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Das hier ist das erste Festivalzelt, das automatisch zu Kompost wird

Amanda Campbell verfolgt eine Mission: Die UCL-Absolventin möchte Festivals umweltfreundlicher gestalten.

von Olivia Marks
16 Juni 2016, 5:00am

Illustrator: Hisham Bharoocha 

Wir haben alle schon mal ein Musik-Festival besucht. Doch die wenigsten von uns sind lange genug geblieben, um mitzubekommen, wie mühselig es ist, das ganze Gelände aufzuräumen, nachdem die feierwütigen Leute wieder zurück an ihren Bürotischen sind. Das Szenario erinnert ein bisschen an eine ausgeartete Hausparty, bei der sich die Gäste schnell aus dem Staub gemacht haben, bevor der Gastgeber aufwacht und das ganze Ausmaß der Zerstörung erkennt—selbst wenn das bedeutet, einen Teil seines Hab und Guts zurückzulassen.

Das ist auch einer der Gründe, warum die Aufräumarbeiten nach Festivals so viel Zeit in Anspruch nehmen. Bei einem der größten Musikfestivals der Welt, dem britischen Glastonbury Festival, werden laut Schätzungen jährlich an die 20.000 Zelte zurückgelassen. Obwohl die Festival-Organisatoren jedes Jahr all die Teile der Zelte einsammeln lassen, die noch wiederverwendet werden können, landen jährlich tonnenweise Zelte auf der Mülldeponie.

Zahlreiche Musikfestivals haben längst ihre eigenen Programme und Initiativen ins Leben gerufen, die die umweltschädlichen Folgen ihres Exzesses abmindern sollen—doch den Zelten der Besucher hat sich bisher noch niemand angenommen.

Ein besonderes Problem für den ökologischen Fußabdruck eines Festivals sind billige Einweg-Zelte. Für all diejenigen, die ein Zelt nur an den wenigen Sommertagen ihres Festivalbesuchs brauchen, ist das Angebot eine wahre Offenbarung—doch die Niedrigpreise fördern auch die Umweltverschmutzung.

Die Architekturstudentin Amanda Campbell hat jahrelang auf etlichen Festivals in den Aufräum-Teams mitgearbeitet und weiß aus erster Hand, wie viele Zeltstangen und Plastik im Müll landen. „Jeder, denkt sich ‚Oxfam ist hier, die geben die Zelte dann sicher an Hilfsorganisationen weiter.' Doch als ich einmal sehr lange auf einem Festival blieb, sah ich, wie alle stehengelassenen Zelte abgerissen wurden und auf der Mülldeponie landeten. Es waren tausende. Da dachte ich mir, dass es doch eine andere Lösung geben müsse."

Also entwickelte sie einfach ihre eigene Alternative. Während ihres Studiums am University College London begann Amanda damit, ein vollständig recyclebares Zelt zu entwickeln. Nach ein paar misslungenen Anläufen mit Pappe, die laut Amanda viel zu schwer ist, begann sie, mit Biokunststoffen zu experimentieren, bis sie schließlich das perfekte Design fand. Es ist sowohl leicht und wasserfest als auch vollständig kompostierbar.

Kurz danach gewann Amanda mit ihrem Projekt den renommierten Bright Ideas Award ihrer Uni. Damit hatte sie nicht nur die finanziellen Mittel, um ihre Idee patentieren zu lassen, sondern auch das nötige Selbstvertrauen, um ihr eigenes Business zu starten: Comp-A-Tent – das erste vollständig kompostierbare Zelt.

„Momentan geht alles so schnell, dass ich kaum hinterher komme", sagt sie. „Ich habe erst letztes Jahr meinen Abschluss gemacht, und jetzt habe ich gerade einen Geschäftspartner eingestellt, der extra für dieses Projekt seinen Job in Japan aufgegeben hat. Das letzte Jahr war für mich eine reine Achterbahnfahrt."

