Tech

Ist Drogen nehmen durch das Darknet eigentlich sicherer geworden?

Online-Käufer behaupten, im Internet an den besseren Stoff zu kommen und die Drogengewalt zu reduzieren. Aber was sagt eigentlich die Wissenschaft dazu, dass das Darknet eine Lösung im festgefahrenen Krieg gegen die Drogen sein soll?

von Daniel Mützel
17 Juni 2016, 6:00am

Bild: imago

Ein florierender Drogen-Umschlagplatz, voller „abstoßender Drogendealer" und „hochgefährlicher" Krimineller—geht es um den Drogenhandel im Darknet, malt so manche zartbesaitete Journalistenfeder schnell den sprichwörtlichen Teufel an die Wand.

Auch wenn das Gros der Ware noch immer auf der Straße vertickt wird, ist spätestens seit der spektakulären Zerschlagung des Online-Drogenversands Shiny Flakes auch hierzulande den meisten klar, dass sich der Handel mit illegalen Substanzen zunehmend in die anonymisierten Katakomben der Deepweb-Schwarzmärkte verlagert.

Eltern und Ermittler sind alarmiert, denn bis heute ist aus polizeilicher Sicht kaum ein Kraut gegen die verschleierten Kommunikationskanäle des „dunklen Internets" gewachsen. In keinem einzigen dokumentierten Fall konnten deutsche Cyber-Ermittler einem Darknet-Dealer das Handwerk legen, indem sie die Verschlüsselung des Tor-Netzwerks knackten. Bisherige Ermittlungserfolge waren vor allem die Früchte klassischer Polizeiarbeit: abhören, überwachen, beschatten, Verdächtige ausquetschen.

Doctor X ist der zuverlässigste Drogenberater des Darknets

Ein Essay im „Alternativen Drogenbericht 2016" wendet sich nun gegen das gern bemühte Klischee, das Darknet sei ein unheilvoller Tummelplatz für Schwerkriminelle, der Konsum, Beschaffungskriminalität und Folgeschäden in ungeahnte Höhen schraube. Das Gegenteil sei der Fall: Das Darknet mache den Drogenhandel konsumentenfreundlicher, für alle Beteiligten sicherer und hätte auch gesundheitliche Vorteile, argumentiert der Alternative Drogen- und Suchtbericht.

Der Bericht wird seit 2014 von NGOs wie dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und der Deutschen Aids-Hilfe herausgegeben, um eine Diskussion über ein Umdenken in der Drogenpolitik zu entfachen. Es ist zugleich eine Anti-Schrift zum Suchtbericht der Bundesregierung, die unter ihrer amtierenden Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) Substanz-Aufklärung nach wie vor unter der Prämisse „Alkohol gut, Drogen schlecht" betreibt. Statt Strafverfolgung und „nutzlosen Verboten" sollte der Staat auf Prävention, kontrollierte Abgabe und Straffreiheit bei geringen Mengen setzen, so die Macher der Alternativ-Studie: Ein Kurswechsel „könnte Leben retten".

Präventions- und wirksame Behandlungsmethoden kämen viel zu kurz, so der Bericht, da das Gros der staatlichen Mittel in die Polizeiarbeit fließe.

Zentraler Punkt bei der Beurteilung, inwieweit das Darknet Konsumenten helfe, ist der sogenannte „harm reduction"-Ansatz der Drogenarbeit: Demnach sind staatliche Verbote keine wirksamen Konzepte, um die sozialen und gesundheitlichen Schäden von Drogen zu bekämpfen. Im schlimmsten Fall verschärfen sie sich dadurch sogar noch. „Harm reduction" setzt hingegen auf Akzeptanz und Aufklärung, und versucht, mögliche Schäden dadurch zu lindern: etwa durch die Einrichtung sicherer Injektionsräume, Spritzentausch- oder Substitutionsprogramme.

