Das Leben als Frau in der „Vergewaltigungshauptstadt“ Indiens
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Missbrauch

Das Leben als Frau in der „Vergewaltigungshauptstadt“ Indiens

Nach der Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen in einem Bus wurde Delhi zu einem Symbol für sexuellen Missbrauch. Wir haben Frauen gefragt, wie sicher sie sich heute im Alltag fühlen—mit überraschenden Ergebnissen.
9.6.16

Als Jyoti Singh in einem Bus im Süden von Delhi von einer Gruppe von Männern brutal missbraucht wurde, stockte der Welt der Atem. Von heute auf morgen wurde Indiens Hauptstadt ein Sinnbild für sexuellen Missbrauch. Das war 2012.

Doch wie sieht es heute aus? Ist Delhi, die Stadt des Missbrauchs, die gleichzeitig auch die Stadt mit der weltweit schnellstwachsenden Ökonomie ist, sicherer geworden? Um mir selbst einen Eindruck von der Situation zu machen, habe ich bei Frauen nachgefragt, die in Delhi leben oder auf der Durchreise sind. Während die Außentemperaturen fast 45 Grad erreichen, steige ich von der Rikscha (die sich im Sommer quasi wie ein umluftbetriebener Ofen anfühlt) auf Fahrgemeinschaftsdienste um.

Megha Mishra sagt, sie fährt immer mit den Öffentlichen. Alle Fotos: Rebecca Hobson

Am Montagabend treffe ich auf die 27-jährige Megha Mishra. Wir teilen uns ein Taxi zum Connaught Place—dem Handelszentrum von Delhi und Standort des beliebten Kaufhauses Khadi Gramodyog Bhavan. Mishra arbeitet im Entwicklungsbereich und ist auf dem Weg zu einem abendlichen Meeting. Ich möchte Seife kaufen gehen.

„Ich finde es nicht berechtigt, Delhi die Hauptstadt des Missbrauchs zu nennen", sagt sie auf meine Frage hin. „Ich bin sehr viel unterwegs. Ich glaube, es gibt keinen Tag, an dem ich vor 22 Uhr nach Hause komme. Ich habe kein Auto und fahre deshalb immer mit den Öffentlichen. Ich bin auch schon um 1 Uhr nachts mit der Rikscha gefahren und dabei sogar eingedöst. Und ich bin bisher trotzdem immer sicher zu Hause angekommen."

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Ich frage sie, ob sie schon mal in irgendeine gefährliche Situation geraten ist. „Ich wurde mal im Bus belästigt", sagt sie mir und spricht etwas leiser. „Es war abends, so gegen sieben Uhr. Ich kam gerade aus der Uni, als sich ein betrunkener Mann, der so um die 40 oder 50 Jahre alt gewesen sein muss, neben mich gesetzt hat. Er legte seine Hand auf meinen Oberschenkel und fing an, ihn zu reiben. Ich war 18 und habe am ganzen Körper gezittert vor Angst. Ich habe seine Hand weggenommen und ihm gesagt: ‚Behalt deine Hände bei dir!'"

Doch damit endet ihre Geschichte leider noch nicht. Der Mann folgte Mishra aus dem Bus und bis zur nächsten Bushaltestelle. Erst als sie anfing, einem Fremden zu erzählen, was passiert war, ließ er sie in Ruhe und ging weg. Trotz dieses Übergriffs ist sie fest davon überzeugt, dass die Stadt sicher ist. „Wenn ich darüber nachdenke, seit wie vielen Jahren ich hier lebe und gemessen daran, dass ich fast jeden Abend unterwegs bin, halte ich diesen Zwischenfall für unbedeutend."

Shruti Arora sagt, dass sie sich nach 22 Uhr nicht mehr sicher fühlt.

Mit ihren eleganten Kristallohrringen und ihrem repräsentativen Job in der Kommunikationsbranche verkörpert die 29-jährige Shruti Arora das junge, moderne Delhi. Wir treffen uns am Dienstagmorgen auf unserem täglichen Weg zur Arbeit. Sie ist auf dem Weg nach Saket, einem gehobenen Bezirk im Süden von Delhi, wo sie derzeit arbeitet.

„Es ist vielleicht nicht so leicht zu verstehen, aber nach 22 Uhr fühle ich mich nicht mehr sicher", sagt sie mir ohne zu zögern. „Es gab mal eine Zeit, da habe ich mich noch sicher gefühlt—weil ich hier aufgewachsen bin. Als ich vor sechs oder sieben Jahren in der Uni war, bin ich auch um 23:30 Uhr noch alleine herumgefahren oder allein nach Hause gegangen und es war OK. Aber man kann nicht bestreiten, dass sich die Situation drastisch verändert hat."

