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Automatisierte Alkoholiker

Auf der Roboexotica werden die Potentiale von Robotern für die Cocktail-Bar erforscht. Wir haben uns die Zukunft des Maschinenrausch näher angeschaut.
10.12.13

Die Duellanten stehen sich gegenüber, starren sich an, ihre Laserpistolen fest umklammert, den Roboter am Rücken. Aus ihren Mündern führt ein Schlauch in den Rucksack mit zwei Flaschen: wer trifft, wird mit Wodka belohnt, wer verliert kriegt stattdessen Zitronensaft.

„Shoot’n’Shot“ geht als einer der Gewinner aus der diesjährigen Roboexotica heraus. Zum fünfzehnten Mal zeigte das Festival, wie eng Exzess und Robotik beieinander liegen. Cocktail-Roboter, wie sie im Wiener Ragnarhof zu sehen waren, illustrieren die wahre Schönheit des Technikhedonismus: die pure Lust Maschinen zu entwickeln, ohne dass es sie eigentlich braucht, oder ohne auch nur zu wissen, wohin es einen führen könnte.

„Oft kann man nicht sagen, wer gewonnen und verloren hat, weil die Reaktionen auf Zitronensaft und Wodka-Shots sehr ähnlich sind“, sagt Max Schmid von Shoot’n’Shot. Das Robotik-Projekt wurde von einem Studierenden-Team der Fachhochschule Joanneum in Graz entwickelt.

Die Geschichte der Cocktail-Roboter lässt sich bis in die 1960er Jahre zurück verfolgen. 1968 präsentierte der Ingenieur Stephen R. Krause seine Comp-U-Bar 801 mit einem Gedächtnis von 1000 Rezepten und ließ sie kurzerhand patentieren. In den 1980er Jahren wurde ein weiterer metallischer Ersatz für den Barkeeper entwickelt. Der Roboter Ernie pflegte mindestens einen kleineren Bar-Smalltalk. All diese Ideen waren eng geknüpft an das Versprechen, dass sich unsere automatisierende Welt, vielleicht auch in eine bessere entwickeln würde.

Diese Roboterinvasion, die uns seit den 1950er Jahren versprochen wurde, hat seitdem längst stattgefunden. Die Maschinen haben alle Bereiche unserer Alltagswelt bereits infiltriert; nur, dass wir sie kaum bemerken. „Alles um uns sind Computer, sie haben Räder, sie haben Flügel“, sagt Johannes Grenzfurthner von monochrom. Seit 1999 organisiert er mit Magnus Wurzer von shifz die Roboexotica.

Johannes beobachtete über die Jahre die Invasion der Do-It-Yourself Community in die Robotik-Szene und erhofft sich auf diesem Wege die nächste technologische Revolution; „Die Sachen wurden unglaublich billig“, sagt mir Johannes. Entsprechend haben sich auch die Teilnehmer verändert. Unter die Künstler und Technologen mischen sich immer mehr Autodidakten. Mit den DIY-Bastlern bekommt Robotik auch einen Punk-Ethos.

Johannes Grenzfurthner und Shoot’n’Shot.

Am vergangenen Wochenende standen nun all diese Humanoiden neben ihren Maschinen, die in WG-Küchen und Garagen gebastelt worden waren. Dazwischen die drängenden Massen von all jenen, die gekommen waren um zu feiern und zu trinken und dafür in Zeitmaschinen, Schießduellen und schrillen Pfeiforchestern landeten. Einige der liebevollen, ironischen und verträumten Konstruktionen habe ich mir genauer angesehen.

Melmacc

Unter den Cocktail-Robotern ist die mysteriöse „Melmacc“ eine der schnellsten. Mit dem Smartphone kann sie gesteuert werden und schafft an einem Abend bis zu 550 Cocktails. Ein Cocktail in der Minute läuft über das Fließband dieses Roboters, der vor etlichen Jahren in einer Garage entstand. Seitdem arbeitet das Team an der Vollautomatisierung.

Mojito am Fließband

Mojito nach Mojito machen, soll Robomoji. Er ist ein Klassiker der Roboexotica, der seit 2002 Jahr für Jahr ausgebaut und verbessert wurde.

„Ich mag es kompliziert und Mojito ist der beste, aber auch der komplizierteste Cocktail“, sagt Robert Martin. In seiner Garage werkelt Martin, der beruflich Elektriker ist deshalb seit elf Jahren an seiner Maschine Robomoji. Er versteht seinen Roboter als ironisches Symbol der Rationalisierung durch Technik. Privat, nützt er den Roboter allerdings kaum, erklärt er zu meiner Überraschung, „vielleicht ein-, zweimal im Jahr“.

Zurück in die Zukunft mit Gin Tonics

Ein Team von Studierenden versteht Cocktail-Robotik als performative Arbeit. Ich habe mich zunächst gerne in die Zuschauerrolle begeben.

Alles wirkt fast wie die fantastische Kulisse eines Michel Gondry Films: „The Time Machine“ ist ein schwarzes Zelt, in das man sich setzt, blinkende Lichter überall, ein Hebel, ein alter Gurt und schon geht es zurück in die Vergangenheit.

Bei der Reise gibt es einen Crash und so landet man im Mittelalter, den 1920er oder 80er Jahren, bei den Cowboys oder unter den Dinosauriern. Von da an heißt es so schnell es geht zurück zu radeln. Der Gin Tonic, der dabei Stück für Stück in ein Glas gepumpt wird, fällt je nachdem wie gut du in die Pedale trittst mehr oder weniger alkoholisch aus.