Die zugrundeliegende Idee ist, dass der Irrglaube an eine drogenfreien Gesellschaft nicht nur maximal realitätsfern und wahnsinnig kostspielig ist, sondern auch den Menschen nicht hilft, die das Zeug nehmen. Im Gegenteil: Präventions- und wirksame Behandlungsmethoden kommen viel zu kurz, so der Bericht, da das Gros der staatlichen Mittel in die Polizeiarbeit fließe. Die Folgen dieser Drogenpolitik sind hinlänglich bekannt: mehr Drogentote, sträflich vernachlässigte Aufklärung, ausbleibende Hilfe.

Das Darknet ist nach Ansicht der Wissenschaftler ein geeigneter Ort, den „harm reduction"-Ansatz in der Praxis auszutesten. Denn dort müssen die Substanzen nicht mehr in düsteren Gassen und Parks erzockt werden, womit schon mal das Gesundheitsrisiko Nummer eins gebannt wäre: der direkte Kontakt zum möglicherweise gefährlichen Straßenticker.

In Diskussionsforen haben Konsumenten außerdem die Möglichkeit, sich über die unterschiedlichen Drogenarten und ihrer Wirkungsweisen zu informieren, ohne eine gesellschaftliche Stigmatisierung befürchten zu müssen. Auch könnten sie sich hierarchiefrei mit Gleichgesinnten über ihre Erfahrungen austauschen: Tipps über vertrauenswürdige Händler, Dosierungsanleitungen oder gegenseitige Hilfe bei Abhängigkeit ließen sich bequem und anonym von „Peers" einholen, die damit als „primary harm reduction agents" agieren können.

Auf VICE: Psychonauten probieren Drogen aus, an die sich sonst keiner herantraut

Auch sei die Anonymität des Deepweb ein zentraler Faktor für den selbstbestimmten Umgang mit Drogen, so die beiden Autoren des Darknet-Kapitels, die Wiener Sozialwissenschaftler Meropi Tzanetakie und Roger von Laufenberg: Nicht nur schütze sie vor dem Zugriff der Ermittlungsbehörden, sondern mache eine wirksame Aufklärung über illegalisierte Substanzen überhaupt erst möglich.

Anonyme Feedbacksysteme zur Bewertung der Qualität: Eine erhebliche Verbesserung gegenüber „den Finger mal kurz reinhalten" in der dunklen Gasse.

Durch das „Einbeziehen des Wissens von drogenkonsumierenden Gruppen", etwa in kollektiv online angelegten Drogen-Lexika wie „Erowid" und „the lycaeum", oder durch Psychonauten, können Erfahrungen aus erster Hand gesammelt werden und von der Community ergänzt werden. Dank des anonymen Feedbacksystems können Nutzer die Qualität der Droge bewerten, was das Risiko gestreckten Zeugs weiter minimiert – eine nicht unerhebliche Verbesserung zum Geruchstest oder „den Finger mal kurz reinhalten" in der dunklen Gasse.

Auch wenn die Studie zugleich hervorhebt, dass auch der Drogeneinkauf im Darknet nicht ohne Risiken bleibt, so scheint er aus präventiver Sicht die bessere Alternative zur Straße zu sein: Bessere Aufklärung, höhere Qualität, Austausch unter Gleichgesinnten und nicht zuletzt der Schutz vor Strafverfolgung könnten zu einem vernünftigeren Umgang mit Substanzen führen.

Das bestätigten auch Suchtforscher wie Heino Stöver, die nicht an dem Bericht mitgearbeitet haben: „Wenn es da wirklich sauber, preiswert und transparent zugeht", erklärte er zu Beginn vergangenen Jahres im Spiegel, „dann ist das besser als der Zustand, den wir haben."

Vielleicht kann der Bericht dazu beitragen, nicht nur unsere Sicht auf staatliche Drogenpolitik zu erweitern, sondern auch das Darknet von seinem Stigma als Multiplikator der Kriminalität und des Schreckens zu befreien. Zumindest etwas.

Tagged:
Tech
Motherboard
darknet
Politik
Forschung
ermittlungen
Prävention
Drogenbericht
motherboard show
Eine lanze für das Deepweb