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Unterwegs im neuen Block West von Rapid Wien

Beim Bau des Weststadions wurde mit Rapids Fanszene kooperiert. Ein seltener Ausflug in den Block West, der Herzkammer des Vereins.
16.5.17

Der sintflutartige Regen, der sich schon seit einer Stunde über dem Stadtteil Hütteldorf – im Westen Wiens – ergießt, scheint die Fans von Rapid nicht abgeschreckt zu haben. Das Spiel am heutigen Nachmittag gegen Sturm Graz wird vor 28.000 Zuschauern und damit vor ausverkauftem Haus stattfinden.

Eingemummt in ihren Schals, gekleidet in ihren Trikots, den Kopf bedeckt mit ihren Mützen und Kappen, tragen die Fans mit Stolz die Farben ihres Vereins. Neben dem Wappen von Rapid sind auf allen Textilien noch neun weitere Buchstaben gestickt: Block West. Ein Name, der hängenbleibt – der von Rapids Stehplatztribüne, das Herz der Stimmung im Weststadion*, die Höhle dieses historischen Vereins aus der österreichischen Hauptstadt.

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Um festzustellen, dass die Fans stolz über ihre Tribüne sind, muss man nicht erst den Stadioninnenbereich betreten. In den schmalen Gängen bedecken Graffitis zu Ehren der Ultra-Gruppen die Fassaden, während Sticker die Mauern der Toiletten tapezieren. Go West, das Fanzine der Ultras Rapid (UR), geht weg wie warme Semmeln.

Auf ihren Seiten, geschrieben in Schwarz auf Weiß, eine Botschaft an alle Fans: "Sturm Graz kommt heute mit rund 3.000 Fans. Es liegt an uns von der Tribüne, ihnen dieses Spiel zu versauen. Sie sind motiviert, wir dürfen sie aber nicht in unserem Stadion hören. Die Mannschaft braucht uns, Hütteldorf auch, darum lasst uns singen, schreien und springen. Zusammen."

Schlimmer als der Affront einer Niederlage ist es, sich auf der Tribüne dominieren zu lassen. Da ist es willkommen, dass heute ein besonderer Tag ist. Die 'Tornados', die zweitgrößte Ultra-Gruppe von Rapid, feiern ihr 20-jähriges Bestehen. Als Kuchen gibt es drei aufeinanderfolgende Choreos, die beim Einlaufen der Spieler gezeigt werden.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Zwei Capos auf dem zentralen Podest sorgen für Stimmung. Hinter einem riesigen Banner vereint, geben sie der Gruppe, den Ultras Rapid, ihre Stimme. Domenico Jacono ist schon seit Anfang der 90er Mitglied bei ihnen. Außerdem ist er Schriftsteller, literarischer Übersetzer und hat viele Jahre im Verein gearbeitet. Seiner Meinung nach liegt es unter anderem an dieser Gruppe, der größten des Vereins, dass die Stimmung im Block West so einzigartig ist: "Ultras Rapid war die erste Ultra-Gruppe im deutschsprachigen Raum, gegründet im Jahr 1988." Die Fahrten nach Italien, zur Hochburg der Ultras, werden damals häufiger, man saugt die dortige Stimmung auf, um sie besser in ihrem Stadion wiedergeben zu können.

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Denn Ende der 80er glich die Stimmung auf den österreichischen Tribünen der an einem Sonntag am Rheinufer. Durch den Schwung der UR und die Gründung im Jahr 1999 einer weiteren Gruppe, der Tornados, geht die Post ab und der Block West schafft sich einen Ruf. "Am Anfang war der Block West einfach eine Tribüne im alten Gerhard-Hanappi-Stadion", erklärt Domenico weiter. Es war in jenem Stadion, errichtet 1971, dass die Tribüne ihre Tonleiter übt, die ersten Rauchbomben explodieren lässt und ihre ersten Emotionen spürt.

Infolgedessen wurden 2004 aus leeren Tribünen wieder volle Ränge. Die Zuschauerzahlen hatten sich in 15 Jahren fast verdreifacht. Rapid spielte auf einmal im Schnitt vor 15.000 Zuschauen. Die 2.500 Plätze des Block West waren ungefähr so begehrt wie die Telefonnummer von Irina Shayk. Alle wollten an Choreos mitwirken, Fahnen schwenken, in die Hände klatschen und sich die Stimmbänder strapazieren. Aber es gab nicht genügend Platz. "Manchmal musste man bis zu fünf Jahre warten, um eine Dauerkarte für den Block West zu ergattern", erinnert sich Thomas, Rapid-Fan seit Kindheitstagen. Angesichts dieser Popularität haben sich die stimmungssuchenden Fans an die Situation angepasst: "Mit den Lords ist auf der anderen Seite des Stadions, in der Ostkurve, eine neue Gruppe entstanden", erklärt mir Domenico weiter.

Die Atmosphäre im Gerhard-Hanappi-Stadion wurde im Laufe der Zeit noch besser. "Du hast die Fans hinter dir gehört, schweißgebadet. Für uns Spieler war das wirklich beeindruckend", erinnerte sich mit Axel Lawarée ein Rapid-Stürmer aus den frühen 2000er-Jahren.

