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„Ich habe sieben KZs überlebt und mein Leben danach voll ausgekostet—fragt mich alles!"

Mit Hilfe seines Enkels stand der 92-jährige Holocaust-Überlebende Henry Flescher jetzt in einem AmA auf Reddit Rede und Antwort über seine tragische Geschichte.

von Johannes Hausen
19 April 2016, 9:02am

Henry Flescher auf einem Verifizierungsfoto zu Beginn des AmAs. Foto: Imgur

Henry Flescher auf einem Verifizierungsfoto zu Beginn des AmAs. Foto: Imgur

Welche Fragen stellt man einem ehemaligen KZ-Häftling, der unter den Nazis in sieben verschiedenen Konzentrationslagern interniert war und alle überlebt hat? Nun, die wenigsten von uns werden anno 2016 wohl überhaupt noch die Gelegenheit bekommen, mit einem Menschen mit einer derartigen Biographie zu sprechen.

Die Zahl der weltweit noch lebenden Holocaust-Überlebenden ist mittlerweile auf unter 200.000 gesunken. Viele von ihnen sind noch immer so traumatisiert, dass sie nicht über das Erlebte reden können. Nicht so Henry Flescher. Kurz nach seinem 92. Geburtstag wählte der gebürtige Wiener eine unkonventionelle Methode, sein wichtiges Wissen als Zeitzeuge an die junge Generation weiterzugeben: Drei Tage lang stand er in einem AmA auf Reddit Rede und Antwort—und stieß bei knapp 9.000 Kommentaren auf reges Interesse.

Henry Flescher auf einem Verifizierungsfoto zu Beginn des AmAs. Foto: Imgur

„Ich bin ein Holocaust-Überlebender, der gerade 92 Jahre alt geworden ist. Ich habe ein Tattoo aus Auschwitz auf meinem Arm und ich war drei Jahre lang in sieben Konzentrationslagern, darunter Blechhammer, Groß-Rosen und Buchenwald, und habe überlebt. Ich habe seitdem mein Leben voll ausgekostet", kündigte sich Flescher mit prägnanten Worten an. Möglicherweise geht der aufsehenerregende Titel auf das Konto seines Enkels, der ihm bei der Durchführung des AmAs mit Rat und Tat zur Seite stand und die Antworten seines Großvaters abtippte.

„Wir durften aussteigen. Der Rest des Zuges fuhr direkt nach Auschwitz und wurde umgebracht."

Und so bekamen Redditor weltweit die Möglichkeit, ihre Fragen in der schützenden Mittelbarkeit eines Online-Forums an den Mann zu richten, der fast jeden Dienstag am Holocaust-Mahnmal von Miami Beach steht und noch immer Schulen seiner Wahlheimat Miami besucht, um seine tragische Geschichte ungeschönt an jüngere Generationen weiterzugeben. Da Flescher sie im AmA nicht am Stück erzählt, sei seine Geschichte zunächst anhand seiner Antworten auf verschiedene Fragen kurz umrissen:

Geboren in Wien, zog er nach Ausbruch des Krieges mit seiner Familie nach Brüssel. „1942 bekam ich einen Brief: Ich sollte in ein Arbeitslager gehen. Meine Eltern versuchten, mich nach Spanien zu schmuggeln. Während der Reise wurde ich aufgegriffen, als ich auf einem Markt in Lyon Trauben kaufte. Sie wollten meinen Ausweis sehen und sahen das große 'J' in meinem Pass. Das war's dann", erzählt Flescher. Kurze Zeit später fand er sich auf einem Deportationszug wieder.

Trotz seiner tragischen Geschichte predigt Flescher auch im AmA Optimismus und Lebensfreude. Foto: Imgur

„Ich wurde zunächst in das Durchgangslager Drancy [welches traurige Berühmtheit als Zentrum des französischen Holocausts erlangte] gebracht; eingepfercht in einen Viehwagon voller Menschen, ohne Essen oder Wasser, mit einem Eimer als Toilette in der Mitte. Damals war ich 18. Der Gestank war abgründig. Nach sechs Tagen erreichte der Zug sein Ziel. Die Wächter begannen zu zählen. Sie wählten 300 Männer aus. Ich war Nummer 298. Wir durften aussteigen. Der Rest des Zuges fuhr direkt nach Auschwitz und wurde umgebracht. Ich werde die Nummer 298 niemals vergessen", schildert Flescher den Beginn seines Martyriums.

