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Warum zur Hölle benutzen wir eigentlich immer noch Tampons?

Es gibt diverse Gründe, warum es bisher kaum ein Menstruationsprodukt mit der milliardenschweren Tamponindustrie aufnehmen konnte.

von Kaleigh Rogers
01 September 2016, 12:48pm

Bild: Wikimedia Commons | CC BY-SA 1.0

Tampons sind definitiv noch immer einer der beliebtesten Hygieneartikel, zu denen ein Großteil der Frauen greift, wenn sie ihre Tage haben. Es gibt keine exakten verlässlichen Angaben, doch laut Schätzungen in Verbraucherberichten werden alleine dieses Jahr durch den Verkauf von Tampons weltweit Umsätze in Höhe von etwa 2,58 Milliarden US-Dollar eingefahren.

Dem erfolgreichen Tampon liegt dabei eine unglaublich simple und effektive Technologie zugrunde, die allerdings auch diverse Nachteile hat: Tampons können auslaufen, sie sind relativ teuer und manchmal bleiben sie sogar stecken.

Trotzdem verbrauchen Frauen, die Tampons benutzen, im Durchschnitt 12.000 von den kleinen Biestern in ihrem Leben. Wir haben uns deshalb die Frage gestellt, warum es eigentlich immer noch keine fortschrittlichere Methode gibt, um mit den blutigen Tücken der Menstruation zurechtzukommen.

Wieviele Arten von Orgasmen können Frauen eigentlich haben?

Es gibt sogar schon Drohnen-Boote, die Ölteppiche absaugen—könnte dann nicht jemand endlich mal eine Armee von Nano-„Blutsaug-Robotern" erfinden, die jeden Monat ein paar Milliliter Blut absorbieren? Seit nunmehr fast 80 Jahren besteht die beste Lösung, die wir uns haben einfallen lassen, immer noch darin, sich da unten ein Stück Baumwolle einzuführen.

Falls ihr keine Vagina habt oder schon längst vergessen habt, was ein Tampon eigentlich ist: Es geht um diesen dichtgepressten Baumwoll-Bausch, an dem ein kleines Bändchen hängt. Er wird in die Vagina eingeführt (mit einer Einführhilfe oder mit dem Finger) und saugt dort das Blut deiner Regelblutung auf. Durch das Ziehen an dem Rückholbändchen wird der Tampon wieder entfernt. Ist er richtig eingeführt, merkt die Frau davon auch so gut wie nichts.

Es gibt Hinweise darauf, dass Tampons bereits in der Antike benutzt wurden, doch in der Form, wie wir sie heute kennen, wurden sie erst um das Jahr 1936 erstmals verwendet. Damals brachte die Firma Tampax die erste kommerzielle Version auf den Markt. Zuvor waren Tampons benutzt worden, um vaginale Medikamente zu verabreichen, nicht aber als Hygieneprodukt während der Menstruation. Der Tampon von Tampax war also ein kleiner Durchbruch.

Kotex Werbung, 1920 | Bild: Wikimedia Commons | Public Domain

Dennoch verkauften sich Tampons zu Beginn nicht sehr gut. Es waren die 1930er und es ging immerhin um ein Produkt, das—anders als Binden, die Frauen damals auch schon getragen haben—in den Körper eingeführt werden sollte. Man hatte Bedenken hinsichtlich der Sicherheit, der Wirksamkeit und natürlich, ob es die Jungfräulichkeit einer jungen, unverheirateten Frau nicht gefährden würde, erklärt Lara Freidenfelds, Historikerin mit Schwerpunkt Fortpflanzungsmedizin und Autorin des Buches The Modern Period: Menstruation in Twentieth-Century America.

„Die Ärzte mussten den Frauen ausführlich erklären, dass Tampons selbst bei Teenagern um einiges kleiner sind als die Vaginalöffnung, und sie ihrer Jungfräulichkeit somit nichts anhaben können", so Freidenfelds gegenüber Motherboard. „In den 1940ern wurde in der US-amerikanischen Verbraucherzeitschrift Consumer Reports sogar ein Artikel veröffentlicht, der bekräftigte: 'Tampons können auch von Jungfrauen ohne Bedenken verwendet werden.'" Offenbar war also der Komfort der Frau damals nicht annähernd so wichtig, wie die Gewissheit ihres zukünftigen Ehemannes darüber, dass sein Penis das einzige war, das je in ihr gewesen ist.

Dieser Bluetooth-Tampon ist angeblich der smarteste, den du dir einführen kannst

Doch zurück zum eigentlichen Thema: So richtig beliebt wurde der Tampon tatsächlich erst, als die Frauen einen guten Grund hatten, zum Wattebausch zu greifen: die neue Mode. Als die Röcke immer kürzer und enger wurden, tauchten langsam auch die ersten Badeanzüge und später Bikinis auf—die klobigen, windelähnlichen Binden, die damals noch in Monatsgürteln getragen wurden, erschienen plötzlich ziemlich unpraktisch, so Freidenfelds. Die Frauen also, Tampons zu benutzen—und sie bereuten es nicht.

