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Hinter den Kulissen der Craigslist-Dealer und ihrer billigen Masche

In Kleinanzeigen auf Craiglist versprechen Online-Dealer ganz offen, ihren Kunden alle möglichen Drogen zu liefern—ganz ohne Bitcoin. Doch hinter dem Trick stecken nichts weiter als erstaunlich erfolgreiche Betrüger.

von Daniel Mützel
27 September 2016, 5:00am

Auch wenn das Darknet gern als El Dorado für Cyberkriminelle portraitiert wird, wollen wir nicht vergessen, dass auch die alte Tante Clearnet in puncto Abzockerei einiges zu bieten hat.

Das zeigt auch der Blick auf eine auf dem deutschen Markt relativ neue, niedrigschwellige Methode, mit der Drogendealer übers Netz ihre Kunden abzocken. Konkret geht es um den Kleinanzeigendienst Craigslist, einer Art windigem großen Cousin von Ebay Kleinanzeigen. Dabei werden ahnungslose User, die im Internet nach Kontakt zu einem lokalen Drogendealer suchen, auf Anzeigen gelockt und mit einem ausgeklügelten Trick um ihr Geld geprellt—und geraten dabei in die Fänge einer offenbar in Kamerun ansässigen Internet-Mafia, wie einer der Täter gegenüber Motherboard unbekümmert berichtete.

In so unschuldig wirkenden Unterkategorien wie „Gesundheit und Schönheit" oder „Autoreifen" bieten Händler auf Craigslist in allen deutschen Großstädten ein breites Spektrum an Cannabis und Designerdrogen an. Die Dealer behaupten, vor Ort zu sein und in kürzester Zeit frei Haus zu liefern. Marihuana, Kokain, LSD, MDMA, Xanax: Neu ist, dass die Substanzen offen benannt werden. Vor Jahren kämpfte die Plattform noch mit Dealern, die ihre Ware als Skitickets (Kokain) oder Karten für Tina-Turner-Konzerte (Meth) tarnten—eine Zurückhaltung, die man inzwischen abgelegt hat.

Die Annoncen tragen Namen wie „Medical Cannabis To Your Door" oder „Hit us to night for fast something" und enthalten allerlei Rechtschreib- und andere Sprachfehler. Das Angebot in der deutschen Craigslist-Sektion wird derzeit von drei Accounts dominiert: Wizzy Kush, ffpostdrop33 und Atemmartin.

Um zu verstehen, wie der Scam funktioniert, habe ich einen der Händler, wie in der Anzeige vorgegeben, mit der Messaging-App Kik kontaktiert. Da sich die Kik-App nicht mit einer Handynummer verknüpft, sondern nur einen Nutzernamen und eine Fantasie-Emailadresse erfordert, ist die Kommunikation relativ anonym (für beide) und damit absolut unsicher (für den Kunden).

Nach einem kurzen Vorgeplänkel über Art und Menge der gewünschten Drogen sowie der Bestätigung des Betrügers, dass alles absolut „legit„ und „safe" sei, werden Kunden gebeten, das Geld via Bitcoin, Moneygram oder Western Union zu überweisen, denn „wir wissen, dass Polizisten keine Drogen kaufen dürfen, beim zweiten Mal geht dann natürlich auch Bargeld." (Tatsächlich ist es Ermittlern in Deutschland selbstverständlich erlaubt, Testkäufe durchzuführen—ein Mittel, von dem sie in der Vergangenheit auch schon bei Ermittlungen gegen Online-Dealer Gebrauch machten.)

Die Zahlungsadresse liegt zwar in Kamerun, aber davon soll ich mich nicht beunruhigen lassen, versichert der Dealer, das sei nur eine Absicherung, da die Cops die Adresse nicht zurückverfolgen könnten.

Aber ein Scam wäre kein Scam, wenn der Scammer nicht auch vorgeblich um meine Sicherheit besorgt wäre. Daher beschwört er mich im Laufe des Gesprächs mehrmals, den Überweisungscode so lange für mich zu behalten, bis ich die Ware erhalte. Wenn du über Western Union zahlst, schütze dich hingegen eine geheime „Testfrage", deren Antwort nur du kennst.

Natürlich hindert weder die Überweisungsnummer noch die Testfrage den Scammer daran, sich das Geld in Afrika auszahlen zu lassen, sollte man den dummen Fehler begehen, die Zahlung wirklich in Auftrag zu geben. Darauf weisen die Zahlungsdienstleister selbst hin.

Ein kurzer Anruf beim Moneygram-Kundenservice bestätigt diese Warnung. Die Mitarbeiterin rät eindringlich „sich von solchen Angeboten fernzuhalten." Es habe „viele Betrugsfälle in letzter Zeit" gegeben. Western Union hat für solche Fälle sogar extra eine Betrugs-Hotline eingerichtet und verdeutlicht auf seiner Website, dass die „Testfrage" überhaupt keine zusätzliche Sicherheit biete, sondern nur in Notfällen die Möglichkeit biete, sich auch ohne Ausweis im Ausland das Geld abzuheben. Bei Vorlage eines entsprechenden Ausweises könnte der Scammer oder sein Helfer sich also auch bei falscher Antwort auf die „Testfrage" dein Geld auszahlen lassen.

