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Ein Blick in die mutmaßliche WhatsApp-Gruppe der türkischen Putschisten

War der gescheiterte Staatsstreich ein WhatsApp-Putsch?
18.7.16

Als Putschisten am Freitagabend versuchten, die türkische Regierung zu stürzen, nahmen sie zunächst Ziele ins Visier, die als neuralgische Infrastruktur-Punkte einer Stadt gelten: Brücken, Flughäfen, das Parlament in Ankara und die Zentrale des Staatsfernsehens. Wie aber koordinierten die Putschisten ihre Besetzung?

Wie der qatarische Sender Al Jazeera in seiner arabischen Ausgabe berichtet, haben die Umstürzler den Putschversuch mit WhatsApp-Nachrichten geplant.

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Bereits am Samstag tauchte ein entsprechendes Video auf Twitter auf. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajensi veröffentlichte einen Clip, in dem jemand durch die Unterhaltung in einer geschlossenen WhatsApp-Gruppe scrollt. In dieser scheinen sich Teile der Putschisten zu organisieren und zu besprechen, wie die türkische Regierung gestürzt werden sollte.

Der Name der WhatsApp-Gruppe kann mit „Friedensrat im Land" übersetzt werden. So lautet auch die Selbstbezeichnung der Putschisten. In der Gruppe mit über einem Dutzend Mitglieder sind mehrere Klarnamen und abgekürzte Militärränge der Landstreitkräfte zu sehen, z.B. Bnb. für Major (Binbaşı) oder Alb. für Oberst (Albay).

Die Mitglieder der Gruppe koordinieren die Übernahme zentraler Verkehrsknotenpunkte am Freitagabend gegen 21:30 Uhr und diskutieren, wie Autos in die Stadt hineinkommen, welche Brücken besetzt werden und wie der Verkehr durch die Stadt geleitet wird. Koordinaten und Adressen werden ausgetauscht, Befehle erteilt und Befehlshaber für verschiedene Bezirke ernannt.

Darbecilerin WhatsApp görüşmeleri deşifre edildi pic.twitter.com/9ShCgbm3nf
— ÇAPAMAG (@CAPAMAG) July 16, 2016

Al Jazeera strahlte am Wochenende Teile der Nachrichten aus; darunter findet sich laut dem Sender auch der Befehl, Erdoğans Hotel in Marmaris an der türkischen Südwestküste unter Beschuss zu nehmen.

Auch die Besetzung des Staatsfernsehens TRT wird diskutiert:

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In anderen Teilen der Unterhaltung wird der Verkehr neu geregelt: Fahrzeugen wird gestattet, die Stadt zu verlassen, aber nicht mehr über die besetzten Brücken in die Stadt hineinzufahren.

Laut Al Jazeera, der Website Daily Sabah und der Nachrichtenwebsite Middle East Eye werden auch Namen von hochrangigen Militär-Befehlshabern und Beamten durchgegegben, die möglichst bald festgenommen werden sollten. Unter anderem erhielten die Einheiten den Befehl, auf Polizisten zu schießen, sollten diese versuchen, den Putsch zu verhindern.

Es ist nicht klar, wer der Urheber des Videos ist. Der Clip wurde offensichtlich in einem Militär- oder Polizeifahrzeug aufgenommen—darauf deuten die Funkgerät-Sprüche hin, die im Hintergrund zu hören sind.

Trotz der recht eindeutigen Hinweislage können wir nicht abschließend verifizieren, ob es sich bei den Nachrichten tatsächlich um die Putsch-Planungsgruppe der Generäle handelt oder ob die gesamte Konversation (was sehr aufwändig wäre) komplett mit Zeitstempel und Dutzenden Namen gefälscht wurde, um bestimmte Menschen anzuschwärzen.

Bei einem Staatsstreich kommt es natürlich auch darauf an, wie schnell die eine oder andere Partei die Definitionsmacht an sich reißen kann und die Hoheit über die medialen Kanäle bewahrt —gerade dazu eigenen sich soziale Medien als Live-Sprachrohr und als Multiplikator hervorragend. Wie man auch in Ägypten im Rahmen des soganannten Arabischen Frühlings sehen könnte, spielten Facebook und Twitter eine große Rolle bei der Koordinierung der Proteste, auch wenn die politische Bedeutung von Social Media als maßgeblicher Anstoß zur Demokratisierung nach wie vor umstritten bleibt.

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Bei einem Putsch kommt es auch auf das Überraschungsmoment an: Die Führung des Landes soll von ihren Machtpositionen entfernt werden, gleichzeitig soll ihre Fähigkeit zur Koordination und Kommunikation behindert werden. Das ist natürlich einfacher, wenn es nur ein paar Mittel zur Massenkommunikation gibt.

Neu ist daher, dass der missglückte Putschversuch am Freitagabend zu großen Teilen über soziale Netzwerke vermittelt wurde: Eine halbe Stunde, bevor sein Hotel in Marmaris von einer Explosion erschüttert wurde, verließ Präsident Erdoğan sein Zimmer und forderte über Apples Videotelefonie-App Facetime die Bürger auf, sich auf die Straßen zu begeben, um den Putsch zu verhindern und die „türkische Demokratie" zu verteidigen. Über die Entwicklungen auf der Straße konnten sich die Bürger über die Livestreaming-App Periscope informieren, um sich zu Protesten zu versammeln.

Ab 23:04 Uhr Lokalzeit am Freitag begannen die Internetnutzer in der Türkei von Problemen beim Zugriff auf Facebook, Twitter und Youtube zu berichten. Der Account Turkey Blocks bestätigte den Ausfall aller drei Seiten:

Confirmed: Twitter, Facebook & YouTube blocked in #Turkey at 10:50PM after apparent military uprising in #Turkey pic.twitter.com/J9ER5yOGYP
— Turkey Blocks (@TurkeyBlocks) July 15, 2016

Offenbar wurden die Zugänge zu den sozialen Medien in der Türkei allerdings nur gedrosselt, nicht völlig abgedreht (diese Möglichkeit ist im türkischen Mediengesetz verankert und wurde nach den Angriffen auf den Istanbuler Flughafen vom 2. Juli auch angewandt). Obwohl Facebooks Server zeitweilig nicht erreichbar waren, war die ebenfalls zu Facebook gehörende Messenger-App WhatsApp jedoch über das gesamte Wochenende unvermindert online.

In jedem Falle haben wir es hier mit dem wohl ersten Putschversuch des Livestreaming-Zeitalters zu tun. Wenn das obige Video authentisch ist, dann wurde der versuchte Staatsstreich über eine verschlüsselte Messaging-App (WhatsApp) geplant; maßgeblich vereitelt wurde er durch einen Anruf über eine zweite verschlüsselte Kommunikationsapp (FaceTime), die absurderweise in die Fernsehkameras einer Live-Übertragung gehalten wurde. Die schnelle Mobilisierung der Bürger, die sich der türkische Präsident so sehr gewünscht hatte, wurde über Twitter und Periscope erledigt. „Ich bin jeden Tag etwas mehr gegen das Internet", hatte Erdoğan noch 2014 gesagt und Twitter pauschal zu einer „Bedrohung für die Gesellschaft" erklärt. Ob er das heute noch genauso sieht?

Redaktionelle Mitarbeit: Matern Boeselager, Berivan Killic