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Die Lachepidemie von Tansania ist leider kein Witz

Ein paar Schüler fangen an zu lachen und stecken über Monate eine ganze Region an: Was lustig klingt, hat einen tragischen Hintergrund, wie ein Forscher erst 40 Jahre später herausfand.

von Theresa Locker
30 Oktober 2016, 5:44am

Titelbild:  shutterstock

Wie es losging, weiß keiner mehr. Wo und wann es losging, schon: Es ist der 30. Januar 1962. An einem kleinen deutschen Internat in der Nähe des ostafrikanischen Victoriasees können drei Mädchen plötzlich nicht mehr aufhören, zu lachen. Anstatt sich wieder zu beruhigen, kichern die Jugendlichen weiter und stecken ihre Mitschüler an. Und es werden immer mehr.

Bis hierhin ist es eine Nicht-Geschichte—sowas soll ja schließlich in der Pubertät mal vorkommen. Doch dieser Anfall entpuppt sich als extrem hartnäckig, immer mehr Schüler können sich einfach nicht mehr einkriegen. Irgendwann packt der Lehrer resigniert seine Sachen, der Unterricht muss abgebrochen werden. Das Phänomen verschlimmert sich noch. In den folgenden Wochen grassiert die Lachepidemie weit über die Schulmauern hinaus, wird im Central African Medical Journal dokumentiert und nimmt epische Ausmaße an—bis Monate später 14 Schulen im ganzen Land dicht machen müssen und sich gegen Ende des Jahre bis zu 1000 Personen angesteckt hatten. Was zunächst lustig klingt, hat einen ernsten Hintergrund, den ein Forscher erst 40 Jahre später aufdeckte.

Zurück im ostafrikanischen Tanganjika nimmt die vermeintlich witzige Episode schon bald düstere Züge an. Die Betroffenen werden abwechselnd von Lach- und Weinkrämpfen geschüttelt. Wer die Schüler fragt, was los sei, erhält keine Antwort. Denn wer richtig intensiv und lange lacht, dessen Körper verfällt in einen anarchischen, schmerzhaften und erschöpfenden Zustand: Tränen kullern dir das Gesicht herunter, die Bauchdecke tut weh, die Muskeln spannen, du ringst nach Luft und die Kontrollsysteme brechen zusammen.

Alle sind ratlos: Ist es ein Virus? Ein Atombombentest? Das Schulessen?

Eineinhalb Monate später: Die Schülerinnen können immer noch nicht aufhören zu lachen. Die gesamte Schule muss geschlossen werden. Als die Eltern ihre glucksenden Kinder abholen, stecken sie sich ebenfalls an und tragen das Gelächter zurück in ihre Heimatdörfer. Ärzte untersuchen das Blutbild der Betroffenen, finden aber keine Auffälligkeiten, die auf einen Virus oder eine bakterielle Infektion hindeuten könnten.

In der lokalen Sprache trägt die rätselhafte Epidemie mittlerweile einen griffigen Namen: Akajanja, Wahnsinn. Über die Ursache kursieren in der ratlosen Bevölkerung schnell Gerüchte: Atombombentests seien es gewesen, die die Atmosphäre vergiftet hätten. Doch das erwies sich als ebenso haltlos wie der Vorwurf, das Schulessen sei schuld—denn nicht alle Schüler waren betroffen und die Kantine bezog ihre Zutaten aus den umliegenden Dörfern, in denen die Menschen ihr Essen einwandfrei vertrugen.

Besonders kurios: Bürger mit Schulabschluss und höher Gebildete fanden das Ganze überhaupt nicht lustig, und auch erwachsene Männer waren kaum von der Lachepidemie betroffen. Jungen und Mädchen sowie einige Frauen aber hatten nach kurzer Zeit ein echtes Problem: Geweitete Pupillen, übertriebene Reflexe, Schnappatmung, Krämpfe, Halsschmerzen, manche wurden ohnmächtig oder schrieen.

Niemand weiß über dieses seltsame Phänomen wohl so viel wie der Linguist Christian Hempelmann. Vierzig Jahre nach dem ersten „Lachereignis" entschloss er sich als Doktorand der Purdue University, die Ereignisse in Tanganjika aufzuarbeiten und herauszufinden, was tatsächlich im Internat geschehen war.

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Vielleicht die wichtigste von Hempelmanns Erkenntnissen ist, dass die Lachepidemie eindeutig kein Witz oder gar ein Mythos war: Es sei im Gegenteil übermäßiger Stress gewesen, der die Einwohner befallen hatte. Das Land, das wir heute als Tansania kennen, hatte gerade mal vor einem Monat seine Unabhängigkeit erlangt; die Erwartungen von Staat, Lehrern und Eltern steigen in diesen unsicheren Zeiten des Umbruchs rasant an. Tatsächlich sah es im Land zu diesem Zeitpunkt ziemlich chaotisch aus: Die Armut war bitter, Malaria wütete, die politische Situation war unübersichtlich und der Druck auf den Einzelnen, insbesondere auf junge Menschen wurde von diesen als extrem belastend wahrgenommen.