In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden trotzdem weiterhin Binden benutzt, manchmal auch eine Kombination aus Tampon und Binde. Ein richtiges Comeback konnten die Binden aber erst feiern, als es sie ohne den lästigen Gürtel gab und in den 1970ern die Binde mit Klebestreifen erfunden wurde. Als die Binden in den 1980ern noch um die seitlichen „Flügel" erweitert wurden (die man im Schritt unter der Unterwäsche festklebt), konnten sie sich erstmals wieder mit den Tampons messen.

Seitdem hat sich in der Welt der Monatshygiene jedoch nicht mehr sonderlich viel getan. Über die Jahre hinweg wurde zwar immer wieder versucht, Alternativen auf dem Markt zu etablieren, doch ohne nennenswerten Erfolg. Das beste Beispiel dafür ist die Menstruationstasse. Es ist, wonach es sich anhört: eine Tasse, die in die Vagina eingeführt wird, Blut aufnimmt und ausgeleert werden muss. Sie kann wiederverwendet werden (manche bis zu zehn Jahre lang), doch das ist wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe, warum sich das Produkt nicht durchgesetzt hat, so Freidenfelds.

„Es wird zwar nicht viel weggeschmissen, das bedeutet aber auch, dass nichts nachgekauft werden muss. Wer hat also den Anreiz dazu, ein solches Produkt zu entwickeln, es zu vermarkten, sicherzustellen, dass es das in allen Läden zu kaufen gibt und Werbung dafür zu machen?", erklärte sie Motherboard. „Unternehmen, die Binden und Tampons produzieren, haben einen guten Grund dazu, Frauen dazu zu bringen, die Artikel jeden Monat aufs Neue zu erwerben. Den Unternehmen, die die Tassen produzieren, steht dagegen einfach nicht das gleiche Budget zur Verfügung."

Außerdem sind die Tassen in der Anwendung etwas komplizierter. Führt man sie falsch ein oder entfernt sie nicht richtig, kann das in einer ziemlichen Sauerei enden. Man muss sie auswaschen, was beispielsweise auf einer öffentlichen Toilette etwas merkwürdig aussehen könnte. Das macht sie nicht gerade attraktiv, und vor allem für junge Mädchen, die gerade in der Pubertät sind und das erste Mal ein Produkt auswählen müssen, sind sie sicher eine eher unangenehme Alternative.

Auch andere Optionen wie Diaphragmen (die normalerweise als Verhütungsmethode eingesetzt werden), Menstruationsschwämmchen und wiederverwendbare Stoffbinden sind über die Jahre aufgetaucht, doch keines der Produkte konnte den Komfort und die Handlichkeit des Tampons übertreffen.

Das Problem ist aber auch, dass Unternehmen, die neue Methoden zur Menstruationshygiene entwickeln könnten, keinerlei Anreiz haben, diesen Status Quo zu verändern.

„Statt völlig neue Produkte zu entwickeln, ist man in der Industrie dazu übergegangen, jeglichen Forschungsaufwand lediglich darauf zu verwenden, bestehende Produkte zu verbessern und eine Nachfrage für ergänzende Produkte zu schaffen", sagt Karen Houppert, Schriftstellerin und Autorin des Buches The Curse, in dem sie über die Industrie der Monatshygiene schreibt. „Es ist ja schon ein Arbeitsaufwand, etwas altes neu verpackt zu verkaufen und die Frauen in Alarmbereitschaft zu versetzen, das jemand merken könnte, dass sie bluten. Darauf basiert der gesamte Erfolg dieser Industrie."

Die größte Gefahr für den Erfolg der Tampon-Industrie stellt aber auch kein futuristischer, roboterhafter „Blutsauger" dar, sondern die Tatsache, dass es schon bald Methoden geben könnte, mit denen Frauen ihre Periode ganz abstellen könnten. Neue Verhütungsmethoden wie die Pille, bei der man nur vier Mal im Jahr menstruiert oder sogenannten hormonellen Intrauterinpessare, die die Periode komplett unterbinden, werden immer beliebter. Zwar machen sie momentan nur einen kleinen Teil des Marktes aus, doch hat sich die Nutzung langanhaltender, Menstruations-reduzierender Verhütungsmethoden in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt.

Houppert jedoch ist sich ziemlich sicher, dass die Tampons weiterhin ihren Spitzenplatz behalten werden.

„Die meisten Frauen haben sich, bis sie etwa 20 sind, längst an ihre Periode gewöhnt", sagte Houppert. Für viele Frauen ist es auch ein Art Kontrolle ihrer Körper, erklärte sie. Es ist ein Zeichen dafür, dass man nicht schwanger ist, dass man gesund ist und dass alles so funktioniert, wie es sollte.

„Wenn etwas nicht stimmt, merken wir es sofort an der Menstruation. Es ist eine beiläufige Kontrolle, die Frauen an ihrem Körper durchführen, bewusst oder unbewusst", so Houppert weiter.

Die gute Neuigkeit für Frauen ist also, dass es doch recht viele unterschiedliche Optionen gibt, und es ist nun mal einfach so, dass viele Frauen sich nun mal für den Tampon entscheiden. Sollte ein neues Produkt es schaffen, auch nur annähernd so beliebt zu werden wie der Tampon, stünde ihm aber immer noch der harte Kampf gegen eine milliardenschwere, etablierte Industrie bevor. Doch wie wir vor vielen Jahrzehnten am Beispiel des Erfolgszugs des Tampons gesehen haben, entscheiden sich Frauen letztlich für die Methode, die sie am meisten überzeugt.

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