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Leider wurde das Stadion immer baufälliger. Der Bau einer neuen Spielstätte, des Weststadions, begann Ende 2014. In diesem Betonkomplex brüllen mittlerweile die Fans von Rapid. Aber auch wenn das Stadion ein anderes ist, eine Stehplatztribüne gibt es immer noch. Von ihrem geliebten Gerhard-Hannapi Abschied zu nehmen, ist den Fans schon schwer gefallen, einen Schlussstrich unter das Kapitel Block West zu ziehen, war für sie ausgeschlossen.

Domenico Jacono hat als Mitglied der Reformgruppe „Initiative Rapid 2020" unter anderem mit zwei Personen zusammengearbeitet, die nebenbei am neuen Stadionprojekt mitgewirkt haben. "Der Bau eines neuen Block West, der noch größer und funktionaler ausfallen sollte, war eines der wichtigsten Anliegen von Rapids Fanszene. Und die Fans wurden erhört. Denn im Block West stehen jetzt nicht mehr 2.500, sondern 8.000 Fans. Diese Vergrößerung hat es ermöglicht, dass jetzt alle Ultra-Gruppen von Rapid auf einer Tribüne Platz finden.

Die Minuten vergehen und das Echo der Gesänge kracht brutal gegen die Wände des Weststadions. Was in einem Fußballstadion im Jahr 2017 Seltenheitswert hat: Keiner hält die Stimmung mit seinem Smartphone fest. Hier wird nicht fotografiert, hier wird gesungen. Der Block West bleibt mit Absicht ein bisschen im Dunkeln. Willst du glücklich leben, dann lebe versteckt. Als ich von Laurin Rosenberg – dem Verantwortlichen des Vereinsmuseums und Block-West-Dauerkartenbesitzer – wissen will, was passiert, wenn ich das Spiel mit dem Handy in der Hand verfolge, antwortet er prompt: "Man wird dir beim ersten Mal einfach sagen, das seinzulassen. Wenn du dennoch weitermachst, wird man es dir etwas deutlicher verklickern."

Und es kommt nicht jeder in den Block West rein. Um reinzukommen, muss man seine Codes kennen. Thomas hat für den neuen Block West eine Dauerkarte. Und erinnert sich noch ganz genau an den 16. Juli 2016. Da wurde das neue Weststadion mit Glanz und Gloria und einem Freundschaftsspiel gegen Chelsea eingeweiht. Für viele im Block ein ganz besonderer Tag. "Es standen Fans in den Gängen vom Block West und hielten jeden an, der rein wollte. War man erstmal auf seinen Plätzen, durfte man nicht mehr raus, nicht mal zum Pinkeln", so Thomas weiter. Dieses erste Match hatte für bestimmte Fans von Rapid einen speziellen Geschmack. Unbekannte Zuschauer, die als Touristen unterwegs waren und nur Selfies schießen wollten, wurden freundlich abgewiesen. Selektiver als mancher Club. "Wenn du in den Block West willst, gibt es Regeln zu beachten", so Thomas weiter. "Ich selbst bin aber nicht so radikal und stehe nicht hinter solchen Sachen."


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Christoph Heshmatpour, Autor für das Wiener Fußballmagazin ballesterer und Rapid-Fan, bestätigt die Vormachtstellung der Ultras auf der Tribüne. "Im Block West haben sie das Sagen. Vor ein paar Jahren haben sie einen Stimmungsboykott gemacht. Da konnte keiner rein, egal, ob er für oder gegen den Streik war."

Auch die Vereinsverantwortlichen und Funktionäre sind sich der Macht der Ultras bewusst, genauso wie der geheimnisumwitterten Aura des Block West. Die meisten Vereinsangestellten stehen übrigens selbst im Block West. Sie kennen also seine Codes und seine Funktionsweise. Bei Stadionbesichtigungen wagt sich der Tourguide nicht in die Gänge der Stehplatztribüne. Die Ultras haben für Leute, die rund um ihr Refugium umherstreifen, nur sehr wenig übrig. Für Domenico hat das Verbot, den Block West zu besuchen, einen anderen Grund: "Die Ultras sind auch unter der Woche da und arbeiten an den Choreos. Wenn man Stadionbesucher in den Block lassen würde, könnten sich gegnerische Fans darunter mischen und sehen, was sie vorhaben und dementsprechend Gegenaktionen planen, die unseren Überraschungseffekt aushebeln würden."

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Die zweite Halbzeit beginnt. Der Block West schreit sich noch immer die Lunge aus. Die Atmosphäre ist um Längen besser als das Spiel. Der Geburtstag der Tornados wird nach alter Tradition gefeiert. Und nein, Kerzen gibt es nicht. Hier werden Fackeln gezündet, viele Fackeln. Das Knallen der Rauchbomben erfolgt im selben Takt wie die Fehlpässe.

