden, weil wir so armselig wirken.

In der Früh trinken wir noch einen Espresso in der Raststätte und gehen nach Siret, dem ersten rumänischen Ort nach der Grenze. Wir kaufen uns Brot, die Rumänen sind gerade von allen Richtungen auf dem Weg zur Morgenmesse, aus der Kirche hört man Chorgesang und wir spazieren durch die dörfliche Sonntagsstimmung an die Landstraße, um an den nächsten Ort zu stoppen.

Bald bleibt ein Lieferwagen stehen, er nimmt uns aber nicht mit, sondern ein Typ mit wilden schwarzen Haaren will nur wissen, woher wir sind, ein kurzer Dialog auf englisch, dann fährt er weiter. Nach ein paar hundert Metern macht er plötzlich einen U- Turn und wir freuen uns, dass er uns anscheinend doch mitnimmt. Er bleibt wieder bei uns stehen, kurbelt das Fenster herunter, schaut uns durchdringend an und sagt: „Do not talk to the Gipsies! Believe me. Do not look into their eyes!“ A. bringt den Einwand: „But they are just people..“, worauf der Typ mit wahnhaftem Blick zischt: „No, they are no people! Do not talk to them!“ Er will uns noch eine Broschüre über die bevorstehende Apokalypse andrehen, dann fährt er wieder weiter und schreit aus dem Auto: “I love Austria!” Hallo Rumänien.