LGBTQ

Die erste Transgender-Modelagentur kämpft für eine offenere Modeindustrie

Was sich wie eine lukrative Geschäftsidee anhört, könnte der Transgender-Community weltweit zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung verhelfen.

von Pip Usher
03 Mai 2016, 7:10am

Photos courtesy of Apple Model Management

Lolita hat ein Bein lässig über das andere geschlagen. Sie ist eines der Models von Apple Model Management. Wenn sie für die Kamera posiert, unterstreichen ihre ausgeprägten Wangenknochen ihr herzförmiges Gesicht. Lolita wurde als Mann geboren und arbeitet heute als eines von 50 Transgender-Models für die kleine thailändische Modelagentur, die 2014 die weltweit erste All-Transgender-Abteilung eingeführt hat.

Lolitas keckes Lächeln täuscht darüber hinweg, dass sie äußerst schwierige und turbulente Zeiten hinter sich hat. Erst nach Jahren hat die heute 24-jährige Schritt für Schritt erkannt, dass sie transsexuell ist. Heute trägt sie Skinny-Jeans und ein Tanktop und erzählt uns, wie wütend sie phasenweise als Kind war. Es frustrierte sie, dass sich nicht sagen konnte, warum sie sich anders fühlte. Sie war ein verschlossenes Kind. Richtig schwierig wurde es aber erst ein paar Jahre später, als ihr Vater entschied, die feminine Seite seines mittlerweile jugendlichen Kindes zu „korrigieren" und sie in einer Militärschule einschrieb. Jahrelang wurde sie dort von ihren Klassenkameraden körperlich und sexuell missbraucht. „Es war eine wirklich schlimme Zeit für mich", erinnert sie sich heute.

Fotos: Apple Model Management

„Wir sind die erste Agentur in Thailand, die blonde, blauäugige und schwarze Fashion und Catwalk-Models vertreten—alles, was es in Thailand nicht gibt", sagt Noam Lev, einer der Gründer von Apple Model Management. Lev kommt aus Israel, aber in den letzten zwanzig Jahren wurde Thailand zu seiner Heimat. 2007 wurden er und sein Exfreund Siwaporn „Apple" Hotarapawanond Geschäftspartner. Beim Dreh eines Werbespots für Sappé, einem lokalen Getränkeunternehmen, arbeiteten die beiden mit einem Transgender-Model zusammen. „Sie hat so einen fantastischen Job gemacht ... Danach haben wir einfach immer wieder mit Transgender-Models zusammengearbeitet", sagt Noam mit einem Achselzucken.

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2014 sind Lev und Hotarapawanond noch einen Schritt weiter gegangen und haben eine permanente Abteilung für Transgender-Models in ihr Repertoire aufgenommen. Auf den ersten Blick könnte diese Entscheidung wie einen abgebrühte Geschäftsidee wirken—immerhin hat Caitlyn Jenner im Jahr 2015 ihre triumphale Verwandlung vom ehemaligen Olympionik und Reality-TV-Star Bruce zur Korsett tragenden Femme fatal auf dem Cover der Vanity Fair hingelegt. Zeitgleich setzte Laverne Cox, eine der Schauspielerinnen von Orange is the new black, neue Maßstäbe, nachdem sie als erste Transgender-Frau für einen Primetime Emmy Award nominiert wurde. Eine Transgender-Abteilung einzuführen, schien also ein kluger Schachzug zu sein, um Profit aus dem steigenden öffentlichen Interesse zu schlagen. Insbesondere als Apple Model Management die Gründung einer Tochter-Filiale in den Staaten bekannt gab.

Lolita

Ein gewagter Schritt, der jedoch „geschäftlich betrachtet keine gute Entscheidung war", gesteht Lev. Abgesehen mit der zeitgleichen Liaison der Medien mit Transgender-Berühmtheiten, wussten Lev und Hotarapawanond, dass ihr Vorhaben auf Widerstand bei konservativen Kunden stoßen würde. „Egal wie schön sie sind, sie sagen nein", sagt Hotarapawanond. „Als wir angefangen haben, wussten wir, dass wir damit kein Geld verdienen würden—zumindest für ziemlich lange Zeit."

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Welche Straße man in Bangkok auch entlangläuft, die Wahrscheinlichkeit, dass man ein Mitglied der Genderbending-Community sieht, ist ziemlich groß. Bangkok hat jedoch nicht nur die verhältnismäßig höchste Zahl an transsexuellen Einwohnern, hier wird auch jährliche Wahl zur Miss Tiffany veranstaltet, einem Transgender-Beauty-Contest. Dennoch hat das Land ein zwiegespaltenes Verhältnis zu transsexuellen Menschen.