Twitter-Shitter

„@twitt-shitter“ von Christian Mairinger und Stefan Braunstein spuckt einen alkoholischen Shot für jede Erwähnung auf Twitter aus. Wenn es das nur für jeden Tweet gäbe, würden wir berauscht in unserer sozialen Online-Kommunikation untergehen.

Im vergangenen Jahr hatte das Team um Christian Mairinger und Stefan Braunstein ihren Love-Bot vorgestellt, der entsprechend honorierte, wenn sich zwei küssten. Dieses Jahr wurde die Anbindung ans Internet getestet.

Der „@twitt_shitter“-Roboter ist ein auf einem Ast sitzender Twittervogel, der, wenn er in einem Tweet erwähnt wird, eine zähe, blaue, alkoholische Flüssigkeit ausscheidet. Maximal dreißig Sekunden bleiben zwischen Tweet und Ausscheidung.

„Richtig ist es eigentlich das mit der Hand oder dem Mund aufzufangen“, sagt Stefan Braunstein, der während er mit mir redete mehrmals aufspringt um den ein oder anderen Festivalbesucher zu warnen, das er in wenigen Sekunden von einem Vogel angeschissen wird.

Der WG Roboter

Alles begann als Projekt einer Wohngemeinschaft, die gerne Cocktails trinkt, aber keinen Bock mehr hatte dafür aufzustehen. Der „Cock-Bot“ Roboter von Johannes Eder, Oliver Huber, Norbert Leder und Harald Moser.

„Es war ein WG Projekt. Wir haben gerne Cocktails, aber keiner will sie mischen“, beschreibt Norbert Leder die Motivation für „Cock's Bar“. Praktisch sollte es sein: etwas, das man nicht viel putzen muss und das nicht zu laut ist. Klar war deshalb, dass der Roboter ohne Pumpen auskommen sollte. Die Studenten bringen deshalb Luft in die Flaschen hinein, die die Flüssigkeit herausdrückt. Die Kunst dabei ist, dass je nachdem welcher und wie viel Alkohol drinnen ist, entsprechend Flüssigkeit herauskommt. „Deshalb haben wir an entsprechenden Algorithmen gearbeitet, die die Öffnungszeit des Ventils optimieren.“

Betet ihn an, den Ikea Gott

“Kåttolik, the Guardian of the Old Ikea Ones” funktioniert als soziales Experiment. Ryan Finnigan, Franz Ablinger, Johannes Grenzfurthner und Aaron Beck haben entschieden, das die Qualität je nach Vehemenz der Huldigung des Gottes auf seinem Altar zunimmt.

Nur in der Gruppe kann Kåttolik, der Ikea Gott gehuldigt werden. „Praise him and touch yourself! His children are hungry for Swedish meatballs, and he provides the drink to swallow them!”, verheißt die Maschine düsteres. Das Experiment, an dem ich dann teilhabe ist wirklich prickelnd. Freiwillige werden gesucht, sie sollen sich an den Händen halten, außer zwei, die den Kreis der Berührung mit einem Kuss schließen sollen. Falls sie wollen, heißt es noch, eine Berührung würde auch genügen.

Daraufhin lachen sich die zwei an, setzen doch lieber zur Ohrfeige als zur Zärtlichkeit an. In dem Moment wird der Baum, an dessen Spitze der Gott gepfählt ist, erleuchtet und es fließt das Getränk. Allerdings, der mit Abstand grauenhafteste des Abends: denn, nur wer beständig und lange dem Gott folgt, wird mit guten Cocktails belohnt.

White Russian Pfeiforchester

„Ich habe keine Nachbarn“, erklärt der US-Amerikaner Richard Gibson als er seinen „PistonBot“ anwirft. Der Roboter mixt in Spritzen die Cocktail-Dosierung und gibt einen schrillen Pfeifton zur musikalische Untermalung ab.

„Ich spiele gern mit Dingen. Dass dabei ein Cocktail Roboter entsteht, damit habe ich nicht gerechnet.”  Richard Gibson hat für das von der NASA finanzierte Gigapan Projekt gearbeitet, aber seine jetztige Arbeit macht ihm mehr Spaß. „Es ist nicht lebendig, aber es fühlt ein wenig so an als ob“, sagt er mit Blick auf seinen Roboter. Dabei stand für ihn im Vordergrund einen Roboter mit Spritzen zu basteln und einen, der nicht den Menschen ersetzt, sondern die Menschen verbindet. „Das ist meine Hoffnung: dass Roboter uns mehr Zeit geben. Aber meine Angst ist, dass sie einfach reichen Menschen mehr Geld geben und auf den Rest von uns scheißen werden.”

Das wirklich Schöne an der Roboexotica, ist zu sehen, wie neben zu mietenden Cocktail Robotern, Performances und Installationen stehen und mittendrin ganz einfach gefeiert wird.

Während der avantgardistische Wunsch „Kunst in die Alltagswelt hinauszutragen, grandios gescheitert ist“, wie Johannes Grenzfurthner sagt, schafft es das Festival, dass alle möglichen Gäste hineinstolpern, ohne zu wissen, wohin sie eigentlich ihren Fuß gesetzt haben. Und so landen sie dann wie ich auch einmal im Mittelalter und radeln für ihr Gin Tonic zurück in die Zukunft.