Tatsächlich sind alle Materialien, aus denen das Zelt hergestellt wird, biologisch abbaubar. Selbst der Kleber, der die mittlere Zeltstange aus Papier zusammenhält, besteht aus Bestandteilen von Milch. Amanda schätzt, dass sich das Zelt innerhalb von 120 Tagen vollständig zersetzt.

„Die Idee dahinter ist zudem auch, dass die Herstellung des Zelts so kohlenstoffneutral wie möglich sein soll. Doch Faktoren wie beispielsweise der Transport werden das beeinflussen. Und momentan sind Biokunststoffe, die mit erneuerbaren Energien hergestellt werden, noch sehr teuer. Doch in ein paar Jahren sollte sich das ändern und es wird sich rechnen, solche Materialien zu benutzen."

Die ersten Zelte möchte Amanda diesen Sommer auf unterschiedlichen Festivals zum Einsatz bringen. Sie will sehen, wie die verschiedenen Aufräum-Teams mit den Zelten umgehen und hofft auch auf Feedback von den Festival-Besuchern. „Ich selbst zelte unglaublich gerne", sagt Amanda. „Deswegen weiß ich genau, was gutes Zelten ausmacht. Meine Zelte werden zwar nicht mit hochwertigen Versionen konkurrieren können, sie sind ja aber schließlich auch nicht für den mehrfachen Gebrauch gedacht."

Generell heißt es ja, man solle die Arbeit nicht mit Vergnügen mischen, doch wenn man ein Start-Up hochziehen will, muss man wirklich leidenschaftlich dabei sein: „Andernfalls sollte man sich einen ruhigen Job mit Durchschnitts-Einkommen suchen. In einem Start-Up muss man nämlich auf so Dinge wie das Ausgehen mit Freunden größtenteils verzichten. Zudem ist es sehr schwierig, Beziehungen aufrechtzuerhalten oder einzugehen." Die Tatsache, dass Amanda in einem Umfeld arbeiten kann, das sie liebt—nämlich auf Musikfestivals—, war für sie ein wichtiger Antrieb, auch dann nicht aufzugeben, wenn es mal schwierig wurde.

„Ich war selbst überrascht zu sehen, wie viel ich erreicht habe. Ich habe aber auch festgestellt, was ich nicht kann. Natürlich gab es Höhen und Tiefen, aber momentan genieße ich einfach den ganzen Prozess und die Erfahrungen, die ich dabei sammeln kann."

Amandas Zufriedenheit motiviert sie dazu, bereits jetzt an die Zukunft ihrer Zelte und daran zu denken, wie sie ihre Idee auf andere Bereiche ausweiten könnte.

„Das mit den Festival-Zelten soll nicht alles gewesen sein", sagt sie. „Ich würde gerne umweltfreundlichere Flüchtlingsunterkünfte und vielleicht sogar Militärzelte entwickeln. Generell interessieren mich Gegenstände, die heute noch direkt weggeworfen werden—ich möchte herausfinden, ob sie effizienter hergestellt werden könnten."

Eine weitere große Hoffnung von Amanda ist, dass sie mit ihrem Comp-A-Tent Projekt andere Leute dazu inspirieren kann, selbst auch Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen. „Ich möchte beweisen, dass jeder, der es wirklich versucht, auch etwas dazu beitragen kann, unsere Umwelt zu schonen, und dass Umweltthemen von jedem angegangen werden können und sollten, nicht nur von der Regierung."

Zwar ist Amanda total gegen die günstigen Einweg-Zelte, die die Festival-Gelände vermüllen. In einer Sache hofft sie aber, mit ihnen gleichziehen zu können—sie hofft auf den gleichen Erfolg. „Ich hoffe, dass meine Zelte genauso beliebt und auf dem Markt so nachgefragt sein werden, wie es die Billig-Versionen sind. Dabei hoffe ich vor allem auf die Unterstützung der Festivals. Das wäre ein Traum."

Bild des Facebook-Teaser: Comp-A-Tent/Facebook