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Fang von „Monsterfisch“ vor Fukushima schürt Angst vor radioaktiver Verseuchung

Der stolze Angler eines ausgewachsenen Bering-Seewolfs ist traurig, dass alle seinen außergewöhnlichen Fang mit der Nuklearkatastrophe in Verbindung bringen.
21.9.15
Hiroshi Hirasaka with the wolffish that he caught off the coast of Hokkaido. Image: Hiroshi Hirasaka

Titelbild: Hiroshi Hirasaka  In der vergangenen Woche hat es eine eigenartig anmutende Kreatur aus japanischen Gewässern zu ansehnlichem Twitter-Ruhm gebracht, nachdem der Angler Hiroshi Hirasaka ein Bilder von ihr hochgeladen hatte. Auf die Retweets folgten jedoch schnell die Hater: Der Fisch könne nur aufgrund der Folgen der Nuklearkatastrophe von Fukushima seine außergewöhnliche Größe erreicht haben, hieß es in mehreren Kommentaren. Die Maße, die den Angler begeisterten, seien nicht auf natürliche Weise zustande gekommen, sondern auf die radioaktive Verseuchung der Gewässer zurückzuführen.

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Tatsächlich handelt es sich bei dem Fisch nicht um einen nuklearen Mutanten, sondern schlicht um ein ausgewachsenes Exemplar des Bering-Seewolfs (Anarhichas orientalis)—eine Spezies, die vor Japans nördlichster Insel Hokkaido lebt. Zu seinem Unglück zeigte sich der Bering-Seewolf auf den Bildern auch mit einem eher unvorteilhaften Gesichtsausdruck, der an eine Mischung aus Monsterbiss und grummeligen Großvater erinnert.

Die Internet-Gerüchte über die vermeintlich radioaktive Vergiftung des Bering-Seewolfs waren für niemanden trauriger als den Japaner, dem der Fisch ins Netz gegangen war. Der Journalist und Forscher Hiroshi Hirasaka, der sein „gesamtes Leben der Jagd nach eigenartigen Kreaturen" widmet, war zunächst voller Stolz über seinen außergewöhnlichen Fang und die Bilder, wie er gegenüber Motherboard erklärte.

Dem Fisch gegenüber ist es unhöflich, ihn als verstrahlt zu bezeichnen. Es ist nicht cool, alles auf das Atomunglück zu schieben.

„Der Seewolf wurde im Netz als 'Monstermutation in Folge der Nuklearkatastrophe' bezeichnet. Tatsächlich lebt er jedoch schon seit langer Zeit in Hokkaido. Es ist dem Fisch gegenüber unhöflich, ihn als verstrahlt zu bezeichnen und es ist nicht cool, einfach alles auf das Atomunglück zu schieben", erklärte Hirasaka weiter. „So wachsen Tiere nur in Science Fiction, aber wir leben nicht in der Welt von Hulk oder Godzilla."

Hirasaka ist studierter Ökologe und Meeresbiologe und begann ursprünglich, als Blogger über obskure und eigenartig anmutende Fische zu schreiben—bis er schließlich sein Hobby zum Beruf machte. Im vergangenen Jahr hat er sogar ein Kochbuch veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie sich ungewöhnliche Kreaturen fangen lassen und welche kulinarischen Köstlichkeiten sich aus ihnen bereiten lassen.

Hirasaka hat für sich allerdings die eiserne Regel aufgestellt, keine gefährdeten oder seltenen Fische zu fangen. Wenn eine solche Spezies doch einmal in seinem Netz landet, lässt er sie sofort wieder frei, erklärt er.

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Bei dem Bering-Seewolf handelt es sich um einen Fisch, der in den Fischgründen von Hokkaido im Überfluß vorhanden ist. Obwohl er geschmacklich dem Kabeljau ähnelt, wird er von den Fischern hier nicht gefangen und verkauft, da die Menschen in der Region geschmacksintensiveren Fisch wie Lachs bevorzugen.

Die obskure Schönheit eines missverstandenen Fisches. Bild: Hiroshi Hirasaki

Hirasaka erklärte mir, dass er im Oktober ein weiteres Buch veröffentlichen möchte und seiner Leidenschaft für eigenartige Meeresbewohner auch in Zukunft frönen wird. Er bietet den Weirdos der Weltmeere gerne eine Plattform und liebt es, Informationen über hässliche und ungewöhnliche Fische zu sammeln, in dem er die Tiere fängt und untersucht.

„Ich finde die beängstigenden und grotesken Fische einfach interessant", erklärte mir Hirasaka abschließend. „Es wird immer Journalisten oder Forscher geben, die sich mit den Schönheiten der Meere beschäftigen, aber ich möchte den Menschen auch den Reiz weniger ansehnlicher Spezies nahebringen."

Hirasaka versuchte zwar, den digitalen Gerüchten um eine Fukushima-Mutation auf Twitter entgegenzutreten—gab jedoch auch zu, dass sein Einsatz hier ziemlich sinnlos sei, da er kaum noch Kontrolle über die Verbreitung der Falschinformationen habe.

„Japaner kennen diesen Fisch aus Aquarien, aber ich schätze mal, dass die Spezies anderen Menschen schlicht unbekannt ist. Ich bin mir bei manchen Kommentatoren nicht sicher, ob sie es ernst meinen, aber ich finde es traurig, dass sie einfach denken, es läge an der radioaktiven Verseuchung. Ich will, dass die Menschen richtig informiert sind."