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Das Cafe Bendl ist der beste Ort der Welt

Spätestens nach dem ersten Abend dort kannst du "Du, entschuldige i kenn di" und "Strada del sole" auswendig.

von Benji Agostini
12 August 2016, 10:00am

Eine künstlerische Darstellung meiner Erinnerungen an die Nächte im Bendl. Leicht verschwommen. Alle Fotos von Michael Kumpl

Wenn du aufwachst, dir der Schädel brummt, Kaffeebohnenreste zwischen deinen Zähnen hängen und alle deine Sachen nach 1.000 Tschick stinken, warst du wahrscheinlich am Vorabend im Cafe Bendl. Zumindest erinnerten mich letztens wegen meines Filmrisses erst diese Andenken daran, wo ich mir den dicken Kater eigentlich angefüttert hatte, der mich am Morgen begrüßte. Normalerweise verabscheue ich stickige Beisl, in denen man ein paar Bier wegkippt und irgendwann nur noch dem Tischnachbar ins Ohr lallt, dass die Welt schlecht ist, das Bier aber so gut schmeckt. Lieber bewege ich mich, während ich diese Dinge sage. Auch unsere Kollegen von The Gap haben dem Bendl schon ihre Liebe gestanden. Zurecht.

Das Bendl ist eigentlich prädestiniert als Beisl, in dem man so richtig versumpert und im eigenen Elend versinkt. Die Wände und alle angebrachten Dekorationen sind vom Zigarettenqualm schon völlig vergilbt, das Licht ist schön schummrig und die Sitzecken gemütlich genug, um auch mal wegzuknacken (nicht kacken, du Sau). Aber irgendwie war trotzdem jeder meiner Abende im Bendl der ärgste Abriss, samt Gesangs-, Tanz- und Fingerhakeleinlagen.

Der Sitzplatz wird dort so oft gewechselt wie die Unterhosen einer inkontinenten Oma (wer hier gelacht hat, ist ein schlechter Mensch), weil im kleinen Raum mit dem Wurlitzer mal jeder mit jedem redet. Auch wenn man sich nicht kennt. Und manchmal holt man sich sein Getränk an der Bar, weil sich die Kellnerin schon länger nicht mehr blicken ließ. An Bewegung fehlt es nicht im Bendl und darum halte ich es dort doch irgendwie aus.

So leer ist es meistens nur kurz vorm Rauswurf.

Die Leute, die man dabei kennenlernen kann, machen das Bendl aber erst zu dem, wofür ich es erst kürzlich zu schätzen lernte. Die "linken Truppen" (so beschrieb der selbstdefinierte, konservative Jus-Student Jan mich und meine Freunde) sitzen dort Schulter an Schulter mit cholerischen Wienern, ein paar C-Promis und Leuten, die man später im Club kotzen sieht. Vielleicht ist das aber auch nicht die repräsentativste Auswahl, denn die drei Stiegen ins Bendl treibt es alles Mögliche hinunter. Ich fühle mich dort wie der urbanste Mensch der Welt, obwohl das Bendl genau so gut in Hintertupfing stehen könnte.

Für die Leute, die sich immer noch über die Kaffeebohnen vom Anfang des Textes wundern: Die kommen vom Koks. Bestellt man das im Bendl, werden auf einem kleinen Silvertablett Kaffeebohnen, Würfelzucker und ein Stamperl Inländerrum serviert. Die Kaffeebohnen müssen zerkaut werden, bevor man sie mit dem Zucker und Rum im Mund vermischt. Bestell dir das, du brauchst eh wieder mal einen Grund, um zum Zahnarzt zu gehen. Der kann dir auch gleich die Kaffeebohnenreste rausoperieren—anders wird man die, glaube ich, nicht mehr los.

Wenn dann langsam alle Bierdeckel verschossen wurden und die Bartheke nur noch als Kopfablage dient, kann man sich aus dem Bendl wieder schleichen. Solltest du Zweifel haben, wo du am Vorabend warst, werden dich der Kater, ein paar zerkaute Kaffeebohnen und der Zigarettengeruch mit größter Freude an den besten Ort der Welt erinnern.

Benji auf Twitter: @lazy_reviews

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