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Immer mehr ist nicht genug für unseren Wohlstand

Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand hat mir auf der Degrowth-Konferenz erklärt, warum er für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang kämpft.

von Jennifer Stange
10 September 2014, 8:00am

Bild: Bad Man Production / Shuttersock.

Kaum eine wirtschaftspolitische Rede kommt ohne die Forderung nach mehr Wachstum aus. Akkumulation gilt als Allheilmittel. Damit es der Wirtschaft des Landes gut geht, soll alles größer werden—die Einnahmen, die Investitionen, die Produktion. Die Degrowth-Bewegung sieht das anderes. In der vergangenen Woche trafen sich 3000 Anhänger in Leipzig, um andere Maßstäbe und Modelle für gesellschaftlichen Wohlstand zu entwickeln.

Die Idee des Nicht-Wachstums selbst ist nicht neu. Sie stammt aus den Gründerjahren der Umweltbewegung, aus der Zeit, als das Schlagwort der „Grenzen des Wachstums" die Runde machte, die ersten Reformhäuser eröffneten, die Anti-AKW- und die Frauenbewegung das öffentliche Bewusstsein prägten und die Grundideen einer Alternativökonomie diskutiert wurden.

Wirtschaftswachstum wirkt nicht mehr stabilisierend auf die Gesellschaft.

Ich habe mit Professor Ulrich Brand von der Universität Wien, der unter anderem im Institut für Solidarische Moderne (ISM) aktiv ist, in Leipzig darüber gesprochen, wie die Degrowth-Bewegung aus der allgemeinen Sustainability-Stimmung mehr als Schönwetter-Aktionismus machen will. Er selbst hat das Prinzip von Postwachstum bereits auf seinen Lebensstil übertragen: Im Sinne seiner CO2-Bilanz ist er viel mit dem Zug unterwegs—und immer ohne Handy. Das verknappt natürlich die Ressource Zeit, ein Verlust, den er mit schnellem Reden wieder aufzuholen versucht. Ich habe mit dem Experten für internationale Ressourcen- und Umweltpolitik über die Postwachstumsbewegung gesprochen, warum sie nichts mit Weltverbesserung durch Biolebensmittel zu tun hat und warum Degrowth mehr als nur eine illusorische, antikapitalistische Theorie ist.

Motherboard: Was spricht gegen Wachstum?

Ulrich Brand: Degrowth und Postwachstumsdebatten weisen darauf hin, dass Wirtschaftswachstum nicht mehr stabilisierend wirkt. Es gibt derzeit Wirtschaftswachstum, aber es erhöht nicht die soziale Sicherheit, es produziert soziale Verelendung, es gibt sogar Wachstum eben durch soziale Verelendung und die ökologischen Probleme steigen durch Wachstum an. Bei den globalen Finanzmärkten wird das offensichtlich. Sie schaffen eine enorme Instabilität.

Trotzdem bleibt Wachstum eine Hauptforderung in der Wirtschaftspolitik. Dabei ist selbst in Teilen des Establishments die Einsicht angekommen, dass es so eigentlich nicht mehr weiter gehen kann. Wir reden hier also einerseits über die gesamte ökonomische Konstellation und andererseits über die Erfahrung der Menschen.

Parkplatz voller Neuwagen. Bild: Laitr KeiowsWikimedia; Lizenz: CC BY 3.0

Wie sollte eine Kritik am Wachstum, die nicht zu kurz greift, ihrer Meinung denn aussehen?

Ich denke, es ist wichtig die Wachstumskritik in eine Diskussion um Wohlstand zu überführen. Wie schaffen wir Wohlstand für alle? Wir brauchen eine Diskussion um Arbeit, Bedürnfnisbefriedigung, Mobilität, Wohnen, Ernährung, die nicht permanent an kapitalistischen Märkten, an Akkumulationsimperativen ausgerichtet ist.

Und was könnten die Lösungen sein?

Zentral ist aus der kapitalistischen Wachstumslogik auszusteigen. Weg vom Profit um des Profits willen. Soweit der Konsens. Aber Degrowth ist keine Bewegung die sagt, wir stehen ökologisch mit dem Rücken zur Wand und müssen ganz schnell handeln, egal wie—und hier ist der Masterplan. Dann landet man nämlich ganz schnell bei autoritären Lösungen.

Es wird versucht anders zu denken, es wird versucht die vielen Alternativen, die es jetzt schon gibt, sichtbar zu machen, neue Experimente in der Praxis zu schaffen. Das reicht von Gemeinschaftsgärten und Genossenschaftsprojekten zur solidarischen Landwirtschaft, sozial und nicht profitorientierten Unternehmen und Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung bis hin zu Protesten. Die Recht-auf-Stadt-Bewegung ist auch ein gutes Beispiel.

