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Die erschreckende Realität eines Vagina-Prolaps

Als wäre die Vorstellung, dass sich die Vagina nach außen stülpen könnte, nicht schon erschreckend genug—es passiert auch sehr viel öfter, als man denkt.

von Mish Barber Way
29 Oktober 2016, 1:40pm

Photo by Flickr user David DeHetre

Allison Henry sorgte 2009 sicherlich für viele besorgte Gesichter, als sie auf der inzwischen nicht mehr existierenden Website MomLogic.com einen Artikel veröffentlichte und darin schrieb, dass sich ihre Vagina nach außen gestülpt hätte. Ungefähr zehn Wochen nachdem Henry zum zweiten Mal schwanger geworden war, fühlte es sich plötzlich so an, als hätte ihr jemand „eine Mistgabel in den Hintern gerammt." 15 Wochen lang litt sie dann an Verstopfungen und Blutungen, so als ob sich der erste Tag ihrer Periode ständig wiederholen würde. Nachdem ihr Sohn etwas zu früh, aber gesund auf die Welt gekommen war, bemerkte sie eines Tages beim Toilettengang, dass „da unten kein wirkliches Loch mehr war, sondern sich das Ganze irgendwie flach anfühlte." Es hatte den Anschein, als würde irgendetwas ihren Scheidenkanal blockieren. Im weiteren Verlauf des Jahres stellte sie in ihrem Intimbereich dann etwas noch viel Verstörenderes fest: „Es war so, als wäre mein Inneres nach außen gekehrt." Panisch suchte Henry ihren Arzt auf und meinte: „Meine Vagina fällt aus meinem Körper raus!" Denn genau so fühlte sich das Ganze an.

Nach einer Blinddarm-Not-OP (die eine Gangrän zufolge hatte), einer verdrehten Blase, weiteren Operationen, noch mehr Infektionen, einer kompletten Entfernung der Gebärmutter und einer gänzlich neuen und operativ geformten Vagina inklusive Schamlippen konnte Henry das Krankenhaus schließlich gesund wieder verlassen—mit der „Vagina einer 13 Jahre alten Jungfrau."

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Auch wenn der Satz „Meine Vagina fällt aus meinem Körper raus!" vielleicht interessanter und auch viel erschreckender klingt, so lautet der medizinische Fachausdruck für Henrys Leiden doch „kompletter Uterus-Prolaps". „Im Allgemeinen bezeichnet ein Beckenorgan-Prolaps die Einklemmung der Beckenorgane hinter den Scheidenwänden", erklärt Dr. Jessica Schneider, eine Geburtshelferin und Gynäkologin aus Los Angeles. „Bei einem Prolaps ist der ganze Halteapparat geschwächt und diese Organe können dann aufgrund der Schwerkraft bis in die Vagina vordringen."

Foto: Madhero88 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Aber wie kann so etwas überhaupt passieren? Im Grunde werden alle wichtigen Organe, die sich im Beckenbereich befinden, von den Muskeln und dem Gewebe der unteren Bauchregion an Ort und Stelle gehalten. Während der Schwangerschaft und der Geburt werden jedoch genau diese Bereiche durch das Gewicht in der Gebärmutter geschwächt und falls sie nicht zur alten Stärke zurückfinden, kann es passieren, dass die Gebärmutter, die Blase, der Enddarm und sogar der Dünndarm absinken. So entsteht dann der sogenannte Prolaps. Wenn die Muskeln geschwächt sind, dann wandern die Organe auf die gleiche Ebene wie der Vaginal- oder der Analkanal und rutschen irgendwann vielleicht sogar ganz aus dem Körper raus—durch die besagten Kanäle und die dazugehörigen Öffnungen. Das Ganze ist in etwa so, als würde die Frau ihre Gebärmutter zur Welt bringen.

Das Ganze ist etwa so, als würde die Frau ihre Gebärmutter zur Welt bringen.

Nicht jeder Fall ist so extrem wie der von Henry, aber ein Prolaps kommt doch öfters vor, als man vielleicht denken würde: Laut einer vom Magazin Menopause veröffentlichten Studie haben mindestens 50 Prozent aller Frauen nach der Schwangerschaft mit irgendeiner Art des Genital-Prolaps zu kämpfen. Wenn man mal realistisch darüber nachdenkt, dann ist das Ganze auch ziemlich logisch: Wenn man als Frau ein fast vier Kilo schweres Baby in der Gebärmutter herumträgt und anschließend durch eine Körperöffnung von der Größe einer kleinen Aprikose herausdrückt, dann ist ein körperlicher Schaden quasi nicht abzuwenden. Das Thema wird außerhalb der medizinischen Welt jedoch trotzdem kaum diskutiert.

