Ein medizinischer Irrglaube vermittelt bis heute ein falsches Bild von Diabetes
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Ein medizinischer Irrglaube vermittelt bis heute ein falsches Bild von Diabetes

Es gilt als Allgemeinwissen, dass Typ-II-Diabetes die Folge von zu wenig Bewegung und schlechtem Essen ist. Doch neue Forschungen liefern jetzt eine ganz andere Begründung.
19.12.16

Typ-II-Diabetes gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als Wohlstandskrankheit. Oft heißt es, dass die Krankheit die Folge von übermäßig zuckerreicher Ernährung und mangelnder Bewegung sei. Ratgeber wie „Diabetes-Prävention: 5 Schritte um sich besser zu schützen" finden sich sogar auf Seiten von renommierten Gesundheitsinstitutionen. Dabei genügt ein Blick nach Indien, um diese Erklärung etwas gerade zu rücken. Tatsächlich werfen neue Forschungen, die wir in unserer aktuellen Video-Dokumentation näher beleuchten, eine andere These auf: Demnach wäre ein exzessiver Lebensstil lediglich ein Faktor für die noch immer missverstandene Krankheit.

Denn Diabetes kann Unterernährte ebenso treffen wie Übergewichtige. Wie ließe es sich sonst erklären, dass ausgerechnet in Indien über 62 Millionen Menschen mit Diabetes leben? Schließlich leben auf dem Subkontinent Menschen, die durchschnittlich ein wesentlich geringeres Körpergewicht und einen deutlich niedrigeren Body Mass Index (BMI) als beispielsweise in den USA aufweisen?

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In den ersten Erklärungsversuchen führten viele Wissenschaftler den Diabetes-Anstieg in Indien ausschließlich auf den plötzlichen ökonomischen Wachstum des Landes zurück—und auf die damit einhergehenden Änderungen im Lebensstil und Essverhalten. Das größere Angebot an Junk-Food und ein einfacherer Zugang zu Kohlenhydraten und Zucker ist ihrer Meinung nach Schuld an der Zunahme an Diabetes-Erkrankungen. Doch diese These erklärt noch nicht die zahlreichen Diabetesfälle in den ländlichen Regionen, in denen bittere Armut und Mangelernährung noch immer verbreitet sind.

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Ein Widerspruch, dem der indische Mediziner Dr. Yajnik vom KEM Forschungszentrum in Pune seit Jahrzehnten nachgeht: Zusammen mit seinem Team führte er seit über zehn Jahren eine Längsschnittstudie in umliegenden Dörfern durch und geht dabei einer ganz anderen Hypothese nach.

Sein Team untersuchte vor allem, wie sich die Ernährung in der Schwangerschaft auf Kinder auswirkte. Im Untersuchungsgebiet rund um Pune lebt die Bevölkerung nach wie vor hauptsächlich von der Landwirtschaft und die werdenden Mütter müssen oft noch wenige Tage vor der Geburt auf dem Feld arbeiten. Die Forscher stellten fest, dass der Mangel eines bestimmten Vitamins—B12—maßgeblich dafür verantwortlich war, dass die Säuglinge mit hohem Körperfettanteil auf die Welt kamen, selbst wenn sie durchschnittlich kleiner und leichter waren als Säuglinge in westlichen Industrienationen.

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Die Forscher fanden heraus, dass der Nährstoffmangel während der Schwangerschaft eine Insulinresistenz im späteren Leben begünstigt. Diese Resistenz hindert den Körper daran, Zucker richtig abzubauen und resultiert in den meisten Fällen in einer Diabetes-Erkrankung. „Chemische Verbindungen wie Vitamin-B12 können die Genstruktur beeinflussen. Der genetische Code bleibt zwar unverändert, aber die Art, wie die genetische Information zum Ausdruck kommt, ändert sich", erklärt Yajnik, warum die Mangelernährung tatsächlich solch dramatische Auswirkungen haben kann.

Yajniks Ergebnisse stimmen tatsächlich mit Beobachtungen aus der Epigenetik überein—einem biologischen Fachgebiet, dass Änderungen von Genfunktionen untersucht, die nicht auf Mutationen beruhen, aber dennoch Auswirkungen haben. Die Annahme, dass sich Gene durch Umwelteinflüsse verändern können, weicht zwar vom traditionellen Genetik-Verständnis ab—Aber eine Studie der Duke University konnte bereits epigenetische Veränderungen in Versuchsreihen nachweisen.

Die prominenteste Testreihe in denen die epigenetische Hypothese untersucht wurde, ist die der Agouti-Mäuse—benannt nach dem Agouti-Gen, das für die verschiedene Fellfarben der Tiere verantwortlich ist. In den Versuchen wurden identische Mäuse verschiedenen Chemikalien wie Bisphenol-A und unterschiedlichen Ernährungsweisen ausgesetzt. Erhielt das Muttertier Vitamin-B12 und Folsäure-reiche Nahrung, so waren seine Nachkommen weniger krankheitsanfällig und wiesen ein braunes Fell auf. Fehlten diese Nährstoffe jedoch in der Ernährung des Muttertieres, so waren die Nachkommen anfälliger für Krankheiten und hatten gelbes Fell.

Auch heute noch geht ein Großteil der Medizinwelt davon aus, dass man Typ-II-Diabetes durch ausreichend Bewegung und gesunder Ernährung vorbeugen kann. Die rapide Zunahme an Diabetesfällen in Entwicklungsländern machen es jedoch zwingend notwendig, die Auslöser der Erkrankung gründlicher zu erforschen. Ärzte dürfen sich zur Errechnung von Krankheitsrisiken nicht länger nur auf das Körpergewicht konzentrieren und die Wissenschaft ist in der Verantwortung, weiter zu entschlüsseln, wie sich Ernährung und Umwelteinflüsse schon im Mutterleib auf die Genausprägung eines Kindes auswirken.

Die Thesen von Dr. Yajnik und seinem Team könnten weitreichende Folgen für unser Verständnis der Volkskrankheit Diabetes haben. Dr. Yajnik fasst die möglichen Konsequenzen gegenüber Motherboard so zusammen: „Diabetes galt als nichtübertragbare Krankheit, nun gehen wir aber davon aus, dass sie von der Mutter auf ihre Kinder übertragen werden kann."