Die 298 sollte nicht die einzige Nummer sein, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Zusammen mit den 299 anderen Männer wurde er nach Ohrdruf in Thüringen gebracht, um als Zwangsarbeiter in einer Schuhfabrik zu arbeiten, vier Wochen später ging es weiter nach Peiskretscham in Oberschlesien, wo Flescher mehrere Monate interniert war, bevor er nach Blechhammer gebracht wurde:

Hier bekam ich als Namen die Ziffer 177153. Blechhammer war die Hölle. Bestrafungen standen an der Tagesordnung. Mir wurden die Schneidezähne ausgetreten. Ich war im Winter dort. Einmal mussten wir uns für mehrere Stunden aufstellen. Ein Mann konnte sein Urin nicht zurückhalten und pinkelte sich ein. Er wurde gehängt. Nach zwei Jahren in Blechhammer traten wir zu einem Todesmarsch nach Groß-Rosen an [,das sich knapp 200 Kilometer westlich von Blechhammer befindet]."

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges, als sich die Frontlinie zunehmend in Richtung Deutschland bewegte, ließ die SS Tausende KZ-Häftlinge zu sogenannten Todesmärschen antreten, bei denen Personen, die zu schwach zum Gehen waren, in der Regel sofort erschossen wurden. Über die Motive der SS, derartige Todesmärsche durchzuführen, bestehen bis heute Kontroversen unter Historikern. Man geht davon aus, dass zwischen Dezember 1944 und Mai 1945 ein Drittel der damals noch lebenden 714.000 Häftlinge zu Tode kam.

„In Blechhammer fingen ein paar Gefangene einen Schäferhund und kochten ihn. Es war ein Festschmaus."

Flescher überlebte und gelangte von Groß-Rosen über Buchenwald und Altenberg schließlich bis nach Waldenburg, ein Außenlager des KZ Groß-Rosen. Auf die Frage, welche Erfahrung für ihn in dieser ganzen Zeit am schlimmsten gewesen sei, entgegnet er: „Ich litt in Groß-Rosen an Dysenterie und konnte drei Tage lang nicht auf die Toilette gehen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich fast aufgegeben hätte."

Es ist der einzige Kommentar Fleschers, der einen Gedanken des Aufgebens birgt. Ansonsten überrascht er im AmA immer wieder mit äußerst lebensbejahenden Botschaften in seinen knappen, aber entschiedenen Antworten. Das Wichtigste sei für ihn heutzutage, seine Familie zu sehen. „Das Geheimnis ist, alles, was man im Leben tut, zu genießen. Denkt positiv. Ich habe Glück, dass ich körperlich und geistig noch immer gut in Form bin", sagt er an anderer Stelle.

Henry Flescher mit seinen Enkeln. Foto: Imgur

Viele der Fragen in dem Reddit-Ama mit Flescher kommen von Menschen, die selber Familienangehörige haben oder hatten, welche Überlebende des Holocausts sind, die mit diesen aber nicht sprechen konnten oder wollten. Einige erkundigen sich nach bestimmten Personen, die Flescher in seiner Zeit als Häftling getroffen haben könnte. Andere fragen nach Details aus dem Lagerleben, zum Beispiel der Ernährung.

„Ich ging in Peiskretscham und Blechhammer öfter nachts raus und riskierte mein Leben, um ein paar rohe Kartoffeln zu stehlen. Ich nutzte die Gelegenheiten. In Blechhammer fingen ein paar Gefangene einen Schäferhund und kochten ihn. Es war ein Festschmaus. Schmeckte nach Hase. Es war das einzige Mal, dass ich einen Hund gegessen habe, und es war damals die beste Mahlzeit, die ich für lange Zeit haben sollte. Heutzutage bevorzuge ich aber Steak."

Es ist bemerkenswert, wie Flescher in einem Alter, in dem sich viele noch lebende Holocaust-Überlebende wieder verstärkt an die Anfänge ihres Lebens erinnern und erstmals eine Traumatherapie beginnen, derart schreckliche Erlebnisse öffentlich rekapituliert und teilweise sogar humorvoll kommentiert.

„Würde ich meine Tätowierung entfernen, würde ich einen Teil meiner Vergangenheit löschen."

Ob er sich selbst den Redditnamen Im_a_Survivor_177153 (er beinhaltet seine Insassen-Nummer als KZ-Häftling) gegeben hat oder dieser von seinem Enkel ausgewählt wurde, bleibt dabei offen. Doch zweifelsohne ist Fleschers Lebensdevise: „I'm a survivor." Flescher gibt seine grausame Vergangenheit schonungslos weiter. Deshalb hat er auch die Tätowierung, welche ihm im KZ Auschwitz verpasst wurde, nicht entfernen lassen.

Henry Flescher zeigt die Tätowierung auf seinem linken Unterarm, die ihm im KZ Auschwitz verpasst wurde. Foto: Imgur

„Es ist wichtig, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Würde ich meine Tätowierung entfernen, würde ich einen Teil meiner Vergangenheit löschen. Die Deutschen wollten Überlebenden [nach Ende des Krieges] die Tätowierungen entfernen. Aber sie ist ein Zeugnis der Vergangenheit. Sie zeigt, dass ich überlebt habe. Und ich bin hier, ich liebe das Leben!"