Apropos Vielfalt. Ich finde, dass das Konferenzpublikum schon sehr akademisch und durch alternative Unternehmen und Studenten geprägt ist. Stimmt es, dass sich hier nur ein bestimmter Teil unserer Gesellschaft trifft?

Ja, die Degrowth-Konferenzen, das ist ja die vierte, die sind als akademisches Projekt gestartet. Aber die Vorbereitungsgruppe für diese vierte Konferenz versucht das schon zu öffnen. Sonst waren es zwischen 150 und 800 Leute jetzt sind es 3000, weil sich hier eben nicht nur „acitivist-led scholars" treffen, sondern wirklich zahlreiche Aktivisten. Es sind durchaus einige alternative Unternehmen da; aber ich habe den Eindruck, dass die politischen Akteure aus dem Umwelt-, Entwicklungs- und Kirchenspektrum deutlich überwiegen.

Natürlich gibt es auch Waldschrate, die denken, wir verändern die Welt schon, in dem wir anders denken.

Allgemein hast du Recht. Hier trifft sich vor allem ein relativ breites linkes und liberales bürgerliches Spektrum. Es fehlt eine radikale Linke. Aber wenn wir über Wohlstand, Fragen der Gerechtigkeit und Demokratie sprechen, dann kommen wir zur Zeit gar nicht um eine andere Migrationspolitik herum. Dieses Spektrum fehlt auch. Blockupy ist nicht da, also die, die sagen, dass die europäische Krisenpolitik so nicht funktioniert und dagegen soziale Mobilisierungen organisiert werden müssen.

Mir scheint trotz des breiten linken Konsens, dass es vor allem ein eher umideologisches Publikum ist. Es dominiert ein linker Pragmatismus, den ich interessant finde: Angesichts der starken Frustration, dass in der Krise kaum linke Positionen Gehör finden, scheint es vielen sinnvoll, eher kleine Projekte zu machen. Allerdings: Wir brauchen einen Horizont und den bietet der Degrowth-Begriff. Ich würde auch nicht von einer Bewegung im klassischen Sinne sondern eher von einer Plattform sprechen. Unter dem Begriff Degrowth sammeln sich aktuell ganz verschiedene Bewegungen, die nach gemeinsamen Begriffen und Zielen suchen.

Treffen sich hier nicht einfach nur die Leute, die ihren Einkaufswagen demonstrativ in die Bio-Abteilung schieben? Diejenigen die glauben, mit der nächsten Kaufentscheidung für Grünes und Bio die Welt ein Stück besser zu machen?

Das wäre zu eng, hier wird nicht bloß der kritische Konsum abgefeiert. Die Diskussionen, die ich mitbekomme, sind alle auf Strukturwandel ausgerichtet. Die Leute wollen grundlegend was verändern. Natürlich es geht hier auch ganz viel um Selbstverhältnis, individuelles Handeln, aber nicht darum, wie ich über den Biosupermarkt die Welt verändere. Viele Probleme, wie die Energieversorgung beispielsweise, sind gar nicht für den Einzelnen lösbar.

Ulrich Brand. Mit freundlicher Genehmigung.

Wie passen da Workshops rein, die den Teilnehmern beibringen wollen tiefenökologisch—was auch immer das sein soll—zu fühlen?

Natürlich gibt es so etwas. Die Waldschrate oder Esoteriker die meinen, wir verändern die Welt, wenn wir bloß alle anders denken. Ein anderes Beispiel: Ich war bei einer vollkommen schrecklichen Veranstaltung, wo zwei ältere Herren ihr Weltbild erklärt haben. Aber das ist völlig marginalisiert, das ist nicht mal Gegenstand von Auseinandersetzung. Spannend finde ich, dass es bei solch einem Kongress auch darum geht, respektvoll und solidarisch miteinander umzugehen. Die Gefahr liegt eher darin, dass die unterschiedlichen Ansätze nebeneinander stehen bleiben und es keine „großen" Debatten um Zeitdiagnosen und Strategien gibt.

Bei der Konferenz wurden auch Projekte vorgestellt, die versuchen, die Natur einzupreisen. Die sagen, der Kapitalismus ist zerstörerisch, weil die ökologischen Folgen derzeit nicht angemessen berücksichtigt werden. Wenn beispielsweise durch den Abbau von Kohle ganze Landschaften zerstört werden, wird derzeit nur der Preis für das Land mit dem Geld das die Kohle bringt und nicht der Wert der Fläche als Lebensraum für Flora Fauna und Mensch verrechnet. Das sei ein rechnerisches Problem und das wollen diese Projekte ändern.

Die Vertreter dieser Ansätze wurden ganz bewusst eingeladen, um die Unterschiede, die Kontroverse zwischen den verschiedenen Ansätzen auszuarbeiten. Es gibt hier keine relevante Position pro Einpreisung der Natur. Aber es gibt ein Ökologisierungspotential des Kapitalismus, über das man reden muss. Eine Strategie, bei der es einfach nur darum geht den Kapitalismus gangbar zu halten—Green Economy, Green Jobs, Green Investment—das wird scheitern.

