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Role Models von John Waters Teil 2

24.11.10

Filmemacher, Künstler, Autor, Schauspieler und Kämpfer für die Rechte der Schwulen John Waters hat ein ziemlich aufregendes Leben gelebt. In seinem neuen Buch Role Models schreibt er über die Menschen, die ihn inspiriert haben. Hier ist der zweite Teil des Kapitels das Waters' literarischen Helden gewidmet ist. Heute geht es um Denton Welsh, den in Schanghai geborenen englischen Autor, den William S. Burroughs seinen wichtigsten Einfluss genannt hat. Teil eins findest du hier.

John Waters - Role Models
"Bookworm" - Teil Zwei

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Hier ist also “John Waters Liste von fünf Büchern, die man gelesen haben sollte, um ein glückliches Leben zu führen.”

Und ja, es ist alles Belletristik. Es gibt vielleicht keinen besseren Roman auf der ganzen Welt, als Freuden der Jugend von Denton Welch. Es nur in der Hand zu halten, so wunderbar, so viel mehr als nur schwul, so köstlich subversiv, macht Analphabetismus zum schlimmeren sozialen Problem als Hunger. Veröffentlicht 1945 in England, zehn Jahre nach dem furchtbaren Unfall, bei dem der Autor auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren wurde und dabei so schwer verletzt wurde, dass er für immer darunter leiden würde; ist es eine großartiger und (nur leicht getarnter) autobiographischer Roman, bei dem  um die unglaublichen und erotischen Abenteuer von Orville Prym geht, einem kreativen Kind, das seine Mutter an eine mysteriöse Krankheit verloren hat und noch nicht gelernt hat "das Unbehagen zu überwinden, bei einer anderen Person nicht gut aufgehoben zu sein." Während er die "anderen Leute" hasst, weil sie glauben "ihn zu verstehen, weil er ein Junge ist", wandert unser eleganter, aber angeknackster kleiner Held durch ein Hotel, in das sein Vater ihn und seine Brüder zum Urlaub einquartiert hat, auf der Suche nach "Flucht, Freiheit, Einsamkeit und Abenteuer."

Wurden kindliche Sexualität und die Aufregung hinter dem ersten Aufflackern von Perversion jemals auf so eloquente Art und Weise beschrieben? Als Orville ein altes Buch über Körperkultur findet und wie besessen versucht seinen Körper zu verbessern, macht er sich Sorgen, nicht genug zu schwitzen. Entschlossen sperrt er sich in die unterste Schublade einer Kommode, ist sofort vom Gefühl überwältigt, ein Gefangener zu sein und hat eine unschuldige Fantasie darüber, in einem Verlies eingesperrt zu sein, wie er es aus den viktorianischen Romanen seiner Tante kennt. Orville akzeptiert instinktiv diese aufregenden und irgendwie sexuellen Sehnsüchte, aber er ist nur ein Kind, wie soll er also dieses angenehme Gefühl seiner zukünftigen Fetische verstehen? Er weiß, dass er nicht so ist wie die anderen Jungen aber seine Faszination über diese Andersartigkeit ist ihm weit wichtiger, als das Verlangen so zu sein wie seine Altersgenossen.

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Orville wünscht sich männlicher zu sein. Er experimentiert ständig mit Moden und unterschiedlichen Looks, am Ende malt er die Fersen und die Zehen seiner Turnschuhe schwarz an, um "waghalsig und vulgär" zu wirken. Als er seine Haare nicht mehr macht und sein neues angeblich so maskulines Outfit trägt, versuchen seien Brüder ihn darin zu bestärken. Aber der kleine Orville kommt nicht weg von seiner femininen Seite. Er war schon immer besessen von Porzellan-Teilen, die er in Second-Hand-Läden gefunden hat ("Niemand hat jemals besser über ein angeknackstes Tee-Service geschrieben" schrieb Jahrzehnte später ein Kritiker der New York Times). Wenn Orville diese mädchenhaften Sachen bei sich trägt und fühlt, wie sich "sanft an seine Seite drücken," empfindet er "plötzliche und besonder Freunde, ein Gefühl von Sicherheit in einer feindlichen Welt."