An dieser Stelle habt ihr sicherlich verstanden, dass die Stimmung im Weststadion vor allem dank der Ultras so ist, wie sie ist. Die Fanszene von Rapid ist sehr entwickelt und respektiert. Die Ultras Rapid beginnen mit den Gesängen, die von den Tornados und Lords – den zwei anderen Gruppen mit einem Podest – aufgegriffen werden. Dazu sind auch noch weitere Gruppen im Block West vertreten, wie beispielsweise die Spirits oder die Greens Lions. Letztere haben die Besonderheit, dass ihre Mitglieder ursprünglich aus Linz kommen, einer Stadt rund 200 Kilometer westlich von Wien. Denn Rapid zieht Fans auch weit über die Stadtgrenzen Wiens hinaus an und zählt mehr als 200 offizielle Fanclubs in ganz Österreich.

Gewisse Hooligans sind unter dem Banner der ‚Alten Garde' vereint. Auf der Tribüne überwiegt die deutsche Sprache, doch auch andere Sprachen kann man hören. Die Ultras Rapid pflegen Fanfreundschaften in vielen Ecken Europas: in Deutschland zu den Ultras Nürnberg, in Ungarn zu den Green Monsters von Ferencvaros und in Griechenland zu Gate 13 von Panathinaïkos, die engste Fanfreundschaft.

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15 Minuten vor Abpfiff erhebt sich das gesamte Stadion und klatscht für eine Minute frenetisch in die Hände. Es ist Zeit für die "Rapid-Viertelstunde". In der 75. Minute eines jeden Spiels ehren Rapids Fans diese fast 100 Jahre alte Tradition. Es ist eine Hommage an den Kampfgeist von Rapid Wien, der seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den letzten 15 Spielminuten schon viele Partien zum Besseren umgebogen hat. Das Prinzip dahinter ist einfach: Das gesamte Stadion erhebt sich und applaudiert. Liverpool hat sein ‚You'll never walk alone', Lens ‚Les Corons' und die Grün-Weißen ihre ‚Rapid-Viertelstunde'.

Die Partie endet mit einer weiteren Pleite für Rapid, 1:2. Doch allem Frust zum Trotz haben sich die Fans im Block West 90 Minuten lang den Hals wundgeschrien. Die Gesänge der Fans von Sturm Graz waren kaum zu hören. Pleite auf dem Platz, Sieg auf der Tribüne. Immerhin.

Die 8.000 Fans, die noch wenige Sekunden zuvor zusammenstanden, gehen nach und nach getrennte Wege. "Rapid will diesen harten Kern konsolidieren und Einheit demonstrieren", erklärt mir Thomas. Im Guten wie im Schlechten.

Zu dem Besten, was Rapid macht, gehört die Kampagne Wiener helfen Wienern, eine Spendenaktion, deren Einnahmen einem Kinderkrankenhaus in der Stadt zugutekommen. Solche karitativen Aktionen, die auf Initiative des Block West 2010 ins Leben gerufen wurden, bringen Jahr für Jahr Tausende Euro an Spenden ein. Waren es 2010 noch 35.000 Euro und 2013 23.500 Euro, ist die Hilfsbereitschaft in diesem Jahr schon auf 60.000 Euro gestiegen. Die Hilfsbereitschaft ist auf Dauer angelegt und wird noch weiter ausgebaut.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Denn Rapid Wien, der mit Abstand beliebteste Klub in Österreich, hat auch einige Problem-Fans in den eigenen Reihen. Beispiel gefällig? An einem Nachmittag im Mai 2011 stürmten im Wiener Derby Hunderte Fans aus dem Block West den Platz. Auslöser war, dass Rapid nach nur 25 Minuten schon mit 0:2 gegen den verhassten Lokalrivalen zurücklag. Auf dem Spielfeld angekommen, schüchterte man die gegnerischen Spieler ein und machte die eigene Mannschaft zur Sau. Man verarscht nicht den Block West, ohne zur Ordnung gerufen zu werden. Das Spiel wurde unterbrochen und nie wieder angepfiffen – und ging folglich mit 0:3 am grünen Tisch verloren. Domenico Jacono erinnert sich noch gut an dieses Spiel: "Rapid hätte vielleicht mit 0:5 oder 0:6 verloren, wenn das Spiel nicht unterbrochen worden wäre. Ein Derby spielt man mit Herzblut und der Block West war nicht damit einverstanden, dass die Spieler nicht alles gegeben haben."

Zumindest das scheint heute nicht der Fall gewesen zu sein, denn die Niederlage scheint Thomas nicht wirklich groß zu stören. "Wenn ich zwischen einer tollen Stimmung und einem schönen Sieg wählen müsste, würde ich mich immer für die Stimmung entscheiden." Zurecht, denn heute kam das Spektakel nicht vom Platz, sondern von der Tribüne.

* Rapid hat die Namensrechte an sein Stadion verkauft und trägt bei Bundesliga-Spielen offiziell den Namen 'Allianz-Stadion'. Aber die Fans sprechen den neuen Namen nicht aus, sondern bevorzugen stattdessen den ihres historischen Stadions, Weststadion. Die Ultras aus dem Block West haben auch dafür gekämpft, dass das als offizieller Stadionname anerkannt wird.