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Wie ein 20-jähriger Niederländer die Ozeane vom Plastikmüll befreien will

In der ersten Folge unserer neuen Videoserie Upgrade haben wir Boyan Slat getroffen, der mit seinem Ocean Cleanup Project unsere Weltmeere von den Konsequenzen unserer Wegwerfgesellschaft säubern will.

von Max Hoppenstedt und Christine Kewitz
09 September 2014, 10:00am

„Mit zwei Millionen können wir die Theorie Wirklichkeit werden lassen." Mit dieser Ansage hat Boyan Slat vor drei Monaten die Crowdfunding-Kampagne für sein Ocean Cleanup Project gestartet. Zwei Tage vor dem Ende hat Boyan die Finanzierung erfolgreich abgeschlossen, die ihm seiner Vision von Weltmeeren ohne Plastikmüll einen entscheidenden Schritt näher bringen soll.

Plastik ist der nahezu ewige Werkstoff unserer Konsumgesellschaft—billig und universal einsetzbar. Jährlich werden 225 Millionen Tonnen davon produziert. Hergestellt aus der nicht mehr ganz so ewigen Ressource Öl. Leider hat sich das Plastik jedoch auch als Abfall längst global in unseren Ozeanen verteilt.

Eine Plastiktüte benötigt etwa 20 Jahre und eine Flasche ganze 450 Jahre für ihre Zersetzung. Schätzungen gehen davon aus, dass in den Weltmeeren bereits insgesamt rund 150 Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen, über 100.000 Tonnen allein im Nordpazifik. Laut dem Umweltbundesamt macht das Plastik 70 Prozent des gesamten Müllproblems in unseren Weltmeeren aus.

OHNE DAS INTERNET GÄBE ES DIESES PROJEKT NICHT.

Schon mit 17 Jahren hat Boyan Slat, der kürzlich seinen 20. Geburtstag feierte, begonnen ein Verfahren zur Reinigung der Plastikmeere zu entwickeln. Inzwischen leitet er ein Team von mehr als 100 Wissenschaftlern, Studenten und freiwilligen Unterstützern. Sollte die aktuelle Crowdfunding-Kampagne erfolgreich zu Ende gehen, dürfte der Arbeitsaufwand für ihn in den nächsten Jahren nicht weniger werden. Sein ambitioniert Plan ist es, zunächst große Prototypen seines Barrieresystems zu bauen und in drei bis fünf Jahren ein 100 Kilometer langes schwimmendes Auffangsystem im Ozean zu verankern.

Boyans Vision bedeutet für ihn persönlich aber auch, dass er selbst seit Jahren das Leben eines Workaholic führt: „Wir haben eigentlich keine freien Tage. Das ist Teil des Ocean Cleanup Projects." Auch während wir Boyan für zwei Tage in Delft besuchten, zückte er immer wieder sein Smartphone, erledigte Telefonate und schrieb E-Mails. Selbstverständlich hatte er auch die App zur Echtzeit-Überprüfung des aktuellen Crowdfunding-Stands im Blick.

Wie er uns erzählte spielt Deutschland bei der Förderung eine große Rolle und steht an zweiter Stelle eingesammelte Crowdfunding Euros. Als Boyan über die große und breite Unterstützung sprach, war es tatsächlich eines der wenigen Male als er während unseres Besuchs ein erschöpftes Lächeln im Gesicht hatte. Boyan selbst scheint eindeutig eine Spitzenposition in Sachen persönlichem Arbeitspensum und Alltagsstress in seiner Altersklasse einzunehmen.

Boyan und der Plastikmüll. Bild: Manuel Freudt / VICE Media

Schätzungen über die Menge und das Ausmaß der Plastikverschmutzung sind naturgemäß schwierig. Manche Studien rechnen, dass sich alleine die großen ozeanischen Müllwirbel zusammen auf 15.915.933 Quadratkilometer erstrecken und 36.939 Tonnen fassen. Eine PNAS Studie geht davon aus, dass sich alleine auf der Meeresoberfläche 35.000 Tonnen Plastikabfall befinden. Gleichzeitig wurde kürzlich bekannt, dass das Plastik längst auch die Tiefsee bedroht.

Fest steht, dass ein Großteil des Mülls vom Land kommt; laut der UNEP-Studie sind es 80 Prozent des Plastiks in unseren Weltmeeren. Die Müllwirbel in den Ozeanen haben sich in jedem Falle längst zu einem der stärksten Symbole unserer Wegwerfgesellschaft entwickelt.