Es ist nicht einfach ein kreatives Kind zu sein. So glücklich Orville auch ist, wenn er allein ist, so fühlt er doch den Drang seine eigenen Dramen zu schaffen. Als er in den verlassenen Ballsaal des Hotels schleicht und plötzlich auf der Bühne steht (meine Eltern haben mir übrigens eine eigene kleine Bühne, ganz oben auf der Treppe unseres ersten Hauses gebaut, auf der ich endlose, zügellose "Aufritte" für meine äußerst tolerante Tante Rachel inszenierte, wenn immer sie zu Besuch kam), entdeckt unser kleiner Meister des Maoschismus ein Musikinstrument in einer Kiste die mit einem gerissenen Gurt verschlossen ist. Davon inspiriert, läuft er in die Musikergarderobe, sperrt sich ein, zieht seine Kleider aus und peitscht sich selbst mit dem Gurt aus. In seiner heimlichen Fantasie ist er "Henry II., der Buße tut an Becketts Grab … ein Verurteilter, der an einen Baum in Tasmanien gefesselt ist. Ein Galeerensklave, ein christlicher Märtyrer, eine mutiger Einsiedler in der Wüste." Der Junge wußte wie man Spaß hat. Gott, ich wünschte er hätte in meiner Nachbarschaft gelebt. Wir hätten ein richtiges Stück auf meine kleine Bühne gebracht.

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Nachdem seine Fantasie vorbei war, wußte er, "dass sein Verhalten, wenn es entdeckt würde, als ziemlich merkwürdig gesehen würde," aber er machte weiter und suchte nach weiteren Stimuli. Als er eine dicke Kette auf einer Wiese findet, merkt er, dass ein Ende davon in der Erde eingelassen ist. Fast automatisch, knotet er sich die extrem dreckige und schwere Kette um und pendelt von einer zur anderen Seite. Sein kleines Szenario geht weiter. "Jetzt war er für immer angekettet", im Geiste und er muss die Kette für den Rest seines Lebens immer wieder über das Gras hin und her schleppen. Aber dann kommt die Realität ins Spiel. Sein Bruder erwischt ihn mitten in der Fantasie. "'Jesus! Was machst du da?' ruft er, in großem Erstaunen" "Man würde dich einsperren, wenn dich irgendjemand anders dabei erwischen würde."

Aber niemand kann Orvilles inneres Drama aufhalten. Wenn er eine leere Kirche betritt, um eine noch elaboriertere Fantasie zu verwirklichen, konnte ich mich voillkommen mit diesem Kind identifizieren! Zuerst macht er mit einer Bronzestatue auf einer Gruft rum, "weil sie schließlich seit 500 Jahren nicht geküsst wurde." Dann krabbelt er unter das Altartuch, glücklich, "in vollständiger Dunkelheit und von allen Seiten von etwas umgeben zu sein." … Er fragt sich, was passieren würde, wenn er während der Messe, mit einem lauten Schrei aus seinem Versteck springen würde. "Die Gemeinde würde in Panik verfallen und glauben, dass der Teufel zurück auf die Erde gekommen ist. Für ein paar Sekunden könnte ich wie wild herum tanzen …" Wow, Denton Welch, du weißt wie sich Kinder fühlen. Ich würde immer noch gerne genau das tun, wenn ich eine Kirche betrete. Bis heute!