„Eine der gravierendsten Fehlvorstellungen ist wohl die, dass man mithilfe eines Kaiserschnitts einem Prolaps vorbeugen kann", meint Dr. Schneider. Die normale Entbindung ist aber nicht zwangsläufig das Problem, denn schon allein die Schwangerschaft kann so viel Druck auf das Becken ausüben, dass es zu einem Prolaps kommt.

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Dr. Schneider zufolge gibt es bei Prolapsen verschiedene Abstufungen, die davon abhängen, wie weit die Organe schon abgesunken sind. „Einige Frauen klagen über ein unangenehmes Gefühl oder über eine Schwellung in der Vagina", erklärt die Ärztin. „Was absinkt, bestimmt darüber, ob es zu urinalen, sexuellen oder verdaulichen Fehlfunktionen kommt." Viele Frauen bemerken die Symptome nur in bestimmten Körperhaltungen, andere spüren wiederum einen schnellen Anstieg der Schmerzen und berichten davon, dass das Ganze im Laufe des Tages nur noch schlimmer wird. Es kommt allerdings nur in den wirklich extremen Fällen vor, dass man wie bei Henry richtig sehen kann, wie die Gebärmutter aus der Vaginalöffnung heraustritt.

Permanente Schäden sind im Normalfall zum Glück nicht zu befürchten, denn mithilfe von Nähten, Netzimplantaten, Pessaren und körperlichen Übungen können Ärzte die Folgen eines Prolapses wieder rückgängig machen. Das Risiko eines Becken-Prolapses—egal ob nun die Gebärmutter, die Blase oder der Enddarm davon betroffen ist—steigt jedoch im Alter, bei Gewichtszunahme und bei entsprechender Familienvorgeschichte.

Verschiedene therapeutische Pessar-Modelle. Foto: Huckfinne | Wikimedia Commons | Public Domain

Auch wenn ein Prolaps jetzt nicht lebensbedrohlich ist, so verursacht er doch körperliche Schmerzen und Beschwerden sowie ein psychologisches Trauma. Ich meine, wie würdest du dich denn fühlen, wenn sich dein Geschlechtsteil plötzlich ganz anders anfühlt, ganz anders verhält und ganz anders aussieht?

„Es fällt uns allen schwer, etwas Neues über unseren Körper zu lernen und dabei zu glauben, dass das nur temporär ist", meint Jessica Zucker, eine klinische Psychologin aus Beverly Hills, die sich auf die mentale Fortpflanzungs- und Müttergesundheit von Frauen spezialisiert hat. „Die Normalität unserer Genitalien ist für uns oft selbstverständlich. Meine Patientinnen erzählen mir häufig davon, dass ein Prolaps schwere psychische Schäden verursachen kann. Dabei geht es dann vor allem um Selbstschuld, Peinlichkeit und Scham. Das sexuelle Verlangen kann dadurch ebenfalls komplett abklingen. Direkt nach der Geburt fühlt sich die Frau vielleicht sowieso schon nicht sehr sexy und ein Prolaps ist da dann natürlich eher kontraproduktiv."

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„Viele Frauen fühlen sich in der eigenen Haut nicht mehr wohl und haben mit körperlichen Schmerzen zu kämpfen. Dazu kommt dann noch die Herausforderung in Bezug auf sexuelle Intimitäten", fährt Zucker fort. „Der Körper von früher ist zumindest vorübergehend nicht mehr vorhanden und dieser Umstand kann richtig furchterregend sein. Meine Patientinnen haben Angst, nicht mehr zu ihrem alten Ich zu finden—inklusive einem Körper, in dem sie sich einst wohl fühlten. Sie fürchten sich vor permanenten Schäden und einem Leben voller Gehemmtheit im Bezug auf das Thema Sexualität—aber auch darüber hinaus."

Aber das ist nun mal die bittere Realität des weiblichen Körpers: Mit steigendem Alter und nach vielen Belastungen verändert er sich eben. „In Frauenkörpern laufen so viele faszinierende Prozesse ab. Darin wird zum Beispiel neues Leben erschaffen. Dabei muss der Körper allerdings auch gewisse Dinge über sich ergehen lassen", erklärt Zucker. „Je mehr wir jedoch über diese Dinge reden, desto weniger werden sich die Frauen dafür schämen."


Foto: David DeHetre | Flickr | CC BY 2.0

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