Grüner Kapitalismus funktioniert nicht?

Doch das geht, aber es ist ein Desaster. Der Kapitalismus lässt sich ökologisieren, aber das ist genauso tödlich für viele Menschen wie heute. Weil weiterhin Menschen verrecken, weil sie absaufen im Hochwasser, weil sie ausgebeutet werden, damit wir ökologischere Handys bauen können. Der grüne Kapitalismus wird auch die ökologischen Problem nicht in den Griff bekommen, er wird scheitern, die Ungleichheit in den Griff zu kriegen. Der grüne Kapitalismus wird weiter die imperiale Exklusionslogik beibehalten, das Gefälle zwischen Nord und Süd wird bleiben. Die einen Länder werden schneller grün, die anderen werden wieder abgehängt. Es gibt immer wieder eine Modernisierung des Kapitalismus, diesmal wäre sie halt grün. Ich hoffe, dass die Strategie des Naturkapitals bekämpft wird.

Wir müssen auch die Finanzmärkte regulieren. Das werden harte politische Kämpfe.

Wenn es heißt, der Kapitalismus soll überwunden werden, dann ist man normalerweise ganz schnell bei der Forderung nach Revolution. Hier wird dieser Begriff bewusst vermieden und man redet lieber von Transformation, warum?

Ich wurde neulich dafür kritisiert den Begriff Revolution einfach durch Transformation ersetzt zu haben. Das sind politische Semantiken. Der Revolutionsbegriff ist immer noch verbraucht. Die Deutsche Bank redet über Revolution wenn sie Land-Grabbing betreibt. Ich halte den Begriff Transformation derzeit für radikaler.

Wie soll denn diese Transformation stattfinden? Sie waren auch in der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Bundestags. Die Konferenz ist durch Universitäten, Stiftungen usw. stark institutionell geprägt. Wie soll denn ein Staat wie Deutschland, der per Gesetz und Aktionen wie Bankenrettung den Status Quo immer wieder aufrecht erhalten will, einen grundsätzlichen Wandel, die Abkehr vom Wirtschaftswachstum, durchsetzen?

Das ist hier keine etatistische Veranstaltung, die glaubt der Staat muss oder kann das soziale und wirtschaftliche Leben regeln, wie man das gerne möchte. Die Stärke ist die Vielfalt. Klar, es gibt hier viele, die setzen auf Nischen, auf alternative Vorbilder. Doch es gibt auch wichtige Innovationen, die aus den vielen kleinen Ansätzen kommen. 

Aber es braucht mehr: Wir müssen auch die Finanzmärkte regulieren. Das werden harte politische Kämpfe. Hier liegt meiner Meinung nach die größte Schwachstelle der Degrowth-Bewegung, die könnte durchaus emanzipativer sein, vor allem auf der Makroebene. Aber mein Ansatzpunkt ist immer, die existierenden Akteure, beispielsweise in Parteien und Gewerkschaften, die uns hier zuhören, die nicht nur auf den Staat gucken, in ihren Argumentationen zu stärken.

Elektronikschrott. Bild:  Wikimedia | Lizenz: CC BY 2.0

Degrowth könnte emanzipatorischer sein, was heißt das?

Die Degrowth-Debatte unterschätzt meiner Meinung nach, dass Kapitalismus ein soziales Verhältnis ist. Wenn man nicht die Herrschaftsfrage stellt, könnte man glauben es gehe nur um technische Probleme. Das Problem unserer Gesellschaft ist aber die Herrschaft von Unternehmen, von Medien, vom Staat. Herrschaft bis in unsere Bedürfnisse hinein, die sie produziert und damit wiederum Abhängigkeiten. Der Zwang zur Lohnarbeit ist Herrschaft. Würde man den hinterfragen, würden Gewerkschaften nicht immer nur Arbeit, mehr Lohn und zwangsläufig mehr Wachstum fordern, sondern beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen als Teil eines guten Lebens für alle. Das würde die Gesellschaft grundlegend verändern, sie müsste anders organisiert werden.

Slavoj Zizek sagt sinngemäß, wir könnten uns viel eher eine Welt vorstellen die untergeht als eine Welt, die sich grundlegend positiv verändert.

Degrowth ist anders und das ist das Beste. Es geht nicht um den Masterplan, sondern um konkrete Alternativen. Experimente zur Gemeinwohlökonomie, Wirtschaftsformen jenseits des Profits, die Verbreitung von lizenzfreiem und dadurch kostenlosem Saatgut. Das sind alles Ansätze, die aus konkreten Kämpfen hervorgehen. Das würde ich eben nicht missverstehen als korrektes Konsumieren. Das sind Erfahrungen, die wir diskutieren müssen, und auf die wir in der Zukunft bauen werden.