Little Orville war auch ein kleiner Spanner. Er liebte es, den großen und gemeinen Schuldirektor und seine zwei "unartigen" Schüler zu beobachten, die im nahen Waldstück, während eines viel körperlicheren Ausflugs kampierten. Als er sich während eines Sturms nochmals anschleicht, findet er den Direktor alleine vor, wird aber erwischt und zu einem Tee in die Hütte eingeladen. Orville muss seine nassen Kleider aus- und einen Bademantel anziehen. Die sexuelle Spannung zwischen Orville und dem Lehrer ist praktisch greifbar, aber vielleicht existierst sie auch nur im Kopf des Kindes. Man ist sich nie sicher. Als Orville zugibt, ihn beobachtet zu haben, fragt der Lehrer unschuldig, "Warum kommst du nicht ab und an dazu und hilfst mir mit den beiden?" Orville kann nur antworten "Sie würden es komisch finden!" aber der ältere Mann zuckt nur mit den Achseln und antwortet "Sie denken das nur, wenn du es in ihre Köpfe setzt. Ansonsten denken sie du wärst eine ganz normale Person."

Aber Orville will gar keine normale Person sein. Er will der Sklave dieses Mannes sein und nachdem er sein Geschirr gespült hat fragt er, ob er sonst noch etwas für ihn tun kann. Der ältere Mann, vielleicht ganz unschuldig, bestärkt Orville noch in seiner Fantasie wenn er sagt "Du kannst meine braunen Schuhe polieren, wenn du willst." Dem Lehrer ist nicht klar, was für ein große Lust es Orville bereitet. "Orville holt die Schuhe und fängt an sie zu polieren. Als er seine Hand in einen steckt, denkt er 'In Schuhen ist es immer geheimnisvoll; wie in einer dunklen Höhle.' …. Er fand eine ganze neue Welt in diesem Schuh."

Aber das ist nur das Vorspiel. Der Lehrer bietet ihm an, ihm ein paar Knoten zu zeigen, fesselt Orvilles Hände und zieht ihn daran hoch. "Lassen Sie mich runter" schreit dieser, "sie kugeln meine Schultern aus." Aber der Lehrer gibt ihm nur einen Stoß und haut ihm fest auf seinen Hintern, bevor er ihm anbietet die Rollen zu tauschen. "So, jetzt bist du dran. Du kannst mich so fesseln, wie du willst." Orville nimmt natürlich an und als der Mann sich beschwert, dass "der Strick in sein Fleisch schneidet," fühlt Orville große Freude, bevor er sich fängt und sagt " Ich glaube ich sollte jetzt gehen… Danke für einen sehr angenehmen Nachmittag. Hoffentlich sehen wir uns wieder." Denton Welch hat es geschafft, die unentdeckte Unschuld von de Sade und die inhärente Perversion von Kindern zu porträtieren.

Orville verzweifelt, "Ich weiß nicht wie ich leben soll, was ich tun soll." Und wer weiß das schon in diesem Alter? Eltern sollten verstehen, dass ihre Kinder nicht so sind, wie sie selbst und dass sie die Privatsphäre brauchen um sowohl ihr gutes, als auch ihre böses Verlangen zu realisieren. Verhalten, dass man selbst als pervers in seinem Kind empfindet, wird dieses vielleicht in seinem späteren Leben gar nicht mehr erinnern. Aber worüber man sich vielleicht lustig macht, kann für das Kind unglaublich belastend sein. Als Orville später Angst vor einem älteren Jungen hat, der ihn in einem Zug damit bedroht, seine Wimpern zu stutzen (soviel zu einer eleganten Folter),  fängt er an zu schreien. "Das Geräusch ist stechend, wie entweichender Dampf. Die anderen Passagiere starren ihn mit leeren Gesichtern an. Und als Orville schrie, wußte er, dass er nicht aufhören konnte, dass er diesen Schrei sein ganzes Leben lang aufgebaut hatte. Durch seinen Wahnsinn sprachen diese sehr klaren Gedanken. 'Jetzt wird dich niemand mehr anfassen. Du kannst für den Rest deines Lebens verrückt sein und sie werden dich in Ruhe lassen'." Amen, Denton Welch, Amen.