Schon heute besteht jedes zehnte Sandkorn aus Kunststoff. Gleichzeitig haben Untersuchungen ergeben, dass in den Meeren wenig Abfall anzutreffen ist, als dort eigentlich sein müsste: hunderte Tonnen Plastikmüll sind irgendwo in den Weltmeeren verschwunden. Die möglichen Gründe sind nicht gerade beruhigend: Entweder sind sie zu klein, um sie zu messen, oder sie sind auf anderem Wege, wieder aus den Ozeanen herausgelangt: In ihrer mikroskopisch kleinen Form wird der Plastikabfall unter anderem auch von Fischen aufgenommen und landet so schließlich wieder in der Nahrungskette des Menschen.

Natürlich ist Boyan nicht alleine mit der Entwicklung von Lösungen. Längst gibt es auch andere Projekte, die sich an der Säuberung der Weltmeere versuchen:

  • One Earth—One Ocean ist ein Projekt aus Garching bei München. Mit dem extra für die Methode angefertigten Boot „Seekuh" soll der Müll eingesammelt und gleichzeitig das Wasser analysiert werden
  • Healthy Seas will Müll aus Fischernetzen in Kleidung verwandeln
  • The Clean Oceans Project will Menschen weltweit vernetzen und bilden, um die Verschmutzung global anzugehen
  • Und natürlich Mr. Trash Wheel: das sympathische Müll sammelnde Mühlrad im Hafen von Baltimore

Die Besonderheit an Boyans Verfahren ist, das es passiv ist. Es nutzt die Ozeanströmungen, welche den auf der Wasseroberfläche treibenden Plastikmüll, in eine 100 Kilometer lange, trichterförmig angeordnete Sammelbarrieren spült. Es wäre das größte Bauwerk, das jemals im offenen Meer installiert wurde und eine effektive Lösung, die im Gegensatz zu anderen Konzepten (wie zum Beispiel Sammelschiffen) innerhalb von zehn Jahren den Müll aus den Meeren sammeln soll. Wie Boyan uns vorrechnete sind die geringeren Betriebskosten seines Systems außerdem einer der Hauptgründe, die sein Verfahren tatsächlich zu einer umsetzbaren Option machen sollen.

Boyan beim Test mit einem älteren Prototypen seiner Sammlungsnetze. Bild: The Ocean Cleanup Project.

So einfach und logisch Boyans Idee auch klingen mag, natürlich sind seine Pläne nicht gefeit vor Kritikern. Stiv Wilson, Leiter von 5Gyres, ebenfalls einer Organisation gegen den Plastikmüll in den Ozeanen, erörterte in einem ausführlichen Artikel die Gefahren und den illusorischen Charakter von The Ocean Cleanup.

Ich freue mich über die Kritik. So kann ich unser Verfahren weiterentwickeln.

In der Süddeutschen Zeitung wurden erst kürzlich Wissenschaftler, wie auch Stiv Wilson, zitiert, die befürchten, das Projekt könne mehr Schaden als Nutzen anrichten. Die Kritiker merkten an, dass Boyan die Strömungsverhältnisse bei seiner Studie nicht realistisch bemessen hätte. Außerdem habe er den Beifang aus Pflanzen und Tieren, die ihr Leben an der Oberfläche führen, nicht ausreichend geprüft und bedacht. Auch die Stabilität der Anlage wird bemängelt und die Tatsache, dass sie durch Bewuchs von Meeresorganismen starke Beschädigungen erleiden könnte.

Boyan dankte den Wissenschaftlern für ihre umfassende Kritik, die er in eine neue Machbarkeitsstudie mit aufnehmen möchte. Und er erzählte uns, dass er sich tatsächlich über jede Kritik freue. Nur so könne er sein Verfahren weiter verbessern. Auch gegenüber der SZ sagte er zu der Kritik an seinem Verfahren:

„Da wir etwas vorhaben, das nie zuvor unternommen wurde, ist es wahrscheinlich, dass wir auf viele unerwartete Dinge stoßen."

Boyan ficht es gar nicht an, dass auch er nicht die perfekte Lösung hat. Wie soll es auch ein 20-Jähriger schaffen ein Problem vollständig in den Griff zu bekommen, was Wissenschaftlern seit mehreren Jahrzehnten nicht gelungen ist. Hoffen wir, dass es Boyan und all den anderen Initiativen zur Reinigung der Weltmeere gelingt, die Plastikverschmutzung zu beseitigen, bevor wir an den Folgen unserer Wegwerfgesellschaft erstickt sind.

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