Die Diagnose der 2007 veröffentlichten Studie: Die Jugendlichen hatte eine MPI oder Mass Psychogenic Illness befallen, die wir eher unter dem Begriff Massenhysterie kennen. Eine Massenhysterie ist ein bestimmtes Verhalten einer Gruppe, das nicht mit einem Stimulus in der Umwelt zu tun hat. Also zum Beispiel: sich plötzlich schlapplachen ohne direkt erkennbaren Grund.

Dieses Syndrom befällt ganz besonders Risikogruppen, die einen niedrigen sozialen Status haben. So wird die Hysterie zum öffentlichen Ausdruck ihrer prekären Situation. Daher, so schließt Hempelmann, befällt sie auch besonders Kinder und Frauen—als letzten Ausweg, um zu signalisieren, dass etwas absolut nicht stimmt.

Andere dokumentierte Beispiele von Massenhysterie wie der Hype um die Beatles und die Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten in den USA der 50er Jahre stützen diese These: Wieder waren es vor allem sozial schwächer gestellte Bürger, die ihrer Anspannung in einer großen Gruppe Ausdruck verliehen, ohne genau zu wissen warum. Auch heute noch werden die meisten Vorfälle der MPI aus sozial oder politisch instabilen Ländern berichtet.

Eine Massenhysterie kann sich in vielerlei Formen ausdrücken, nimmt man heute an. Ein gern zitiertes Beispiel ist die Tanzwut, die hunderte von Menschen im Mittelalter nach Abklingen der Pest befiel. Der jüngste Fall, der in den Medien aufgegriffen wurde, betraf eine größere Gruppe von High School-Schülerinnen aus New York, die 2012 unerklärlich Tics im Gesicht entwickelten und sich sogar mit ihren Handys grün und blau schlugen. Auch wenn die Psychologie Fortschritte macht, was die Klassifizierung und die Herangehensweise an die sehr unterschiedlichen Formen der MPI angeht, ist noch völlig unklar, für welche Ursache diese Symptomatik bei den 18 Schülerinnen ein Ventil darstellte.

Nur 20 Prozent aller „Lachvorkommnisse", wie es die Wissenschaft so humorlos auszudrücken vermag, rühren von witzigen Ereignissen her.

Hempelmann selbst erinnert sich an einen Vorfall im indischen Lafayette, bei dem Arbeiter in einer Fabrik kollektive Atemwegserkrankungen bekamen. Die Produktionsstätte wurde umgesiedelt, doch man fand vor dem Abriss keine toxische Ursache für die Massenerkrankung. „Es waren einfach schreckliche Arbeitsbedingungen, niemand wollte da arbeiten, und so haben die Angestellten unbewusst einen kollektiven Ausweg gefunden", erklärt Hampelmann Atlas Obscura.

Die Gelotologie (Lachforschung) sieht in dem Vorfall aus Tanganjika bestätigt, was jetzt als gesichert gilt: Nur 20 Prozent aller „Lachvorkommnisse", wie es die Wissenschaft so humorlos auszudrücken vermag, rühren von witzigen Ereignissen her. Die restlichen Ursachen liegen irgendwo zwischen Aggression (häufigster Grund), Nervosität oder sexueller Erregung.

Selbstverständlich gibt es in unserer quantifizierten Welt auch einen Weltrekordhalter in diesem Metier, der dieser These wohl nicht zustimmen würde: Den schönen Titel des Lachweltmeisters trägt der Äthiopier Belachew Girma, der unter Zeugen drei Stunden und sechs Minuten lachte. Für ihn war das bewusste Erlernen ausdauernden Gelächters sowohl ein Therapieersatz als auch ein Ausweg aus der düstersten Zeit seines Lebens zwischen Alkoholsucht, Trauer um seine verstorbene Frau und einer positiven HIV-Diagnose, wie er bei einem TED Talk in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba erzählte. Tatsächlich hat Lachen, zumindest wenn es nicht krampfhaft passiert und man danach ohnmächtig wird, durchaus positive Effekte auf den Körper: In etwas gesünderen Dosen reduziert es Stresshormone im Körper, sorgt für einen angenehmen Endorphin-Boost und verschafft damit ein Gefühl der Erleichterung und des Glücks.

In jedem Fall ist es als Untrainierter gar nicht so einfach, für länger als 20 Sekunden zu lachen. Überschreitet man diese Zeit, verlangt der Körper bereits nach einer kurzen Pause; die Atemwege werden Stress ausgesetzt, die Muskeln verspannen sich, das Herz rast und die Glieder erschöpfen sich. Diese physiologischen Gründe lassen Berichte fragwürdig wirken, die behaupten, die Lachepidemie wäre wie eine unaufhaltsame Lawine ein halbes Jahr lang über das junge unabhängige Land hinweggerollt. Die Hysterie trat laut Hempelmanns Untersuchungen wohl eher schubweise in der ganzen Region auf, statt sich zu einem Dauerzustand im Land zu etablieren. Trotzdem: Durch die Lachepidemie mussten über ein Dutzend Schulen in Kashasa und Umgebung schließen, weil die Schüler zu abgelenkt zum Lernen waren und sogar im benachbarten Uganda wurden Fälle berichtet.

Damit—und das ist wohl auch eine der Haupterkenntnisse Hempelmanns—erzählt uns die Episode so gut wie nichts über Humor. Dafür aber umso mehr über die oft erstaunlichen Wege, mit denen Menschen auf Angst, Unsicherheit und Druck reagieren.