Es scheint sich hier also nicht unbedingt die raffinierteste Methode zu handeln, wenn schon ein einfacher Blick auf die Western-Union-Website den Scam entlarvt. Auch die Tatsache, dass sich die Dealer vorgeblich immer genau in der Stadt aufhalten, in der man gerade etwas sucht, macht möglicherweise den ein oder anderen Kunden misstrauisch. Außerdem versprechen die Craigslist-Dealer häufig innerhalb einer Stunde zu liefern—bevor sie überhaupt die Lieferadresse kennen. Spätestens bei einer Abfrage simpler Ortskenntnisse fällt die Maskerade:

In Köln gibt es keine Sternschanze; sie liegt eigentlich in Hamburg, aber das scheint unseren Scammer nicht weiter zu stören. Screenshot: Motherboard.

Also eine Billo-Masche, auf die nur Trottel reinfallen? Nicht unbedingt. Laut dem Nutzer Wizzy Kush, mit dem ich zunächst ein Scheingeschäft anbahne und hinterher telefoniere, bestellten seine Kunden meist aus einer Notlage heraus: Ihre Sucht sei größer als ihr Misstrauen.

In einer guten Woche schließe er so rund 20 Deals ab, erzählt der Craigslist-Scammer. Aber auch nur, wenn er „hart arbeitet", wie er sagt. Je nach Bestellung verdiene er damit zwischen 1.000 und mehreren Hunderttausend Dollar pro Woche. (Ob das stimmt, lässt sich natürlich unmöglich bestätigen.)

Seine Anzeigen kann man in Kanada, Australien, Malaysia, Südkorea und in den USA lesen. Die USA sei der mit Abstand profitabelste Markt, erklärt Wizzy Kush, der sich eigentlich „Slim" nennt, sich mir mit nacktem, beleibten Oberkörper auf Skype präsentiert und freimütig zeigt, wie er eine neue Fake-Anzeige erstellt und die richtige visuelle Umsetzung aus einer Google Drive-Bildergalerie mit haufenweise Weed kuratiert:

Slim beim Einstellen einer neuen Anzeige auf Craigslist (Screenshot Skype)

Auch für die Tatsache, dass es in Deutschland vergleichsweise wenige Fake-Anbieter auf Craigslist gibt, hat Slim eine Erklärung. Die meisten Deals würden außerhalb Deutschlands geschlossen werden, weil viele seiner Scammer-Konkurrenten in Deutschland keinen Markt sehen—sie gehen davon aus, dass nur Deutsch gesprochen wird. Slim hat nach eigenen Angaben aber schon mal in Deutschland gearbeitet, erzählt er. Er wisse daher, dass es dort auch englisch sprechende Leute gibt und sei daher einer der wenigen Akteure der Betrugsmasche in Deutschland.

Zurück zur Frage, warum sich Nutzer von seiner leicht durchschaubaren Methode ausnehmen lassen. Ihre Sucht mache sie gutgläubig, glaubt Slim. Vor allem Kunden, die nach Steroiden suchen, seien leichte Opfer, weil sie so stark abhängig von dem Zeug sind. Er habe schon Deals mit Leuten gemacht, die zuvor mehrmals geprellt wurden, aber den Glauben nicht verlieren, dass es doch noch irgendwie klappt.

Außerdem ist es ab einem bestimmten Zeitpunkt schwer, aus der Nummer wieder herauszukommen. Oft beginne sogar der Betrug erst, wenn das Opfer bereits betrogen wurde. „Es bleibt nicht bei der einen Bestellung", sagt Slim. „Du bezahlst, bis du keine Kohle mehr hast, bis du pleite bist."

Den weiteren Hergang beschreibt der Craigslist-Scammer so: Zunächst wirst du mit der Begründung abgespeist, der Boss hätte die Lieferung wegen zu geringer Bestellmenge abgelehnt. Du bestellst also, süchtig wie du bist, erneut und zwar gleich mal ein bisschen mehr, damit der Boss nicht wieder rumstresst. Doch dann passiert wieder etwas Unerwartetes: Der Kurier wurde leider von der Polizei geschnappt, wird dir mitgeteilt. Zum Glück (beziehungsweise Pech) kennt Slim jemanden „on the inside", einen Polizisten, mit dem man verhandeln kann. Doch Eile ist geboten, denn der Lieferheini sei gerade dabei, ein Geständnis zu machen und dich zu verpfeifen.

Slim beim Einstellen einer neuen Anzeige auf Craigslist (Screenshot Skype)

Bestätigt wird diese absolut glaubwürdige Geschichte durch einen „Polizeibeamten", der dich anruft und dir akzentfrei erklärt, dass es gleich zappenduster wird, wenn du nicht kooperierst. Läuft für die Scammer alles nach Plan, kontaktierst du hysterisch und heulend deinen alten Buddy Slim, der dir verspricht, mit dem „Beamten" zu verhandeln. Am Ende wirst du 2.000-3.000 Euro für deine Freiheit bezahlen, erklärt Slim unbekümmert.

Er habe zwar „Connects" in vielen Ländern, doch so einen Anruf eines Fake-Polizisten könne er auch von Kamerun aus machen. Er kenne genug Leute, die fließend Deutsch sprechen, und mit den entsprechenden Services ließe sich eine deutsche Rufnummer simulieren.

Schwer zu glauben, dass so eine irre Geschichte tatsächlich Geld einbringt. Aber laut Slim seien das „sehr viele Leute". „Du denkst, das ist einfach zu durchschauen, aber es gibt viele Leute, die nicht klar denken. Süchtige, die nicht klar denken können. Das sind die Leute, nach denen wir suchen."

Sieben Jahre sei er schon im Geschäft, irgendwann möchte er aber auch mal etwas anderes machen: „Was Legales", sagt Slim. Ihm täten manche Opfer auch wirklich leid, vor allem Leute, die schon in Schulden stecken, und die sich wegen ihm Geld leihen müssen und damit noch tiefer fallen. „I feel them", sagt er, nun ja, wenig überzeugend.