Das Leben auf einer haitianischen Müllhalde

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Das Leben auf einer haitianischen Müllhalde

Der Fotograf Giles Clarke hat Monate damit zugebracht, das Leben von einigen der ärmsten Haitianern zu dokumentieren.
7.5.16

Alle Fotos: bereitgestellt von Giles Clarke/Getty Images Reportage

Im Jahr 2010 wurde die kleine Karibikinsel Haiti von einem Erdbeben der Stärke 7 heimgesucht, bei dem Hunderttausende Menschen starben. Daraufhin kam Unterstützung aus der ganzen Welt, Brad Pitt und Angelina Jolie spendeten eine Million Dollar und Sean Penn rief eine Hilfsorganisation ins Leben. Der Fokus sollte sich jedoch schon bald wieder von Haiti abwenden, denn auch der Rest der Welt wurde nicht von Naturkatastrophen verschont.

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Der Fotograf Giles Clarke reist seit 2011 immer wieder nach Haiti und veranstaltet dort Foto-Workshops für die Filmstudenten des Cine Institutes—also der einzigen kostenlosen Filmschule der Insel. Für seine neueste Fotoserie Waste in Time hat Clarke nun das Leben von gut 2.000 Haitianern dokumentiert, die auf einer riesigen, von der Regierung betriebenen Müllhalde kurz vor Port-au-Prince arbeiten.

VICE: Erzähl mir doch zuerst einmal ein wenig von der Müllhalde.
Giles Clarke: Bei der Müllhalde handelt es sich um einen ehemaligen Stausee, der mit dem ganzen Schutt des Erdbebens aufgefüllt wurde. Dieser Stausee war die einzige Trinkwasserquelle eines sehr armen Slums namens Cité Soleil, der auch als die gefährlichste und am dichtesten besiedelte Gegend der westlichen Hemisphäre beschrieben wird.

Wie hast du davon erfahren?
Ich bekam ein wenig von der Gegend mit und bei meinen Recherchen stieß ich dann auf die Müllhalde, die man von Cité Soleil aus sogar sehen kann. Im Grunde ist das Ganze nur ein fast einen Quadratkilometer großer, dampfender Haufen Scheiße.


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Ich ließ mich von einem Fixer dorthin bringen und wusste direkt, dass es dort wie auf einem anderen Planeten zugeht. In Lumpen gekleidete Leute wandern durch dieses komplett isolierte Brachland und suchen dabei nach allem, was in irgendeiner Art und Weise recycelt werden kann—zum Beispiel Aluminum oder Metallflaschen.

Diese Suche gibt es doch aber überall auf der Welt. Warum wolltest du genau diese Müllhalde dokumentieren?
Hier ist die Besonderheit, dass es sich um eine ehemalige Wasserquelle handelt. Für mich ist das Ganze eine gutes Symbol für die Korruption auf Haiti. Am schlimmsten ist auf jeden Fall die Tatsache, dass da von der Regierung bezahlte LKWs ankommen, es allerdings überhaupt keine Vorschriften in Bezug auf das gibt, was diese LKWs dann abladen. Außerdem existiert dort keine medizinische Versorgung. Da sieht man auch auf den Bildern. Die Leute arbeiten einfach unter den schlimmsten Voraussetzungen, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Wie haben die Haitianer darauf reagiert, dass du sie fotografiert hast?
Anfangs waren sie mir gegenüber nicht gerade freundlich eingestellt. Ich bin jedoch immer wieder dorthin zurückgekehrt und irgendwann haben sie mich akzeptiert. Da begann dann auch erst meine Arbeit als Fotograf. Viele der abgebildeten Arbeiter sind noch unter 18, es herrscht viel Gang-Gewalt und es werden eine Menge Drogen konsumiert. Das Ganze ist zum einen so etwas wie die Hölle auf Erden, zum anderen jedoch auch die Einkommensquelle sowie die Heimat von mehr als 1.500 Menschen.

Wie schaffst du es, auf diese schreckliche Situation aufmerksam zu machen, ohne dabei die betroffenen Leute auszunutzen?
Meiner Meinung nach müssen manche Geschichten einfach erzählt werden. Ich finde es interessant, wie diese Leute sinnbildlich für die Korruption auf Haiti stehen, weil ihnen ihre Wasserquelle weggenommen wurde, ohne dass man ihnen eine Alternative geboten hat. Dazu kommen dann noch die nicht vorhandenen Vorschriften sowie die fehlende medizinische Versorgung. Für mich ist diese Müllhalde eine Art Symbol für eine Gesellschaft, die den Bach runtergeht und in der nur die Leute ganz oben irgendwie profitieren.

Mehr von Giles Clarkes Arbeiten findest du auf seiner Website.

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