Anfang 2015 erregte Thailand internationale Aufmerksamkeit mit seinen Beschluss, ein drittes Geschlecht in die Verfassung aufzunehmen, um die Rechte derer zu schützen, deren Identitäten nicht mit dem Körper, in dem sie geboren wurden, übereinstimmt. Ein paar Monate später machte das Land erneut Schlagzeilen, als die Universität von Bangkok neue Richtlinien zu den Schuluniformen erließ, um Transgender-Studenten die Freiheit zu lassen, sich entsprechend dem von ihnen gewählten Geschlecht zu kleiden.

Abgesehen davon werden transsexuelle Menschen im alltäglichen Leben immer noch häufig diskriminiert, von Dienstleistungsberufen ausgeschlossen oder von ihren Familien verstoßen. Was die Frauen von Apple Model Management angeht, haben diese oft damit zu kämpfen, dass thailändische Kunden sie nicht für lukrative kommerzielle Shootings buchen wollen. Oft bleiben ihnen nur Jobs für Magazine oder Fashion-Shows, die sich jedoch kaum auszahlen.

Hinter den Kulissen von Apple Model Management.

Es ist ein „Land der Gegensätze", sagt Lev, der wirkt, als wäre er es leid, weiterhin gegen eine Kultur anzukämpfen, die ihm immer fremd bleiben wird. „Eine Sache an Thailand ist, dass sie alles akzeptieren—sie akzeptieren jeden und niemanden."

Doch Lev und Hotarapawanond haben sich nicht abschrecken lassen und haben ein Jahr vor dem Launch der neuen Abteilung angefangen, neue potenzielle Models zu scouten. „Sie müssen einfach aussehen, wie Models—schließlich sind wir eine Modelagentur", sagt Lev forsch. Den Start ihres Projekts haben sie mit einer Fotostrecke in einem Lokalmagazin angekündigt, die einen Überblick über die verfügbaren Talents gibt—und bestätigt hat, dass sie alle Transgender-Models sind.

Ihre Schüchternheit hat die 1,72 m große Lolita abgelegt und nimmt sich mittlerweile Cara Delevingne als Karrierevorbild. „Sie ist genauso wie ich: ein verrücktes, natürliches und freches Mädchen", sagt Lolita mit einem Grinsen. Sie hofft, dass sie andere mit demselben Schicksal wie sie dazu ermutigen kann, nicht aufzugeben. Ihr eigenes Durchhaltevermögen hat sich derweil definitiv ausgezahlt. Nach Jahren der Ablehnung hat ihr Vater sie schließlich wieder als seine Tochter in der Familie willkommen geheißen. Heute lebt sie gemeinsam mit ihm im Haus der Familie. Als ein Magazin die erste Fotostrecke mit ihr rausgebracht hat, hat er es stolz seinen Freunden gezeigt.

Aber ist auch die Modeindustrie bereit sich zu verändern? Robbie Sinclair, Redakteur für Damenmoden bei WGSN, glaubt fest daran. Er denkt dabei vor allem an die Karriere des weltbekannten serbisch-australischen Supermodels Andrej Pejic, deren androgyne Züge ihr zu Catwalk-Jobs bei Jean Paul Gautier und Marc Jacobs verholfen haben. Darin sieht Sinclair einen Beweis dafür, dass die Branche sich für das Thema Gender-Diversity interessiert. 2014 hat Pejic sich als Transgender-Frau geoutet und eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Ihrer Karriere hat das definitiv keinen Abbruch getan: Erst vor Kurzem hat sie einen Vertrag mit der Kosmetikmarke Make Up For Ever unterschrieben.

Sinclair hofft, dass die schrittweise Integration von transsexuellen Persönlichkeiten auch Mainstreammarken dazu ermutigen wird, eine größere Vielfalt an Models für ihre Kampagnen zu engagieren. „Es gibt eine neue Generation an Konsumenten, die eine sehr viel tolerante, offenere und individuellere Sicht auf ‚Normen' hat", sagt er. „Für die Modeindustrie ist das eine wirklich aufregende Zeit, die hoffentlich auch auf die Gesellschaft abfärbt und die Sicht der Menschen auf Geschlechternormen verändert."

Für Apple Model Management ist die Veränderung bereits spürbar. Erst vor Kurzem haben sie einen Deal mit der New Yorker Produktionsfirma Departure Film abgeschlossen, die eine Reality-Show mit der Agentur plant, bei der der Fokus auf den Transgender-Models liegen soll. Und seit sie die Eröffnung ihrer Tochterfiliale in den USA angekündigt haben, stellen die beiden Inhaber erfreut fest, dass eine Reihe anderer Agenturen nachziehen.

„Das ist vor allem für die Transgender-Community interessant", sagt Lev. „Wenn sich nur unsere Agentur dafür einsetzt, dann müssen wir immer weiter kämpfen, immer weiter nach vorn drängen und immer weiter investieren. Wenn sich noch mehr Menschen für Transgender-Models interessieren, dann ist das eine große Hilfe." Er macht eine kurze Pause, um über das nachzudenken, was er gerade gesagt hat. Dann fügt er mit einem Lächeln hinzu: „Wir begrüßen den Wettbewerb."

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