Als der Tag kam, an dem Flescher befreit wurde, habe er noch um die 35 Kilogramm gewogen. Eigentlich wurde er nicht wirklich befreit, sondern schaffte es, sich während eines weiteren Todesmarsches von der Gruppe zu entfernen und in einem Hühnerstall zu verstecken. Dort wurde er schließlich von amerikanischen Soldaten entdeckt. Das war am 11. April 1945. „Ich wusste nicht, dass dieser Tag kommen würde. Ich war sehr krank und konnte kaum essen, sprechen oder gehen. Ich habe seitdem zwei Geburtstage: den 14. März und den 11. April."

Einige Redditor interessiert es, wie Flescher nach seiner Befreiung wieder auf die Beine gekommen war: „Manche Leute [, die befreit wurden] aßen sehr viel und wurden davon sehr krank. Ich aß langsam und erholte mich langsam. Es dauerte vier bis fünf Monate, bis ich wieder ein normales Gewicht hatte", erklärt er.

„Sie müssen die Geschichte so erzählen, wie sie ist. Man kann nicht vor der Geschichte und ihrer Brutalität zurückschrecken."

Nach Ende des Krieges ging Flescher zunächst zurück nach Belgien und emigrierte ein paar Jahr später in die USA, wo es seinen Bruder schon kurz nach Ausbruch des Krieges hingezogen hatte. Flescher lebte dort in Providence und Brookline, bevor er nach Florida zog, wo er nun seinen Lebensabend verbringt.

Überraschenderweise nimmt der 92-jährige inmitten seiner Berichte die deutsche Normalbevölkerung auf gewisse Weise in Schutz: „Die meisten Leute hatten keine Ahnung. Jeder, der wusste, was passierte, war bereits in den Gaskammern oder in den Lagern." Inwiefern die deutsche Bevölkerung tatsächlich Kenntnisse vom Holocaust und den Zuständen und Prakitken in den Konzentrationslagern hatte, ist seit den 1990er Jahren ein besonderes Forschungsthema der Zeitgeschichte.

Das brutal ehrliche Reddit-AMA einer 92-jährigen NS-Zeitzeugin

Der deutsche Historiker Erich Jäkel hat sich in einer Publikation für die Reihe "Schriften des Bundesarchiv" eingehend mit der Frage beschäftigt, welche deutschen Bevölkerungschichten wie viel wussten. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk geht er davon aus, dass ab 1941 „die Kenntnisse [über den Massenmord an den Juden] ziemlich weit verbreitet waren" und zwar, „weil die ersten Ermordungen, Massenerschießungen im Freien waren, und viele deutsche Soldaten haben das gesehen. Einige haben in ihren Feldpostbriefen davon berichtet, das ist eher etwas seltener, aber sie haben bei ihren Heimaturlauben ihren Angehörigen davon erzählt und von da an hat sich die Erkenntnis in großen Teilen der Bevölkerung ausgebreitet."

Vergeben könne er nichts, erklärt Flescher auf die Frage eines Redditors. Aber er lebe kein hasserfülltes Leben. Stattdessen widmet er seine Zeit der Aufklärung jüngerer Generationen. Er sieht dabei auch die Lehrer in der Pflicht: „Sie müssen die Geschichte so erzählen, wie sie ist. Man kann nicht vor der Geschichte und ihrer Brutalität zurückschrecken [...] Sobald die letzten Überlebenden gegangen sind, werden die Skeptiker auf den Plan treten. Genau deshalb müssen wir jeden das lehren, was wirklich passiert ist."

Eine Geschichtslehrerin pflichtet ihm per Kommentar bei: „Kinder verstehen nicht mehr, dass es echt war. Sie sind unglaublich, weil Sie diese Geschichte teilen. Als ich in ein jüdisches Museum ging und mit einem Überlebenden sprach, änderte das mein Leben. Ich wette, auch Sie haben die Leben von vielen verändert."

In der Tat hat Henry Flescher mit seinem AmA einen selten persönlichen und intimen Einblick in Leben und Gefühlswelt eines Holocaust-Opfers gegeben. Reddit bot dabei die angemessene Plattform für einen ehrlichen Austausch zwischen alter und junger Generation. Auf ähnliche Weise hatte im April letzten Jahres eine 92-jährige Deutsche aus dem Schwarzwald als wichtige Zeitzeugin ein AmA mit der Hilfe ihres Enkels abgehalten. Sie gab Auskunft über ihre persönliche Erfahrungen als Zivilistin im Nazi-Deutschland der 1930er und 1940er Jahre. Ihre brutal ehrlichen Anekdoten stießen damals auf genauso breites Interesse wie die Erzählungen von Henry Flescher.