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Ich frage sie, woran das liegt. „Es tut mir leid, dass ich das jetzt so sagen muss, aber es gibt eine Menge Leute, die aus Nachbarstaaten wie Uttar Pradesh und Haryana hierher kommen—viele von ihnen sind wegen der Arbeit hier. Sie haben etwas konservativere Ansichten und Sex ist in ihren Städten ein absolutes Tabuthema. Für sie ist es aufregend, eine Frau in kurzen Kleidern zu sehen."

Arora hat zwar Angst, ist jedoch zum Glück noch nie in eine gefährliche Situation geraten. Gleichzeitig schätzt sie andere große Städte wie Mumbai und Bangalore als sehr viel sicherer ein. „Es ist wirklich schön in Mumbai—sogar um vier Uhr morgens kann man sich dort noch frei bewegen."

Laura Quinn lebt seit sieben Jahren in Delhi.

Laura Quinn kommt wie ich aus Großbritannien und ist um die 30. Doch im Gegensatz zu mir lebt sie bereits seit sieben Jahren im Süden von Delhi und spricht einige Brocken Hindi (ich arbeite noch daran). Zudem leitet Quinn ihren eigenen Beratungsdienst namens Do One Thing.

Wir haben es uns in einem staubigen Maruti Suzuki, von dem es hier ziemlich viele gibt, bequem gemacht. Ich frage sie, was sie über die Sicherheit denkt, während wir uns ein Taxi nach Shahpur Jat teilen—ein buntes Dorf am Rand der Stadt; im selben Stadtteil, in dem auch die mittelalterlichen Ruinen von Siri Fort liegen.

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„Es ist sicherlich eine Herausforderung, in Delhi zu leben, aber nicht unbedingt, weil man eine Frau ist. Ja, man wird angestarrt, das kann manchmal auch unangenehm sein und von Zeit zu Zeit sogar etwas einschüchternd wirken, aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich es gefährlicher finde, als in Teilen New Yorks oder Londons. Was die Sicherheit betrifft, gelten überall dieselben Regeln."

Quinn bezeichnet sich selbst allerdings auch als „eine der Glücklichen": Sie hat ein eigenes Auto, kann mit dem Taxi fahren und ist nachts nie allein unterwegs. „Ich möchte auch nicht herunterspielen, wie gefährlich es für die große Mehrheit der Frauen ist, die mit dem Bus fahren müssen, die nachts draußen sind und nicht einmal zu Hause in Sicherheit sind", sagt sie, „aber es gab bereits genug Zwischenfälle, wo ich auch nicht sicher war und es Leute gab, die mir geholfen haben. Es gibt auch solche Leute in Delhi."

Ruhi Batra sagt, dass sie Busse auf alle Fälle meidet.

An einem anderen glühend heißen Mittwoch steige ich zu Ruhi Batra in ein Taxi Richtung Mehrauli, einem großen historischen Bezirk, in dem es eine fast einen Quadratkilometer große Parkanlage gibt, wo auch das Qutub Minar, das größte aus Ziegeln gemauerte Minaret der Welt aus dem 12. Jahrhundert, steht.

Als wir uns im roten Flackern des Feierabendverkehrs inmitten von Millionen von hupenden Autos in der Klimaanlage aalen, frage ich die 34-jährige PR-Managerin nach ihren Erfahrungen vom Leben in der indischen Hauptstadt.

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„Man hat es irgendwie immer im Hinterkopf, wenn man nachts irgendwelche abseitigen Gassen entlangläuft. Man sieht sich immer wieder um und ist immer in Alarmbereitschaft—vielleicht sogar ein bisschen paranoid von Zeit zu Zeit", sagt sie.

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„Aber das hat mein Leben bisher in keiner Weise beeinflusst. Außer vielleicht, wenn ich etwas zu viel getrunken habe und spätnachts unterwegs bin—dann nehme ich kein Taxi. Nicht, weil es eine Einladung für den Fahrer wäre, sondern weil ich ihm sagen müsste, wohin er fahren muss."

Batra meidet auf alle Fälle Busse. „Ich würde nicht mit dem Bus fahren, wenn mein Leben davon abhinge. Als ich noch jünger war und jeden Tag mit dem Bus zur Uni gefahren bin, hatte ich andauernd mit eigenwilligen Händen und Grapschern zu tun. Aber jetzt fahre ich mit dem Taxi, damit ich mich nicht von meiner Angst auffressen lassen muss. Es ist eine bewusste Entscheidung, nicht jeden Mann anzusehen, als würde er mich gleich missbrauchen."

Als Batra aus dem Taxi aussteigt, um den Abend irgendwo in der Stadt zu genießen, sehe ich einen überfüllten Bus in der Spur neben mir stehen. So bald werde ich nicht auf den Bus umsteigen, beschließe ich, und ich werde auch nicht um 1 Uhr nachts allein nach Hause laufen, so wie ich es in Paris oder London gemacht habe. Aber ich fühle mich schon sicherer und selbstbewusster. Wie Laura Quinn meinte: Es gelten überall dieselben Regeln.


Foto: Shawn Allen | Flickr | CC BY 2.0